Heimweh

Ehemaliger User

Die Zeit heilt alle Wunden sagt man. Das mag zum Teil richtig sein, denn gut Ding, weiss der Volksmund, will ja bekanntlich Weile haben. Und Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. So kommt ausser der Zeit wohl noch ein anderer Aspekt dazu. Die richtige Pflege der Wunden. Je besser man sich darum kümmert umso weniger entstellend werden wohl die Narben werden, die ja leider in den meisten Fällen zurückbleiben.

Bei mir sind nun inzwischen mehr als 16 Monate ins Land gegangen, seit meine Seifenblase geplatzt ist. Natürlich war es ziemlich schmerzhaft, auch wenn es nicht meine erste Erfahrung dieser Art war. Übung macht den Meister sagt man. Aber in manchen Angelegenheiten bleibt man offenbar ein Leben lang Geselle. Mag sein dass die Übung bei solchen Abschieden lediglich darin besteht, dass man es zum einen überleben wird, aber auch, dass das Leben tatsächlich weitergeht. Ungezählte Stunden habe ich gegrübelt. Habe geredet, nachgedacht, reflektiert. Habe geschrieben, bis die Tastatur unter meinen auf sie einschlagenden Fingern vor Belastung anfing zu knarren. Es hat seine Zeit gedauert, bis ich nicht nur im Kopf bereit war das Unausweichliche zu akzeptieren. Stimmt: Der Erkenntnis ist es egal wie Du sie erlangst. Aber bis aus dem theoretischen Erfassen einer Lektion eine praktische Umsetzung erfolgt, kann auch einige Zeit verstreichen. Rom wurde ja auch nicht... Aber das hatten wir ja schon...

Nun stehe ich hier heute und ziehe mal wieder Bilanz. Ich muss feststellen, dass es mir, wenn ich objektive (Was auch immer das ist...) Maßstäbe anlege, doch recht gut geht. Ich bin nicht ernsthaft krank, habe ein Dach über dem Kopf, ausreichend (wenn ich mir mein Spiegelbild und die Anzeige der Waage betrachte sogar zuviel  :D ) zu Essen und zu Trinken, meine Kinder sind gesund, mit der Mutter meiner Kinder habe ich ein beinahe freundschaftliches Verhältnis (die Früchte jahrelanger Querelen), ich habe viele Kontakte, intensive und weniger intensive, bekanntschaftliche und freundschaftliche, mein kultureller Appetit wird durch neue Musik, den Besuch von Filmveranstaltungen und dann und wann ein gutes Buch befriedigt. Ich habe häufiger Anlass zum Lachen, aber auch mal kontroverse Diskussionen zu führen. Konnte neue Kontakte knüpfen die sich erhalten haben, habe aber auch schon andere wieder aus den Augen verloren. Hatte erfreuliche und unerfreuliche Begegnungen. Ich konnte anderen Menschen mit Worten und Taten Trost und Beistand spenden. Habe dies von wieder anderen Menschen zurück erhalten. Ich habe, was ja heutzutage auch nicht unwichtig ist, einen festen Job, der mir Unterkunft und die Deckung der materiellen Grundbedürfnisse sowie meinen Kindern den ihnen zustehenden Unterhalt sichert. Meinen Humor habe ich ebensowenig verloren wie meine Nachdenklichkeit und meine manchmal geradezu kindliche Unbedarftheit. Ab und zu ergibt sich auch schon mal eine Gelegenheit mein Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Nivellierung hormoneller Unausgeglichenheiten zu befriedigen. Ich habe in all dem Schlamassel auch viel Spass und Freude gehabt. Alles im grünen Bereich, wie man so schön sagt.

Ich bin frei, im Rahmen der fest eingestellten sozialen und gesellschaftlichen Parameter versteht sich. Ich bin Single und ich bin...? Ja was denn eigentlich? Irgendwas war da doch noch? Was fehlt denn eigentlich? Warum habe ich, trotz der o.a. "objektiven" Kriterien, das Gefühl, dass es nicht rund ist? Will ich SIE zurück? Oh nein, meine rosarote Brille ist längst wieder durchsichtig geworden. Ich habe den ganzen Weg nicht umsonst bewältigt. Habe die roten warmen Perlen mit den schwarzen kalten zusammen in einen Topf geworfen, ordentlich durchgerührt und dann das Ergebnis betrachtet. Dahin will ich nicht zurück, kann auch gar nicht, da ich all meine selbst gebauten Brücken abgerissen habe. SIE kann es nicht sein was mir fehlt. Und es fällt mir im Moment auch kein Mensch ein, der das Ganze rund machen könnte. Da bin ich einfach noch nicht. Gebranntes Kind? Oder doch SIE? Nein! Ich lasse mich nicht mehr als Akku mißbrauchen, der dann, wenn er leergelutscht ist, in die Tonne fliegt. Ich habe wieder was gelernt... Gleichgewicht, Reißverschluß... Wonach sehne ich mich dann?

