Vom Abschied.

heimat

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Wie nehmt ihr Abschied von einem Menschen, den ihr geliebt habt, der euch geliebt hat?

Ich habe dazu eine Geschichte aus der Berliner Zeitung für euch:

Abschied ist immer

Von der hohen Kunst, sich zu trennen von Martin Ahrends

Neulich werde ich nachts von einem Geräusch geweckt, das mich zuerst an die Katze denken lässt, dann an meinen halbwüchsigen Sohn, beides ausgesprochene Nachtschwärmer, und als ich nachsehe, ist es der Exfreund meiner beinahe erwachsenen Tochter, der, offenbar betrunken, vor ihrer Tür kauert und mich ansieht wie ein getretener Hund. Ich weise ihn auf die nachtschlafene Stunde hin und darauf, dass meine Tochter nicht im Hause sei. Wir sehen uns an. Entweder hat er mich nicht verstanden oder er glaubt mir nicht.
Dass er unbedingt mit ihr reden müsse, bringt er schließlich hervor, wobei ihm die Unterlippe charakteristisch außer Kontrolle gerät, bevor sich sein Gesicht ganz verzerrt und ihm Tränen über die blassen Wangen rollen. Vor mir kauert ein Häufchen Elend, wie man diesen Zustand zärtlich bespöttelt. Ich finde den jungen Mann im beinahe wörtlichen Sinne "am Boden zerstört", in einer Verfassung, die an das Delikt der Körperverletzung erinnert, aber nicht justiziabel ist, so ungerecht man sie auch empfinden mag. Ich habe großes Mitleid mit ihm, denn ich kenne diesen Zustand aus eigener Erfahrung. Und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass einem in dieser Lage kein Jammern und Flehen, kein Drohen und Fluchen hilft, dass man kein Recht hat auf das Verlorene, das einem so zugehörig schien wie ein Körperteil.

Der einst so selbstbewusste junge Mann kauert vor der Tür meiner Tochter, und ich weiß nicht, wie ich ihm helfen kann. Was er gerade erlebt, ist für ihn von erschütternder Einzigartigkeit. Was soll er da mit dem Satz anfangen, dass solches nicht nur ihm zustoße. Ich schweige, während er immer wieder beteuert, nur noch ein einziges Mal mit ihr reden zu müssen. Dann ist er aus dem Haus und in der kalten Nacht. Ich habe ausnahmsweise kein schlechtes Gewissen. Er, der über Jahre in diesem Haus ein und ausging, hat hier einiges verloren, aber nichts mehr zu suchen. Ich hoffe, ihm das auch ohne Worte deutlich gemacht zu haben, mehr kann ich nicht für ihn tun.

Nun liege ich in meinem Bett, ängstige mich um den jungen Mann und weiß, dass ich es doch nicht besser hätte machen können. Doch es kann um Leben und Tod gehen, wenn man jemanden "in die Wüste schickt", ohne sein mögliches Verdursten zu erwägen. Die Nacht ist
lang, ich habe Zeit, darüber nachzugrübeln, welche Kultur des Abschiedgebens meiner Tochter, ihm und mir vielleicht geholfen hätte.

Im Bild vom Abschiednehmen und Abschiedgeben bekommt der Verabschiedete etwas auf den Weg. Er nimmt etwas mit sich fort oder es wird ihm etwas mitgegeben. Etwas Bitteres und etwas Tröstliches. Leichter für ihn, wenn er das Bittere selbst ergreift, statt zu warten, dass man es ihm nachwirft. Gut für ihn, wenn er sich den ehrlich gemeinten Trost schenken lässt und ihn nicht beleidigt ausschlägt. Beides erfordert Souveränität, die nicht jedem gegeben ist.

Eine eher kunstlose Art des Abschiedgebens begnügt sich damit, den Anderen "kaltzustellen", eine Beziehung "auf Eis zu legen" oder einfach verdorren zu lassen, um sich so den nötigen Aufwand an Takt und Deutlichkeit zu ersparen. Was man dabei gern vergisst, ist die Tatsache, dass man dem anderen ganz und gar nichts erspart, im Gegenteil: Er wird "im Regen stehen gelassen" und muss sich nun seinen eigenen Reim auf das abweisende Verhalten machen, wird sich vielleicht auf der Suche nach seinen Fehlern selbst zerfleischen und am Ende kein gutes Haar mehr an sich finden. Der Kaltstellende drückt sich vor seinem Teil der Unannehmlichkeit, die es immer bedeutet, das Scheitern einer Beziehung einzugestehen. Er halst die unvermeidlich schlechten Gefühle dem Verabschiedeten allein auf, der zwischen Hoffen und Harren und Zum-Narren-gehalten-werden vielleicht mehr an Selbstachtung einbüßt als nötig wäre.

