NIKi99
Mitglied
- Beiträge:
- 6
- Themen:
- 1
- Danke erhalten:
- 7
- Mitglied seit:
Ich bin neu hier.
Ich schreibe Euch, weil ich andere Berichte zum Thema " Kinder narzisstischer Eltern " hier gesehen habe.
Mein Vater war ein sehr ausgeprägter Narzisst mit allen dazugehörigen Merkmalen und Verhaltensweisen :
sehr manipulativ, er hat seine Kinder laufend gegeneinander ausgespielt, obwohl er immer behauptet hat, daß er möchte, daß wir uns gut verstehen. Er hat uns immer als sein Eigentum behandelt und nicht als eigenständige Menschen.
Konformität mit ihm wurde belohnt, das Gegenteil bestraft. Er hat uns verbal oft mißbraucht ( mich auch körperlich ).
Er war immer sehr nachtragend. Mich hat er seit über 9 Jahren nicht kontaktiert, weil ich damals mit meiner Schwester
eine Auseinandersetzung hatte.
Anfangs habe ich es noch versucht. Ich habe ihm Postkarten geschrieben, ihm zum Geburtstag gratuliert usw. ( anzurufen habe ich mich nicht getraut, weil ich Angst vor seiner Reaktion hatte und mir keine Abfuhr holen wollte).
Damals hat es mir auch sehr wehgetan, daß von ihm nichts gekommen ist.
Irgendwann dann habe ich es aufgegeben.
Vor ein paar Jahren habe ich dann erfahren, daß er einen Schlaganfall hatte.
Als ich ihn angerufen habe und ihm gegenüber sehr liebevoll war, hat er wieder mit Abwehr reagiert.
Danach habe ich es dann ganz gelassen ( nachdem ich ihm noch gesagt hatte, daß ich ihn liebe und für ihn da bin, wenn er mich braucht).
Die Distanz zu ihm hat mir auch bei meiner eigenen Entwicklung weitergeholfen. Ich habe in den Jahren drauf immer mehr zu mir selbst gefunden und mich mittlerweile lieben und akzeptieren gelernt.
Vor einem Monat habe ich dann meinen Bruder kontaktiert, weil ich eine Information von meinem Vater brauchte und ihn nicht erreichen konnte.
Da erfuhr ich, daß mein Vater mittlerweile seinen zweiten Schlaganfall hatte und es ihm nicht sehr gut ging.
Ich habe ihn dann ein paarmal besucht und hatte mit ihm ( bzw. dem kindlichen Wesen, das inzwischen aus ihm geworden war ) ein paar berührende Momente.
Vor ein paar Tagen ist er dann plötzlich gestorben.
Zuerst war ich sehr traurig und habe viel geweint .
In den letzten 2 Tagen kommen jetzt auch wieder die anderen Gefühle hoch.
Heute habe ich meinen Bruder getroffen und danach ging es mir richtig schlecht.
Mein Bruder hat die ganze Zeit so nett über meinen Vater gesprochen.
Ich habe ihm erzählt, wie mein Vater mich als Kind ( ich war 5 oder 6 Jahre alt ) mit beiden Händen so brutal auf den
Kopf geschlagen hat, daß ich tagelang Kopf- und Ohrschmerzen hatte ( und das, obwohl ich gar nichts Falsches gemacht hatte . Meine Mutter war wieder einmal unaufmerksam gewesen und hatte nicht mitbekommen oder vergessen ?, daß ich ihr gesagt hatte, daß ich mit meiner besten Freundin und deren Eltern in ihren Weinberg fahre. Als diese mich dann abends nach Hause brachten ist mein Vater komplett ausgerastet ( ich habe noch versucht, zu sagen, daß ich meiner Mutter doch Bescheid gegeben hatte . aber er war nicht zu bremsen. Er hat mich in ein Zimmer eingesperrt, mich gezwungen, den Kopf zu senken und dann wie wild auf mich eingedroschen) .
Mein Bruder ist gar nicht wirklich auf das eingegangen, was ich ihm da erzählt habe, obwohl ich versucht habe, ihm zu beschreiben, welche Auswirkungen das Erlebte für lange Zeit auf mein Leben gehabt hat und zum Teil auch heute noch auf mich hat ( obwohl das schon besser geworden ist, weil ich seit einigen Jahren da an mir gearbeitet habe ).
Ich habe gar kein Mitgefühl von ihm für das von mir Erlebte gespürt.
Er hat mir zwar auch von einem Erlebnis erzählt, das er gehabt hat, jedoch im gleichen Zug meinen Vater mit den Worten verteiligt, daß "dieser wohl nicht anders konnte" und "er es wohl nicht anders verdient hatte ".
Anschließend hat er dann gesagt, daß er lieber über schöne Dinge sprechen möchte.
Ich habe mich unverstanden und übergangen gefühlt.
Nachdem ich mich von meinem Bruder dann getrennt hatte, ist es mir richtig schlecht gegangen.
Ich habe ihn angerufen ( wobei er 1-2 Mal meinen Anruf gar nicht angenommen hat ).
Später hat er mir ( fast ) vorgeworfen, daß ich ihn gestört hatte, weil er gerade dabei war, Bekannte anzurufen.
Ich habe stark weinen müssen und wieder einmal eine ziemliche Distanz von ihm aus gespürt, obwohl ich mich ihm in den letzten Wochen näher gefühlt habe als je zuvor.
Er hat mir dann geschrieben, daß er in Ruhe trauern möchte und nicht über Gewalt etc. sprechen möchte.
Es macht mir zu schaffen, daß er meinen Vater immer in Schutz nimmt ( für jede seiner gestörten Verhaltensweisen hat er eine Begründung parat ) und anscheinend einfach nicht sehen möchte, was mit diesem los war und daß sich sein Verhalten auf mich/uns negativ ausgewirkt hat.
Alles rechtfertigt er : mal ist es, weil mein Vater als Kind die Kriegszeit miterlebt hat, dann daß er halt verzweifelt war und nicht anders handeln konnte, dann daß er halt belastet war etc .
Er scheint dabei ganz zu vergessen, daß jeder erwachsene Mensch für sein eigenes Verhalten selbst verantwortlich ist.
Außerdem kommt es mir vor, daß er sich permanent mit dem Täter ( meinem Vater ) identifiziert und nie dorthin kommt, sich zu fragen, was das alles wohl mit meiner Schwester, ihm und mir gemacht hat.
Er hat dann noch gemeint, daß es Familien gibt, in denen es viel schlimmer zugeht und, daß wir eine " Durchschnittsfamilie seien ".
Seine Leugnung ist so ausgeprägt, daß sie mich ganz verrückt macht ( obwohl ich weiß, daß sie für ihn eine Art Selbstschutz darstellt ).
Ich habe mich heute wieder einmal unverstanden und in meinem Schmerz alleingelassen gefühlt und bin dabei mit meinen alten Gefühlen der " Wertlosigkeit " und " Nicht-Wichtigkeit " in Berührung gekommen.
Ich weiß aber, daß ich ein wertvoller Mensch bin und es verdient habe, in meinen Gefühlen und Erfahrungen ernstgenommen zu werden.
Ich habe nachgedacht und bin zu dem Schluß gekommen, daß es für mich wohl das Beste sein wird, nicht zu dem Begräbnis zu gehen.
Jedenfalls könnte ich keine verlogenen Lobeshymnen oder dergleichen ertragen.
Vielen Dank fürs Lesen meines Beitrags und für eventuelle Stellungsnahmen .
L.G. Nicole