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Worte, die dich nie erreichen

Uneven

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Hätte man uns damals erzählt, dass ich irgendwann Worte an dich richten würde, die du niemals erhalten wirst...meinst du, wir hätten ihm geglaubt?! Verächtlich geschnaubt hätte ich, du hättest frech gegrinst und wir beide hätten uns mit diesem Blick angeschaut, der immer so direkt ins Herz traf und unumstößliches Wissen über die Unendlichkeit vermittelte.
Wir dachten, wir wussten es besser.
Und waren wir letztendlich nicht genauso dumm wie alle anderen? Waren wir nicht sogar viel dümmer?

Seit einem halben Jahr können wir uns nun nicht mehr in die Augen schauen.
Manchmal war ich an dem Punkt, wo es mir egal war. Manchmal war ich soweit, dass ich es als besser empfand. Manchmal hat es mir das Herz zerrissen. Manchmal dachte ich, das kann nicht sein. Und manchmal war ich so wütend.
Man müsste meinen, alles hätte sich ein wenig beruhigt. Doch abwechselnd kehren alle Gefühle in schlicht unregelmäßigen Abständen wieder und überfallen mich in einigen Momenten, so überraschend und hinterhältig, wie die Schlange, die mit einem unhörbaren, dennoch verheerenden Zischen hinter dem Stein gelauert hat, um die Maus letztendlich blitzschnell zu schnappen, sich um sie zu schlingen und sie dann eines langsamen Todes sterben zu lassen. Hin und wieder entkommt die Maus ganz knapp, kann gerade noch so weglaufen, die List der Schlange hinter sich lassend. Jedoch genau wissend, dass hinter jeder Ecke, jedem Stein neuerliche Gefahr lauert. Manchmal schnappt die Schlange ganz schön zu. Droht, die Maus zu fressen. Lässt sie am Ende vom Kampf geschwächt mit Würgemalen und ausgerissenem Fell liegen.
Und manchmal, manchmal kündigt es sich vorher an, wie ein Sommergewitter. Der Himmel zieht ein wenig zu, bis er bedrohlich dunkel wirkt und das Grollen in der Ferne bereits einen Sturm erahnen lässt. Dann lässt man es auf sich zukommen. Sucht sich Unterschlupf, versucht, größere Schäden zu vermeiden, bis der Sturm vorübergezogen ist.

Was soll ich sagen. Es lässt mich nicht so ganz los.
Es bricht immer mal wieder über mich herein. Dann denke ich, wie dumm ich war. Wie dumm wir beide waren.

Ich hatte große Angst vor dem Winter. Der erste Winter ohne dich. Wie würden die ewig langen Nächte werden? Wie würde es ohne dich in unserer Wohnung sein? Wie sollte ich die Kälte draußen mit meiner inneren Kälte kompensieren?
Es kam alles anders, als ich vermutet hatte. Ich erlebte so viel Neues, machte das Beste daraus und hatte den wahrscheinlich spaßigsten Winter meines Lebens. Du hast keine große Rolle mehr gespielt. Du warst weg, so viel Neues war da, was mit innere Wärme spendete.
Aber manchmal fürchte ich, das konnte nicht halten.
Es ist März und der Frühling steht vor der Tür. Es verspricht ein ereignisreicher Sommer zu werden. Und doch, wie bereits letztes Jahr, kommen mit den ersten warmen Strahlen, den ersten Blumen, der neu erwachenden Welt alle Erinnerungen hoch. Sonne erinnert mich an dich. An die herrlichen Tage vor 2 Jahren. Diese Tage voller Glück, voller Sehnsucht. Unseren traumhaften Sommer zu zweit. Dann hab ich manchmal Angst, dass das nie aufhört. Dass ich einfach nicht verarbeiten kann. Ich will es nicht mal vergessen, dafür war es zu schön. Aber ich möchte so gern damit umgehen können. Manchmal frage ich mich, ob du noch manchmal an uns denkst? Ich hab gehört, du bist noch immer mit deiner Freundin zusammen. Ich frage mich, ob du glücklich bist. Ich würde es dir gönnen. Natürlich käme ich nicht umher, ein bisschen Neid in mir auffunken zu lassen. Nicht auf dich, ich möchte noch immer, dass es dir gut geht, dass du dein Glück findest. Aber auf sie.