Es ist... lange habe ich nach einem Begriff gesucht... Geborgenheit? sich fallen lassen zu können? alle Masken abwerfen? um seiner selbst Willen akzeptiert, um seiner selbst Willen geliebt zu werden? Verlässlichkeit? Beständigkeit? Vertrautheit?... Irgendwas aus alledem... Oft kam und komme ich mir vor wie ein Vagabund oder ein Nomade. Wo immer Du hingehst, Du nimmst Dich selber mit. Aber wohin geht es eigentlich? Der Weg ist das Ziel? Stimmt teils, sagt aber nicht die ganze Wahrheit... Und irgendwann, vermutlich auf dem Klo, unter der Dusche oder in der U-Bahn, also an einem jener Orte wo einen bisweilen unerwartet Geistesblitze durchzucken, kam mir ein Wörtchen in den Sinn: H E I M W E H ! Das trifft den Nagel auf den Kopf! Ich sehne mich nicht nach einem bestimmten Menschen, nicht nach einem bestimmten Moment. Ich sehne mich nach einem Gefühl, dem Gefühl, das man hat, wenn die in der unvollständigen Aufzählung zu Beginn dieses Absatzes erwähnten Kriterien nicht durch Abwesenheit glänzen... Eins ist sicher: im Atlas werde ich diesen Ort, wenn das überhaupt die richtige Bezeichnung ist, wohl nicht finden. Ich weiss nur es liegt irgendwo vor mir. Oder irgendwann? Es reift die Erkenntnis in mir, dass es zwecklos ist danach zu suchen. Ist schließlich was Großes. Und wenn man dauernd nach was großem stiert, verliert man wohl den Blick für die Kleinigkeiten. Verpasst es, sich an einem Sonnenaufgang zu freuen. Oder ein freundliches Lächeln zu erwidern... So was großes, das macht sich schon von ganz allein bemerkbar. Man bekommt es dann schon mit, wenn es einem begegnet. Darin liegt ja der Vorteil der Größe. Also heißt die Devise: Locker bleiben, schön geschmeidig; Offen und aufmerksam sein; sich nicht im muffigen Keller verkriechen; neugierig sein und vor allem: weiter reisen und die Erfahrungen mitnehmen. Schließlich will ich ja, wenn ich dann irgendwann in der Heimat (wo immer das auch sein mag) angekommen bin, was zu erzählen haben. Wenn einer eine Reise tut... Aber jetzt muss ich erstmal weiter.  ;)


denkt sich

donald

08.01.2004 16:27 • #1


Ehemaliger User


Lieber Donald,

es ist immer wieder schön von dir zu lesen, und einmal mehr möchte ich dir antworten, weil du mir aus der Seele sprichst.

Als "Heimweh" hab ich es nie gesehen, für mich war es immer das Wort "ankommen", einen Platz im Leben finden, an dem man sagt: Hier will ich sein, es ist in Ordnung so wie es ist, es kann so bleiben.

Leider ist es ja so, dass eine Trennung uns von diesem Platz wegholt, uns im Regen stehen lässt, und wir völlig desorientiert herumirren, und uns einen neuen Platz, eine neue "Heimat" suchen müssen.

Mag sein, dass nach langen Monaten alles Lebensnotwendige wieder stimmt, die Arbeit und das Leben , die Freizeit und die Aktivitäten im Freundeskreis etc wieder in geregelten Bahnen verlaufen.

Wenn man es nach oft langem,harten K(r)ampf wieder auf die Reihe bekommen hat, sich in seinem kleinen Universum wieder wohl zu fühlen, bemerkt man plötzlich - wie du schon sagst - dass etwas fehlt.  ???

So blöd es klingt: der Mensch ist eben nicht fürs Alleinsein geschaffen, mag es an den Genen, den Hormonen oder an sonst was liegen, wir möchten einfach unser Leben nicht ohne einen geliebten Menschen verbringen.

Und je länger man allein ist, desto grösser scheint mir der "innere Zwang" oder besser gesagt der Wunsch zu werden, doch endlich mal wieder anzukommen.

