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Ehemaliger User
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Sicher ganz interessant!
Text Martin R. Textor familienhandbuch.de
Die Scheidungsphase beginnt mit der endgültigen Trennung der Ehepartner und endet mit dem Scheidungsurteil. Sie dauert - von einigen Ausnahmen abgesehen - aufgrund gesetzlicher Vorschriften mindestens ein Jahr. In Einzelfällen kann sie sich auch über (mehr als) drei Jahre erstrecken. Über die Scheidungsphase liegen viel mehr Forschungsergebnisse und klinische Beobachtungen vor als über die Vorscheidungsphase. Generell lässt sich die Scheidungsphase in den Zeitraum nach der endgültigen Trennung und in den Zeitraum um die gerichtliche Scheidung unterteilen.
Die Trennung und die Zeit danach
Zumeist wird die Trennung von der Ehefrau initiiert. In der Regel zieht ein Ehepartner aus der gemeinsamen Wohnung aus und lebt vielfach zunächst in einer provisorischen Unterkunft (zum Beispiel bei Verwandten oder Freunden). Manchmal zieht er in der ersten Zeit mehrfach um, bis er sich schließlich auf Dauer in einem Appartement oder Haus einrichtet. Vereinzelt müssen sich auch beide Partner neue Wohnungen suchen - beispielsweise wenn einer allein die alte nicht finanzieren kann. In einigen wenigen Fällen, die vor allem in Regionen mit Wohnungsknappheit und hohen Mieten vorkommen, sind die Ehegatten zur Trennung "unter einem Dach" gezwungen. Dabei entsteht eine höchst unnatürliche, spannungsgeladene und emotional belastende Situation. Die Getrenntlebenden kommunizieren wenig miteinander, sie geraten immer wieder in Konfliktsituationen. Da sie kaum Abstand voneinander gewinnen, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass sich mit der Zeit eine akzeptable Beziehung zwischen ihnen ausbildet. Leben Kinder in diesen Familien, so leiden sie zumeist stark unter der für sie unverständlichen Situation. Auch werden sie leicht in Konflikte hineingezogen.
Eine Trennung bedeutet für die Ehepartner eine Vielzahl von Veränderungen im psychischen, sozialen, finanziellen und beruflichen Bereich. Lebensweise, Gewohnheiten, Rollen, Selbstbild ändern sich; die interpersonale Umwelt verhält sich ihnen gegenüber anders. Jeder Getrenntlebende reagiert auf diese Veränderungen auf ganz individuelle und einzigartige Weise. Wohl sind viele Reaktionen typisch, sie treten beim einzelnen aber in einer unterschiedlichen Sequenz, Stärke und Dauer auf. Generell werden sie stark von der Art der Trennung bestimmt. So ist von großer Bedeutung, ob diese plötzlich und überraschend oder nach langen Diskussionen und Auseinandersetzungen erfolgte, ob sie einseitig oder gemeinsam entschieden wurde, und ob eine dritte Partei (Liebhaber) beteiligt ist oder nicht. Beispielsweise hat der Initiator der Trennung zumeist weniger Probleme, da er sich die neue Situation gewünscht hat, sich auf sie psychisch einstellen und notwendige Vorbereitungen treffen konnte. Rein emotional kann er sich aber als der "verlassene" Partner erleben, wenn zum Beispiel sein Ehegatte ein außereheliches Verhältnis hatte oder sich aus berufsbedingten Gründen kaum um ihn kümmerte. Dann mag er noch starke Bindungen und intensive positive Gefühle empfinden, also in seinen Reaktionen eher einem verlassenen Partner ähneln.
Da Geschlecht, Alter und die jeweilige Phase des Lebens- und Familienzyklus die Folgen einer Trennung entscheidend beeinflussen, sollen diese Faktoren in der nachfolgenden Darstellung besondere Berücksichtigung finden. Von großer Bedeutung ist ferner, ob in der Familie Kinder leben oder nicht. Im letztgenannten Fall treten zumeist weniger Probleme auf, sind die Getrenntlebenden nicht zu einer weiteren Zusammenarbeit und zur Umstrukturierung ihrer Beziehung gezwungen. Die Folgen der Trennung werden außerdem zu einem großen Teil dadurch bestimmt, welcher Schicht die Familie angehört und ob beide Ehepartner (voll-) erwerbstätig sind oder nicht.
