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Alles nur ein Traum

Hologramm77

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Der Morgen beginnt mit schweigender Stimme. Die Sonne weckt den Eindruck von einem schönen Tag. Auf den Seitenstraßen steht alles Still, auch auf der Hauptstraße und dem Busparkplatz vor der Kirche passiert nix. Ich stehe auf, schlurfe in die Küche und mache mir nen Toast mit südafrikanischer Erdbeermarmelade und nen Earl Grey mit Milch. Rüber ins Fernsehzimmer schalte ich den Musiksender ein. Da laufen eher ältere Videos. Bei einem Song mit Klavieruntermalung sehe ich starr zu, innerlich spricht er mich jedoch an und lässt mich mitgehen. Es ist einer der Momente, wo meine innere Gefühlslage nach außen nicht zu sehen ist. Und ich denke zurück, mit stillen Schmerzen.
Ob sie noch an mich denkt? Hat sie mich so schnell und abrupt aus dem Gedächnis gestrichen, wie wir auseinandergegangen sind? Was sie wohl gerade macht? Warum konnte es nicht mal glücklich für mich laufen? Wie bitter ist diese Pille: Sympathisches Kennenlernen, ein Lächeln das durch die Menge und durch mich ging, überwältigende Gefühle, Nervosität, kein Stift, kein Telefonnummerntausch und das Handy in meiner Jacke vergessen, vielschichtige Suchaktion, großer Kraftaufwand - war es wert, ein ordentliches Date verpatzt und sofortiger Abbruch des Kontakts durch sie. Ein tiefer Stich - Trauer und große Verunsicherung blieben bei mir.
Und sie bleibt in meinen Gedanken - bis weit in den Südosten oder Südwesten Europas. Nicht mal in anderen Lebenswelten kann ich von ihr abschalten. Sie kann ich nicht abschalten wie den Fernseher.
Was sollte dieses Gesabbel, dass das noch nie jemand für dich getan hat; von der großen Entäuschung und zwei Freunden parallel? Wie konnte ich mich von ihrer Schönheit nur so blenden lassen, dass ich sie nicht mehr aus der Birne bekomme? Aber besser so eine Geschichte als gar keine?

28.07.2016 07:46 • x 6 #1


Engelskind

Lieber @Hologramm77
Klingt traurig, deine Geschichte. :knuddeln:
Lass dich trösten.

28.07.2016 12:38 • x 1 #2


Hologramm77


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C'est la vie.

28.07.2016 13:37 • #3


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Wieviel Wärme ein Heizlüfter doch spenden kann! Ich hatte ihn neben mir aufs Bett gestellt und er lief die ganze Nacht hindurch. In meinem Zimmer stand die Kälte. Eine Heizung gab es nicht und die Fenster waren geradezu lächerlich dünn. Immer Sommer dachte ich noch, dass die so dünn waren, weil es wohl in Südeuropa im Winter nicht so kalt würde. Falsch gedacht, und wie! Nun verstand ich auch, warum mir mein Mitbewohner den Lüfter gegeben hatte.
Seine rote Lampe brannte auch die ganze Nacht. Ein Licht in der Dunkelheit und der Kälte. So richtig schlafen konnte ich aber nicht wegen der Kälte. Die warme Luft und das Licht des Lüfters spendeten so etwas wie Wärme und Trost gegen die Bitterkeit und Trauer in meinem Herzen. Ich kauerte mich so richtig vor dem Lüfter zusammen. Es gab ja niemanden, der mich wärmte; keine, die mich umarmte, küsste oder mit mir schlief. Und dann dachte ich noch an diese unglückliche Geschichte mit der schönen, jungen Frau. Manchmal kamen sogar die Tränen. Viele Male dachte ich daran "warum musste mir das passieren? Warum kann ich nicht einmal Glück haben? Warum werden die kleinen schönen Momente gefolgt von einem kurzen, heftigen, bitteren Ende?"
Der Heizlüfter spendete also nicht nur Wärme gegen die Winterkälte, sondern ersetzte auch ein bisschen die fehlende, zwischenmenschliche Wärme und übertünchte etwas die Bitterkeit. Aber kaum war er aus, kaum war die Nacht zuende drängte sich die Frau wieder in meine Gedanken. Sie verdrängte ich mich Frühstück, Fernsehen und Konzentration auf den Arbeitstag. Doch sobald der endete, kam sie wieder zurück....

