BlueEyedSould
Gast
ich weiß nicht so recht, was ich von mir bzw. meiner Ehe denken soll. Schon seit Monaten möchte ich manchmal (immer öfter, mittlerweile fast ständig. ) alles schmeißen, nur um mich dann daran zu erinnern, dass ich meinem Ehemann auch für die schlechten Zeiten das Ja-Wort gegeben habe und - unabhängig davon, wie schwer es auch mal sein kann - zu ihm stehen sollte. Und dann kommt wieder das Gefühl hoch, unglücklich zu sein mit uns bzw. unserer Lebenssituation. Ein Gefühl, das ich mir dann vorwerfe ("Sei nicht so undankbar!"), so dass ich mich quasi permanent im Kreis drehe.
Wie kam es überhaupt so weit?
Nun ja, alles viel - wie wahrscheinlich immer - höchst kitschig-romantisch an. Vor über sieben Jahren habe ich gleich zu Beginn meines Auslandssemesters in Südamerika meinen nun Ehemann kennengelernt. Er hat mich damals verzaubert mit seiner freundlichen, liebevollen und so überhaupt nicht manchomäßigen Art, war (und ist) ein echter Gentleman - bodenständig und jemand, auf den man sich verlassen kann, ein Fels in der Brandung, der mich auf Händen trägt und mir seine Zuneigung zeigt, der sich aber auch nicht zu schade ist, mal mit mir bis in die Puppen feiern zu gehen.
Sein tolles Wesen hat alles andere in den Hintergrund gerückt: Dass er äußerlich nicht so recht mein Typ ist und auch nicht, dass es (vor allem anfangs) im Bett nicht besonders gut lief. Ich dachte mir, es kann halt nicht immer alles perfekt sein und den besseren S. bekommen wir mit der Zeit hat, wenn wir uns im Bett besser kennen. Mir war es wichtiger jemanden zu haben, dem ich vertrauen kann und bei dem ich mich gut fühle lieber als ein heißer, abenteuerlicher Typ, der mich eventuell irgendwann links liegen lässt.
Da sich bei unserem ersten Date herausstellte, dass er ein europäisches Elternteil hat und nach dem Studiumabschluß ohnehin nach Europa ziehen möchte, war auch die logistische Frage unserer Beziehung zumindest grob geklärt: Wir würden eine Zukunft in Europa haben, Details würden wir dann sehen, sobald wir beide mit unseren Studien fertig sind.
Mein Auslandssemester bot uns vier unbeschwerliche Monate voller Verliebtheit und schönes Momente. Ich lernte seine Familie kennen, mit der ich mich bis auf seine Mama gut verstand. Er zog bei seinen Eltern aus und bei mir ein. Zwischendrin reisten ein wenig umher, zumindest so gut es unsere studentischen Finanzen zuließen. Und gegen Ende, bevor ich zurück nach Deutschland sollte, beschlossen wir, dass wir irgendwann heiraten würden.
(Schon irre, im nachhinein vollkommen naiv. Aber mit rosa-roter Brille auf der Nase und Schmetterlingen im Bauch fällt es leicht zu glauben, dass man füreinander bestimmt ist. )
Zurück in Deutschland hatte ich einen 80h Job, der auf mich wartete (das Auslandssemester war das letzte in meinem Studium gewesen). