Blanca
Mitglied
- Beiträge:
- 7300
- Themen:
- 30
- Danke erhalten:
- 13701
- Mitglied seit:
Kapitel 1: Der Bruch
Seit unserer Kindheit waren wir Nachbarn und so wuchsen wir in derselben Straße auf. Du warst etwas jünger als ich, daher gingen wir nicht in die gleiche Klasse, aber wir haben regelmässig zusammen gespielt, was zusammen unternommen, etc.
Auch nach der Schulzeit blieben wir miteinander in Kontakt, obwohl ich in eine andere Stadt gezogen war.
Irgendwann war ich verheiratet und Du in einer festen Lebensgemeinschaft, also sahen wir uns nur noch alle paar Wochen und das jetzt zu viert. Diese gemeinsamen Nachmittage verliefen ruhig, aber angenehm: nach wie vor genoß ich Deine Gesellschaft und auch Deinen damaligen Lebenspartner mochte ich gut leiden.
Dann kam eines Tages der Cut und zwar wie aus dem Nichts:
Wir waren wieder einmal in Deiner Stadt und dort bei meinen Eltern zu Besuch; ich rief an, um ein Treffen mit Euch zu vereinbaren. Es ist jetzt fast 3 Jahrzehnte her, daher erinnere ich nicht mehr die genauen Worte, nur daß Du erst meintest, heute gehe es schlecht und dann immer ausweichender wurdest, als ich Dir sagte, wir könnten diesmal auch gern einfach nur kurz bei Euch an der Haustür Halt machen (ich hatte Dein - nachträgliches - Geburtstagsgeschenk dabei und wollte es Dir gern noch überreichen) - mein Mann und ich würden dann weiter ins "Dorf" gehen. Daraufhin kam von Dir wie aus der Pistole geschossen, Ihr wärt bei Deiner Mutter zum Mittagessen eingeladen und müßtet deshalb jetzt schon los.
Eigentlich hättet Ihr uns unterwegs begegnen müssen, doch Ihr nahmt einen Umweg - meine Eltern erzählten mir später, als wir aus dem "Dorf" retour kamen, sie hätten Euch noch nebenan eintreffen sehen, kaum daß wir selbst dorthin losgegangen waren. Auch sie fanden das sehr merkwürdig - Ihr hattet einen Umweg nehmen müssen, um uns eben nicht zu begegnen.
Danach war Funkstille - bis heute. Weder rief ich Dich nochmal an, noch kam von Dir irgendetwas.
Erst war ich verwirrt, dann konsterniert deswegen. Unsere letzten Treffen waren stets locker verlaufen: kein Streit, keine Auseinandersetzungen, keine blöden Sprüche. völlig unaufgeregt und harmonisch. Ich war mir keiner Schuld bewußt und auch mein Mann meinte, er könne sich Deine plötzliche Ablehnung überhaupt nicht erklären, sei doch alles wunderbar gewesen.
Eine ganze Zeit später waren wir nochmal in meiner Heimatstadt und aus irgendeinem Grund ging mein Mann allein ins "Dorf" - ich weiß den Anlass nicht mehr. Als er zurückkehrte in mein Elternhaus, wo ich mich derweil weiter aufgehalten hatte, da erzählte er mir, er sei Deinem Freund über den Weg gelaufen dort. Der habe sich über die Begegnung gefreut und ihm erzählt, daß Ihr inzwischen getrennt wärt, aber noch guten Kontakt miteinander haltet. Auch, daß er eine neue Arbeitsstätte und eine eigene Wohnung gefunden habe - Anschrift und Telefonnummer hatte er meinem Mann mitgegeben, wir sollten uns doch mal melden. (Tat ich nicht, aus Rücksicht auf die ungeklärte Situation mit Dir.)
Und dann sagte mein Mann, er habe ihn gefragt, was denn nur los sei zwischen Dir und mir so auf einmal. Dein Ex habe erwidert, ihn habe das auch sehr gewundert und irgendwann habe er Dich auch darauf angesprochen. Doch Du hättest "merkwürdig" reagiert - so sehr, daß er nicht weiter habe nachbohren wollen. Seither sei das Thema tabu geblieben.
Einige Zeit später fragte auch meine Mutter deswegen nochmal bei mir nach. Ich sagte ihr, ich wisse nach wie vor nicht was los sei, aber da ich nicht diejenige war, die den Kontakt bewusst (!) beendet habe, sei ich auch nicht dafür zuständig ihn wiederherzustellen, zumal ich die Art seines Abbruchs dann doch irgendwie unreif fand. Sie erzählte mir dann, daß sie mal bei Deiner Mutter deswegen nachgefragt hatte - gleiche Antwort wie bei deinem Ex: Du hättest "merkwürdig" reagiert und seither hatte das Thema sich erledigt.
Zu jener Zeit grüßte Deine Mutter mich noch, wenn ich sie schon mal im Vorgarten sah, auf dem Weg zu meinem Elternhaus gleich nebenan. Deinen Vater sah ich nur noch ein Mal, eine Zufallsbegegnung auf dem Weg zur Bushaltestelle; er reagierte auf meinen Gruss damals sehr herzlich. Leider ist er vor ein paar Jahren verstorben.
Auf dem Friedhof war es dann auch, kurz nach seinem Tod, daß ich Dir Jahre später doch nochmal persönlich begegnet bin. Ich war dort, um u.a. das Grab meines eigenen, Jahre zuvor bereits verstorbenen Vaters zu besuchen. Auf dem Hinweg kamen Deine Mutter und Du mir entgegen, an Deiner Hand ein Kind von vielleicht 4-6 Jahren: augenscheinlich Deine Tochter, so ähnlich schaute sie Dir.
Ich hatte nicht vor Euch aufzuhalten, habe aber im Vorbeigehen reflexartig gegrüßt. Und da begab es sich, daß Ihr beide mich etwas arg abschätzig gemustert habt - um dann recht zügig und vor allem grußlos (!) an mir vorüberzugehen.
Ich war erneut konsterniert, mochte aber vor dem Kind und auf einem Friedhof keinen Palaver deswegen anfangen und so zuckte ich einfach nur müde die Achseln und ging weiter, ohne mich darüber ärgern zu wollen. Dennoch. meine innere Stimme. sie meldete mir leise, daß da irgendetwas ganz böse aus dem Ruder gelaufen ist.
Nur was? Ich fühlte mich immer noch unschuldig, hatte Dir doch nie etwas Böses gesagt oder zugefügt.

?