28.07.2016 14:06 • x 3 #4


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Wenn die Dämmerung hereinbricht, machte ich gern einen Spaziergang: Die steile Auffahrt hinab und über das ebene Buskarree. Immer blickte ich kurz in die Süßwarenbäckerei, nach den wunderbaren Kuchen- und Törtchenkreationen. Fräulen Roula hatte zudem immer ein Lächeln für mich übrig, wenn gerade kein Kunde im Laden war. Und ich nickte freundlich zurück. Doch mein Weg führte weiter, den Feierabendweg hinab. Die Autos standen still vor den Doppelstöckigen Einfamilienhäusern, mache mit quadratischen Schiefersteinsäulen und Terrazzo-Böden am Eingang. Hier lief ein Fernseher, dort hört das klirren von Besteck auf Tellern. Sie Leute waren gerade beim Abendessen. Manchmal drang eine leise Unterhaltung auf die Straße zu mir. Und ich ging weiter bis zu diesem großen Friedhof mit zahlreichen Marmorgrabmalen. Bis heute weiß ich nicht, ob ich die katholisch-orthodoxe Frömmigkeit und Gläubigkeit der Leute bewundern oder nur den Kopf schütteln sollte. Den Gedanken schob ich beiseite und konzentrierte mich lieber auf die Kreuzung. Die fahren da ja alle wie die Irren.

Wo wollte ich eigentlich hin? In der Uni ist keiner mehr. Ne Nummer hatte ich auch nicht. Also kaufte ich mir erstmal nen kleinen Kaffee und lief mit dem weiter. Überall begleiteten mich Reste römischer Mauern. Dahinter standen die ollen vierstöckigen Häuser aus den 60er Jahren aneinandergeklatscht. Baufällig wirkten sie auch. Da waren die römischen Mauern in einem besseren Zustand. Auf der belebten Flaniermeile zum Hafen herrschte das übliche Treiben. Die kleinen Läden hatten regen, aber wie üblich nicht zu großen Zulauf. Ich dachte daran, mir vielleicht ne neue Musik-CD zu holen. Aber so richtig wußte ich nicht, was mir gefallen könnte. Die Musik auf meinem Rechner reichte doch. Bei dem Gedanken sah ich wie ne Gruppe schwarz-gekleideter Jugendlicher auf nem Sims saß. Sie futterten Fast Food, tranken B. und lachten. In der Nähe suchten die ollen Straßenköter nach etwas Fressen. Na schön, und was jetzt? Wo finde ich jemanden mit dem ich mich unterhalten kann?

Ich kam nur auf die Idee "Chatten und Internet-Cafe". Keine glorreiche, aber die einzige, die mir einfiel. Und mir war alles andere als wohl bei dem Gedanken. Ich ging wirklich ungern in das Internet-Cafe. Überall um mich herum, saßen junge Männer an Baller-Spielen - "Ego-Shooter" nennt man das wohl. Aber wenn ich chatten wollte musste ich da durch und diese Atmosphäre ignorieren so gut ich konnte.

Als ich dann endlich wieder in meinem alten Chat war, kamen auch wieder die Erinnerungen hoch. Natürlich suchte ich nach einer schönen Chatterin - oder zumindest mit einer sympathischen Schreibe. Doch die Jalousien gingen bei mir schon wieder runter, kaum hatte ich eine schöne gefunden. Da gingen dann die Gedanken wieder zurück - in meine Heimat, in die Hauptstadt, in die Kleinstadt, in die Weihnachtszeit mit Schneematsch und zu ihr. Sie raaubte mir den Schlaf, ließ keinen Platz für Alpträume, sondern nur einen stumpfen, harten Schmerz. Wenigstens ne halbe Stunde ging das schon wieder so und immer tiefer versank ich in dieser Erinnerung. Die schöne Chatterin vor meiner Nase hatte ich gedanklich schon längst aufgegeben. Wenn die wüßte....