Vor Jahren hatte ich eine Affäre, die ich, wie es so trefflich heißt, "im Sande verlaufen" ließ in der Hoffnung, um die Unannehmlichkeit eines regelrechten Schlusspunktes herumzukommen. Nach Monaten der "Funkstille" bekam ich eine Postkarte, die mich gerührt hat und mich für die Absenderin erneut einnahm. Sie hatte mir vier Sätze zur Auswahl gestellt und bat mich darum, den richtigen anzukreuzen und die Karte zurückzusenden. Da ich sie wirklich umgehend zurücksandte, mich auch an die so Verabschiedete nicht noch einmal wenden mag, kann ich die Sätze nur ungefähr memorieren. Da stand mir also zur Auswahl:"Ich lebe noch, habe aber im Moment keine Zeit und melde mich baldmöglichst wieder." Oder: "Ich brauche eine Pause, um über unsere Beziehung nachzudenken". Oder: "Ich finde Dich hochgradig unsympathisch und möchte Dich nicht wiedersehen." Oder: "Ich bin gestorben." Ich habe die letzte Wahlmöglichkeit angekreuzt, und sie hat mich richtig verstanden, im Sinne von: "Ich bin für Dich gestorben" oder: "Meine Zuneigung zu Dir ist gestorben". So ein Satz tut zwar auch weh, aber nicht so ausführlich. Und doch hat man etwas Schriftliches, das man sich bei etwa aufkommenden Zweifeln wieder vor Augen führen kann.

Ein entfernter Verwandter meldet sich immer wieder einmal bei mir, um mir das Leid seiner glücklosen Ehe zu klagen. Vor einigen Jahren hatte er seine Frau kennen gelernt und war sich damals schon nach ein paar Wochen ganz sicher, dass er die Beziehung beenden wollte.
Er hatte sich geprüft und war zu einem Entschluss gekommen, er war mit sich ganz klar und im Reinen. Für ihr nächstes und in seiner Vorstellung letztes Treffen legte er sich die angemessenen Formulierungen zurecht, wappnete sich innerlich gegen alle denkbaren Gefühlsausbrüche ihrerseits und schritt wacker zur Tat. Aber schon beim ersten Blick, schon bei der Begrüßung - so berichtete er mir - sei er weich geworden, eingeknickt, begann er zu schwitzen und zu stottern. Als er schließlich gesagt hatte, was zu sagen war, stand es so klein, so schräg, so anfechtbar im Raum, dass es kein Recht auf Geltung zu haben schien. Sie hatte ihm eine große Szene gemacht und ihm geschworen, sich umzubringen, wenn er ihr das antun würde. Erschrocken - und wohl auch geschmeichelt - hatte er den einen falschen Schritt auf sie zu gemacht, sie in den Arm genommen und getröstet. Da war es vorbei mit dem Abschied. Schließlich hat er auch das Nein für sich behalten, als sie vorm Traualtar standen und hat stattdessen ein Ja gemurmelt.

Er ist sich bis heute ganz sicher, dass er diese Frau nie hätte heiraten dürfen, weil er sie nie geliebt hat. Aber er hat es bis heute nicht gewagt, ihr dies ins Gesicht zu sagen.
Er nennt das Rücksichtnahme oder Feigheit.
Aber es ist etwas viel Schlimmeres. Mit seinem Einknicken damals und der Unfähigkeit, diesen Fehler später zu korrigieren, hat er beider Liebesleben gründlich verpfuscht. Und das nicht unwissend, wie so etwas geschehen mag, sondern sehenden Auges.
Sie gehen ihrer Silberhochzeit entgegen, die er, wie er mir versicherte, unter irgendeinem Vorwand boykottieren wird. Die Katastrophe, die am Beginn ihrer Beziehung am Horizont auftauchte, ist inzwischen über sie hereingebrochen. Sie wohnen auf eine geradezu klassische Weise im Unglück.

