Ich schreibe hier, weil ich mir vor allem die Perspektive von Frauen wünsche, die vielleicht schon einmal etwas Ähnliches erlebt haben.
Meine Partnerin und ich sind seit 1,5 Jahren zusammen. In den letzten Wochen ist bei uns allerdings sehr viel zusammengebrochen. Der wohl schwerste Punkt war eine ungeplante Schwangerschaft und der gemeinsame Entschluss zu einem Schwangerschaftsabbruch.
Gerade in dieser Zeit hätte ich für sie emotional und praktisch da sein müssen. Stattdessen war ich viel zu sehr in meinem Business gefangen, nicht aufmerksam genug und habe sie in einer Situation, in der sie mich wahrscheinlich mehr gebraucht hätte als jemals zuvor, allein gelassen.
Zusätzlich gab es Missverständnisse, Verletzungen und Verhaltensweisen von mir, durch die ihr Vertrauen in mich immer weiter beschädigt wurde.
Ich möchte das nicht schönreden und auch nicht erklären, um mich damit zu entschuldigen.
Rückblickend erkenne ich heute bei mir Muster, die deutlich älter sind als unsere Beziehung. Ich habe sehr früh gelernt, vieles mit mir selbst auszumachen, emotional zu funktionieren, Probleme über Leistung zu lösen und mich stark über Arbeit und Produktivität zu definieren. Bei mir war im Unterbewusstsein der Glaubenssatz "nur wenn ich etwas leiste, bin ich genug". Deswegen hab ich mich vor allem dieses Jahr so heftig in Arbeit gestürzt und bin später nach Hause gekommen. Und auch wenn ich zwar physisch anwesend war, war ich mental abwesend, nicht bei ihr, nicht im Moment, sondern bei der Arbeit.
Ironischerweise hatte ich ungefähr 2 Wochen vor dieser Krise begonnen, mit einem Mindset-Coaching sehr intensiv an genau diesen Themen zu arbeiten.
Anfang August, als das Coaching losging, hat sie mir auch erzählt, dass sie als Kind vom Opa und Halbbruder sexuell missbraucht wurde und das Trauma durch die Serie Off Campus damit nochmal hochkam. Sie klammert sich aktuell sehr an diese Serie. Wir haben sie auch zusammen geguckt. Wie die Kerle dort mit Frauen umgehen ist wundervoll und ein echtes Beispiel dafür, wie das eigentlich gemacht werden muss. Es ist sehr heilsam für sie.
Nun. mir sind mir in kürzester Zeit Zusammenhänge aufgefallen, die ich vorher entweder überhaupt nicht gesehen oder nicht wirklich verstanden habe.
Ich habe inzwischen meine Muster erkannt (habe auch das Problem gehabt, keinen echten Zugang zu meinen Emotionen zu bekommen - es war als bin ich innerlich tot gewesen). Durch den Egobruch und die Arbeit an mir hat sich im Nervensystem tatsächlich was getan und ich spüre zum ersten Mal seit langer Zeit wieder überall etwas, kann es deuten, lokalisieren und benennen. Ich sehe meine Partnerin zum ersten Mal wirklich richtig in ihren Bedürfnissen, statt die Situation nur durch meine eigene Perspektive zu betrachten – einfach, weil ich wirklich IM MOMENT bin, anwesend, sie wirklich sehe und für sie da bin.
Das macht die Sache für mich allerdings nicht einfacher.
Denn diese Erkenntnisse kommen zu einem Zeitpunkt, an dem bei ihr bereits sehr viel kaputtgegangen ist.
Und gleichzeitig ist dabei auch etwas in mir selbst zerbrochen, das wahrscheinlich zerbrechen musste: mein Ego.
Die Vorstellung, ich hätte alles im Griff. Die Naivität, zu glauben, ich wäre ein echter Gentleman, nur weil ich mal die Tür aufhalte. Dass gute Absichten ausreichen. Dass Liebe allein bedeutet, automatisch ein guter Partner zu sein. Dass man Dinge später schon irgendwie wieder geradebiegen kann.
Ich sehe heute vieles an meinem eigenen Verhalten, das ich vorher nicht sehen konnte.
Meine Partnerin ist momentan emotional sehr distanziert. Nähe ist teilweise möglich, aber ich merke deutlich, dass sie mir gegenüber nicht mehr dieselbe Sicherheit empfindet wie früher. Das habe ich akzeptiert und ist für mich vollkommen verständlich.
Und genau das ist wahrscheinlich das, was mich am meisten beschäftigt.
Nicht die Frage, wie ich sie „zurückbekomme“.
Sondern ob ein Mensch, dessen Herz man selbst gebrochen und dessen Vertrauen man massiv beschädigt hat, einen irgendwann wieder mit anderen Augen ansehen kann.
Natürlich weiß ich, dass Veränderung nicht nach zwei Wochen Arbeit an sich selbst bewiesen ist. Worte sind an diesem Punkt ziemlich wertlos. Wenn überhaupt, kann ich ihr nur über Monate und Jahre durch mein Verhalten zeigen, dass die Erkenntnisse wirklich etwas verändert haben.
Ich weiß auch, dass sie mir nichts schuldet. Keine zweite Chance, keine Vergebung und auch keine Geduld mit meinem Entwicklungsprozess.
Warum ich diese Frau so liebe und warum mir das Thema hier gerade so unfassbar wichtig ist, ist, dass wir extrem viele Schnittmengen haben, wir (nach unseren beider Human Designs extrem gut zueinander passen, was in der Form, wie wir es haben, wohl selten ist) und wir uns zusammen echt gut ergänzt und Wohlgefühlt und unser Leben bereichert haben (abgesehen davon, dass mein inneres Kind die Muster gezeigt hat und das es ist, was sie zerbrochen hat). Und weil sie vor zwei Tagen erst sagte, egal was passiert und wie sich alles entwickeln wird, bin ich ihr nach wie vor unfassbar wichtig und sie möchte mich weiterhin in ihrem Leben haben.
Trotzdem würde mich besonders die Erfahrung von Frauen interessieren, die einmal an einem ähnlichen Punkt standen.
Gab es bei euch eine Beziehung, in der euer Partner euch sehr tief verletzt, euer Vertrauen zerstört oder euch emotional im Stich gelassen hat – und ihr trotzdem irgendwann gemeinsam einen Weg gefunden habt, nicht einfach zur alten Beziehung zurückzukehren, sondern tatsächlich eine neue Beziehung miteinander aufzubauen?
Eine Beziehung, in der beide Menschen wirklich an ihren Themen gearbeitet haben und die danach vielleicht sogar bewusster, ehrlicher und tiefer geworden ist als vorher?
Mich interessiert dabei ausdrücklich nicht die romantische Antwort, dass „Liebe alles schafft“.
Mich interessieren echte Erfahrungen.
Was musste euer Partner konkret verändern, damit ihr ihm wieder glauben konntet?
Wie lange hat es gedauert, bis sich Vertrauen oder emotionale Sicherheit langsam wieder aufgebaut haben?
Gab es einen Moment, an dem ihr gemerkt habt: Ich kann mich diesem Menschen tatsächlich wieder öffnen?
Und gibt es vielleicht auch Frauen hier, die rückblickend sagen können: Ja, dieser Mensch hat mir damals das Herz gebrochen – aber durch die Arbeit von uns beiden ist daraus später etwas völlig Neues entstanden?
Über ehrliche Erfahrungen würde ich mich sehr freuen.
Ganz lieben Dank für eure Zeit.
Philipp