Ein Glück, die Zeit war zuende. Wir verabschiedeten und mit dem üblichen platonischen Spruch "sehen uns bald wieder". Als wenn nicht jeder wüßte, dass der Chat nur eine nette Ablenkung ist, aber keine Plichtveranstaltung. Man trifft sich zufällig. Aber heute wollte ich niemanden mehr treffen. Nur noch den Hang hoch und in mein Bett. Das hält doch keiner aus...

28.07.2016 22:10 • x 4 #5


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Die Zeit davor

Wann hat das eigentlich alles angefangen ... nach den Mädchen zu schauen? Gab es eine Zeit "davor" - ohne diese ganzen Schmerzen? Hm, wenn ich so nachdenke, gibt es darauf keine Antwort. Oder zumindest keine, die mir gefällt. Wo ich auch war, wie alt ich auch war, es gab immer nen Blick zu den Mädels. Selbst im Buddelkasten? Ja, selbst im Buddelkasten...

In meiner frühesten Kindheit wohnte ich am Rand des Dorfes. Über mir lebte ein gleichaltriges, pummeliges Mädchen. Ich suchte zwar nicht unbedingt den Kontakt zu ihr, doch irgendwie war sie nett. Ja ja, kann kaum laufen, aber schon mit dem Kopf bei den Mädels. Aus der Nachbarschaft stieß manchmal noch ein anderes Mädchen in unserem Alter zu uns. Auf dem Hof spielten wir Dreierhopp, Fischers Fritze (ich weiß gar nicht mehr, wie das geht), kletterten über die Bäume auf eine hohe Mauer. Hier oben futterten wir die Weintrauben auf der Seite des Nachbarn und blickten über die Felder in die Weite. Stille lag in der Luft. Die grünen Gräser auf den Feldern, die tiefen Melorationsgräben, die Bauminseln in den Feldern - es bewegte sich nichts. Sie waren einfach nur da. Ob sich die beiden Mädels heute noch an diese Momente erinnern weiß ich nicht oder ob ich das nur so gesehen habe. Die Wege haben sich schon vor vielen Jahren getrennt.

Im Kindergarten folgte dann die nächste Geschichte. Drinnen spielten alle mit Bausteinen, Brettspielen, Autos etc. Draußen verteilte sich das Geschehen auf den Buddelkasten, Fange spielen, auch Verkehrspolizist oder mit der Dampflok fahren. Der Wasserkassel unserer "Dampflok" bestand aus einem kurzen Baumstamm, auf der Erde liegend, und dahinter ein kleines Häuschen mit einem Autolenker drin. Überall suchte mein Blick das schönste Mädchen. Aber die hing nur mit ihren gackernden "Hühnern" herum und hatte kein Blick für mich. Mit den anderen Jungs unterhielt sie sich ab und zu mal. Natürlich schmollte ich da - aber nur innerlich. Wie peinlich wäre das, wenn die anderen Kinder erfahren, dass ich schon in ein Mädchen verknallt war? Jedenfalls war dieses Mädchen, die erste, die über lange Zeit in meinem Kopf blieb. Ihre Bedeutung für mich habe ich weder ihr mitgeteilt, noch irgendeinem späteren Freund. Ich habe nur manchmal Bemerkungen mit lustigem Unterton gemacht, damit das ja keiner ernst nimmt.

Das Gute an dieser Zeit war allerdings: Nach dem Kindergarten war nach dem Kindergarten, nach der Grundschule war nach der Grundschule. Da war das Thema Mädchen komplett weg. Da gabs dann rumstreunen mit dem Fahrrad - über die große Hauptstraße mit den gewaltigen LKWs (ein Abenteuer), durch den schmalen Trampelpfad und vorbei an den Knallerbsensträuchern, auf dem Sportplatz beim Fussball einsauen oder durch die vielen Schleichwege im Wald fahren und neue Wege entdecken. Hinter dem Rodelberg standen dicht gedrängt viele Bäume. Während andere Kinder nur den Rodelberg runter liefen, rollten oder im Winter Schlitten fuhren, interessierte mich die entgegengesetzte Seite. Inmitten der dicht gedrängten Bäumen fand ich ein vergessenes Tal. Es gab eine breite Mulde, die mit allerlei Farnen zugewachsen war. Quer drüber lag ein umgestürzter Baum. Viele Moosflechten bildeten nun seine Rinde. Ich setzte mich drauf und sah mir von hier aus diesen Ort an. Nun ja, den Rodelberg gibts nicht mehr und das Tal wurde auch schon teilweise beseitigt. Mit meinem besten Kumpel bin ich ansonsten zum Angeln gefahren. Manchmal holten wir uns an einem abgestellten Bauwagen eine Tüte Eis. Immer neue Angelstellen zu entdecken, an jeder auf einen großen Fang zu hoffen war eine naive Hoffnung. Aber wen interessiert das? Die Sonne begleitete mich, Blätterrauschen, Wellen auf dem Wasser. Doch auch dieses Kapitel liegt schon seit Jahren in der Vergangenheit.

Ich stelle gerade fest, dass der Gedanke an Mädels/ Frauen nicht immer mit Schmerzen verbunden war, sondern durchaus auch mit Bewunderung, Erstaunen ... und Trieben. Ich weiß nicht, ob ich 8 oder 10 Jahre alt war. Am Strand eines FKK-Sees spielte ich mit Moddepampe und baute Sandbäumchen und Kleckerburgen. Da sah ich neben mir ein nacktes Mädchen. Sie sah unglaublich schön aus: dunkle, halblange, glattgekämmte Haare - mir wird ja gern eine Vorliebe für Blondinen unterstellt - eine schlanke Figur mit fließenden Konturen, Ansätze kleiner, kfräftiger und doch weicher Brüste, schöne braune Augen und ihre kleinen Schamlippen. Verstohlen wendete ich meinen Blick ab und sah doch wieder hin. Naja, mein Körper reagierte auf seine eigene Weise darauf, was ich gut zu verstecken wußte. Man, wäre das peinlich geworden, was da bei mir ablief.

Mit dieser Geschichte im Hintergrund muss ich manchmal drüber schmunzeln, wenn Kindern heutzutage eine Frühreife attestiert wird. Jedenfalls gibt es keinen Zeitpunkt "davor". Es gibt wohl nur eine Zeit ohne Erfahrungen und mit. Je mehr Erfahrungen man sammelt, desto mehr verändert sich das Bild vom anderen Geschlecht.

29.07.2016 08:04 • x 2 #6


Hologramm77


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Der Zug fährt in den Bahnhof ein, hält und die Türen gehen auf. Ich stehe an der Tür, bereit schnell auszusteigen. Mit und nach mir tun das die weiteren Fahrgäste ebenfalls. Ich beachte sie nicht weiter und sie mich nicht. Der Strom mit mir geht zur Treppe, runter, durch die Wartehalle in die Durchgangspassage. Dort mischen sich der Strom von Regional- und Fernbahnreisenden mit S- und U-Bahnfahrern. Über 80 Jahre geht das schon so. Unzählige Leute sind hier durchgekommen. Jeder trägt seine Lebensgeschichte hier durch. Doch die Geschichten verschwinden in den Auf- und Abgängen, hinter Ein- und Ausgängen, in der Schnelligkeit und Hast - nicht zuletzt in der Gleichgltigkeit. Auch meine Geschichte kennt niemand.
Eine bestimmte Strecke führt in eine ganz bestimmte Lebensgeschichte. Über die Kreuzung geht mein Blick zum großen Kino. Nach außen trage ich die Gleichgültigkeit weiter vor mich her. Innen macht sich ein stumpfes Gefühl und Trauer breit. Mit meinen Schulkameraden habe ich das Kino das erste Mal besucht. Das Kino war ganz schön runtergekommen, doch sah innen aufregend aus. Doch die sind mir heute herzlich egal. Was mir mehr zu schaffen macht, ist die Frage nach Realität und dem Warum. Hier hatten wir uns verabredet - Chatpartner, darunter sie, die ihren Freund mitbrachte. Habe ich sie wirklich hier getroffen? Stand ich wirklich hier, Kinokarten gekauft, war ich eifersüchtig? Das letzte kann ich sofort bejahen. Der Rest der Fragen vrschwindet in der Bedeutungslosigkeit. Ich weiß nicht mal mehr, welchen Film wir gesehen habe. Nur, dass wir danach noch in nem Cafe zum Quatschen waren. Naja, das Kino wurde ja rundsaniert. Deswegen fühlt es sich vielleicht auch nicht mehr so real an, was ich hier erlebt habe.
Ein paar Schritte weiter steht immer noch das große Einkaufscenter. Auch das wurde runderneuert. Viele neue Geschäfte sind dazu gekommen, andere für immer verschwunden. Und zu einem verschwundenen Laden laufe ich mal wieder instinktiv hin. Weil ich mir ne Kaffee holen war "würde ich vermutlich auf die Frage antworten, was ich denn im hintersten Winkel des Centers will. Kein Sterbenswörtchen über den sentimentalen Hintergund. Gegenüber war ein französisches Cafe. Es war nicht besonders herausgeputzt, die gelb bemalten Wände wirkten vergilbt im schummrigen Licht. Meistens war es halbvoll, selten saßen an allen Tischen Leute und tranken ihren Cafe au lait und unterhielten sich. Heute ist da ein Kramladen drin - und hat mein Erlebnis einfach so geschluckt, als hätte es hier nie Kaffee gegeben, keine Treffen und Gespräche.
Dabei traf ich ausgerechnet an diesem Ort zum ersten Mal das bezauberndste Geschöpf, dass ich jemals kennengelernt habe. Aus Nervosität, es könnt ja irgendwas dazwischen kommen, kam ich damals viel zu früh. Ratlos holt ich mir erstmal nen Kaffee, setzte mich an nen Tisch, trank entspannt und beobachtete die Leute, die Atmosphäre im Cafe. Schon eigenartig wie verschieden die Gesichter sein konnten: Ne Mädelsgruppe, Paare beim gemeinsamen Ausgehen, so ein paat übergeschnappte Kunst- und Kulturleute, verknöcherte Alte aus dem Reicheviertel.
Und in diese Menge platzte plötzlich eine atemberaubende Schönheit hinein. Schlang, großgewachsen, lange lockige Haare, schwarze Stoffhose, Lederschuhe mit Schnallen. Mit ihren wachen, strahlenden Augen suchte sie durch den Innenraum und ging langsam vorwärts. Mir kam es vor als würde sie nicht gehen, sondern schweben. An den Tischen verstummten kurz die Gespräche als sie vorbei kam. Und dann begann sie zu lächeln, als sie mich erblickte. Ich weiß nicht mehr, ob ich sie mit großen Augen angestarrt habe, meine Kinnlade schon längst auf dem Boden lag und was ich mit meiner Nervosität gemacht habe. Die war längst durch die Decke geschossen. Sie freute sich einfach nur, mich zu treffen und holte sich auch erstmal nen Kaffee. Die meiste Zeit redete sie. Ein Glück, ich war ja schwer angeschlagen von Begeisterung, Fassungslosigkeit, Ohnmacht und nicht zuletzt Sprachlosigkeit. Um über meine Nervosität und Sprachlosigkeit hinwegzutäuschen, mühte ich mich immer zu Kommentaren und eigenen Redebeiträgen. Ich wußte ja vom Bild her, dass sie gut aussah. Aber diese Realität sprengte wirklich alles, was ich bis dahin kennengelernt habe. Normalerweise ist es eher andersrum: Auf Bildern sehen die Mädels meist besser aus als in der Realität. Doch wie gesagt liegt diese Realität viele Jahre zurück, in einem Cafe, das es nicht mehr gibt, bei einer Frau, die längst aus meinem Leben verschwunden ist.
Was ist sie heute für mich? Ich weiß es nicht. Ihre Bedeutung für mich ist verblasst. Nur eine Botschaft ist geblieben: Es gibt bezaubernde Frauen. Ich weiß nur nicht, wo und wie ich die finde. Vor ihr hatte ich "bezaubernd" ins Reich von Filmen, Romanzen, Märchen und Illusionen verbannt. Nicht im Traum hätte ich diesen Begriff auf eine reale Frau angewendet.

30.07.2016 13:34 • x 2 #7


Nacht-Gast

Wow, Junge, ich nehme mal an, die Geschichte hat wirklich so gespielt, aber egal...
Du hast echtes Schreibtalent! Mach was draus!
Herrndorf ist tot (leider....), Stuckard-Barre versumpft, wir können dich gebrauchen. Wirklich! Schreibe!

30.07.2016 13:56 • x 4 #8


Hologramm77


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Die Geschichte enthält Ausschnitte meines Erlebens.

Freue mich sehr über das Lob, bist der Zweite. Dabei wollte ich doch einfach nur den anderen im Forum nur Ausschnitte aus meinem Leben nachvolziehbar mitteilen. Und auch mal wissen, was sie von diesen Eindrücken halten.

30.07.2016 19:28 • x 2 #9


Hologramm77


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Im Cafe kennengelernt, im Kino mit der ganzen Meute - und dann ging die ganze Sache weiter. Warum eigentlich? Na was ist wohl der Grund gewesen? Wer sagt eigentlich, dass es keine blöden Fragen gibt, sich der Fragesteller ahnungsloser gibt, als er tatsächlich ist und die Antwort längst kennt. Ja, klar, nennen wir es beim Namen: Verliebt, bis weit über die Ohren. Doch was macht man mit jemanden, den man bezaubernd findet - und man auf diese Sorte Mensch überhaupt nicht gefasst, nicht vorbereitet war? Kneif mich mal ich glaub ich träume wäre die passende Floskel. Ich hab das wohl bei jedem weiteren Treffen innerlich gemacht.
Ein solches führte uns - komischerweise - wieder in ein Einkaufscenter. Wieder sind wir nicht shoppen gegangen, auch wenn sie das wie alle jungen Frauen gerne tat. Nein, wir suchten uns wieder irgendein Cafe und ließen uns nieder. In der ersten Etage hatten wir einen guten Blick in den Innenhallen. Auf der anderen Seite kam das Sonnenlicht durch die hohe Glasscheiben-Wand. Sie sah wieder unglaublich schön aus, ich glaube diesemal mit nem Trenchcoat unterwegs - eine selbstbewusste, schöne, junge Frau. Und genau diese Frau lächelte mich kurz an, um sich im nächsten Moment mit ausgestreckten Beinen auf eine der langen, bunten Sitzkisten mit Kissen zu fletzen. In einem Moment warf sie den Anflug über Konventionen von kultivierten DAMEN mal eben über Bord. Wundervoll. ich holte den Kaffee und wir lümmelten uns ne Weile hier hin. Auch wenn die Sitzkisten und auch Kissen doch unbequem waren, dachte ich erst im Nachhinein daran. Und so bin ich heute auch nicht traurig darüber, dass es dieses Cafe nicht mehr gibt.

30.07.2016 20:53 • x 1 #10


Sarina80

Ich finde auch deinen Schreibstil sehr begnadet. Ich schließe mich an, du hast Talent.
Du berührst und gibst einem das Gefühl während deiner Erlebnisse quasi auf der Schulter zu sitzen....Das beherrscht nicht jeder. Also, Kompliment.

30.07.2016 21:04 • x 2 #11


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Weiß auch nicht, was mit mir momentan los ist. Aber irgendwie habe ich gerade Lust zu schreiben, Lust, diese Momente mal zu beschreiben. Im Alltag kann ich darüber nicht berichten. Ich will auch niemanden mit diesen Einzelheiten aus meinem Leben auf den Sack gehen. Da gibts nur einen ganz kurzen Ausschnitt, zwei, drei Worte und das wars. Warum sollte ich auch mehr über eine Vergangenheit berichten, die nunmal Vergangenheit ist? Und so schreibe ich das nur hier und jeder kann selbst wählen, ob er/sie sich das durchliest. Vielleicht gibt das den Lesern was, vielleicht nicht.
Ach da fällt mir noch ein, meine Mitmenschen haben ein unglaubliches Talent, diese Ader mit den Gefühlen abzuwürgen, bevor sie ans Licht kommen durfte. Vielleicht habe ich bis jetzt auch das Glück, dass sich nur Leute zu Wort gemeldet haben, denen mein Geschreibe gefällt. Na, mal sehen, wie lange das noch anhält....

30.07.2016 21:34 • #12


Hologramm77


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Der Radweg ist noch immer da, sauber gepflastert. Ich weiß nicht mehr, ob das schon immer so war; ob hier nicht doch die ein oder andere Platte hochgestanden hat oder Löcher Stolperfallen bildeten. Eine Buckelpiste also. Hier oder auf der anderen Seite bin ich nach der Schule nach hause gefahren. In einigen Momenten ging ich zu Fuß. Ja, auch mal wegen nem Platten. Aber der andere Grund hatte braune Augen, halblange, braune Haare, eine schöne Figur, ein raumerfüllendes Lächeln und auch noch ein riesengroßes Herz. Der Liebling der ganzen Klasse und der höheren Klasse - sehr zum Leidwesen der Mädels darin. Auch mir gefiel dieses Mädchen. Mein Gott, wieviel wunderbare Wunsch- und Tagträume hatte ich. Selbstredend habe ich darüber geschwiegen wie ein Grab. Und so habe ich einfach nur ihre Nähe gesucht. Allein das hat sich gut angefühlt. Wo sie war, war Wärme - Herzenswärme. Wenn wir in der Gruppe auf dem Hof standen und wir alle belangloses Zeug redeten, auch ich, streifte mein Blick immer ihre Gestalt, Augen, jedes Detail. Es war mir im Prinzip Wurscht, was geredet wurde. Für eine Weile trug sie fürchterlich grelle Schuhe. War vielleicht in irgendeiner Szene gerade Mode. Was weiß ich. Aber solche Modeticks waren mir schon immer herzlich egal, wenn mir der Mensch dahinter gefiel.

Nach der Schule hatte sie einen weiten Heimweg. Anfangs fragte ich mich noch, warum sie so einen weiten Weg macht und sich nicht eine Schule in der Nähe ihres Wohnortes sucht. Doch diese Frage verschwand ziemlich schnell. An die Stelle trat das Bedürfnis viel Zeit mit ihr verbringen zu können, auch mal persönlich mit ihr sprechen zu können - außerhalb zu vieler Augen. Ich erkannte die Gelegenheit nach Schulschluss. Wenn sie nicht gerade motorisiert nach hause düste, nahm sie den Bus. Die Haltestelle lag 1 km entfernt, wenigstens etwas mehr Zeit mit ihr. Blöd nur, dass andere Jungs auch diese Idee hatten. Sie liefen langsamer als sonst, fuhren andere Strecken als sonst. Und ich? Bis sie meine Gedanken durcheinanderbrachte, flüchte ich nach der Schule. Nun auf einmal führte mein Weg zufällig auch zur Bushaltestelle und von dort zu mir nach haus. Immer gab ich mir Mühe, ne Konversation mit ihr anzuleiern. Doch die anderen quatschten immer dazwischen. Naja, also hörte ich lieber mal zu und gab nur mal ein paar Kommentare ab. Damals fürchtete ich mich davor, dass sie sehen könnte, was ich für sie empfand. Heute frage ich mich, ob ich mich wirklich so gut verstellen konnte, dass das nicht erkennbar war. Naja, ich fands jedenfalls immer traurig, dass der gemeinsame Weg an der Haltstelle endete. Ich wünschte mir immer, dass irgendwas passierte: Dass der Bus ausfiel, Straßenvollsperrung etc. Nur dass ich sie noch ne Weile länger in meiner Nähe hätte.

Irgendwann begann ich dann sie einmal wöchentlich anzurufen. Man, das war ein Kampf. Gefühlte Schweißausbrüche als ich die Nummer wählte Und jedes Mal meldeten sich die Eltern. Kurz darauf war sie meist am Hörer. Wir unterhielten uns ne Weile - über belangloses Zeug. Ich kam einfach nicht raus mit der Sprache "außerdem hat sie ja nen Freund, was will sie denn von mir". Ein wunderbarer Schachzug, was? Der Zug eines Feiglings, der nicht die Traute hat, etwas einzugestehen und statt dessen den Ball ins andere Feld spielt mit der abstrusen Hoffnung "vielleicht merkt sies, vielleicht sagt sie was". Doch über Gefühle sprachen wir nicht. Und so verabschiedeten wir uns jedesmal freundlich. Ich möchte daran glauben. Sie hat mir jedenfalls keine kritischen Fragen gestellt, was diese komischen Anrufe sollen - und ich bin ihr noch heute dankbar dafür.

Doch sie beschäftigte meine schweigende Verliebtheit noch weit mehr. Kurz nachdem sie mir das erste mal richtige ins Auge und Herz gefallen ist, tauchte plötzlich ein bildhafter Moment in meiner Erinnerung auf "Ist sie das?" Ich hielt den Atem an. Das kann doch gar nicht sein! Gott, es war doch nur ein Augenblick. Mein Großvater fuhr mit mir als 8 jähriger Knirps mal wieder durch die Gegend. Mit dem Finger zeigte mit Bäume und Tiere und brachte mir ihre Namen bei. Der Weg führte uns dabei an der Rückseite eines kleines Ortes entlang. Das Auto ruckelte sich langsam auf dem ausgefahrenen, huckeligen Trampelpfad entlang. Die Häuser sahen hier alle baufällig und alt aus, zugewachsen Schuttberge türmten sich hier und da auf. Plötzlich sah ich ein kleines Mädchen. Es stand einfach da und blickte ins Auto, zu mir? Ich sah zu ihr durch das Seitenfenster und gleich durch die Rückscheibe. Sie trat auf den Weg und blickte uns hinterher. Diese braunen Augen, dieses weiche, zarte Gesicht - ich könnte schwören, dass sie das war. Ich habe ihr das nie verraten, nie angesprochen, hab sie nie gefragt. Mal sehen, ob ich das bei unserem nächste Treffen mache, vielleicht ja auf dem Radweg vor unserer alten Schule.

31.07.2016 20:36 • x 2 #13


ysabell

ysabell

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Zitat:
Ich weiß nicht mehr, ob ich sie mit großen Augen angestarrt habe, meine Kinnlade schon längst auf dem Boden lag und was ich mit meiner Nervosität gemacht habe. Die war längst durch die Decke geschossen. Sie freute sich einfach nur, mich zu treffen und holte sich auch erstmal nen Kaffee. Die meiste Zeit redete sie. Ein Glück, ich war ja schwer angeschlagen von Begeisterung, Fassungslosigkeit, Ohnmacht und nicht zuletzt Sprachlosigkeit. Um über meine Nervosität und Sprachlosigkeit hinwegzutäuschen, mühte ich mich immer zu Kommentaren und eigenen Redebeiträgen.


:P Der Dialog würde mich interessieren :)
Sie "bliiiblaaablub.....und dann geschah folgendes...........................woraufhin ich.........wobei man aber nicht außer acht lassen darf, dass.........schnack.....quassel...............................Meinst Du nicht auch?"
Er "Ich? Äh ja, natürlich! "
verliebte Männer sind sowas von süß! :)

31.07.2016 22:04 • #14


Hologramm77


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Zitat von ysabell:
:P Der Dialog würde mich interessieren :)
verliebte Männer sind sowas von süß! :)


Ja, in gewisser Weise interessiert mich das auch. Ich möchte gern wissen, wieviel sinniges Zeug ich zusammenbekommen habe, wieviel nur Fragmente von Gedanken waren und was einfach nur Stuss gewesen ist. Ich habe die leichte Ahnung, dass alles dabei gewesen ist. An den genauen Inhalt kann ich mich nicht mehr erinnern.

31.07.2016 22:18 • x 1 #15






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