Das erste Mal Berlin!
Das hat sich mir eingeprägt, denn in diesem Jahr (2011) ging es mir nicht gut. 2010 Beziehung zerbrochern und ich war noch längst nicht darüber hinweg. Zwar gab ich mir sehr viel Mühe, mehr allein zu unternehmen, was auch gelang, aber dann stand dieser Kongress meiner Berufssparte an und zwar in Berlin.
Bundeshauptstadt, riesig groß, unüberschaubar, allein der HBF würde mich überfordern, ich werde mich dauernd verlaufen oder nicht zurückfinden, ich werde abends allein in meinem Hotelzimmer sitzen und mich einsam und traurig fühlen. Tausend Bedenken, dass ICH Berlin keinesfalls bewältigen werde. Ich hatte schon Angstgefühle wenn ich daran dachte. Ich Provinzpflanze aus einer Stadt mit 40.000 EW in Berlin - es würde eine Katastrrophe werden. Wie sollte ich überhaupt zum Kongress finden? Und dann die U-- und S-Bahnstationen mit je 4 Ausgängen, halleluja!
Die Lösung bestand darin, einfach nicht hin zu fahren, es war ja alles freiwillig. Die bequeme Lösung.
Tja, die Gedanken sprangen hin und her. Sollte ich nun fahren und mich trauen oder einfach zu Hause bleiben im gewohnten Nest? Zwei Pole stritten in mir zwischen "ach, ich bleib lieber da" und "du bist ein jämmerlicher Feigling und kneifst. Eine Stadt wie jede andere, aber klar, es war ja schon immer so, du hast einfach Angst. So wie immer schon, Du elender Angsthase! Und hinteher ärgerst du dich über dich selbst, wenn dir andere erzählen, das es ganz toll.war. Ja, für die anderen vielleicht, aber doch nicht für mich!". Für mich war in dieser Zeit gar nichts toll, ich war froh, dass ich mich halbwegs stabilisiert hatte.
Der innere Dialog beschäftigte mich immer wieder, zumal ich wahrscheinlich den Ex. dort auch antreffen würde. Was würde das mit mir machen? Wie würde ich das verkraften? Wahrscheinlich gar nicht.
Und immer wieder: Du gibst dem inneren Schweinehund nach und ob der Ex. da ist oder nicht, kannst du nicht beeinflussen.
Und wenn er dort ist was ich im Teilnehmerverzeichnis sehen würde und ich würde nicht fahren, würde ich mich selbst schimpfen wegen "Feigheit vor dem Feind" und Angst vor negativen Gefühlen.
Das musste ein Ende haben. Eines Montags meldete ich mich an. Uff, nun gab es kein Zurück mehr. Wo sollte ich übernachten? Am besten zentral auch wenn der Kongressort nicht in Berlin/Mitte lag. Wenn schon, denn schon. Also ein Hotel am Alexanderplatz. Das "Problem" mit dem HBF würde sich schon lösen. Ich studierte vorher den Weg vom Hotel zum Kongressort (eine gute halbe Stunde, eher mehr).. Was würde ich abends machen? Ich schaute mir die Netzpläne an und ich machte mir für den Kongress abends kein Programm. Ich blieb 2 volle Tage länger, wenn ich schon mal da war. Es würde sich schon was ergeben.
Und dann ging's los. Ein paar Stunden Zugfahrt, was natürlich kein Problem war. Aber dann der HBF. Es hatte geheißen, der Zug käme im HBF "Tief" an. Ja, Tief passte zu mir, denn von einem Hoch war ich noch ziemlich entfernt. Folge den anderen, ganz einfach. Dann zu den Gleisen weiter oben. Wo waren die verdammten S-Bahn-Gleise? Dort ist eine BVG-Verkaufsstelle, also frag dort. Es war alles easy.
Was mir noch Sorge machte, war der Weg von der S-Bahn zum Hotel. Wieder löste sich alles von selbst. ich sah das Hotel im Vorbeifahren und wusste links hinten musst du die S-Bahn verlassen. 5 Minuten später war ich im Hotel.. Mann, das war ja alles einfach!
Ich packte meine Sachen aus und machte mich auf dem Weg zum Kongress. Wie bitte sollte ich denn dann von der S-Bahn zum Kongressgebäude finden? Theoretisch wusste ich es, aber praktisch sieht es ganz anders aus. Folge den Menschen die aussehen als würden sie zum Kongress gehen. Es war wieder einfach.