Nach der Trennung haben viele Ehegatten Probleme, das Ende ihrer Ehe zu akzeptieren. Dieses gilt vor allem für Personen, die noch positive Gefühle für ihren Partner empfinden, die die letzten Monate als relativ ruhig erlebten, die nur den Gatten oder einen Dritten für die Trennung verantwortlich machen, die sich in der neuen Situation besonders einsam und unsicher fühlen oder die in ihrem Netzwerk auf viel Kritik stoßen. Selbst der Initiator bezweifelt oft, ob er die richtige Entscheidung gefällt hat. Auch mag er starke Schuldgefühle entwickeln, weil er das Auseinanderbrechen seiner Familie verursacht und den anderen Familienmitgliedern so großen Schmerz bereitet hat. Zumeist verspürt er aber Erleichterung, dass er seine Trennungsabsicht in die Tat umgesetzt hat. Er akzeptiert eher die nun entstandene Situation, sieht seine Zukunft relativ positiv und mag sich sogar auf das Leben als Single freuen.
Besonders schwer fällt es dem Partner, der sich als plötzlich verlassen erlebt, das Ende seiner Ehe zu akzeptieren. Er kann die Entscheidung des Ehegatten nicht nachvollziehen, fühlt sich zurückgewiesen und abgelehnt. Oft verneint er zunächst die für ihn unverständliche Situation, durchläuft dann eine Phase des Protests und versinkt schließlich in tiefer Verzweiflung. Manchmal hofft er auch, durch bestimmte Verhaltensweisen die Zuneigung des Partners wieder zu gewinnen. Wenn dieses nicht gelingt, fühlt er sich machtlos und hilflos. Er kann aber auch mit Wut und Hass reagieren, sich dem Ehegatten gegenüber aggressiv verhalten und ihn bestrafen wollen - wobei er vielfach nicht vor Gewalt und, im Einzelfall, auch nicht vor einem Mordversuch zurückschreckt. Natürlich kann auch der Partner brutal reagieren. So sind viele Kinder Zeugen von Gewalttätigkeiten zwischen ihren Eltern.
Befragt man Erwachsene, welche Gefühle sie nach der Trennung verspürten, so berichten sie von Schmerz, Trauer, emotionaler Erstarrung, Selbstmitleid, Depressivität, Hoffnungslosigkeit, Angst, Unsicherheit, Wut, Hass, Verbitterung, Rachegefühlen, Aggressivität, Minderwertigkeitsgefühlen, Selbstzweifeln, Schuldgefühlen. Zumeist dauern diese Gefühlszustände lange an und wechseln in Art und Intensität. Oft werden auch entgegengesetzte Emotionen erlebt. Die genannten Gefühle führen leicht zu unüberlegtem und irrationalem Verhalten. Die Beschäftigung mit ihnen zieht vielfach die berufliche Leistungsfähigkeit in Mitleidenschaft. Ferner wird häufig von psychischen und psychosomatischen Störungen berichtet. Generell wird von Schlafstörungen, Erschöpfung, Apathie, Nervosität, Reizbarkeit, Kopfschmerzen, Dro. und Medikamentenmissbrauch, erhöhtem Alk. und Nikotingenuss, Depressionen und so weiter berichtet. Nach verschiedenen Untersuchungen sind bei Getrenntlebenden und Geschiedenen erhöhte Selbstmordraten, eine größere psychiatrische Morbidität, eine überdurchschnittlich große Anfälligkeit für Krankheiten und eine höhere Unfallrate festzustellen.
