Hallo Jeanne!
Weißt Du, es ist sehr schwer, diese ganzen Gefühlsvorgänge wirklich ganz zu durchschauen und zu ermessen, weil diese Gefühle ja nur wie die Wellen auf einem Ozean sind - aber um sie zu verstehen, müßte man das ganze Meer kennen, in seiner ganzen Tiefe.
Aber so wie Du es beschrieben hast, kann es sehr wohl sein, daß Du grundsätzlich eine Heidenangst vor dem Alleinesein hast. Denn Du warst ja alleine auf dem Jakobsweg unterwegs, und hast Dich dort, durch das "unbeschwerte" Alleinsein (mit Rückkehroption), vielleicht erst richtig gespürt und hast den Entschluß gefaßt, Dich zu trennen. Und ausgerechnet dann begegnet Dir ein Mann, und Deine Gefühle springen sofort (oder ziemlich schnell) an. Anders gesagt: Kaum hast Du Dich entschlossen, Dich zu trennen, wenden sich Deine Gefühle einem anderen zu. Der dazu ja offenbar noch selber beziehungsmäßig belastet war.
Und das macht auf mich den Eindruck, daß Ihr beide Euch in dieser Belastungssituation "ideale" Projektionsflächen geboten und Euch gegenseitig wie eine "Rettung" gesehen und empfunden habt. Und das wird sehr dadurch gefördert, wenn man nicht alleine sein kann, wenn man Angst hat davor und sich ohne einen anderen verlassen und verloren fühlt in der Welt. Man (oder vielmehr die Gefühle) greift dann gleichsam zu, läßt sich darauf ein, ohne lange nachzudenken oder auch nur etwas vorsichtig zu sein.
Zunächst fühlt sich das auch an wie eine Erlösung, wie ein Sich-gefunden-Haben, und man schwebt von jetzt auf gleich im siebten Himmel. Man läßt sich schneller und kompromißloser gleichsam in einen anderen hineinfallen als dies sonst der Fall wäre. Aber meist ist es dann so, daß bald auch Probleme auftauchen, weil eben nicht eigentlich die Persönlichkeiten, die Wesen, die Seelen (wie man will) "zusammenpassen", sondern lediglich in dieser Phase die Zustände und Bedürftigkeiten. Doch diese sind eben nicht von Dauer, weil beide unweigerlicher wieder in ihre Mitte streben - und dann hat die Beziehung keine Stabilität mehr, sie fällt im wahrsten Sinne des Wortes auseinander, weil die Bedingungen, der Anlaß für die Beziehung nicht mehr gegeben sind.
Der Schmerz ist aber leider dennoch derselbe, als würde es um eine Liebesbeziehung gehen, die auf anderen Fundamenten beruht.
Und bei Dir scheint eben diese Angst vor dem Alleinsein sehr groß zu sein. Vielleicht hattest Du einmal in der Kindheit ein entsprechendes traumatisches Erlebnis (also daß Du z. B. einen Elternteil verloren hast oder er längere Zeit abwesend war oder daß Du etwa für einige Zeit im Krankenhaus warst oder durch andere Umstände getrennt von einem Elternteil oder einer anderen wichtigen Bezugsperson).
Jedenfalls kann ich Dir nur raten, diese Situation jetzt wirklich als Chance zu sehen. Du solltest Dich auf die Erfahrungen einlassen, daß Du auch alleine nicht untergehst, daß Du auch alleine bestehen kannst, glücklich und zufrieden und erfüllt sein kannst. Das ist eine außerordentlich wichtige Erfahrung, weil sie Dir zeigt, daß Du immer noch Dich hast (und man hat vor allem nur sich), daß Du in Deinen Gefühlen nicht abhängig bist von anderen. D. h. Du wirst dann auch in einer künftigen Beziehung (wenn Du Dir jetzt die Zeit nimmst, diese Erfahrung zu machen, und vor allem nicht der Angst nachgibst) viel selbstbewußter, selbstsicherer, eigenständiger, unabhängiger sein, bist nicht so anfällig für Manipulationen und Fremdbestimmung, kannst gleichsam freier atmen. Und das wiederum gibt einer Beziehung eine ganz andere Qualität als wenn sie auf Ängsten und Bedürftigkeiten und Abhängigkeiten beruht - Lebendigkeit und Echtheit hier, Totenstarre und Schauspiel dort, könnte man sagen.
Wenn das Gedankenkarussel losgeht, versuche Dich abzulenken (zumindest in der ersten Zeit), lies etwas, schaue fern, gehe einem Hobby nach, was auch immer, bleibe so stark als möglich immer in der Realität und in der Gegenwart - versuche jedenfalls, Dich möglichst wenig hängenzulassen, denn das zieht einen immer nur hinunter. (Und wenn die Angst kommt, dann sieh ihr in die Augen, nicht wie einem Raubtier, sondern wie einem Kuscheltier ... Die Angst tut Dir nichts, sie macht nur einen ziemlichen Lärm um sich ...)
Und irgendwann, wenn Du das Gröbste hinter Dir hast (und der Zeitpunkt wird kommen, dessen kannst Du Dir sicher sein), dann versuche, nach vorne zu schauen - und je konsequenter Du das tust, um so schneller kommst Du auch in einem Vorne an.
Manchmal hilft nichts anderes, als sich selber zum Fels in der Brandung zu werden ... und das bleibt man dann auch.
Ich bin natürlich auch wegen einer (sehr schmerzlichen) Trennung in diesem Forum. Aber mittlerweile habe ich das überwunden. Es hat zwar auch verdammt lange gedauert, aber heute geht es mir wieder gut. Es war halt auch eine Erfahrung, eine ziemlich krasse zwar, aber auch das ist zu schaffen. Bei Dir wird es nicht anders sein.
Geschrieben davon habe ich im SOS-Thread (aber bereits im Februar oder März). Einen eigenen Thread habe ich nicht aufgemacht.
Liebe Grüße
PS: Schlaflos bin ich übrigens nicht - sondern ich habe einen etwas eigenwilligen Rhythmus