Orientierung im Gebäude war für mich schwierig und ist es immer noch, aber damit bin ich nicht allein. Ich traf Kollegen. Abends würde die Eröffnungsveranstaltung im Konzerthaus am Gendarmenmarkt stattfinden. Unglaublich, ich fand auch dorthin, traf Kollegen und hatte Spaß. Hinterher Häppchen und Wein. Es gefiel mir, war erst mit Leuten zusammen die ich kannte und traf an der Weintheke einen ehemaligen Chef zufällig wieder. Wir hatten uns Jahre nicht gesehen, sprachen, lachten und er machte mich einer Kollegin aus Düsseldorf bekannt. ich blieb meiner Truppe fern und redete mit den beiden. Irgendwie kam uns mein Chef abhanden und wir setzten uns auf die Stufen draußen, sprachen über dies und das und es stellte sich heraus, dass sie auch beim Alex wohnte. Ein gemeinsamer Heimweg war dann schon mal vorgesehen. Dann trabte mein Ex-Chef wieder an und wir spotteten ein wenig und fragten, mit welchen Damen er jetzt wohl geflirtet hatte und wieso er sich einfach von uns entfernt hatte! Er lud uns auf einen Espresso ein, eine Bar hatte noch offfen.
Ich war happy und hatte mich mit M. für den letzten Kongresstag verabredet. Wir fuhren mit der Linie 100 zum Savigny-Platz und aßen Eis. Vorher war ich auf dem Turm am Alex und hatte Glück, es war wenig los.
Tagsüber Kongress und abends ergab sich was. Wir fuhren zu dritt oder zu viert nach Köpenick, weil wir glaubten, dass wir dort was anschauen müssten. Es hatte sich nicht rentiert, wir stiegen erst in die falsche Ringbahn ein bis wir lachend merkten, dass wir in die falsche Richtung fuhren. Egal, danach wollten sie noch in die Hacke'schen Höfe. Das war ja bei mir um die Ecke und schon hatte ich ein nettes Abendessen in den Höfen und war danach sehr bald "zu Hause".
Am nächsten Abend Kongressparty in einem ehemaligen Umspannwerk in Kreuzberg. Ich fand auch dorthin, fand nur die U-Bahn-Station am Kotti befremdlich. Mann, sah es da aus! Großstadt halt. Ich lernte auf der Party einen neuen Kollegen kennen und fand mich auf der Tanzfläche wieder. Wo er wohnen würde? Am Alex. Nicht zu glauben, ich würde eine Begleitung abends nach Hause haben.
Dann noch 2 Tage frei. ich ging zum Roten Rathaus, fand irgendwie zur Spree wo ein Schiffchen stand, das eine längere Rundfahrt anbot. Nichts wie hin! Tag 2 bummelte ih rum, fand einen Modeladen in dem ich mich umschaute und quatschte mit der Verkäuferin mit eisblauem Lidschatten. Sie würde in Kürze 3 Monate mit ihrem brasilianischen Freund nach Brasilien reisen. Toll, das wird bestimmt spannend. Für Abends hatte ich eine Konzertkarte gekauft.
Es ergab sich so viel wie von selbst. Als ich heim fuhr, hatte ich einen neuen Mantel an aus dem bewussten Laden und war mega-glücklich. ich war so begeistert, es hatte sich alles gefügt, es war abwechslungsreich und erlebnisreich gewesen. Und ich hatte etwas bekommen was dringend notwendig war: Einen Schub für mein lädiertes Ego!
Ich konnte es auch, es war doch alles so easy gewesen. Ich schrieb einer Freundin: Liebe U, ich fahre gerade nach Hause. A (der Ex) war nicht da, worüber ich überhaupt nicht traurig war. ich war froh, diese Trantüte nicht zu sehen. Berlin war mein Freischwimmer!
Jetzt, Jahre später erinner ich mich gerne daran, dass Berlin eine innerliche Wende in mir auslöste. Diese Stadt liebe ich und fahre immer wieder hin. Und es ist jedes Mal wieder aufregend. Ich habe mittlerweile vieles gesehen, aber noch mehr noch nicht, denn Berlin ist unerschöpflich. Ein Freund sagte, dass er niemals nach Berlin fahren würde! Niemals!
Ich lachte und sagte, stell dir vor, in Berlin gibt es auch ganz normale Menschen die ihrer Arbeit nachgehen und dort leben. Es geht, es gibt nicht nur Verrückte dort wie man oft glaubt. ich habe in Berlin schon nette Menschen kennengelernt. Einfach so. Die Verkäuferin in der Boutique mit der ich bestimmt eine halbe Stunde sprach, einen älteren Mann in einer Kirche, der mir erzählte, was er hier mache und warum diese Kirche eine besondere Bedeutung für ihn hat, eine Krankenschwester auf einem Konzert im Konzerthaus am Gendarmenmarkt . . Und manchmal lerne ich niemanden kennen und das macht mir auch nichts aus. ich fühle mich immer wohl dort, mag das Getriebe, aber auch die ruhigeren Ecken, mag das "Berliner Ensemble" wo ich toll inszenierte Schauspiele gesehen habe, mag die Architektur, die Museumsinsel und wenn irgendwo Dreck liegt, sage ich mir, ist halt so. Es gibt hier alles und das gefällt mir.
Manchmal schenkt dir das Leben in einem Tief genau das, was du brauchst. Du musst dich nur trauen es in Angriff zu nehmen.