So laufen wir dann auf unserem Weg entlang, hoffentlich mit offenen Augen, denn das kleine Glück am Wegesrand kann sich oftmals als grosses Glück entpuppen. Wir müssen schon Eigeninitiative auf unserem Weg zeigen, und wenn es nur soviel Initiative ist, dass wir weitergehen, um mal über unser Glück zu stolpern, oder von ihm gefunden zu werden.

Vielleicht machen wir auch Fehler auf unserer Reise, verirren uns im Wüstensturm, oder im eisigen Daisypolarkreis, aber was solls, irgendwo wird unser Platz schon sein, irgendwann werden wir auf unserer grünen Wiese ankommen, wo die Sonne scheint, uns aber nicht verbrennt, und wo auch mal Regen fällt, der uns kühlt, aber nicht erfrieren lässt.


Ich wünsch dir Glück auf deiner Reise Donald, und dass du deine "Heimat" bald finden wirst

Liebe Grüsse
Thilde

08.01.2004 17:31 • #2


Ehemaliger User


lieber donald,

was soll ich dazu noch sagen, es ist das wort welches mir noch fehlte......du weisst ja, haben wir drüber gesprochen.

@ Thilde,

das mit der grünen wiese ist auch ein sehr schönes bild, wenn ich dran denke, hmmmmmmmmmmmm und geniess.......



lg
sabs

08.01.2004 17:58 • #3


Ehemaliger User


Hallo Donald,

danke für diesen schönen und treffenden Beitrag.

Als ich ihn gelesen habe, habe ich mehr und mehr gespürt: Das ist es, was mit mir los ist! Genau dasselbe empfinde ich auch. Und konnte es nicht in Worte fassen.
Es ist okay, wie es ist, zur Zeit, aber trotzdem fühlt sich auch mein Leben nicht richtig rund an und ich sehne mich danach, wie ich mich mal gefühlt habe, als ich noch eine Art "Heimat" hatte.
Die alte Heimat will ich nicht mehr, ich würde mich in ihr nicht mehr zuhause fühlen, dazu habe ich mich bereits zu sehr verändert in den letzten 2 Jahren.
Eine neue Heimat habe ich noch nicht ansatzweise gefunden, dafür aber mich selbst und irgendwann kommt man hoffentlich auch wieder an einem solchen Ort an... auch wenn ich zur Zeit keine Vorstellung davon habe, wie das jemals wieder funktionieren soll... (nicht, dass ich mich nicht einlassen könnte, aber ich glaube, es ist schwierig, wieder einen solchen Ort zu finden...davon bin ich mittlerweile überzeugt).

Danke für Eure Worte und gute Reise noch
maryleen

08.01.2004 19:57 • #4


Ehemaliger User


hallo donald,

schön, dass du in gewohnter tiefe weiterschreibst und stellvertretend für viele den knackpunkt ansprichst.

aber ich möchte den begriff als alter romantiker erweitern, es ist nicht nur die sehnsucht nach dem ankommen in einem geborgenen heim, sondern auch die sehnsucht nach der aufregenden großen reise in ein unbekanntes schönes land.

ich habe wie du ja weißt einige versuche unternommen, in dieses land mit dem heim aufzubrechen und tw. meine partnerinnen mit der dann durchbrechenden gefühlsstärke verbrannt. ich war selbst überrascht von der intensität der flut hinter den brechenden deichen, wenn man glaubt, der andere sei der richtige und der dieses auch bekundet.

nun das ist vielleicht temperamentsache, wie stark man sich dann in geduld üben kann.

ansonsten geht es mir leider auch nach drei jahren ähnlich wie dir, wenn das auch kein trost ist.
ich sehe es aber als zeichen, dass wir das kapitel ex jetzt wirklich abgeschlossen haben und einfach voller energie und tatendrang sind.

aber die zuversicht, das heim irgendwann zu finden, hebt den grauschleier im alltag nicht unbedingt. trotzdem geht nur der weg der geduld. mensch, wir haben das leben noch vor uns und auch einige blutige nasen werden nicht verhindern, dass wir das heim irgendwann wieder finden, vielleicht auch ganz anders, als wir es erwarten.

manchmal denke ich, vielleicht wird es garnicht mehr die eine erfüllende beziehung, sondern etwas neues sein: ein erfülltes leben einer erwachsenen persönlichkeit mit  einem neuen sinn des lebens.

vielleicht ist das finden der eigenen zufriedenheit der letzte schritt, bevor wir wirklich wieder eine neue richtige beziehung führen können.

also wieder mal: du bist hier nicht alleine !

mick (mit frischen narben, aber wieder zuversichtlich)

09.01.2004 07:42 • #5


Ehemaliger User


Hallo Donald, hallo @-all,

Geborgenheit? sich fallen lassen zu können? alle Masken abwerfen? um seiner selbst Willen akzeptiert, um seiner selbst Willen geliebt zu werden? Verlässlichkeit? Beständigkeit? Vertrautheit?... Irgendwas aus alledem...


