21

Laufen wir eigentlich weiter auseinander?

St_Jappi

St_Jappi
Mitglied

Beiträge:
112
Themen:
14
Danke erhalten:
306
Mitglied seit:
Ich sitze gerade mit meinem Wohnmobil auf einem kleinen Parkplatz im Wald, direkt an einem See. Draußen ist es grau, die Regentropfen laufen über die Scheiben und auf dem Dach prasselt es leise vor sich hin.
Eigentlich genau der richtige Moment, um ein Buch zu lesen.
Und genau da liegt vielleicht das Problem. 😄
Ich lese nämlich ziemlich viel. Und wenn ich nicht lese, denke ich über das Gelesene nach. Manchmal wahrscheinlich auch ein bisschen zu viel.
Heute ist mir dabei ein Gedanke gekommen, den ich einfach mal hierlassen möchte.
Ich habe in letzter Zeit immer wieder gelesen und gehört, dass es in Deutschland immer mehr Single-Haushalte gibt. Gleichzeitig begegnen mir zunehmend Berichte über eine größer werdende Distanz zwischen Männern und Frauen.
Frauen seien unabhängiger geworden und bräuchten Männer weniger.
Männer würden sich zunehmend zurückziehen, weil sie keine Lust mehr hätten, ständig hinter Frauen herzulaufen.
Ob das tatsächlich so ist? Keine Ahnung.
Ich kann das für mich und mein Umfeld ein Stück weit beobachten, aber sicher nicht für die ganze Gesellschaft beurteilen. Und deshalb interessiert mich eigentlich eine ganz andere Frage:

Vielleicht laufen gar nicht nur Männer und Frauen auseinander. Vielleicht laufen wir als Gesellschaft insgesamt ein Stück auseinander.
Wir haben WhatsApp statt an der Haustür zu klingeln.
Instagram statt Fotoalbum.
Tinder und andere Dating-Apps statt der zufälligen Begegnung irgendwo im wirklichen Leben.
Wir können jederzeit und fast überall Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen.
Und trotzdem scheint echte Nähe nicht unbedingt einfacher geworden zu sein.
Das finde ich irgendwie paradox.
Wir haben mehr Möglichkeiten denn je, Menschen kennenzulernen – und gleichzeitig gibt es so viele Menschen, die sich einsam fühlen.
Vielleicht ist das auch gar kein Widerspruch.
Vielleicht haben wir uns einfach daran gewöhnt, dass Kontakte jederzeit verfügbar und damit irgendwie auch austauschbar sind.
Ein Klick.
Ein Wisch.
Ein Match.
Und wenn es nicht passt, wartet vielleicht schon der nächste.
Aber macht uns diese riesige Auswahl tatsächlich freier?
Oder macht sie es uns manchmal schwerer, uns auf einen Menschen wirklich einzulassen?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht ist das alles auch nur das Ergebnis davon, dass ich hier allein im Wald sitze, zu viel lese, zu viel nachdenke und dem Regen beim Fallen zuschaue. 😉
Aber ein Gedanke bleibt bei mir hängen:
Sind wir tatsächlich unabhängiger geworden – oder sind wir nur besser darin geworden, unsere Einsamkeit zu organisieren?
Wie seht ihr das?
Und ich meine damit ausdrücklich nicht nur Männer und Frauen.
Mich interessiert vielmehr, ob ihr ebenfalls das Gefühl habt, dass wir immer mehr Möglichkeiten zur Verbindung haben – und uns gleichzeitig immer schwerer wirklich miteinander verbinden.

• x 5 #1


Worrior
@St_Jappi
Das ist empfinde ich auch so, Frauen sind unabhängig geworden.
Viele Männer steigen aus dem klassischen Datingmarkt aus.
Alternative Beziehungsmodelle lösen einen großen Teil der klassischen ab.
Wir haben mehr Ablenkung durch Medien, die Vereinsamung wird aber größer.

Wann haben wir mal anstatt zu scrollen, swypen oder posten einfach mal wieder alte Freunde angerufen?
Was ausmachen, treffen, quatschen, das ist wunderbar und macht Spaß.

Hinsichtlich des Datings müssen wir die Software in unseren Köpfen updaten.
Das ist bei vielen noch eine Version aus den 80ern und 90ern.
Die Welt hat sich geändert, der Deal ist ein anderer, nur hat uns niemand diese AGB's mitgeteilt.

