Der erste Brief nach der Trennung

Carlie

Das ist der erste Brief, den ich, die Verlassene, ihm, der sich ein neues Leben mit einer neuen Frau ausgesucht hat, geschrieben habe. War ich hart? Zu nett? Ich meine, er ist schon abgeschickt, aber ich bin jetzt unsicher... Mir liegt zu viel an ihm, noch immer. Mir vorzustellen, dass er traurig ist, bricht mir das Herz...

+++

Hallo, (+++ich kann seinen Namen nicht schreiben, immer noch nicht+++)

unsere Trennung ist nun knapp 3,5 Monate her. Ich denke, das ist eigentlich eine angemessene Zeit, um den endgültigen Schlussstrich endlich zu ziehen.

Ich habe nicht eine Sekunde daran gedacht, dass ich eventuell irgendeinen materiellen Nachteil aus dieser Situation haben werde. Und wenn es so wäre: Es kümmert mich nicht.

Ich verstoße jetzt gegen ein Prinzip, das ich zuletzt für mich beschlossen hatte: Ich sage dir etwas, das in mir vorgeht. Ich glaube einfach, dass du manche Dinge vielleicht im Moment nicht selbst sehen kannst. Und ich werde das jetzt ganz schnell aufschreiben und sofort absenden, sonst würde ich es mir anders überlegen. Es tut mir wirklich und aufrichtig leid, dass du noch nicht genau weißt, wie genau es in deinem Leben weitergehen wird. Doch ich denke, ich kann nicht die Person sein, auf die du dich in dieser Zeit verlassen kannst. Und ich bin mir sicher, wenn du gerade jetzt klarer sehen könntest, würdest du wissen, was du dir von mir wünschst, wenn du mich um Geduld, um noch mehr Zeit – um Unterstützung – bittest.

Ich habe immer gesagt, dass ich immer für dich da sein werde. Ich will mein Versprechen halten, wenn du es wirklich, wirklich, wirklich in Anspruch nehmen möchtest. Wenn du wirklich, wirklich, wirklich von mir möchtest, dass ich dazu beitrage, dass du dein Leben ordnest. Dein Leben, das du mit jemand Neues führst. Wenn mein Versprechen zu halten, genau diesen Kraftakt bedeutet, dann soll es so sein. Dann gebe ich dir die Zeit, die du brauchst, so undefiniert sie ist. Dann warte ich, bis du dich geordnet hast und weißt, wie es bei dir weitergeht.

Aber ich kann dir eines aus ganz unmittelbarer Erfahrung sagen: Es gibt Zeiten, da hat man auf die Fragen, die man sich stellt, keine Antworten – und das ist okay. Manchmal, zeitweise, muss man sich wohl mit Ahnungen zufrieden geben.

Ich würde mir für mich wünschen, dass ich alles, was uns materiell verband, loslassen kann. Ich hatte damals nicht genau darüber nachgedacht, dass die Dinge, die ich in der Wohnung lasse zwangsläufig Teil deines neuen Lebens werden. Es geht mir nicht darum, dir etwas wegzunehmen. Doch diese Vorstellung – und jetzt, indem ich das zugebe, gebe ich dir mehr als ich jemals wieder wollte – tut weh: mein Kram (in immaterieller Hinsicht) als Zeuge deines Neuanfangs. Ich bin fast gewillt zu sagen, dass du alles behalten kannst, einfach so. Doch das kann ich mir nicht leisten.

Ich möchte keinen Kontakt, ich möchte keine Mails, keine SMS, keine Treffen, keine Telefonate. Ich möchte keine gemeinsame Wohnung, keine gemeinsamen offenen Rechnungen, keine gemeinsamen Projekte. Ich möchte nur noch bei mir sein. Je länger das alles dauert, desto länger hält es mich davon ab, bei mir anzukommen – auch wenn ich schon sehr weit gegangen bin. Nach dem, was wir einmal hatten, und vor allem nach dem, wie es zu Ende gegangen ist, glaube ich nicht, dass es etwas „danach“ für uns beide geben kann.

Bitte, bitte, lass uns alles abschließen. Ich kann meine Sachen nicht mehr Teil deines Lebens sein lassen.

Vielleicht fühlst du dich allein gelassen mit vielen Dingen. Vielleicht hast du das Gefühl, dass alles an dir hängen bleibt. Dazu möchte ich nur sagen, dass ich in den ersten beiden Wochen nach der Trennung eine Wohnung organisiert habe und jede unserer Sachen in der Hand halten musste, um zu schauen, ob es dir oder mir gehört, was nicht eben angenehm war. Du hast Hilfe angeboten – aber es war klar, dass das unrealistisch ist. In meiner Traumwelt würde ich diese Wohnung am liebsten nie wieder betreten. Aber was sein muss, muss sein. Doch ich bitte dich, wenn es irgendwie geht, lass es uns schnell erledigen. Ich habe keine Zeit mehr übrig.

Ich wünsche dir von Herzen, dass du glücklich wirst, das habe ich immer. Wenn du also wirklich meine Hilfe brauchst in deiner jetzigen Situation, wenn du dir also sicher bist, dass du sie von mir brauchst und dass es keinen anderen Weg gibt, als den, den du in deiner letzten Mail beschrieben hast, dann halte ich mein Versprechen.

C.

+++

Was sagt ihr? Ich fühle mich so allein gelassen mit all meinen Gedanken...

13.11.2011 20:49 • #1


bernd aus muenc.


hallo carlie,
ich weiss nicht, ob du das hoeren magst, aber du fraegst uns ja.
finde fuer die zukunft einen sachlicheren ton angebracht, immerhin hat er dich verlassen und beginnt sein leben mit einer neuen frau.
mein tip: kurz, sachlich, deine gefuehle gehen ihn nichts an.
und natuerlich bist du, was deine minimalstanspruche in diesem brif betrifft, 110 prozent im recht!
kenne das prolem sehr gut, dass wenn einen jemand verletzt, man sich sorgen um sein wohlbefinden macht. ich glaub man verdraengt damit den eigenen schmerz. deshalb eine sachliche sprache wehlen.
alles liebe
bernd

15.11.2011 01:59 • #2


Epon


Dein Brief macht mich sehr traurig.
Und irgendwie glaube ich nicht, dass er so einen schönen Brief und die versprochene Hilfe verdient.
Wieso hilft ihm nicht seine "Neue" - er hat sich doch für sie entschieden.

Ich hoffe, dass ihr das mittlerweile geregelt habt, deine Sachen bei dir sind.
Und damit du wirklich für dich abschließen kannst: Halte den Kontakt nicht mehr. Kümmere dich jetzt um DEIN Leid, DEINE Probleme.
Wenn du es nicht tust, wer macht es sonst?

23.01.2012 14:11 • #3




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