Du nennst es Heimweh!?

Sorry, ....  ;)
ich sehe schon die verbalen "Steine"
auf mich zufliegen, aber ich nenne
es einen überhöhten Anspruch an
eine Partnerschaft/Beziehung!

Diese Sehnsucht, diesen Anspruch und dieses
Urvertrauen hätten nur zwei Menschen in
unserem Leben, zur rechten Zeit,
stillen können und müssen!

Ich glaube, viele von uns haben einfach zu wenig
von diesen positiven und sättigenden "Urgefühlen"
mit auf den Weg bekommen.

In der Konsequenz projezieren wir diese Wünsche,
auf unseren Partner/in und überfordern Ihn/Sie
mit unseren Ansprüchen, Sehnsüchten,
unserem "Heimweh"!

Du hast vollkommen recht, wenn Du sagst,
die Heimat liegt in uns selbst.
Ich vermute sogar, dass die wirklich glücklichen
erfüllten Beziehungen von Menschen geführt
werden, die Ihre Heimat für sich und in sich
gefunden haben.

Von Menschen die selbst voll von
Urvertrauen- und Gefühlen sind.
Menschen die entweder einen guten
Start hatten oder es geschafft haben
Ihre "Defizite" selbst zu füllen/heilen.

Was meint Ihr?

Okay, nennt mich ruhig eine
üble Realistin oder naive Idealistin,
Ihr habt in jedem Fall recht!  ;)

Liebe Grüße

M-N-P

 

09.01.2004 14:37 • #6


Ehemaliger User


Hi M-N-P!
Im Prinzip stimme ich Dir natürlich zu. Aber (<= war doch klar, oder?) hier kommt der erwartete verbale Stein in Form eines Wattebausches von mir zurück.  8)

-Klar kann man heute nicht Defizite ausgleichen, die bereits zu Beginn der Persönlichkeitsentwicklung entstanden sind. Es ist so, wie das Muschelförmchen (das gelbe!), das mir Karl-Dieter Schmidt (dieser fiese Möpp!!!) damals im Sandkasten weggenommen hat. Einfach futsch! Und heute muss ich damit leben. Mööh! DAS kann mir niemand wiedergeben. Auch nicht die verwegene Prinzessin auf dem weissen Pferd, die natürlich nur mit einem beschäftigt ist: meiner Rettung...

-Richtig ist auch, dass die erfülltesten Beziehungen sicher von Menschen geführt werden, die bei sich bleiben, ohne zum Egoisten zu degenerieren, Grenzen setzen können ohne gleich Armeen aufmarschieren zu lassen. Eben einfach Menschen, die auch alleine lebensfähig sind. Was nicht zwingend gleichbedeutend mit nachträglich ausgeglichenen Defiziten aus der Kindheit zusammenhängen muss. Ich denke, und meine Erfahrung scheint dies auch erstmal zu bestätigen, dass z.B. ein nicht richtig "installiertes" Urvertrauen, nicht nachträglich neu drüberinstalliert werden kann. Aber man kann lernen damit umzugehen. Wenn man es denn überhaupt will. Ist aber wohl ein mega-steiniger Weg. Damit ist das eigentliche Defizit aber nicht aus der Welt geschaffen. Es werden lediglich Verhaltensweisen, im Ansatz evtl. auch Gefühle, die aus dem vorhandenen Defizit herrühren, aber heute vielleicht gar nicht mehr aktuell oder angemessen sind, bewußt gesteuert.

