culpa
Gast
entschuldigung schon mal für den langen Text, aber ich muss die Geschichte als Ganzes erzählen:
Ich habe mich vor 5 Monaten von meinem Freund getrennt, mit dem ich 8 Jahre lang zusammen war. Die Trennung ist auf die wohl übelste Art verlaufen, die man sich vorstellen kann und ich habe deswegen auch große Schuldgefühle: 6 Wochen vor unserer geplanten Hochzeit habe ich mich verliebt, was ich ausgesprochen habe und wir haben die Hochzeit abgesagt. Es folgte ein etwa 8-wöchiger Trennungsprozess mit vielen unschönen Szenen (Drohungen, Verwünschungen, Alk., Wohnung verwüstet seinerseits, quälende Unentschiedenheit meinerseits, denn einerseits flüchtete ich mich bereits in die Arme der Person in die ich mich verliebt hatte, andererseits sprach ich doch immer wieder davon, die Beziehung retten zu wollen).
Eine Zeit lang lebte ich bei einer Freundin und er in unserer gemeinsamen Wohnung, schließlich zog er aus und seitdem lebe ich in unserer alten Wohnung. Mit der Person, in die ich mich verliebt hatte, habe ich fast jeden Tag Kontakt, auch intimen, aber wir sind offiziell kein Paar, keiner bis auf meinen Exfreund weiß von unserem Verhältnis.
Ich habe viel darüber nachgedacht, was in der Beziehung falsch gelaufen ist. Wir waren für alle das perfekte Paar, obwohl wir sehr unterschiedlich sind. Mein Exfreund arbeitet als freischaffender Medienkünstler, ich bin Ärztin. Ich habe das ganze Studium über mit ihm zusammen gewohnt und er hat mein Weltbild sehr geprägt, ich war anfangs sehr verliebt in ihn, habe ihn immer sehr bewundert für seine Besonderheit, ich habe mich "an ihm" entwickelt und wir hatten die gleichen Ideale und Ansprüche an das Leben. Wir haben uns immer sehr viel Freiraum gegeben und den anderen sein Ding machen lassen, haben aber auch vieles geteilt, z.B. waren wir gemeinsam in Ruanda und haben einen Verein zur Unterstützung eines Projekts in Ruanda gegründet. Wir haben uns unsere gemeinsame Zukunft sehr detailliert ausgemalt, bis hin zur Haarfarbe unserer Kinder und er hatte die heile Familie, die ich immer haben wollte,in die ich gut integriert war und die ich mir für meine Kinder wünschte. Emotional ist er ein sehr verlässlicher Charakter, der mich oft getragen hat, wenn es mir seelisch nicht so gut ging. Trotzdem gab es immer wieder Zeiten in der Beziehung, in der ich mich zu anderen Männern hingezogen gefühlt habe bzw. über Trennung nachgedacht habe. Das Konfliktthema war immer die ungleiche Verteilung von Verantwortlichkeiten in der Beziehung, ich hatte immer das Gefühl für die "weltlichen" Dinge wie Haushalt, finanzielle Planung die alleinige Verantwortung zu tragen während er sich der Kunst und dem freigeistigen Leben widmete und mich ein bisschen für meine Spießigkeit verachtete. Trotzdem habe ich es nie gewagt, die Trennungsgedanken in die Tat umzusetzen, wir waren einfach das perfekte Paar. Nachdem ich dann anfing zu arbeiten, haben wir uns auch emotional entfernt. Ich war sehr mit meinem Beruf beschäftigt, verbrachte mehr und mehr Zeit mit Kollegen, störte mich daran dass er so häufig *beep*, was er aber immer getan hatte, wollte nicht mehr mit ihm schlafen. Wir sprachen wieder von Trennung, aber noch immer fühlte sich das absurd an, nach der langen Zeit und jetzt, wo wir gerade in eine wunderschöne Wohnung gezogen waren. Schließlich beschlossen wir zu heiraten und ich wollte schwanger werden, weil es beruflich für mich ein guter Zeitpunkt war. Seine berufliche Situation dagegen ist noch wacklig, er versucht gerade eine Firma aufzubauen, ist sehr viel unterwegs und hat Schulden. Emotional war ich durch einen sehr ernsten Suizidversuch meiner Mutter belastet, vielleicht wollte ich auch ein bisschen wegen ihr heiraten.
Und dann habe ich mich verliebt, in einen Kollegen auf einem Kongress, kurz vor der Hochzeit. Als ich dann auch noch glaubte schwanger zu sein, (was ich ja angestrebt hatte), brach völlige Panik in mir aus und wir sagten die Hochzeit ab. Es fühlte sich alles so falsch an, ich hatte das Gefühl dass das Leben an seiner Seite so anstrengend werden würde, dass immer alles an mir hängen bleiben würde (Alltagsorganisation, finanzielle Stabilität) und ich wusste nicht wie ich bei der Hochzeit ein solches Versprechen abgeben sollte, wenn ich mich heimlich nach einem anderen Mann sehnte.
Jetzt sind wir seit 5 Monaten getrennt, es gibt einen Mann, der nicht so “außergewöhnlich” ist, aber der mir alle Perspektiven für ein gemeinsames Leben eröffnen würde, dessen Nähe ich auch immer wieder suche und dennoch kann ich nicht aufhören darüber nachzudenken, ob wir die Trennung nicht rückgängig machen sollten. Sie kam zu plötzlich, zu panisch und es gab doch so vieles was uns verband. Und ich weiß nicht, wie ich mit der Schuld leben soll, die ich auf mich geladen habe, einen Menschen, mit dem mich eine große Liebe verband, der immer zu mir gehalten hat, so zu verletzen und zu enttäuschen. Es geht ihm so schlecht und obwohl er mir einerseits Vorwürfe macht und immer noch viel Wut da ist, wenn wir miteinander sprechen, wäre er andererseits bereit es noch einmal zu versuchen, er glaubt dass psychische Probleme und meine familiäre Geschichte zu allem geführt haben und er hofft dass ich durch die Psychotherapie, die ich mache, wieder “gesund” werde. Er sagt aber auch, dass er seinen Anteil an allem erkannt habe und daran arbeiten will.
Seit 5 Monaten, weiß ich nicht, was ich tun soll und ich entscheide auch nichts. Etwas hält mich davon ab, zu ihm zurück zu gehen, etwas hält mich davon ab, endlich aus der Wohnung auszuziehen, etwas hält mich davon ab, eine richtige neue Beziehung einzugehen. Und mit dieser Unentschiedenheit belaste ich natürlich die Menschen, die mir nahe stehen.
Es ist mir unbegreiflich, wie eine solche Liebe zerbrechen konnte und wie ich so handeln konnte. Was muss einen noch verbinden, damit es funktioniert? Kann es sein dass sich Bedürfnisse derart verändern, so "praktisch" werden, wenn man berufstätig wird und eine Familie gründen will? Oder bin ich wirklich psychisch krank? Warum stellt sich einfach kein Gefühl ein, das mir sagt, was richtig ist?
Wie seht ihr als Außenstehende die Geschichte? Ist so ein Verhalten und so ein Gefühlschaos noch “normal”? Soll ich zurückgehen um endlich Gewissheit zu haben, ob es mit weniger Panik nicht doch Lösungswege gegeben hätte? Oder ist alles zu spät, wenn so viel Verletzendes vorgefallen ist und man bereits “Verliebtheit” für einen anderen Menschen empfinden kann?
Kennt jemand eine ähnlich dramatische Geschichte oder Beispiele, nachdem eine Beziehung nach einem großen Bruch doch noch glücklich wurde?
Ich freue mich über eure Antworten!
