12, 24, 66 oder 101 Tipps?!

PhiloCon

1
1
Bücher mit kurzen knackigen Slogans und Tipps haben in Krisenzeiten besonders Konjunktur. Auch in Liebesdingen. Warum sich mit schwierigen theoretischischen Abhandlungen quälen, wenn es Bücher wie „66 Tipps für Liebe, Glück und Partnerschaft“ gibt. Die überwiegend weibliche Leserschaft erwartet schnelle Hilfe. Liebe und Partnerschaft als Technik, für die diese Bücher die Gebrauchsanweisungen liefern (wollen). Dies tun sie in der Mehrzahl der Fälle recht unterhaltsam und mit viel Gefühl für die gängigen Klischees. Bloß nicht zuviel Neues, es könnte die Leserin verschrecken.
Lieber altbekanntes neu und orginell verpacken, ist hier wohl die Devise. Und erfreulicherweise erhebt keines der hier vorgestellten Bücher den Anspruch, Partnerschaftsverhalten erklären zu wollen. Frau liest die Ratschläge am Pool oder auf dem Sofa, und hat Gesprächsstoff für die nächste Frauenrunde. Wenn sie sich dann noch an die Tipps erinnern kann ...

Konflikte in Partnerschaften entstehen laut Julia Onken aus Erwartungen und Wünschen, die auf dem Hintergrund der individuellen Lebensphilosophien entstanden sind. Julia Onken stellt in dem Buch Wenn Du mich wirklich liebst in alphabetischer Reihenfolge die häufigsten Themen vor, die in Partnerschaften zu Konflikten führen.
Jedes dieser angenehm kurzen Kapitel beginnt mit drei Fragen zur Selbsteinschätzung des Lesers. Die sich anschliessende sehr kurze Auswertung macht einen weniger guten Eindruck, die folgende exemplarische Fallbeschreibung ist wesentlich besser zur Erklärung des jeweiligen „Fehlverhaltens“ geeignet.
Die einzelnen Konfliktthemen werden immmer wieder auf drei Grundannahmen zurückgeführt: „nur die eigene Haltung kann verändert werden“, „ein schlechtes Gewissen oder Wut sind schlechte Ratgeber in Krisenzeiten“ und „Heimat findet man nur bei sich selbst“.
Daraus leitet sie die Forderung nach einer Generalamnestie für JEDEN Fehler ab. Nur so sieht sie die Bereitschaft, das Leben mit all seinen Veränderungen zu akzeptieren. Denn das Leben und die Liebe ist kein statischer, sondern ein dynamischer Vorgang.
Der gute Eindruck des Buches wird ein wenig relativiert durch die eher mau eingestreuten Praxisratschläge. Somit dürfte das Buch eher geeignet sein zur Selbsterfahrung. Mein Hauptkritikpunkt: Julia Onken wirft ihren Lesern vor, Gefühle zu rationalisieren. Um genau dies dann selber zu tun. Zu kurz greift ihr Credo: Wenn ich weiss, was schief läuft, dann kann ich es auch in den Griff bekommen.
Von den hier vorgestellten Ratschlag-Büchern nicht das amüsanteste, aber sicher das fundierteste, trotz einiger Klischees.

Viele Liebesbeziehungen könnten verbessert werden oder dazu beitragen, dass beide Partner sich miteinander entwickeln, wenn die Irrtümer der Liebe gründlich entlarvt werden. Dies ist der erste Schritt hin zu mehr Optimismus im Hinblick auf eine Paarbeziehung.
Dazu greift Arnold Lazerus in seinem Buch Fallstricke der Liebe zunächst auf die allgemeine Lebenserfahrung zurück, dass viele Freundschaften lebenslang halten, aber jede 2. respektive jede 3. Ehe geschieden wird. Dies hat seinen Grund in den 24 Irrtümer in der Liebe.
Dabei vergleicht er Liebesbeziehungen mit Freundschaftsbeziehungen immer unter der Prämisse, dass Beziehungsverhalten starken kulturellen Überformungen unterliegt, d.h. seine Ratschläge, Analysen etc. sind keineswegs für alle geeignet. Dieser Hinweis ist um so wichtiger, als dass Arnold Lazerus die „amerikanische Sicht“ auf Ehe, Liebe und Beziehung einnimmt. Die Grundannahmen vieler amerikanischer Paartherapeuten heisst nämlich: gewisse Probleme gehören NICHT in der Ehe besprochen, sondern mit dem besten Freund und es gibt keine gegengeschlechtliche Freundschaft. Was aber wenn mann keinen besten Freund hat? Speziell europäische Männer sind in Bezug auf gleichgeschlechtliche Freundschaften eher zurückhaltend.
Die Irrtümer werden durch Fallbeispiele (klassischerweise aus der amerikanischen Mittelschicht) illustriert. Durch die einfache Sprache und den vollständigen Verzicht auf psychologisches Vokabular und tiefenpsychologische Diskurse sind die Fallstricke der Liebe in 2 Stunden locker zu lesen.
Das Buch endet mit einem Zufriedenheitsfragebogen für Ehepartner. Hier kann jeder selber seine Paarbeziehung einsortieren. Der Autor schliesst mit drei Techniken, die leicht durchzuführen und wirklichkeitsnah sind. Wie im ganzen Buch geht es nie um das „Warum“,sondern einzig darum, die Dinge schnell und dauerhaft zu ändern. Jeder ist für sich selbst und sein Verhalten verantwortlich und kann sich nicht bequem auf seine Vergangenheit berufen.
Wen die eingeschränkte „amerikanische Sicht“ auf die middle-class nicht stört, findet hier die Grundlage für nette Bonmots für Gespräche mit dem Partner und im Freundeskreis.