-Klar ist es ein überzogener Anspruch an Beziehung und Partner, wenn von diesen erwartet wird, dass sie "alles wieder gut machen". "Deine Aufgabe ist es mich glücklich zu machen." - Das ist sicher der falsche Ansatz. Drehen wir es mal um 180°. Dann heisst es vielleicht: "Meine Aufgabe ist es Dich glücklich zu machen." Klingt doch schon besser, oder? Funktioniert aber auch nur bei gleichrangigen, gleichberechtigten Partnern in einer demokratisch organisierten Partnerschaft. Wenn man vom Partner erwartet, dass er einen "rettet", dann ist man schon in einer abhängigen Position. Damit ist man nicht mehr gleichrangig und es wird keine Partnerschaft, sondern allenfalls eine Symbiose, bei der einer des anderen Krücke ist. Der "schwache" kann nicht ohne den "starken" Part (führt zu ständigen Verlustängsten und Mißtrauen), der starke Part fühlt sich erst geschmeichelt, dass er so sehr gebraucht wird, verliert aber möglw. irgendwann den Respekt vor dem anderen (der ja aufgrund von Abhängigkeit nicht in der Position ist irgendwelche Anforderungen zu stellen) und wird der Verantwortung, die ihm vom anderen zugeschoben wird wohl eines Tages überdrüssig sein.

Fazit: Nein, M-N-P, es geht mir nicht darum, zurück zu Mutti zu kommen. Auch ist mir bewusst, dass Defizite aus der Vergangenheit nicht in der Gegenwart durch andere Menschen ausgeglichen werden können. Beim Heimweh geht es mir tatsächlich um ein Gefühl, dass ich mir als Single selbst nicht geben kann. Ich will mal versuchen, es mit kleinen  Beispielen zu umschreiben:
Nach einer Bahnreise (bin ja schon groß, das kann ich schon...) fährt der Zug in den Bahnhof ein - und niemand erwartet Dich. Und es ist doch sicher ein schönes Gefühl zu wissen, dass dort jemand auf einen wartet und sich freut. (Wenn wir jetzt mal davon absehen, dass es auch eine 10-köpfige Truppe von Glatzen mit 3.8 auf'm Kessel und Baseballschlägern sein könnte, die einen erwartet - aber wer freut sich schon auf sowas..? )
Es ist der Vorabend Deines Geburtstags. Der Mensch den Du liebst steht um 23:55 mit einer Pulle Sekt und zwei Gläsern vor Dir um mit Dir als erster anzustossen. Ist einfach ein schönes Gefühl. Und das kann mir z.B. in dieser Intensität auch kein Freund geben, so wichtig mir diese sind und so sehr sie mir am Herzen liegen.
Dein Partner hat einen echt grottenschlechten Tag hinter sich, lässt sich in Deine Arme fallen und heult sich erstmal ordentlich aus. Ein schönes Gefühl, wenn einem dieses Vertrauen entgegengebracht wird.
(...usw....)

Ich vermute mal es gibt einfach unterschiedliche Formen und Ausprägungen von "Liebe". "Liebe" mir selbst gegenüber. "Liebe" der Herkunftsfamilie gegenüber. "Liebe", die ich für meine Kinder empfinde. "Liebe", die ich meinen Freunden gegenüber empfinde. Und "Liebe", die ich einem Partner gegenüber empfinde. Immer das selbe Wort und doch kann man nicht das eine durch das andere ersetzen. "Heimweh" ist vielleicht so etwas, wie das Bedürfnis jemanden um sich zu haben, der einem nicht Krücke ist, sondern der die eigenen Möglichkeiten noch erweitert, einen durch seine Existenz bereichert. Und dem man dies mit gleicher Münze zurückzahlt. It's a game of give and take...

Um den Umgang mit den eigenen frühkindlichen Defiziten und auch späteren Traumata muss sich jeder selbst kümmern. Schön, wenn man dabei Unterstützung erfährt. Aber seine "Hausaufgaben" muss man am Ende doch immer selbst machen.

Natürlich kann ich (fast) alles auch alleine machen. Aber vieles ist zu zweit einfach noch schöner. Bei mir z.B. ist es im Moment so, dass die Vor- und Nachteile des Alleinseins und die Vor- und Nachteile von Partnerschaft sich in etwa die Waage halten. Ich habe tatsächlich aktuell das Gefühl ich müsste etwas aufgeben, würde aber auch was dazu bekommen, ließe ich mich auf "was neues" ein. Von daher bin ich, trotz "Heimweh" in der Position mich entscheiden zu können. Muss nicht "gerettet" werden, will aber auch selbst niemanden "retten". Alles im "grünen Bereich" eben. Trotzdem fehlt was. Nich' so einfach, gelle? Klar, kann ich mich jahrelang von Rohkost und Schwarzbrot mit Wurst und Käse ernähren, es wird mich sättigen und mir auch alle erforderlichen Nährstoffe zuführen. Trotzdem ist ein saftiges Steak mit einer schönen fetten Sahnesoße durch nichts zu ersetzen... Mjam! Schleck!

Na ja, ein weites Feld...

...weiss es selbst nicht so genau...

