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Eigentlich fehlt mir nichts Und trotzdem jemand

St_Jappi

St_Jappi
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Vielleicht ist Einsamkeit gar nicht das, was ich bisher dachte
Ich sitze gerade vor meinem Wohnmobil an einem See. Frühstück ist vorbei, der Kaffee ist ausgetrunken, ich war spazieren und eigentlich gibt es keinen vernünftigen Grund, mich zu beklagen.
Der See ist schön. Das Wetter passt. Niemand will etwas von mir. Ich habe heute keine Termine und könnte den ganzen Tag machen, was ich möchte.
Und trotzdem habe ich vorhin gedacht: Jetzt wäre es schön, wenn jemand hier wäre.
Nicht unbedingt eine Frau. Nicht die große Liebe. Nicht einmal unbedingt jemand, mit dem ich über meine Probleme reden müsste.
Einfach jemand.
Jemand, der vielleicht sagt: „Guck mal, da drüben sind zwei Enten“, obwohl ich die Enten natürlich längst gesehen habe. Jemand, mit dem man einen Kaffee trinkt und sich über irgendeinen Blödsinn unterhält. Danach geht jeder wieder seiner Wege.
Komischerweise ist das für mich inzwischen eine ziemlich große Sache.
Ich bin 62 und habe einen großen Teil meines Lebens damit verbracht, irgendwie zu funktionieren. Arbeit, Familie, Beziehungen, Verantwortung. Ich war verheiratet, bin geschieden und hatte danach noch zwei längere Beziehungen. Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich einige Dinge ziemlich anders als früher.
Ich habe zum Beispiel lange geglaubt, dass man sich Liebe ein Stück weit verdienen kann. Indem man etwas tut. Hilft. Repariert. Organisiert. Sich nützlich macht.
Heute weiß ich, dass das keine besonders gute Rechnung ist.
Man kann einen Menschen noch so oft zum Lächeln bringen – dadurch entsteht kein Anspruch darauf, geliebt zu werden.
Vielleicht musste ich das erst mit 62 verstehen.
Heute lebe ich ziemlich eigenständig. Ich fahre mit meinem Wohnmobil herum, lese, fotografiere, fahre Fahrrad und entdecke gerne neue Orte. Ich kann gut alleine frühstücken. Ich kann alleine am See sitzen. Ich kann sogar ziemlich gut alleine sein.
Aber vielleicht habe ich gerade festgestellt, dass alleine sein können und niemanden brauchen nicht dasselbe sind.
Und deshalb bin ich heute überhaupt in diesem Forum gelandet.
Eigentlich finde ich den Gedanken ziemlich spannend, dass irgendwo Menschen sitzen, die sich überhaupt nicht kennen, und trotzdem ein paar Minuten miteinander über Dinge reden, die man dem Nachbarn vielleicht niemals erzählen würde.
Vielleicht schreibe ich das hier deshalb gar nicht, weil ich einen Rat brauche.
Vielleicht wollte ich einfach nur einmal ausprobieren, was passiert, wenn man einen kleinen Teil seines Lebens nach draußen stellt.
Und vielleicht sitzt gerade irgendwo jemand und liest das und denkt:
„Komisch. Genau so geht es mir manchmal auch.“
Dann hat dieser kleine Text seinen Zweck eigentlich schon erfüllt.

Ich wünsche allen einen schönen Tag

x 18 #1


Stella31
Auch wenn man, wie du, in der Lage ist, mit sich selbst zu sein und Dinge auch gut alleine machen kann, bedeutet das ja nicht, sich Gesellschaft zu wünschen.
Der Mensch ist dafür ausgelegt, in Verbindung zu sein!
Und es gibt ja auch einen großen Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit.
Was tust du denn dafür, um in Beziehung zu gehen?
Egal mit wem?
Ich genieße jedes gute Gespräch und finde, dass es zumindest einen tollen, neuen Aspekt für mich hat .

x 4 #2


A


Eigentlich fehlt mir nichts Und trotzdem jemand

x 3


Winza
@St_Jappi

Herzlich willkommen hier 🙂

x 3 #3


P
Zitat von St_Jappi:
„Komisch. Genau so geht es mir manchmal auch.“

Du hast das echt gut in Worte gepackt, wie ich mich inzwischen immer wieder mal fühle. Gerade der Teil mit

Zitat von St_Jappi:
einen großen Teil meines Lebens damit verbracht, irgendwie zu funktionieren

etc.. Ich dachte, da schreibe ich.

