St_Jappi
Mitglied
- Beiträge:
- 39
- Themen:
- 7
- Danke erhalten:
- 80
- Mitglied seit:
Ich sitze gerade vor meinem Wohnmobil an einem See. Frühstück ist vorbei, der Kaffee ist ausgetrunken, ich war spazieren und eigentlich gibt es keinen vernünftigen Grund, mich zu beklagen.
Der See ist schön. Das Wetter passt. Niemand will etwas von mir. Ich habe heute keine Termine und könnte den ganzen Tag machen, was ich möchte.
Und trotzdem habe ich vorhin gedacht: Jetzt wäre es schön, wenn jemand hier wäre.
Nicht unbedingt eine Frau. Nicht die große Liebe. Nicht einmal unbedingt jemand, mit dem ich über meine Probleme reden müsste.
Einfach jemand.
Jemand, der vielleicht sagt: „Guck mal, da drüben sind zwei Enten“, obwohl ich die Enten natürlich längst gesehen habe. Jemand, mit dem man einen Kaffee trinkt und sich über irgendeinen Blödsinn unterhält. Danach geht jeder wieder seiner Wege.
Komischerweise ist das für mich inzwischen eine ziemlich große Sache.
Ich bin 62 und habe einen großen Teil meines Lebens damit verbracht, irgendwie zu funktionieren. Arbeit, Familie, Beziehungen, Verantwortung. Ich war verheiratet, bin geschieden und hatte danach noch zwei längere Beziehungen. Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich einige Dinge ziemlich anders als früher.
Ich habe zum Beispiel lange geglaubt, dass man sich Liebe ein Stück weit verdienen kann. Indem man etwas tut. Hilft. Repariert. Organisiert. Sich nützlich macht.
Heute weiß ich, dass das keine besonders gute Rechnung ist.
Man kann einen Menschen noch so oft zum Lächeln bringen – dadurch entsteht kein Anspruch darauf, geliebt zu werden.
Vielleicht musste ich das erst mit 62 verstehen.
Heute lebe ich ziemlich eigenständig. Ich fahre mit meinem Wohnmobil herum, lese, fotografiere, fahre Fahrrad und entdecke gerne neue Orte. Ich kann gut alleine frühstücken. Ich kann alleine am See sitzen. Ich kann sogar ziemlich gut alleine sein.
Aber vielleicht habe ich gerade festgestellt, dass alleine sein können und niemanden brauchen nicht dasselbe sind.
Und deshalb bin ich heute überhaupt in diesem Forum gelandet.
Eigentlich finde ich den Gedanken ziemlich spannend, dass irgendwo Menschen sitzen, die sich überhaupt nicht kennen, und trotzdem ein paar Minuten miteinander über Dinge reden, die man dem Nachbarn vielleicht niemals erzählen würde.
Vielleicht schreibe ich das hier deshalb gar nicht, weil ich einen Rat brauche.
Vielleicht wollte ich einfach nur einmal ausprobieren, was passiert, wenn man einen kleinen Teil seines Lebens nach draußen stellt.
Und vielleicht sitzt gerade irgendwo jemand und liest das und denkt:
„Komisch. Genau so geht es mir manchmal auch.“
Dann hat dieser kleine Text seinen Zweck eigentlich schon erfüllt.
Ich wünsche allen einen schönen Tag