Liebe Home,
mir geht es im Moment schon viel besser. Leider werde ich wahrscheinlich noch einen Freund verlieren - der , von dem ich in der ersten Mail geschrieben habe. Er hat erneut meine Grenzen verletzt und sich inzwischen selbst zurückgezogen. Das tut mir sehr Leid. Aber es geht mir im Moment besser damit, Distanz zu ihm zu haben, weil ich merke, dass er mir nicht gut tut. Vielleicht werden wir später wieder einen Weg zueinander finden, wenn sich das alles ein bisschen beruhigt hat (es ist nicht mein "EX", sondern ein guter Freund).
Ich beneide Dich nicht um Deinen Zwiespalt zwischen Herz und Kopf. Das ist wirklich eine ganz schwere Situation.
Du hast einen für mich ganz wichtigen Satz geschrieben:
>> und er ohne professionelle Hilfe wahrscheinlich nicht aus seinem Teufelskreis herauskommt.<<
Genau das denke ich auch. Angehörige können da nicht helfen. Du hast ja sicher selbst schon alles versucht und musstest nur sehen, dass er immer tiefer da reinrutscht, egal, was Du machst, wie Du Dich verhältst, oder? Da müssen die "Profis" ran, das denke ich auch. Und die Entscheidung, sich in professionelle Hilfe zu begeben, die kannst Du ihm leider nicht abnehmen. Du kannst nur versuchen, ihn zu motivieren. Aber den Schritt muss er selbst tun. Die ganzen Versprechungen, sich zu bessern, gehören genauso zum Teufelskreis dazu. Er glaubt ja selbst daran (es ist sicher keine böse Absicht) und muss dann sehen, dass er es nicht schafft, weil es eine KRANKHEIT ist (die auch als solche anerkannt ist und für die Hilfsmaßnahmen bezahlt werden !!) ... und die braucht professionelle Hilfe. Was glaubst Du, wie schei. und unfähig er sich fühlt, weil er es selbst nicht schafft. Und diese ganzen Scham- und Minderwertigkeitsgefühle - dass er insgeheim weiß, dass er da ein Riesenproblem hat, sich das aber noch nicht eingestanden hat - die wehrt er dann ab, indem er anfängt, auf Dir rumzuhacken und Dich zu verletzen. Das gehört genauso zur Krankheit dazu.
Alk. verändert Menschen auch auf Dauer, er verändert die Persönlichkeit eines Menschen. Wie viele Männer werden unter Alk. grob und gewalttätig, obwohl sie nüchtern die liebsten Menschen sind?
Du schreibst:
>>Solange er seine Bekannten und sog. Freunde hat und nicht selber etwas aus seinem Leben machen will, solange wird er nur noch schlimmer abrutschen und ich muss dass alles auffangen und mitmachen, wofuer? Er kann auch anderes und das tut mir weh. Ich vermisse den Menschen in ihm, mit dem man lachen kann, schoene Ausfluege, Einkaufen, etc.<<
Was Du über ihn und über seinen Konsum schreibst, das klingt für mich so, dass er schon ziemlich weit da reingerutscht ist. Es bricht immer mehr an normalem (sozialen) Leben weg. Der Alk. nimmt immer mehr Raum ein. Auch Deine Lebensqualität geht dabei ja immer mehr den Bach runter.
Es ist sehr schwer, das mit ansehen zu müssen und "nichts" tun zu können. Allerdings glaube ich nicht, dass Du "nichts" tun kannst und Du tust genau das Richtige. Du grenzt Dich ab und sagst: Stopp. Bis hierhin und nicht weiter. Damit konfrontierst Du ihn auch mit seinem eigenen Verhalten und er muss Verantwortung dafür übernehmen, dass er Menschen nicht ohne Ende verletzen kann, ohne dass das Konsequenzen hat.
Das ist ja auch so etwas, was ich am eigenen Leibe erfahren habe: Süchtige Menschen übernehmen nicht die Verantwortung für ihr Verhalten. Mein EX hat mir irgendwann vorgeworfen, ich würde ihn nicht mehr wie einen gleichwertigen Partner behandeln. Das Problem war nur: Er hat sich auch nicht mehr so verhalten! Er war oft trotz Verabredung einfach verschwunden (spielen in der Spielhalle - was ich nur durch einen blöden Zufall überhaupt rausbekommen habe). Ich konnte mich nicht auf ihn verlassen. Habe mir Sorgen gemacht (er hat in seiner Geschichte schon zweimal versucht, sich das Leben zu nehmen) und mir aus Angst ein Bein ausgerissen, nur um dann dafür auch noch schroff abgewiesen zu werden. Das kennst Du wahrscheinlich alles selbst.
Die Freunde Deines Freundes (wahrscheinlich eher Saufkumpels?) decken ihn ja nur. Die halten ihm keinen Spiegel vor die Nase, wie Du selbst schreibst. Insofern bist Du für ihn vielleicht die einzige Chance, sich wirklich mit seinem Dilemma konfrontieren zu müssen.