Schönes Wochenende!

donald

10.01.2004 12:03 • #7


Ehemaliger User


Der Begriff des Heimwehs triffts genau, auch ich habe keinen Namen für das komische Gefühl der Leere gehabt, die eigentlich mein ständiger Begleiter ist.
Aber ist gibt ein Lied von H. Grönemeyer, das es auch trifft.
Unbewohnt , ihr kennt es vielleicht.
Ich stehe auf streun durchs Haus geh zum Kühlschrank mach ihn auf, er  ist kalt er ist leer.Beweg mich im auusichtlosen Raum führ Selbstgespräche hör mich kaum bin mein Radio schalt mich ab.
Ich würde mich so gern verstehn aber ich weilß nicht wie das geht der Grundriß ist weg.
Seh im Speigel ein Gesicht , tellt mich zuir Rede antworte nicht, stummes Inerview, Das Licht steckt in jedem Detail in mir sind alle Zimmer frei und ich dazu.
Zwangsgeräumte Gründe , gekündigt vor der Zeit keine Seele in 4 Fenstern, 100 JAhre Einsamkeit, alles stille unbewegte Zellen und das Wetter gibt nicht mehr, die Strasse hat keinen Stimmen, autolos kein Verkehr.
Es tropft ins Herz..  

13.01.2004 16:58 • #8


Ehemaliger User


Heimweh...


...eine schöne Umschreibung für dieses Gefühl.

Nach all den Kämpfen, Lügen, Fragen, Verletzungen, Wut und Angst,
nach all dem ärgern, jammern, schimpfen, weinen, reflektieren,
nach all dem ent-lieben, verstehen, verarbeiten und heilen ...

irgendwo tief drinnen die Sehnsucht nach innerem Frieden und Ruhe ...

nach erwartet werden, ankommen, heimkommen.

Selbst in der schönen neuen, mittlerweile lieb gewonnen Umgebung
ein diffuses Gefühl und das Ziehen in der Magengegend beim Gedanken daran,
daß es da doch noch etwas gibt und es einem fehlt...

14.01.2004 21:18 • #9


Ehemaliger User


Hallo donald,

Heimweh, ankommen wollen...

Du weißt zumindest ansatzweise schon, was Du willst, Du hast schöne Bilder gemalt...
Ich bin noch auf der Suche, was will ich denn? Wohin geht mein Weg? Ich denke, diese Sinnfragen stellt man sich immer, wenn man durchgeschüttelt, "aus dem Leben geworfen" wurde und nun dasteht - ohne Orientierung.

Mir wäre geholfen, wenn es noch mehrere geben würde hier, die solche "Bilder" malen. Anfangs ist man nicht sonderlich kreativ, da man sich sehr stark mit den Gefühlen wie Schmerz und Trauer beschäftigt. Danach ist der Geist wieder offener.

Ich habe für mich schon ein paar Bilder - mich würde aber auch interessieren, wohin andere wollen. Für mich ist ein Ziel, mehr Kontrolle über die Emotionen zu erhalten und ein weiteres, den Verstand zu stärken. Wohin gehen Eure Wege?Gruß, Gerd

15.01.2004 19:24 • #10


Ehemaliger User


na gut, dann reiche ich jetzt am Ende der Woche doch nochmal nach was ich am Anfang derselben gelöscht hatte ... da kam mir jetzt im Nachhinein noch was von dem Sand in die Augen (oder mehr nach innen) geflogen den ich schon in den Sandkasten zurückgeworfen hatte  ;-) ...


Hallo donald,

nöö ... ich schreibe jetzt nicht dass du mit deinem Beitrag mal wieder einen Volltreffer gelandet hast und ich mich einmal mehr frage wie du das nur immer wieder hinkriegst auf gewissen Nerven Melodien zu spielen ...

ich bin nach langem Kampf gegen den Rest der Welt und vor allem gegen mich selbst wohl am selben Punkt gelandet ... nachdem ich lange Zeit geglaubt habe ich bräuchte wen der mir das zerzauste und zerrupfte Fell wieder glattstreichelt stelle ich jetzt fest dass es sich auch von alleine glättet wenn man ihm die Gelegenheit dazu gibt ... Fellpflege von innen heraus ...

da wurde ich vor 20 Monaten, bildhaft gesprochen, auf die Straße gejagt und musste mir und anderen beweisen dass ich auch alleine (über)lebensfähig bin ... für die anderen fiel mir der Beweis leicht, mich selbst konnte ich ungleich schwerer überzeugen ...