Männer und Frauen befinden sich in einem für beides Seiten unbefriedigendem Kreislauf von Bedrängnis und Flucht auf männlicher Seite und Vernachlässigung und Sucht nach Nähe auf weiblicher Seite. Michael Mary findet dafür in seinem Buch 12 Beziehungskiller den Vergleich Frau = Schlange, Mann = Hase. Solche Vergleiche sind im Hinblick auf die Besetzung der Tierarten Schlange und Hase mit positiven und negativen Werten eher kontraproduktiv, denn das Ziel jedes Tipp-Buches ist wohl die Verbesserung des partnerschaftlichen Zusammenlebens.
Michael Mary beschreibt aus männlicher Sicht jeweils 6 Beziehungskiller für Frauen und Männer. In der Beschreibung und Definition der Beziehungskiller, wie auch in den darauf aufsetzenden Forderungen, manifestiert sich auch hier auf den folgenden 100 Seiten nur trennndes und negatives. Dies setzt sich auch optisch durch eine Trennung von Mann und Frau in zwei Spalten fort. Dies mag aus Gründen der besseren Übersicht geschehen sein, dient aber sicher nicht dem Inhalt: da wo ich auf formaler Ebene Widersprüche so stark betone fällt es anschliessend schwer, noch gemeinsames zu erarbeiten.
Und wie der weitere Verlauf des Buches zeigt, hat der Autor an Gemeinsamkeiten auch kein Interesse. Schade.
Michael Mary adressiert klare Forderungen in Richtung der Frauen und bagatellisiert die männlichen Verfehlungen. Frau soll sich ändern und die männlichen Eigenarten, für die er nichts kann (Mutti ist schuld , akzeptieren. Forderungen an den Mann bleiben aus, entweder weil Männer solche Beziehungsratgeber bekanntlich kaum lesen, oder weil Männer aufgrund einer überbesorgten Mutter nur Hasen-Verhalten zeigen können.
Hier nähert der Autor sich leider gefährlich nah dem Niveau von John Gray. Frauen sollen sich nach dem Lesen dieses Buches männergerecht verhalten. Da Ihr Schatzi das Buch ja nicht gelesen hat, kann er sich ja nicht ändern, aber Frau versteht jetzt zumindest, warum ... und ist ja dann auch viel verständnisvoller.
Männer = Hasen und Frauen = Schlangen: das hat ja durchaus einen gewissen Unterhaltungswert, aber verstärkt nur Vorurteile und trennende Faktoren in Partnerschaften. Die Aufzählung der Beziehungskiller strotzt vor Klischees, zudem verärgert die Redundanz, mit der die Vergleiche immer wieder bemüht werden.
Nicht mal party-tauglich!

Dann doch lieber Jens Oliver Haas, der in seinem Buch 101 Gründe ohne Frauen zu leben erst gar nicht versucht, die weibliche Psyche auch nur annähernd zu verstehen. Und wahrscheinlich ist das Buch deshalb - trotz der zum Teil recht bemühten Zählweise (es mussten ja wegen der Einheitlichkeit 101 Gründe sein - nicht nur oft amüsant, sondern hier und da für frau durchaus erhellend. Insbesondere dann, wenn Jens Oliver Haas sich auf das emotionale Sprachniveau eines 4-jährigen Jungen begibt.
Hier werden mit einem Augenzwinkern die gängigen Klischees bedient, ohne dass auch nur irgendwo der Anspruch besteht, Frauen oder die Paarbeziehung ändern zu wollen.

66 Antworten auf 66 Fragen zum Thema S., das ist der Inhalt von Alles Liebe von Gerti Senger. Glück und Partnerschaft ergeben sich für Gerti Senger, die u. a. auch in diversen Männermagazinen den Herren S. gibt, aus einer harmonischen S..
Damit ist die Richtung des Buches vorgegeben. Die Reduktion auf S. stört wenig, da es Gerti Senger mit flotten (zum Teil österreicherisch eingefärbten) klaren, aber nie vulgären Worten gelingt, mögliche Fussangeln beim S. zwischen Mann und Frau zu beleuchten. Ob frau und man dabei etwas neues erfährt ...?! So what! Das Buch macht Spass ohne Anspruch darauf zu erheben, der ultimative Beziehungsratgeber zu sein.

---------------------
Das sind ja fünf Bücher auf einmal - Spiel, Spass und Spannung ?! Oder eher Ernst, Spass und Klischees.

Habe eigentlich nur ich das Bild einer gleichberechtigten Partnerschaft mit autonomen, selbstverantwortlichen Personen im Kopf und Herzen?!

Grüsse, Gabi
.familie.philocon.de

15.01.2003 15:49 • #1



Ähnliche Themen

Hits

Antworten

Letzter Beitrag