whynot60
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Manchmal empfinde ich die Lächerlichkeit meiner Existenz. Aus unheiterem Himmel. Oder wenn sich mir ein Rosendorn irgendwo auf dieser weiten Fläche, die mich und meine lächerliche Existenz einhüllt wie frischer Schnee, der in kleinen Schweinshautfetzen von keinem Himmel fällt, lächerlich konfiguratorisch absteckt, abgrenzt, ohne jede noble Geometrie, unförmig bis ins Groteske, bis ins an allen Ecken und Enden Missglückte, bis ins biologisch Gespenstische, in die Haut bohrt. Verstehe sie nicht nur, wie man sonst ein Gewächs versteht, sondern empfinde sie. Kernig. Kernfraß.
Manchmal fühlt sie sich an wie ein lichtgrüner, fast durchsichtiger schimmeliger Schleimschleier, der mich ekelig umwickelt.
Manchmal wie ein Schluck Brackwasser. Elbmündung vielleicht.
Manchmal wie ein Gedicht von Trakl. Alles Herbst und blau und durchschwemmt vom Geruch unbekannter Schwester.
Manchmal wie ein kurioser Schrei. Ein so vollkommen lächerlicher Schrei, dass er sogar noch die Lächerlichkeit, die ihn schreit, weidenhoch übertönt.
Manchmal wie eine Art umgekehrte Wut, die aus einem unmöglichen Nirwana in den Magen fährt und im Kopf Schaumkronen aufschlägt mit dem Handrührer nekrophilen Elends, die ein wenig nach Honig, ein wenig nach Bittersalz und in der Hauptsache nach gar nichts schmecken.
Manchmal wie ein Krampf, ein einziger Krampf. Der an etwas würgt, das weder rein- noch rauszubekommen ist. Es steckt fest, als gäbe es zwischen Sein und Nichtsein noch ein Drittes. Etwas gleichsam Metaphysisches. Einen metaphysischen Darmschlauch, von dem seinerzeit nicht einmal Hermes Trismegistos etwas träumte. Oder Dante. Oder Bosch.
Manchmal einfach auch nur wie ein Clown. Versteckt das Gesicht hinter allen Farben des erblassten Regenbogens. Grimassierend, hampelmännisch Scherzchen treibend, als sollte alle Welt darüber lachen. Wenigstens lachen. Über ihn, den Clown, über die Lächerlichkeit seiner Existenz vielmehr. In Scherzchen müht er sich ab, die Lächerlichkeit seiner Existenz in die teilnahmslosen Gesichter Fremder zu schnitzen. Ein Grinsen zumindest, eine flüchtige Aufmerksamkeit, sei es eine Beleidigung, die sich wie eine Flamme der Begeisterung in seine Augen brennt.
Frage mich dann, meist gegen zwei Uhr nachts, ob auch all die anderen (die nun wahrscheinlich schlafen) die Lächerlichkeit ihrer Existenz empfinden. Dann und wann. Vielleicht, wenn es schneit und sie im Auto sitzen vor einer roten Ampel. Oder auf dem Balkon. Und vielleicht mit einem umgedrehten Schneebesen „I Love You“ in den Schnee schreiben. Oder „Memento mori“. Oder „Schnee“.
Waltraud konnte das gesamte Vaterunser auf einmal in den Schnee brunzen. Nach fünf B. und äußerster Willensanstrengung der verkniffenen Zurückhaltung. Und wenn man ihr dabei unter die Arme griff. Damit sie bei ihrer halbhockigen Schreiberei, die ein paar Schritte erforderte, nicht rücklings umstürzte. Das war, mehr oder weniger, ihr ganzer Stolz. Und etwas, das sie vielleicht für einen Moment der Lächerlichkeit enthob.
Nicht einmal Rilke hätte mit der schwärzesten Tinte das Vaterunser schöner aufs Papier jammern können als Waltraud es mit ihrem dampfenden Bierurin in den Schnee. Das Maß der Ungerechtigkeit ist gar nicht auszudrücken, dass Urin sich nicht in Eisen oder Stein einbrennt. Waltraud hätte Weltgeschichte geschrieben. Und die Germanisten hätten über Jahrhunderte sinnvoll zu deuten und zu reden gehabt.
Autor unbekannt