Also scheinen wir ein bestimmter Typus zu sein 😉

Ja, hier finden sich immer wieder verschiedene, tolle Menschen für einen Austausch.

Herzlich Willkommen hier!

x 2 #4


HappyMike
@St_Jappi

Ich glaube, du hast da einen ziemlich wichtigen Unterschied entdeckt: Alleinsein können ist eine Stärke. Niemanden brauchen zu wollen, ist etwas anderes.

Und vielleicht muss man mit 62 auch gar nicht mehr krampfhaft nach der großen Liebe oder dem Menschen fürs restliche Leben suchen. Manchmal reicht zunächst tatsächlich jemand, der auf die zwei Enten zeigt, die man selbst längst gesehen hat. 😉

Das Leben hat die angenehme Eigenschaft, dass es sich nicht immer an unsere bisherigen Erfahrungen hält. Gerade deshalb würde ich mir eines bewahren: Neugier und Flexibilität.

Nicht jede Begegnung muss ein Ziel haben, nicht jeder Kaffee der Beginn einer Beziehung sein und nicht jeder Mensch für immer bleiben. Manchmal entsteht etwas Gutes genau dann, wenn man aufhört, es vorher definieren zu wollen.

Du scheinst dein Leben alleine durchaus genießen zu können. Das ist doch eine ziemlich gute Ausgangslage. Jetzt darf nur noch Platz dafür bleiben, dass sich vielleicht irgendwann jemand dazusetzt.

Und wenn es zunächst nur für einen Kaffee, ein bisschen Blödsinn und zwei Enten ist.

Positiv bleiben, offen bleiben und dem Leben die Chance geben, einen zu überraschen. Manchmal kommt das Gute nämlich nicht nach Plan – sondern einfach vorbei.

x 5 #5


St_Jappi
@Perzet Danke dir 😊
Ja, vielleicht sind wir tatsächlich ein bestimmter Typ Mensch. Irgendwie haben wir lange funktioniert, gemacht, was eben gemacht werden musste, und irgendwann merkt man: Moment, da ist ja noch ein Leben neben dem Funktionieren. 😉
Ich finde es übrigens schön, dass du geschrieben hast. Genau das war eigentlich mein Gedanke beim Einstellen des Textes – einfach mal einen kleinen Fühler nach draußen ausstrecken und schauen, wer da so zurückwinkt.
Und wenn sich hier wirklich immer wieder nette Menschen für einen Austausch finden, dann habe ich ja offenbar schon mal keinen ganz schlechten Ort erwischt. 😊

x 1 #6


St_Jappi
@Stella31 Da hast du wahrscheinlich recht. 😊 Und den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit merke ich gerade ziemlich deutlich.
Was ich dafür tue? Wahrscheinlich könnte ich da noch etwas aktiver sein. Ich bin eher der Typ, der sich freut, wenn sich ein gutes Gespräch ergibt, als dass er gezielt loszieht und sagt: „So, heute lerne ich Menschen kennen.“ 😉
Vielleicht ist genau das auch ein bisschen mein Thema. Ich kann mich alleine ziemlich gut beschäftigen und brauche deshalb nicht ständig Gesellschaft. Aber manchmal merkt man eben, dass ein gutes Gespräch durch nichts zu ersetzen ist.
Und genau deshalb habe ich den Text hier eingestellt. Ein kleiner Versuch, aus meinem Schneckenhaus herauszuschauen und zu sehen, wer da draußen so unterwegs ist.
Und deinen letzten Satz finde ich schön: Jedes gute Gespräch bringt einen neuen Aspekt mit. Das sehe ich genauso. Manchmal reicht schon ein einziger Gedanke von einem anderen Menschen, über den man anschließend noch ein bisschen nachdenkt.
Also: Danke für deinen Gedanken. 😊

x 1 #7


Worrior
@St_Jappi
Ein sehr schöner Beitrag, hat mir gut gefallen.