die Fassade stand sehr schnell wieder, sah gut aus und funktionierte ... das Leben nach außen funktionierte und von dem was in mir war sahen nur wenige etwas ... es waren auch nur wenige da die etwas sehen wollten, Trennungen trennen mehr als nur einen Menschen vom anderen ... sie trennen ganze Lebenswelten und ich stand plötzlich in einer ganz neuen und ohne die die mich in der anderen bisher begleitet hatten ... die beiden Welten passten nicht mehr zusammen, es war ein totaler Bruch ... die gewohnten Sicherheiten wurden durch Hoffnungen, Träume und Wünsche ersetzt und weil ich schon mal am Bauen war und weil es sich mit Hoffnungen, Träumen und Wünschen so gut bauen lässt, baute ich schnell weiter und setzte noch ein paar Sandburgen die ich mit neuen Menschen belebte (einfacher Griff in die Playmokiste) ... schließlich sollte es mir schnell wieder gut gehen und dafür muss frau ja auch was tun ...

irgendwie habe ich lange Zeit am Außen modelliert und nach Außen ging alles weiter, während ich in mir drin zurückblieb ... ich kam diesen Veränderungen gar nicht mehr nach, weder denen die mir aufgezwungen wurden, noch denen die ich mir selber schuf ... aber leben musste ich darin so gut es eben ging und ich hatte lange die Illusion dass das Innen gesund werden würde wenn nur das Außen stimmt ... gut ist wenn man nach ewigem Gebastel dann doch irgendwann merkt dass die Reihenfolge anders rum sinnvoller ist ...

es kam wie es kommen musste, die Sandburgen sind zusammengekracht, die Playmomännchen sind entweder lebendig geworden und zu anderen Burgfräuleins gelaufen oder begraben in unförmigen Sandbergen und ich stand der Realität gegenüber in die keine dieser Hoffnungen, Träume und Wünsche mehr passten ...

das wars dann erst mal ... DAS war das letzte Jahr ... es ging mir beschissener als im Jahr der Trennung und in meiner Erinnerung habe ich das Jahr mit 'Weinen' und Bergen von Taschentüchern verbracht ... aber das wusste kaum jemand ... war ja keiner da ...

obwohl, zwischen all den Sandhaufen saß was, was mir wohl unmerklich zugelaufen sein musste ... saß da fest und bewegte sich nicht ... ich dachte nicht dran dem auch noch ne Burg zu bauen, hatte ja gesehen wohin so was führt ... aber nachdem es lange genug Sitzfleisch bewiesen hatte fing ich an es zuzuquasseln ... und siehe da, es hielt mir stand ...

und ich fing an das Außen zu belassen wie es war und wandte mich mir selbst zu ... DA gab es vor allem umzubauen, zu wühlen ... man findet Erstaunliches wenn man sich traut zu finden, zu sortieren, rauszuwerfen, zu Erkennen ... es gab so viel womit ich mich nicht wohl fühlte, wie also sollte sich jemand mit mir wohlfühlen? ... in mir war eine einzige Baustelle mit Betreten auf eigene Gefahr Schildern ... es hat lange gedauert und es gab einige Fälle für den erste Hilfe Kasten ... den hat dieses 'Etwas' dabei was da stur auf dem Sandhaufen sitzen blieb während es mir ruhig zusah wie  ich mich zerlegte und neu zusammenbaute und sich ab und zu den Staub abklopfte den ich dabei aufwirbelte ...

ja, und irgendwann kam ich mir näher ... das Innen fing an das Außen einzuholen und mittlerweile scheine ich beides fast auf gleicher Linie zu haben ...

wie das Innen mit dem Außen weitergehen wird weiß ich noch nicht ... das wird eine neue Erfahrung sein ... aber wo die beiden miteinander hinwollen, das weiß ich ...

und genau das hat donald oben schon wunderbar beschrieben ...


und einen Satz muss ich hier noch frei zitieren:

"Noch so ein Jahr wie das letzte und ich brauche kein 2005 mehr!"

Copyright liegt bei mylife   ... Danke!

also los!

ja, es fehlt noch was ... und das kann jetzt kommen ... mein Fell ist jetzt glatt ... aber selbst streicheln reicht eben nicht ...

Bye an alle!

Birgit


das was mir da zugelaufen ist sitzt noch immer da ... sieht leicht lädiert aus mit den Spuren die ich hinterlassen habe, aber nicht wirklich unzufrieden ... ich werde es ein bisschen pflegen um es auf die Beine zu bringen, es muss ja auch noch weiter ... aber ... Hey, aber pass mir auf dass du nicht nochmal in einen Sandsturm gerätst ... Staubsauger steht für alle Fälle bereit! ... Danke!