Es ist jedoch zu beachten, dass es neben den beschriebenen negativen Gefühlen und Symptomen auch entgegengesetzte Entwicklungen gibt. Bei vielen Personen kommt es zu einer Zunahme des Selbstwertgefühls, der Zufriedenheit, der inneren Energie und des Gefühls der eigenen positiven Weiterentwicklung, zu einer Verbesserung des Gesundheitszustandes, zu einem Rückgang der Schlafstörungen und zu einer Abnahme von Depressionen. Dies lässt sich auf verschiedene Weise erklären. So ist zum Beispiel die subjektive Bewertung der Trennung im Hinblick auf die eigene Gegenwart und Zukunft von großer Bedeutung. Sieht ein Getrenntlebender die Scheidung in erster Linie als Chance des Neubeginns, so wird er relativ schnell über sie hinwegkommen. Betrachtet er sie hingegen als Verstoß gegen Gottes Ordnung, als Folge des eigenen Versagens oder als Zeichen, dass er unattraktiv und nicht liebenswert ist, so wird er lang an der Trennung leiden. Außerdem bewältigt eine Person diese Situation besser, wenn sie ein großes Repertoire an coping-Strategien besitzt, also schon viele kritische Lebensereignisse erfolgreich angegangen ist. Eine große Rolle spielt auch, inwieweit sie die Trennungssituation als Verbesserung gegenüber der Ehe erlebt. So verschwinden vielfach die in der Vorscheidungsphase erlebten psychischen und psychosomatischen Störungen, da Ehekonflikte, Angst vor dem Partner und ähnliche Belastungen nicht mehr von Bedeutung sind. Manche Getrenntlebende finden auch in einer neuen intimen Beziehung Zufriedenheit und Glück. Hingegen leiden Personen eher unter negativen psychischen Folgen der Trennung, wenn sie frühere Verlusterfahrung unzureichend verarbeitet haben, viel in ihre Ehe investierten, einen großen Statuswert erlebten oder mit den Herausforderungen der neuen Situation nicht fertig werden.
Von großer Bedeutung für das Ausmaß des emotionalen Wohlbefindens nach der Trennung sind ferner die Netzwerkkontakte. Verheimlichen Getrenntlebende ihre neue Lebenssituation vor Freunden, Kollegen und Bekannten, so können sie von diesen keine Unterstützung erfahren und sind in ihrem Schmerz allein. Sind sie Einzelgänger oder verlieren sie mit der Trennung die meisten Freunde und Bekannten, da diese eine engere Beziehung zum ehemaligen Partner haben oder dessen Partei ergreifen, werden sie ebenfalls wenig Rückhalt finden und sich einsam fühlen. Inwieweit sie in einem ausdifferenzierten Netzwerk Hilfe finden, hängt zu einem großen Teil davon ab, ob Verwandte, Freunde und Bekannte der Trennung eher zustimmten oder nicht. Unabhängig von ihrer Haltung ergreifen die Mitglieder der Herkunftsfamilie jedoch in der Regel die Partei ihres Blutsverwandten und helfen ihm - sofern vor der Trennung noch engere Kontakte bestanden.
Bei Freunden und Bekannten ist es zumeist weniger wichtig, ob sie der Trennung zustimmen oder nicht. Aber auch sie entscheiden sich in der Regel für einen der beiden Partner, wobei sie sich von der Intensität und Qualität der Beziehungen leiten lassen. Sie bieten Verständnis und Empathie, vermitteln Gefühle der Sicherheit und Geborgenheit, helfen beim Umzug, bei der Arbeitssuche, im Haushalt und bei der Kinderbetreuung, ermöglichen eine befriedigende Freizeitgestaltung und versuchen, neue Partnerschaften zu stiften. Manchmal erleben Getrenntlebende aber auch das Mitleid und die Hilfsbereitschaft von Verwandten und Freunden als übertrieben. Auch fühlen sie sich bald sonderbar in der Gesellschaft von Ehepaaren. So nimmt der Kontakt zu verheirateten Freunden einige Monate nach der Trennung rapide ab (vor allem bei Frauen). Die Getrenntlebenden beginnen, ihr geschrumpftes Netzwerk auszubauen. Sie schließen neue Bekanntschaften, insbesondere mit Singles und Geschiedenen. Dabei ändern sie ihr Selbstkonzept und nehmen sich mehr und mehr als Alleinlebende (beziehungsweise Alleinerziehende) wahr. Zugleich verändern sie ihren Lebensstil, entwickeln neue Lebensziele und -inhalte.