Ich kann Dich nur ermutigen, nicht wieder "umzufallen". Du bist ja schon ein paar Mal kurzfristig ausgezogen und immer wieder zurückgekommen. Das weiß er natürlich und darauf baut er. Nur wenn er sieht, dass es wirklich Konsequenzen hat, dass Du nicht wieder zurückkommst solange er nichts tut, kann es bei ihm wirklich eine Verhaltensänderung herbeiführen. Wenn Du jetzt wieder zurückgehen würdest - bevor er irgendwelche Schritte zu seiner Heilung unternommen hat sprich eine Suchtberatung aufgesucht hat, eine professionelle Entgiftung gemacht hat, eine Selbsthilfegruppe besucht hat oder was auch immer, in irgendeiner Weise Dir bewiesen hat, dass es ihm ernst damit ist, sein Problem anzugehen - dann würdest Du in meinen Augen nur das Problem verfestigen. Dann dreht sich der Teufelskreis wieder von vorne. Deswegen kann ich Dich nur dazu ermutigen, stark zu bleiben und das durchzuziehen. Es muss ja noch nicht das Ende Eurer Beziehung bedeuten. Wenn Ihr Euch wirklich beide liebt, wenn Du ihn liebst, dann würde ich erst aufgeben, wenn ich sehe, dass er wirklich nichts tut. Denn dann stellt sich die Frage, die ich glaube ich bei Dir in einer anderen Mail im Forum gelesen habe:
"Habe ich nicht etwas Besseres verdient?" Ja! Hast Du.
Und Du setzt die Grenzen fest: Was brauchst Du, damit Du ihm wirklich glauben kannst, dass er es ernst meint, endlich was an seinem Problem zu tun? Ich würde ihm das auch so sagen, was Du erwartest (wenn Du überhaupt wieder mit ihm sprechen willst). Dass er eine Suchtberatung aufsuchen soll etc.. Vielleicht rüttelst Du ihn wach indem Du gehst und er sieht, was er alles durch den Alk. verliert und er kommt an den Punkt, dass er sich selbst sagen kann: Nein, das ist zuviel. Ich will nicht auch noch meine Freundin verlieren. Ich muss jetzt etwas tun.
Vielleicht passiert das aber auch nicht und dann kannst Du nur für Dich entscheiden, was Du tun willst, ob Du weiter mit einem Alk. in einer Beziehung leben willst oder ob Du Dir etwas Besseres gönnst, wie Du selbst schreibst. Das ist so hart, das zu akzeptieren, als Partner, finde ich, dass wir den Betroffenen die Entscheidung für ihre Heilung nicht abnehmen können, sondern nur für uns selbst sorgen können. Aber so ist das leider. Jedenfalls wird sich dauerhaft nichts ändern, wenn er nichts ändert (sich Hilfe holt). Das Spiel hast Du ja in fünf Jahren Beziehung schon zig Mal durchgespielt. Und ich kann Dich nur ermutigen - klingt vielleicht ein bisschen blöd, dass das zur Zeit gerade aus meinem Mund kommt, vielleicht therapiere ich mich mit diesen Worten ja auch grad selbst ein bisschen - Dir selbst etwas Gutes zu tun, die schönen Dinge, die Du gerne mit ihm machen würdest und die Dir Spaß machen, allein oder mit anderen Freunden zu tun, Dir die Lebensqualität, die Dir in der Beziehung verloren gegangen ist, wieder zurückzuholen (ohne ihn, wenn das zur Zeit nicht möglich ist). Auch damit würdest Du ihm vorleben, was eigentlich alles an ihm vorbeigeht, was er sich mit dem Alk. nimmt, wenn er sehen würde, dass es Dir wieder besser geht.
Und selbst wenn er sein Problem angeht und sich Hilfe holt solltest Du Dir darüber klar sein, dass solche schwerwiegenden Veränderungen - sich aus einer Sucht herauszuarbeiten - nicht von heute auf morgen passieren. Das braucht Zeit. Selbst wenn Du Dich entscheidest, den Weg MIT ihm weiterzugehen, wird es immer wieder Rückschläge sprich Rückfälle in sein altes Verhalten geben. Das heißt aber nicht, dass man es nicht schaffen kann. Rückfälle gehören zur Heilung dazu.
Ich beneide Dich nicht um Deine Situation, HOME. Die Entscheidung, wie Du Dich verhalten willst, kann Dir keiner abnehmen. Die kannst Du nur selbst Deinem Inneren gemäß treffen. Vielleicht könnte es auch eine Hilfe sein, Dich selbst in eine Beratung zu begeben. Du bist zwar nicht diejenige, die krank ist. Aber Du hängst ja in dem System mit drin. Es könnte Dich stärken und unterstützen und es könnte auch ihn hellhörig machen, wenn er mitkriegt, dass Du eine Suchtberatungsstelle aufsuchst und da Gespräche hast. Soweit ich weiß gibt es auch Beratungsangebote für Angehörige.
Ich wünsche Dir auf Deinem Weg alles Gute.
Liebe Grüße von
Jazz