Wenn ich an die Wohnung denke, dann wird mir manchmal kurz ganz übel. In meinen Gedanken ist sie immernoch manchmal „unsere“ Wohnung und dann will ich mich korrigieren, und kann es nicht. Da wohnt nun irgendein Typ, der zwar klasse ist – aber was hat der in unserer Wohnung zu suchen? Was machen die da alle? Sollten nicht an der Stelle, wo sein Schreibtisch nun steht, immernoch wir beide vom Sonnenschein geweckt werden? Sollten wir nicht da, wo er nun schläft, bei offenem Fenster auf deinem Sofa sitzen, du spieltest Gitarre und ich würde mit dem Hund daneben liegen und den Klängen lauschen? Sollten wir nicht eigentlich in der Küche, die mittlerweile zur Hälfte aus leeren Wodkaflaschen besteht, bei lauter Musik kochen und lachen? Sollte im Bad statt der Fußballzeitschrift nicht dein Pflanzenmagazin und dein Soundtechnikkatalog liegen? Sollten da nicht statt Boards und Bikes Gitarren und Drums rumstehen? Solltest nicht eigentlich du nach Hause kommen, und nicht er?

Es ist seltsam. Manchmal denke ich, dass es jetzt noch weniger ein Zuhause ist, als es je war.
Und du? DU hast wieder eine Wohnung, hab ich gehört. Gefällt´s dir da? Vermisst du unsere verrückte Bude manchmal?

Weißt du...was mir wirklich manchmal Angst macht, ist, dass unsere Liebe mich so sehr berührt hat, dass sie mich irgendwie prägte.
Ich lerne so viele Leute kennen. So viele Männer, die mich bewundern, die sicher eine Beziehung mit mir eingehen würden.
Aber ich kann das nicht mehr. Ich kann keinen von ihnen tatsächlich respektieren.
Weil keiner ist, wie du.
Ich frage mich manchmal, ob du es bist, den ich immernoch liebe, oder die Illusion, die ich von dir, oder von uns, habe.

Der Mensch, der du am Ende warst – den habe ich nicht mehr geliebt. Aber ich habe auch die Person nicht mehr lieben können, die ich am Ende war. Und so schloss sich eins mit dem anderen aus. Wir taten uns nicht mehr gut, haben uns zu fürchterlichen Bestien gemacht, die ohne Skrupel dem weh tun konnten, was sie am meisten geliebt hatten.

Wenn ich mich betrachte, dann tat es mir sehr gut, dass du nicht mehr da warst und ich nicht mehr das sein konnte, was aus mir geworden war. Ich musste mich neu definieren, teilweise habe ich mich alt definiert. Und das musstest du sicher auch. Ich frage mich nur manchmal, wie das aussieht. Bist du auch wieder mehr der Mensch, der du früher warst? Wie wäre es, wenn wir uns treffen würden, und ganz vorurteilslos aneinander heran treten würden?
Würdest du deine alte P. wiedererkennen? Wärst du wieder mehr der alte K.? Wären wir irgendwie wieder die Menschen, die damals die Welt füreinander bedeutet hatten?

Ich frage mich manchmal, was du jetzt von mir denken würdest. Ich bin so anders. Nichts davon hab ich für dich getan, da ich irgendwie ahnte, dass du keine Rolle mehr in meinem Leben spielen würdest, und ich in deinem sowieso nicht. Ich habe das alles für mich getan, und kam irgendwie so nah an die Person zurück, die ich damals für dich war. Die Person, von der du immer gesprochen hast, wenn du sagtest: „Die P., in die ich mich verliebt habe“. Ich wusste immer nicht ganz, was du meinst und war ein wenig beleidigt. Heute weiß ich es genau.
Darüber hinaus habe ich nun so viele Eigenschaften mehr – gute und seltsame. Wie würdest du sie wohl finden?