Text Martin R. Textor familienhandbuch.de
Die Scheidungsphase beginnt mit der endgültigen Trennung der Ehepartner und endet mit dem Scheidungsurteil. Sie dauert - von einigen Ausnahmen abgesehen - aufgrund gesetzlicher Vorschriften mindestens ein Jahr. In Einzelfällen kann sie sich auch über (mehr als) drei Jahre erstrecken. Über die Scheidungsphase liegen viel mehr Forschungsergebnisse und klinische Beobachtungen vor als über die Vorscheidungsphase. Generell lässt sich die Scheidungsphase in den Zeitraum nach der endgültigen Trennung und in den Zeitraum um die gerichtliche Scheidung unterteilen.
Die Trennung und die Zeit danach
Zumeist wird die Trennung von der Ehefrau initiiert. In der Regel zieht ein Ehepartner aus der gemeinsamen Wohnung aus und lebt vielfach zunächst in einer provisorischen Unterkunft (zum Beispiel bei Verwandten oder Freunden). Manchmal zieht er in der ersten Zeit mehrfach um, bis er sich schließlich auf Dauer in einem Appartement oder Haus einrichtet. Vereinzelt müssen sich auch beide Partner neue Wohnungen suchen - beispielsweise wenn einer allein die alte nicht finanzieren kann. In einigen wenigen Fällen, die vor allem in Regionen mit Wohnungsknappheit und hohen Mieten vorkommen, sind die Ehegatten zur Trennung "unter einem Dach" gezwungen. Dabei entsteht eine höchst unnatürliche, spannungsgeladene und emotional belastende Situation. Die Getrenntlebenden kommunizieren wenig miteinander, sie geraten immer wieder in Konfliktsituationen. Da sie kaum Abstand voneinander gewinnen, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass sich mit der Zeit eine akzeptable Beziehung zwischen ihnen ausbildet. Leben Kinder in diesen Familien, so leiden sie zumeist stark unter der für sie unverständlichen Situation. Auch werden sie leicht in Konflikte hineingezogen.
Eine Trennung bedeutet für die Ehepartner eine Vielzahl von Veränderungen im psychischen, sozialen, finanziellen und beruflichen Bereich. Lebensweise, Gewohnheiten, Rollen, Selbstbild ändern sich; die interpersonale Umwelt verhält sich ihnen gegenüber anders. Jeder Getrenntlebende reagiert auf diese Veränderungen auf ganz individuelle und einzigartige Weise. Wohl sind viele Reaktionen typisch, sie treten beim einzelnen aber in einer unterschiedlichen Sequenz, Stärke und Dauer auf. Generell werden sie stark von der Art der Trennung bestimmt. So ist von großer Bedeutung, ob diese plötzlich und überraschend oder nach langen Diskussionen und Auseinandersetzungen erfolgte, ob sie einseitig oder gemeinsam entschieden wurde, und ob eine dritte Partei (Liebhaber) beteiligt ist oder nicht. Beispielsweise hat der Initiator der Trennung zumeist weniger Probleme, da er sich die neue Situation gewünscht hat, sich auf sie psychisch einstellen und notwendige Vorbereitungen treffen konnte. Rein emotional kann er sich aber als der "verlassene" Partner erleben, wenn zum Beispiel sein Ehegatte ein außereheliches Verhältnis hatte oder sich aus berufsbedingten Gründen kaum um ihn kümmerte. Dann mag er noch starke Bindungen und intensive positive Gefühle empfinden, also in seinen Reaktionen eher einem verlassenen Partner ähneln.
Da Geschlecht, Alter und die jeweilige Phase des Lebens- und Familienzyklus die Folgen einer Trennung entscheidend beeinflussen, sollen diese Faktoren in der nachfolgenden Darstellung besondere Berücksichtigung finden. Von großer Bedeutung ist ferner, ob in der Familie Kinder leben oder nicht. Im letztgenannten Fall treten zumeist weniger Probleme auf, sind die Getrenntlebenden nicht zu einer weiteren Zusammenarbeit und zur Umstrukturierung ihrer Beziehung gezwungen. Die Folgen der Trennung werden außerdem zu einem großen Teil dadurch bestimmt, welcher Schicht die Familie angehört und ob beide Ehepartner (voll-) erwerbstätig sind oder nicht.