• x 2 #2


A


Laufen wir eigentlich weiter auseinander?

x 3


Ameise_78
@St_Jappi
Ich beobachte das auch. Wobei ich persönlich nicht der beste Indikator für diese Entwicklung bin, für mich sind Menschen nicht austauschbar. Wen ich einmal ins Herz geschlossen habe... so etwas ändert sich bei mir nicht so schnell. Andersherum musste ich die Erfahrung leider durchaus machen, dass man austauschbar ist. Zum Glück aber auch nicht für jeden. Lachendes Gesicht

• x 2 #3


B
Hm, man ist natürlich heutzutage viel besser und einfacher vernetzt.
Trotzdem finde ich das echte Nähe nicht umbedingt einfacher entsteht. Man gerät zwar schneller in Konktakt durch das Online- Leben, aber irgendwie ist es oft auch schnelllebiger.

Kontakte entstehen und sind genauso schnell beendet.
Vielleicht liegt es daran, dass viele sich an die ständige Verfügbarkeit gewöhnt haben.

Man kann eben schneller nach Menschen "filtern" anhand von Suchoptionen/Kriterien um diese kennenzulernen. So braucht und hat man vielleicht aber immer weniger Geduld, jemanden wirklich kennenzulernen.
Und durch die OD Möglichkeit kommt wahrscheinlich bei vielen der Gedanke: Vielleicht wartet irgendwo noch etwas Besseres. Und man zieht wieder weiter, ohne sich richtig kennen gelernt zu haben.

Aber das muss nicht so sein. Ich zum Beispiel lasse sowohl offline, als auch online wenige Menschen wirklich an mich heran. Ich habe einen festen Freundeskreis, den ich sehr schätze und wo ich auch glaube, dass er halten wird.
Echte Nähe und Vertrauen braucht bei mir Zeit, trotz der Möglichkeit online schnell zu connecten. OD ist auch ohnehin nichts für mich. Ich habe alle Beziehungen offline kennen gelernt.

• x 2 #4


St_Jappi
@Worrior Ja, der Gedanke mit der „Software im Kopf“ gefällt mir. 😄
Vielleicht sind unsere technischen Möglichkeiten einfach viel schneller gewachsen als wir selbst. Und bei deinem Gedanken mit den alten Freunden musste ich tatsächlich kurz innehalten: Wann habe ich eigentlich das letzte Mal jemanden einfach angerufen, ohne besonderen Grund?
Vielleicht sollten wir wirklich manchmal weniger swypen und wieder mehr klingeln. 😉

• #5


sian
Ich stimme dir in allen Punkten zu. Die Digitale Welt ist eine Erfindung, wo ich mich nicht überall beteilige. Es stößt mich ab, wenn ich die Menschen vom Wohnzimmerfenster aus beobachte, wie sie mit ihrem Handy in der Natur laufen. Selbst in Gaststätten zückt ein Pärchen ihr Handy.

Im Theater habe ich „bis“ jetzt im Foyer kein Besucher gesehen der sein Handy zückte. Im Kino sieht man viele Handy.

• x 3 #6


St_Jappi
@Ameise_78 Das finde ich einen interessanten Gedanken. Gerade dieser Unterschied zwischen „Menschen sind für mich nicht austauschbar“ und der Erfahrung, selbst austauschbar zu sein, kann wahrscheinlich ziemlich weh tun.

Und vielleicht ist genau das auch ein Teil dessen, worüber ich mit meinem Beitrag nachdenke: Wann wird aus einem Kontakt echte Verbindung – und warum scheint das manchmal so leicht wieder weggewischt werden zu können? 🤔

• x 1 #7


Ameise_78
Zitat von St_Jappi:
Wann wird aus einem Kontakt echte Verbindung – und warum scheint das manchmal so leicht wieder weggewischt werden zu können?

Das ist eine wirklich gute Frage. Ich kann sie dir leider nicht beantworten. Habe erst unlängst eine solche Erfahrung machen müssen - und mein Fazit: dann war man dieser Person eben entgegen anderen Beteuerungen doch nicht so viel wert... sonst wäre man ja nicht so behandelt worden.

Zitat von St_Jappi:
Gerade dieser Unterschied zwischen „Menschen sind für mich nicht austauschbar“ und der Erfahrung, selbst austauschbar zu sein, kann wahrscheinlich ziemlich weh tun.

