@Sti Der Feminismus hat auch den Blick auf andere marginalisierte Gruppen gerichtet. Und Du hast völlig Recht, das auch für von der Gesellschaft Behinderte, Alte, Kinder, PoC, Queere und Arme noch viel zu tun ist.
Es wurden eben alle, die nicht dem Leistungsideal des inländischen, gesunden, weißen, erwachsenen aber nicht greisen, Mannes aus der Mittel- bis Oberschicht entspricht, immer nur "mitgedacht", sprich deren Bedürfnisse gar nicht gesehen. Und selbst äußern geht ja überall dort nicht, wo diese Gruppen nicht am Entscheidertisch sitzen. Deshalb ist die Teilhabe an der Macht ja so wichtig. Denn rein rechnerisch ist dieser o.g. "Idealmann" in der absoluten Minderheit.
Zitat von ElGatoRojo: Warum Bösartigkeit vermuten, wenn es Dummheit sein kann
Ich schreibe nirgends von Bösartigkeit. Dieses "mitdenken" ist schlicht Ignoranz. Wie sollte ein Gremium, das nur aus Männern im Alter von 35 bis 65 besetzt ist, denn wissen, dass die Handwaschbecken bei Frauen in die Kabine müssten? Und wenn sie dann weder Frauen noch Ärzte fragen, und Frauen sich über aus so einer "Mücke keinen Elefanten machen" dürfen, dann finden Frauen auch da einen Workaround, der allerdings wieder Zeit und Energie (der Frauen) kostet.
Das machen diese Männergremien nicht mit Absicht. Da soll keine Frau unterdrückt oder benachteiligt oder ihr Tag an Hunderten von Stellen beschwerlicher als der eines Mannes (aber auch leichter als der eines behinderten Person) gemacht werden. Die Männer glauben wirklich, alles getan zu haben, um die bestmöglichen Bedingungen für Frauen zu schaffen. Und selbst Frauen werden sagen, "Waaaas? Ein Waschbecken in jeder Kabine? Das ist doch viel zu teuer! Also ICH brauche das nicht!"
Aber wenn man neutral darüber nachdenkt, wie viel Zeit und wie viele Infekte eingespart werden können, wäre das eine sich volkswirtschaftlich besser rechnende Lösung als das Waschbecken im Vorraum.
Zitat von Zylinderella: Soviel Geld kann man sonst gar nicht mehr ranbuckeln.
Warum willst Du hier kein Geld für ein Frauenbedürfnis ausgeben? Kein Vorwurf. Sondern die Einladung, wie fest auch bei Dir (und auch bei mir) der Glaube sitzt, dass Ausgaben, die vor allem Männern nützen, der gesamten Gesellschaft nützen, und Ausgaben, die Frauen nützen (z.B. hier Krankheiten verhindern), Luxus sind.
Zitat von Zylinderella: Eher Pragmatismus als Übermaß an Geldeinsatz.
Auch dieser Glaubenssatz hat damit zu tun, ob man etwas oder jemanden als wichtig erachtet. Schau mal, wo im Alltag überall für Frauen (oder, wenn Dir das lieber ist, für Behinderte oder Alte) kein Geld ausgegeben wird, sondern Pragmatismus reichen muss. Und wie viele Gelegenheiten Du findest, wo bei Ausgaben für eine überwiegend männliche Allgemeinheit die Geldfrage nur noch in der Höhe beantwortet wird, aber nicht in Frage gestellt wird, dass natürlich Geld in die Hand genommen werden muss.
Zitat von NurBen: Anstatt selber stärker in die Gehaltsverhandlung zu gehen
Es gibt Forschung darüber und Männer wie Frauen werten die Qualifikationen und die Leistung von Frauen geringer als die von exakt gleichen Männern. Dass Frauen anders verhandeln als Männer liegt daran, dass auch Frauen (und Männer sowieso) tatsächlich glauben, weniger zu bieten zu haben und weniger zu verdienen. Das ist internalisierte Misogynie, die nur durch eine Strukturänderung abgeschafft werden kann. Aber dann verlieren Männern natürlich den Vorteil (aka das Privileg), dass ihnen bei gleicher Eignung mehr zugetraut und bezahlt wird. Und ich verstehe, dass Männer dann lieber glauben möchten, sie hätten sich den Gehaltsabstand durch besondere Leistung persönlich verdient, als durch Vorurteile in den Köpfen von Männern UND Frauen einfach zugeteilt bekommen.
Zitat von Wurstmopped: wir leben hier im Westen in einem kapitalistischen System und das ist natürlich von Männern geprägt.
Wurstmopped, Danke!
Die Intersektionalität zwischen kapitalistischem Wachstumsdenken und der Konzentration der Mittel auf den Mächtigsten geht Hand in Hand mit den bevorzugenden und benachteiligenden Gesellschaftsstrukturen. Und da uns die Klimakatastrophe ohnehin zwingt, eine auf Wachstum und Ressourcenverbrauch basierende Wirtschaft neu zu denken, wird damit hoffentlich auch viel Ungleichheit in der Gesellschaft mit ausgeräumt. Aber das ist ein dickes Brett, das man gegen den Widerstand aller, die aktuell besitzen und profitieren, bohren muss.
Zitat von ElGatoRojo: fragt man sich schon, ob es da immer nach Fähigkeit geht
Warum fragst Du Dich das, wenn doch ausdrücklich nur bei gleicher Eignung und Qualifikation eine Frau bevorzugt wird?
Meine Vermutung: Weil erstens auch bei Dir die gleiche Qualifikation dazu führt, dass Du dem einen mehr Eignung und dem anderen weniger Eignung zu sprichst, was Dich übrigens nicht zu einem "bösen Mann" macht, sondern zu einem in unserer Gesellschaft aufgewachsenen Menschen, da eben auch Frauen die Arbeitsleistung von Frauen geringer schätzen als die von Männern. Und zum zweiten hast Du die Quote als Bedrohung von Besitzständen bzw. Privilegien empfunden, die Dir das Leben schon etwas erleichtert haben und auf die Du nicht verzichten möchtest, weshalb sich eben nichts ändern soll. Und deshalb hast Du Argumente (selbst welche, die nicht logisch sind), akzeptiert, die gegen eine Veränderung des Status Quo sprachen. Das ist kein Angriff auf Deine Person, sondern der Versuch, Dir zu erklären, wie dieser Mechanismus (bei Dir, mir und allen anderen) funktioniert.