Nach der Trennung haben viele Ehegatten Probleme, das Ende ihrer Ehe zu akzeptieren. Dieses gilt vor allem für Personen, die noch positive Gefühle für ihren Partner empfinden, die die letzten Monate als relativ ruhig erlebten, die nur den Gatten oder einen Dritten für die Trennung verantwortlich machen, die sich in der neuen Situation besonders einsam und unsicher fühlen oder die in ihrem Netzwerk auf viel Kritik stoßen. Selbst der Initiator bezweifelt oft, ob er die richtige Entscheidung gefällt hat. Auch mag er starke Schuldgefühle entwickeln, weil er das Auseinanderbrechen seiner Familie verursacht und den anderen Familienmitgliedern so großen Schmerz bereitet hat. Zumeist verspürt er aber Erleichterung, dass er seine Trennungsabsicht in die Tat umgesetzt hat. Er akzeptiert eher die nun entstandene Situation, sieht seine Zukunft relativ positiv und mag sich sogar auf das Leben als Single freuen.
Besonders schwer fällt es dem Partner, der sich als plötzlich verlassen erlebt, das Ende seiner Ehe zu akzeptieren. Er kann die Entscheidung des Ehegatten nicht nachvollziehen, fühlt sich zurückgewiesen und abgelehnt. Oft verneint er zunächst die für ihn unverständliche Situation, durchläuft dann eine Phase des Protests und versinkt schließlich in tiefer Verzweiflung. Manchmal hofft er auch, durch bestimmte Verhaltensweisen die Zuneigung des Partners wieder zu gewinnen. Wenn dieses nicht gelingt, fühlt er sich machtlos und hilflos. Er kann aber auch mit Wut und Hass reagieren, sich dem Ehegatten gegenüber aggressiv verhalten und ihn bestrafen wollen - wobei er vielfach nicht vor Gewalt und, im Einzelfall, auch nicht vor einem Mordversuch zurückschreckt. Natürlich kann auch der Partner brutal reagieren. So sind viele Kinder Zeugen von Gewalttätigkeiten zwischen ihren Eltern.
Befragt man Erwachsene, welche Gefühle sie nach der Trennung verspürten, so berichten sie von Schmerz, Trauer, emotionaler Erstarrung, Selbstmitleid, Depressivität, Hoffnungslosigkeit, Angst, Unsicherheit, Wut, Hass, Verbitterung, Rachegefühlen, Aggressivität, Minderwertigkeitsgefühlen, Selbstzweifeln, Schuldgefühlen. Zumeist dauern diese Gefühlszustände lange an und wechseln in Art und Intensität. Oft werden auch entgegengesetzte Emotionen erlebt. Die genannten Gefühle führen leicht zu unüberlegtem und irrationalem Verhalten. Die Beschäftigung mit ihnen zieht vielfach die berufliche Leistungsfähigkeit in Mitleidenschaft. Ferner wird häufig von psychischen und psychosomatischen Störungen berichtet. Generell wird von Schlafstörungen, Erschöpfung, Apathie, Nervosität, Reizbarkeit, Kopfschmerzen, Dro. und Medikamentenmissbrauch, erhöhtem Alk. und Nikotingenuss, Depressionen und so weiter berichtet. Nach verschiedenen Untersuchungen sind bei Getrenntlebenden und Geschiedenen erhöhte Selbstmordraten, eine größere psychiatrische Morbidität, eine überdurchschnittlich große Anfälligkeit für Krankheiten und eine höhere Unfallrate festzustellen.