Natürlich, ich bin Mann und mit Gesundheit gesegnet.
Die Zurückgezogenheit, alleine sein war anfangs ein Fluch, eine Strafe, dann man Freund als die Dunkelheit schwand.
Ich empfinde es ebenso, diese Unabhängigkeit, der Friede, die Ruhe, die Entspannung wenn ich etwas für mich tue was mir Freude macht und meinen Tag mit schönen Dingen füllen kann.

Natürlich sind da auch Bedürfnisse, nicht nur 6uell, die Stimme einer Frau, ihre Ausstrahlung, die Präsenz.
Auch wie sie sich anfühlt, wie sie riecht, gemeinsame Erlebnisse, Freude teilen, Zärtlichkeit.

Das alles wird in so einem Leben nur ambulant und temporär befriedigt.

Ja dann wäre da noch die gesamte Rechnung, damit meine ich nicht nur Geld.
In meinem Alter ist es nicht mehr der gleiche Deal wie mit 40 oder 45.
Es ist nicht leicht jemanden zu finden der sich auf eine solche Art des Zusammenseins, nennen wir es Beziehung, einlässt aber die genaue Auswahl und dazu gehört auch "nein" zu sagen, lohnt allemal.

Antiehung, Begierde, Leidenschaft, die nicht dem alltäglichen zum Opfer fällt.
Tiefe Gespräche, intensive Erlebnisse.

Es ist nicht leicht es zu beschreiben.
Wenn man es geschafft hat ein erfülltes Leben alleine aufzubauen.

Vielkeicht hätte ich vor 20 Jahren noch eine ganz andere Meinung gehabt.
Doch die Zeiten, die Gesellschaft, die Werte die gelebt werden oder auch nicht, haben sich geändert.
Es ist nicht mehr der gleiche Deal, doch niemand informiert Dich dass die AGB's geändert wurden.
Mehr Investment, mehr Risiko, weniger Ertrag die Bedingungen sind aber einseitig beliebig änderbar, ohne Zustimmung des Anderen, keine Garantien.
Loyalität ist nach belieben optional.

x 2 #8


E
Zitat von St_Jappi:
Und vielleicht sitzt gerade irgendwo jemand und liest das und denkt:
„Komisch. Genau so geht es mir manchmal auch.“
Dann hat dieser kleine Text seinen Zweck eigentlich schon erfüllt.

Solche Gedanken kenne ich sehr gut, zum Teil geht es mir sehr ähnlich. Ich kann sehr gut alleine sein und doch wäre es schön, manchmal Austausch zu haben.

Wie du auch geschrieben hast, es muss keine Beziehung sein, es gibt keine bestimmte Rolle in dem eigenen Leben zu vergeben, es geht auch nicht um Bedürfniserfuellung, sondern ums teilen. Das, was in mir ist (mit) teilen.

x 1 #9


ruhe
Meinst du angenehme Gesellschaft allgemein? Ob der Antworten, die sich um das Thema Partner(in)/Beziehung drehen, bin ich etwas verwundert...
Der Wunsch nach Verbindung ist doch sehr nachvollziehbar und auch gesund, niemand ist eine Insel. 😉
Menschen, die mit dir auf Enten starren, Menschen, die mit dir in Wolken gucken, Menschen, die mit dir die Seele baumeln lassen - findest du bestimmt! Einen ersten Schritt hast du hier ja gemacht.