16.01.2004 09:46 • #11


Ehemaliger User


liebe lilac,

hmmmm also bei näherem betrachten und genauerem lesen deines beitrages muss ich wohl eingestehen, dass in meinem leben noch zuviel sand und sandstürme abgehen. wahrscheinlich sehe ich eben deshalb nicht das, was man doch sehen sollte, aber es lässt sich augenblicklich eben nicht ändern.

das mit dem inneren und äusseren ICH ist auch gut beschrieben, allerdings ist es bei mir genau umgekehrt. mein äusseres ich ist noch so abgehalftert, weil mein inneres ich laufend am kämpfen ist und weisst du, manchmal denke ich, boahhhhhh bin ich immer noch nicht weiter, *beep*, snaily-mässig unterwegs, stecke ja auch diesbezüglich den ein oder anderen rüffel hier ein, aber es ist nun mal so bei mir, da dauert alles was zu verarbeiten ist eben ein wenig länger. manchmal mache ich mir gedanken darüber, aber das bringt es nicht, neee nicht wirklich, ich kann nur nach aussen hin das spiegeln, was innen in mir drin abgeht. klar meinen einige, dass ich schon viel weiter bin, als ich denke, aber das muss man auch selbst spüren. ich spüre es noch nicht so wie es sein sollte und solagen aussen und innen nicht wieder eins sind, wird das auch nichts mit dem 'nachbarn'......nee kleiner scherz ich meinte mit mir

dieses heimweh wird wohl erst gestillt werden, wenn ich diese wüste durchschritten habe und am horizont wieder häuser in sicht sind, bei denen ich dann annähernd das gefühl bekomme, da könnte ich mich wieder zu hause fühlen.

aber ich bin froh, dass es mir nicht allein so geht, dass es da draussen menschen gibt, die auch wenn es schon etwas her ist mit der trennung, schwächen zeigen.

machmal denke ich Ex hat mit seinem weggang auch eine menge an gefühlen mitgenommen......das gefühl so richtig verliebt zu sein, dass gefühl endlich wieder anzukommen, dass gefühl, so jetzt kann ich mich mal wieder nach hinten fallen lassen, ohne dass mir jemand die lehne wegreisst und ich ins leere falle. aber das muss in mir wachsen, das kann man nicht wie mathe lernen, das müssen neue erfahrungen mit sich bringen.....

in diesem sinne.......schönes WE an alle

lg
sabs

16.01.2004 13:04 • #12


Ehemaliger User


Solang du nach dem Glücke jagst
Bist du nicht reif zum Glücklichsein
Und wäre alles Liebste dein.

Solang du um Verlornes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist
weisst du noch nicht was Friede ist.

Erst wenn du kein Begehren kennst
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst
Reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz
Und deine Seele ruht.

(Hermann Hesse)

20.01.2004 15:39 • #13


Ehemaliger User


hallo taka,

sehr schönes gedicht von HH und wie treffend!!!!

lg
sabs

20.01.2004 15:56 • #14


Ehemaliger User


SELBSTMITLEID

Ich weiß, du bist der gestreßteste Mensch auf Erden
Keiner hat`s wie du so schwer
Das mußt du mir nochmal erklären
Ich hab`s erst 100 mal gehört

`Ne Stunde länger jeden Tag ist Pflicht
Du kriegst sie nichteinmal bezahlt
Doch weil du halt so wichtig bist
Hast du leider keine Wahl


Hör endlich auf zu bluten
Das will doch keine mehr seh`n
Du wirst in deinen Tränen-Fluten
Vor SELBSTMITLEID noch untergeh`n


Nachts kannst du oft nicht schlafen
Weil die Welt so gemein zu dir ist
Wenn Beziehungssorgen an dir nagen
Gibt`s sonst keinen, der so einsam ist

Deine Schulden werden immer mehr
Kein Cent, der dir übrig bleibt
Das Leben ist für dich so unfair
Du tust mir wirklich leid!


Hör endlich auf zu bluten...


Hast Ärger mit Leber und Mils
Und deine Blinddarmnarbe schmerzt
Dein *beep* will nicht, wie du willst
Und du hast auch was am Herz

Noch nie in deinem Leben
Hattest du mal Schwein
Niemand will dir was geben
Ach – grab‘ dich einfach ein!


Hör endlich auf zu bluten...



1999 Manfred Hilberger

20.01.2004 23:05 • #15




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