Es ist jedoch zu beachten, dass es neben den beschriebenen negativen Gefühlen und Symptomen auch entgegengesetzte Entwicklungen gibt. Bei vielen Personen kommt es zu einer Zunahme des Selbstwertgefühls, der Zufriedenheit, der inneren Energie und des Gefühls der eigenen positiven Weiterentwicklung, zu einer Verbesserung des Gesundheitszustandes, zu einem Rückgang der Schlafstörungen und zu einer Abnahme von Depressionen. Dies lässt sich auf verschiedene Weise erklären. So ist zum Beispiel die subjektive Bewertung der Trennung im Hinblick auf die eigene Gegenwart und Zukunft von großer Bedeutung. Sieht ein Getrenntlebender die Scheidung in erster Linie als Chance des Neubeginns, so wird er relativ schnell über sie hinwegkommen. Betrachtet er sie hingegen als Verstoß gegen Gottes Ordnung, als Folge des eigenen Versagens oder als Zeichen, dass er unattraktiv und nicht liebenswert ist, so wird er lang an der Trennung leiden. Außerdem bewältigt eine Person diese Situation besser, wenn sie ein großes Repertoire an coping-Strategien besitzt, also schon viele kritische Lebensereignisse erfolgreich angegangen ist. Eine große Rolle spielt auch, inwieweit sie die Trennungssituation als Verbesserung gegenüber der Ehe erlebt. So verschwinden vielfach die in der Vorscheidungsphase erlebten psychischen und psychosomatischen Störungen, da Ehekonflikte, Angst vor dem Partner und ähnliche Belastungen nicht mehr von Bedeutung sind. Manche Getrenntlebende finden auch in einer neuen intimen Beziehung Zufriedenheit und Glück. Hingegen leiden Personen eher unter negativen psychischen Folgen der Trennung, wenn sie frühere Verlusterfahrung unzureichend verarbeitet haben, viel in ihre Ehe investierten, einen großen Statuswert erlebten oder mit den Herausforderungen der neuen Situation nicht fertig werden.
Von großer Bedeutung für das Ausmaß des emotionalen Wohlbefindens nach der Trennung sind ferner die Netzwerkkontakte. Verheimlichen Getrenntlebende ihre neue Lebenssituation vor Freunden, Kollegen und Bekannten, so können sie von diesen keine Unterstützung erfahren und sind in ihrem Schmerz allein. Sind sie Einzelgänger oder verlieren sie mit der Trennung die meisten Freunde und Bekannten, da diese eine engere Beziehung zum ehemaligen Partner haben oder dessen Partei ergreifen, werden sie ebenfalls wenig Rückhalt finden und sich einsam fühlen. Inwieweit sie in einem ausdifferenzierten Netzwerk Hilfe finden, hängt zu einem großen Teil davon ab, ob Verwandte, Freunde und Bekannte der Trennung eher zustimmten oder nicht. Unabhängig von ihrer Haltung ergreifen die Mitglieder der Herkunftsfamilie jedoch in der Regel die Partei ihres Blutsverwandten und helfen ihm - sofern vor der Trennung noch engere Kontakte bestanden.
Bei Freunden und Bekannten ist es zumeist weniger wichtig, ob sie der Trennung zustimmen oder nicht. Aber auch sie entscheiden sich in der Regel für einen der beiden Partner, wobei sie sich von der Intensität und Qualität der Beziehungen leiten lassen. Sie bieten Verständnis und Empathie, vermitteln Gefühle der Sicherheit und Geborgenheit, helfen beim Umzug, bei der Arbeitssuche, im Haushalt und bei der Kinderbetreuung, ermöglichen eine befriedigende Freizeitgestaltung und versuchen, neue Partnerschaften zu stiften. Manchmal erleben Getrenntlebende aber auch das Mitleid und die Hilfsbereitschaft von Verwandten und Freunden als übertrieben. Auch fühlen sie sich bald sonderbar in der Gesellschaft von Ehepaaren. So nimmt der Kontakt zu verheirateten Freunden einige Monate nach der Trennung rapide ab (vor allem bei Frauen). Die Getrenntlebenden beginnen, ihr geschrumpftes Netzwerk auszubauen. Sie schließen neue Bekanntschaften, insbesondere mit Singles und Geschiedenen. Dabei ändern sie ihr Selbstkonzept und nehmen sich mehr und mehr als Alleinlebende (beziehungsweise Alleinerziehende) wahr. Zugleich verändern sie ihren Lebensstil, entwickeln neue Lebensziele und -inhalte.