"Ein letztes Wort auf den Weg." - Wenn es der richtigen Worte bedarf, um Trennungsunfälle zu vermeiden, so kann man die schwerwiegenden letzten Sätze kaum gesprächsweise aus dem Hut zaubern, und es ist fast unmöglich - auch bei festem Vorsatz - sie dem zu Verabschiedenden "ins Gesicht" zu sagen. Der Abschiedsbrief ist also kein Zeichen von Feigheit, sondern ein Stück Lebenskunst. Klarer, wahrer als vis-a-vis kann man in der Schriftform sein, weil man nur so in Ruhe ausredet und sorgfältig formuliert, ohne all die unbewussten Konnotationen der Mimik und Gestik, des Tonfalls, ohne all dies, was unmittelbar mit dem Machtverhältnis zu tun hat, das immer auch im Spiel ist.

Abschied ist eine hohe Kunst, der Abschiedsbrief ist es, das Abschiedsgeschenk, erst recht die Abschiedsszene, man soll sich ruhig Mühe damit geben, weil man dem Verabschiedeten etwas schuldet. Der hat vermutlich gegeben, was er konnte, und es hat doch nicht gereicht. Eine bittere Erkenntnis. Tröstlich, wenn er mit dieser Erkenntnis die Fairness, Offenheit, Ehrlichkeit des Anderen erfährt und verstehen kann: Es war nicht meine oder seine Schuld, sondern eine Art höherer Gewalt: "Es hat nicht sollen sein" oder: "Es war uns nicht beschieden".

Es ist die hohe Kunst, jemandem einen Korb zu geben, eine noch höhere ist es, ihn anzunehmen. In solch einen Korb gehört besondere Diätkost für einen Rekonvaleszenten: geläuterte Zuneigung, Respekt, Achtung, Freundschaft. "Wir können ja Freunde bleiben". Dieser für den Verlassenen im Moment des Verlassenwerdens furchtbare Satz gehört da hinein.Viel später wird man den Mut haben, ihn hervorzuholen und ernst zu nehmen und sich daran zu freuen.

Um einander kennen zu lernen, muss man einander näher kommen. Der Verlassene kann sich bestohlen fühlen, wenn der Verlassende sich mit diesem Geschenk von Nähe, wer weiß, von Zärtlichkeit, von Vertrauen, Zuneigung, Liebe gar auf und davon macht. Es also nicht erwidert, sondern wie ein Dieb erscheint. Das ist er aber nicht. Was unter Liebesleuten gegeben wird, gilt von Beginn aufs Spiel gesetzt, investiert um des Versuches willen und nicht rückforderbar. Da ist also niemand in Vorleistung gegangen. Da ist überhaupt keine Leistung, sondern nur Geschenk. Und für dieses Geschenk bedankt sich der Beschenkte mit dem Korb, der nicht das sein kann, was der Schenkende erwartet hat, nichts Adäquates, nicht Liebe für Liebe, kein brennendes Herz für das brennende Herze. Aber doch etwas, das beider Würde wahrt, etwa der Satz: "Ich habe mich geirrt". Auf die Gefahr hin, dass er nicht gleich verstanden und angenommen werden kann. Dass der so Beschiedene vor Wut schäumt: "Unfassbar. Mir ging es ums Leben, um alles, um das Ganze, und sie hat sich halt eben mal geirrt. Eine Frechheit!" -Nein, keine Frechheit, nur das reine Wasser der Wahrheit. Und mehr ist nicht zu verlangen in solchen Lebenslagen: Wahrheit, Klarheit, Eindeutigkeit. Kein Schmus, kein Ausweichen, sonst entstehen furchtbare Katastrophen, die man sein Lebtag bereut.

Abschied ist schwer. Erst recht, wenn man ihn sich leicht machen will.

08.05.2005 07:53 • #1


Ehemaliger User


Hallo Heimat,

danke für diesen Text! Ich finde ihn sehr gewinnbringend.

Machs gut, bis bald,

Dein Siron

11.05.2005 08:06 • #2



Vom Abschied.

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Ehemaliger User


Hallo,

wirklich sehr weiser und aussagekräftiger Text. Stimmt mich nachdenklich.

Danke dafür...

LG

11.05.2005 16:05 • #3


Ehemaliger User


27.05.2005 12:37 • #4




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