Ich bin wieder lustig und fröhlich, wie damals. Ich stecke wieder so voller Energie und Tatendrang. Von dem lethargischen Haufen ist nicht mehr viel da. Ich habe viele Dinge angepackt – ich lerne E-Gitarre, hab mich am Bass versucht, bin aufgetreten. Bin jetzt mehr in der Metalszene unterwegs, steh aber immernoch mehr auf Punkrock. Ich bin noch immer so grundehrlich und sage meine Meinung. Spanisch fang ich jetzt im Sommersemester an, bei Latein bin ich dabei. Mit Tanzen hab ich angefangen – schlag mich zwar eher schlecht als recht, aber was zählt, ist ja die Sache an sich. Ich kenne viele Leute in der Uni, mit denen ich viel mache. Überhaupt habe ich mittlerweile überall Freunde und Bekannte, so wird’s nie langweilig. In London war ich, bin dort ganz allein losgezogen, hab viel erlebt. Hab mir einiges getan, einige Wunden vom Feiern davon getragen....aber egal.

Ich würde eines Tages gern alles hinter mir lassen. Nicht mehr dieses Gefühl haben, wenn ich an dich denke. Dass da noch irgendwas im Raum steht. Ich würde es so gern irgendwie als friedlich beendet sehen. Aber das kann ich nicht. Wir haben uns im Streit getrennt, und das nagt an mir. Nur würde ich mich nicht trauen, dich darauf anzusprechen. Du bist sicher glücklich, und hasst mich noch immer zutiefst. Für dich würde es wahrscheinlich nichts ändern. Für dich ist es wahrscheinlich egal.

Und doch würde ich mir wünschen, dass wir uns eines Tages alles erzählen. Dass ich dir sagen kann, dass es mir Leid tut, was aus uns geworden ist. Würde dir gern erzählen, wie alles für mich war, und was noch wichtiger ist: Würde so gern hören, wie es für dich war. Weil ich erst jetzt in der Lage bin, mich tatsächlich in die hinein zu versetzen, ohne dabei nur an mich zu denken.

Manchmal habe ich die Utopie, dass du mich in vielen Jahren nicht vergessen konntest. Und ich dich nicht. Weil wir das hatten, was man gesellschaftlich als „große Liebe“ bezeichnen würde. Weil wir absolut alles füreinander waren. Und wir uns wiedersehen, und es ist wie immer. Dass es so ist, wie damals. Dass du mich mit diesen Augen ansiehst, und das in mir erkennst, was ich wieder bin. Dass wir uns erstmal wieder in die Augen schauen können.

Das wird nicht passieren. Das wäre auch fatal. Ich denke meine Umwelt würde mich schlachten, würd ich mich nochmal auf dich einlassen. Und du tatst mir am Ende nicht gut.
Aber solang da noch so etwas ist, was an Liebe erinnert, werde ich vielleicht vorerst nicht loslassen können und mich mit kleinen Hoffnungskeimen bezüglich der nicht eintreffenden Zukunft über Wasser halten. Weil du immernoch meinem Traum entsprichst. Weil die Sonne mich immernoch an dich erinnert. Und weil ich immernoch deinen Geruch in der Nase habe, wenn ich an dich denke.

02.05.2012 20:13 • x 2 #1


Milka


Wow teile kommen mir bekannt vor...

Das ist schon komisch, dass man manchmal erst wieder zu der person wird ,die man zu beginn war, wenn der andere gegangen ist....

Warum ist das so, frag ich mich

02.05.2012 20:29 • #2




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