x 1 #10


St_Jappi
@Ella Ja, genau das meine ich. „Das, was in mir ist, miteinander teilen“ gefällt mir viel besser als dieses ganze Gerede von Bedürfnissen und Erwartungen.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich den Text überhaupt geschrieben habe. Ich wollte gar nichts Bestimmtes. Ich saß einfach irgendwo, hatte Gedanken im Kopf und plötzlich kam mir der Gedanke, dass es eigentlich schön wäre, die mit jemandem zu teilen.
Und manchmal ist es ja gar nicht wichtig, ob der andere genauso denkt. Im Gegenteil. Ich finde es sogar spannend, wenn jemand einen ganz anderen Blick darauf hat und man sich dadurch gegenseitig auf Gedanken bringt, auf die man alleine gar nicht gekommen wäre.
Vielleicht ist genau das inzwischen für mich eine der schönsten Formen von Kontakt: Man muss nichts voneinander wollen und kann sich trotzdem etwas geben.
Und wenn am Ende nur ein paar gute Gedanken hin und her gehen, ist das ja auch schon eine kleine Begegnung. 😊

x 1 #11


St_Jappi
@ruhe Ja, genau – angenehme Gesellschaft allgemein. 😊
Ich glaube, ich habe mich vielleicht etwas ungeschickt ausgedrückt, denn plötzlich dreht sich hier vieles um Partnerschaft. Dabei war das eigentlich gar nicht mein Ausgangspunkt.
Ich glaube, mir fehlt manchmal einfach dieses „Wir“. Nicht im Sinne von „Wir müssen jetzt ein Paar sein“, sondern eher: Da ist jemand, mit dem man einen Moment teilt, ohne dass dieser Moment gleich irgendeinen Zweck erfüllen muss.
Und dein Satz mit den Enten hat mich zum Schmunzeln gebracht. 😄
Menschen, die mit mir auf Enten starren oder in Wolken schauen, sind mir tatsächlich sehr sympathisch.
Vielleicht ist das hier ja wirklich ein erster kleiner Schritt. Ich sitze jedenfalls gerade mitten unter Menschen und habe durch diesen Beitrag schon mehr Austausch gehabt als an manchem ganzen Tag.
Und das finde ich ziemlich schön.

#12


St_Jappi
Und was sich daraus entwickelt, darf ja ganz offen bleiben. Vielleicht bleibt es bei einem netten Austausch, vielleicht entsteht eine Freundschaft – und vielleicht lernt man dabei irgendwann jemanden kennen, mit dem man gerne auf Enten starrt. 😉

#13


P
Ich stamme aus einer Stadt, die dafür bekannt bzw berüchtigt ist, daß wir schnell ins Gespräch kommen. Wenn die Situation vorbei ist, geht jeder seiner Wege. Wir müssen also nicht auf best friends machen, nur um eine Situation zusammen zu erleben.

Als ich vor kurzem unterwegs war, in einem Nachbarland, dessen Sprache so ganz anders ist, geriet ich in eine besondere Situation. Und ausnahmsweise gab es eine weitere Person dort, die englisch sprach und wir haben das dann zusammen gemeistert. Für die nächsten drei Stunden unterhielten wir uns über alles mögliche, regelrecht über Gott und die Welt, halfen uns gegenseitig ein gemeinsames Ziel zu erreichen, und gingen dann wieder auseinander. Allerdings habe ich mich sehr für diese gemeinsame Zeit und ihre Hilfe bedankt und sie als 'heaven sent' bezeichnet. Sie hatte Tränen in den Augen.
Es war für beide eine besondere Reise.

Ja, da war ich sehr dankbar, dies mit einer anderen Person zusammen zu erleben und durchzustehen. Alleine habe ich dies schon viele zig male gemacht. Aber in der Hitze und bei dem Chaos der hohen Verspätungen war es doch schön und wichtig, nicht alleine zu sein.

x 1 #14


Worrior
Das mit den Enten hat was! 😂

x 1 #15


A


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