Das Innere Kind finden

Wenn Paare sich trennen, leiden nicht nur die Erwachsenen, sondern auch und viel, viel mehr die so genannten Inneren Kinder. Es gilt sogar die Faustregel: je vehementer Gefühle (Schmerz, Kummer, Angst, Wut...) sind, desto mehr Inneres Kind ist beteiligt!

Das Innere Kind ist ein symbolhafter Ausdruck für die Teile unserer Psyche, die die Kindheit in allen Altersstufen repräsentieren. Da gibt es Innere Kleinkinder, Innere Säuglinge, Innere Teenager usw. Alle Erfahrungen und damit verbundene Gefühle aus früheren Altersstufen sind unauslöschlich in unserem Gehirn gespeichert, wo sie jederzeit reaktiviert werden können, ohne dass dieser Vorgang bewusst ist. Vielmehr greift das Unterbewusstsein „vollautomatisch“ auf das bereits Erlebte zu.

Und so können die Inneren Kinder bei Liebeskummer geradezu durchdrehen, denn für ein Kind sind die Eltern natürlich lebensnotwendig!

Unser Unterbewusstsein

Das aber bedeutet, dass – wie in den allermeisten Fällen! – von unserem Unterbewusstsein der Partner/ die Partnerin als „Eltern“ gesehen wurde: „Versorgte“ er oder sie uns nicht besonders in der Verliebtheitszeit mit guten Dingen? Wie zärtliches Sprechen, Schmusen, Hautkontakt? (Sehr wichtig auch für Kinder und sogar lebensnotwendig für Säuglinge!)

Oder gar Eins-Sein, also S.? (Wir alle waren ja mal Eins mit einem anderen Menschen: mit der Mutter. Dies ist also ein Erinnern an die vorgeburtliche Zeit.)

Das verletzte und trauernde Kind

Dies sind nur zwei Beispiele die ahnen lassen, was sich so alles in unserer Psyche tummelt. Und wenn man bedenkt, dass wir alle nur 10 % freien Willen haben, jedoch zu 90 % vom Unterbewusstsein gesteuert werden, dann ist die Vehemenz von Liebeskummer nur allzu verständlich:

„Ich bin so unendlich traurig!“ Natürlich ist Schmerz angebracht. Jedoch ist es ein enormer Unterschied, ob man trauert – oder ob man abgrundtief verzweifelt ist, weil einem vermeintlich der Lebenssinn abhanden gekommen ist: Nur bei Inneren Kindern gibt es eine völlige Hoffnungslosigkeit, denn als Kind damals hätte man ja nicht ohne die Eltern überleben können. Hingegen könnte der Erwachsene durchaus weiterleben, denn er weiß – und wenn es nur im tiefsten Innersten ist –, dass das Leben irgendwie weitergehen wird.
„Ich habe so große Angst, alleine bleiben zu müssen!“ – Die vielleicht angemessene gegenwärtige Angst wird vom Inneren Kind auch in die Zukunft hineinprojiziert, weil Kinder und damit auch Innere Kinder nur Gegenwart kennen und demnach verallgemeinern.

Das wütende und verzweifelte Kind

„Ich bin so wütend, weil mir das angetan wurde!“ – Ein Inneres Kind in Wut kann sich mit Gedanken begnügen, oder eine Ausbildung hinwerfen, eine Wohnung verwüsten, gar ganze Existenzen ruinieren oder Leib und Leben von anderen und sich selbst zerstören. Kein Erwachsener würde jedoch so dumm sein und Existenzen oder Leib und Leben vernichten.

Und auch wenn das wütende Innere Kind vielleicht Amok laufen will, versagt ein Erwachsener dem Inneren Kind die Rache, weil Rache niemals glücklich macht. Insofern kümmert er sich gut um die Inneren Kinder.Hinter allen extremen Handlungen wie Stalking oder Familiendramen stecken also immer sehr kleine, abgrundtief verzweifelte Innere Kinder. Es gibt vermutlich nichts Schlimmeres als mit der Kraft eines Erwachsenen ausgestattet zu sein, aber nicht in einer erwachsenen Haltung zu sein.

Das innere Kind

Gedankenkreisel entstehen, wenn immer und immer wieder in inneren Debatten mit sich und den Inneren Kindern in Sekundenschnelle die ganze Paargeschichte durchgegangen wird, die jetzt als eine Art Steinbruch dient. Wurde der andere eben noch aus der Sicht eines verletzten, ängstlichen oder resignierten Inneren Kindes überhöht dargestellt („Ohne ihn ist alles aus!“), wird derselbe Mensch im nächsten Augenblick in Gedanken vom wütenden Inneren Kind fertiggemacht („Dieser Kerl soll mir doch gestohlen bleiben!“).

Die Aussöhnung mit dem Inneren Kind

Es gibt leider keine Abkürzung oder Anleitung in dem Prozess von Kummer / Verzweiflung / Angst / Wut usw., jedoch eine entscheidende Möglichkeit diese Symptome zu heilen ist, sein Inneres Kind als Erwachsener zu begleiten. Das kann man üben, vielleicht in mühevoller Kleinarbeit jeden Tag, aber es lohnt sich: Durch solche Lebensprozesse werden wir fähiger zu einer reiferen Liebe!

Peter Bartning
Theologe, Paartherapeut und Systemischer Supervisor. Er gibt seit 2005 Kurse zur “Aussöhnung mit dem Inneren Kind”, also mit der biografischen Vergangenheit.

Bei Herder erschien 2016 sein zweites Buch » „Das Innere Kind in der Paarbeziehung“ – Wie das Unterbewusstsein unsere Liebe steuert.”, aus dem auch die meisten Gedanken dieses Artikels stammen.


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