Ja. Und umso dankbarer ist man für die wertvollen Menschen, für die man nicht austauschbar ist.☺

• x 1 #8


St_Jappi
@sian Das mit den Menschen, die selbst in der Natur ständig mit dem Handy vor der Nase unterwegs sind, beobachte ich tatsächlich auch immer wieder. Und genau solche Beobachtungen haben mich überhaupt zu meinem Beitrag gebracht.
Ich selbst bin zwar durchaus viel mit dem Handy beschäftigt, aber ich lasse es auch ganz bewusst mal im Wohnmobil liegen und gehe einfach los. Gerade in der Natur möchte ich manchmal gar nichts auf dem Display sehen, sondern einfach schauen, wo ich gerade bin.
Vielleicht ist genau das der interessante Punkt: Wir haben ständig die Möglichkeit, irgendwo anders zu sein und verpassen dabei manchmal den Ort, an dem wir gerade sind.

• x 2 #9


Ameise_78
Zitat von St_Jappi:
Vielleicht ist genau das der interessante Punkt: Wir haben ständig die Möglichkeit, irgendwo anders zu sein und verpassen dabei manchmal den Ort, an dem wir gerade sind.

Das stimmt! Ist mir auch schon aufgefallen. Ich fotografiere zB sehr gerne und freue mich anschließend auch immer über die schönen Fotos. Aber man muss wirklich aufpassen, dass man Momente auch wirklich aktiv in der Gegenwart genießt und voll dabei ist und nicht nur in dem Modus, die schönsten Schnappschüsse zu erwischen.
Noch schlimmer wäre es, man wäre unterwegs und würde dabei im Internet lesen. Das mache ich, wenn ich was schönes mache, nicht. (Wartezimmer beim Arzt etc. ist wieder was anderes, da ist man dankbar über etwas Ablenkung. 😅)

• x 1 #10


ZwillingsIch
Zitat von St_Jappi:
Ich lese nämlich ziemlich viel.

Da hast Du ein sehr schönes Hobby.
Meine Freundin und ihr Ehemann lasen sich schon immer gegenseitig vor. Das finde ich ganz wunderbar.
Zitat von St_Jappi:
Und trotzdem scheint echte Nähe nicht unbedingt einfacher geworden zu sein.

Ja.
Bin faul(er) und unaufmerksamer/zerstreuter geworden. Ich muss mir Dinge fest vornehmen. Gerade hatte ich ein gutes Gespräch (Telefonat) mit meiner Nachbarin. Sie ist krank, wollte „nicht schon wieder zur Last fallen“. Ich meinte nur: „Sende mir Deinen Einkaufszettel per WA.“
Zitat von St_Jappi:
Vielleicht ist das alles auch nur das Ergebnis davon, dass ich hier allein im Wald sitze, zu viel lese, zu viel nachdenke und dem Regen beim Fallen zuschaue.

Herrlich.
Das hast Du niedlich geschrieben.
Zitat von St_Jappi:
Sind wir tatsächlich unabhängiger geworden – oder sind wir nur besser darin geworden, unsere Einsamkeit zu organisieren?

Ich bin echt gern allein.
Meine Hündin fehlt mir sehr.
Wenn ich doch mal einsam bin/war, wusste ich bisher immer was zu tun war und konnte entsprechend gegensteuern.
Ich lese auch gerne. Ich weiß zwar nicht so viel, aber meine Bücher betrachte ich auch als meine Freunde.
((Habe immer schon schlecht (langsam) gelernt.))
Zitat von St_Jappi:
immer mehr Möglichkeiten zur Verbindung haben – und uns gleichzeitig immer schwerer wirklich miteinander verbinden.

Das hängt doch von jedem einzelnen Menschen selbst ab.
Hier gab es mal einen tollen Thread, von @ Herakles ins Leben gerufen.
Damals dachte ich noch, das gibt’s doch nicht!? Wie soll das gehen..!?

• x 1 #11


St_Jappi
@ZwillingsIch Das finde ich schön, wie du das beschreibst. Und vielleicht ist genau das der Punkt: Alleinsein muss nicht automatisch Einsamkeit bedeuten. Es kommt wohl sehr darauf an, was wir daraus machen und womit wir unser Leben füllen.
Bei deiner Nachbarin musste ich allerdings schmunzeln. „Schick mir deinen Einkaufszettel per WhatsApp“ klingt zunächst ziemlich unspektakulär und kann manchmal vielleicht trotzdem genau das sein, was jemand gerade braucht. 😊
Und dass du deine Bücher als Freunde betrachtest, kann ich als jemand, der selbst gerne liest, durchaus nachvollziehen.

• x 1 #12


ZwillingsIch
Hier stehen noch die Schinken von meinem Großvater, der mal Leiter der Städtischen Volksbücherei war.

Ich könnte 200-300 Lockdowns überleben.

• #13


A


x 4