Mal jenseits von Filmen und Romanen, die ja nun mal eben nicht die Wirklichkeit widerspiegeln – und insbesondere Affären liefern einen arg dramatisierten und romantisierten Stoff für Autoren

– habe ich noch nie von einer Affärenfrau gelesen, dass sie eine "eheähnliche" Affäre hätte. Das wäre auch irgendwie ein absolutes Paradoxon, denn eine Affäre lebt ja nun mal von genau dem Gegenteil dessen, was eine Ehe/Langzeitbeziehung ausmacht.
Eine Affäre lebt von Unsicherheit, Distanz, Unerreichbarkeit. All diese Dinge, die die Leidenschaft schüren. Eine Ehe/Langzeitbeziehung aber lebt von Nähe, Intimität, Sicherheit. All diese Dinge, die partnerschaftliche Liebe erhalten und stärken, aber leider Gift für die Leidenschaft sind.
Beides in einem ist so gut wie nicht machbar, das wissen wir inzwischen. Das Problem ist aber, dass wir alle gern beides wollen, und zwar am liebsten mit einem Menschen bis ans Lebensende. Wir wollen also etwas, das es offenbar gar nicht geben kann. Die einzigen, die in so einer Konstellation tatsächlich alles haben, sind die Affärenmänner

Kein Wunder, dass die an diesem himmlischen Zustand nichts ändern wollen! Würde ich auch nicht wollen

Und so kommt es, dass die Affäre aber plötzlich auch die partnerschaftliche Liebe will - was eine Beziehung bedeuten würde, damit wäre aber natürlich die Affäre "tot". Und die Ehefrau möchte nicht nur die partnerschaftliche Liebe, sondern auch die Leidenschaft. Manchmal bekommt sie die ja temporär auch wieder, wenn die Affäre auffliegt. Denn dann herrscht plötzlich wieder die für Leidenschaft notwendige Distanz und Unsicherheit in der ansonsten sehr engen Ehe.
Und so wissen die Männer wie so oft besser Bescheid als die Frauen. Sie wissen, dass die partnerschaftliche Liebe, die Vertrautheit, die Sicherheit, die Intimität, mit der bestehenden Ehefrau prima ist und auch bestens funktioniert. Sie wissen, dass die Ehefrau loyal ist, dass sie ihren Mann erträgt trotz all seiner Macken, sie wissen, dass sie nicht schreiend wegläuft, wenn das Leben mal stürmisch wird, sondern neben ihm steht und ihn unterstützt. Das alles wissen sie von der Affärenfrau nicht, ganz im Gegenteil. Durch die ständige Distanz und Unsicherheit, schließlich ist eine Affäre unverbindlich und die Affärenfrau könnte jederzeit wortlos verschwinden, kann absolut keine partnerschaftliche Liebe entstehen.
Und da Männer ihre Frauen in partnerschaftlicher Liebe lieben, sind sie ihnen gegenüber auch loyal. Was zwangsläufig dazu führt, dass die Affäre gehen muss, wenn sie auffliegt. Denn Loyalität ist ein Merkmal der partnerschaftlichen Liebe, und die Loyalität ist nun mal eben der Ehefrau vorbehalten.
Deshalb ist es meiner Meinung nach Unsinn, aus einer Affäre eine Beziehung machen zu wollen (ja, ich weiß, jeder hat seine eigene Geschichte und so weiter, aber ...)
Erstens würde genau all das, was die Affäre so besonders gemacht hat, in einer Beziehung verschwinden und verpuffen (wie schade!). Zweitens sucht man sich eine Affäre nach anderen Mustern aus als eine Beziehung, das vergisst frau wohl nur zu gern währenddessen. Eine Beziehung gehe ich ein mit einem Menschen, der mir ähnlich ist, der meine Werte, meine Lebenseinstellung, meine Interessen teilt. Schließlich ist das Ziel die partnerschaftliche Liebe, da kann ich als Pedant mit Ordnungsfimmel keinen Chaoten gebrauchen. In einer Affäre jedoch sorgt genau diese Unterschiedlichkeit für den Zunder, für zusätzliches Feuer.
Ich glaube manchmal einfach, dass Männern dieser Unterschied zwischen leidenschaftlicher Liebe und partnerschaftlicher Liebe klarer ist und sie das besser trennen können. Vielleicht, weil sie von Kindesbeinen an mit der Madonna-H ure-Thematik aufgewachsen sind und daher diese zwei Formen der Liebe einfach kennen. Irgendwie liegt ihnen das im "Blut", und sie wissen das besser zu unterscheiden. Während Frauen am liebsten "two in one" haben möchten und ungern einsehen, dass das ganz einfach dauerhaft nicht zu erreichen ist.
Für mich die eigentlich spannende Frage ist, warum man nicht auch in einer Langzeitbeziehung besser beide Formen der Liebe vereinbaren kann, ohne dass die Partner, die sich auch die leidenschaftliche Liebe wünschen gezwungen sind, auszubrechen. Es gibt ja durchaus Modelle dafür, und ja, auch eine Affäre mit mehr gelebter partnerschaftlicher Nähe - ganz sicher nicht eheähnlich, Blanca, das erwartet wohl auch niemand in so einer Konstellation, aber alltagstauglich - ist so ein Modell. Das "alte" Modell - dauerhaft auf die leidenschaftliche Liebe zu verzichten, und dafür bis zum Lebensende mit der partnerschaftlichen Liebe vorlieb zu nehmen - ist offenbar nicht mehr zeitgemäß.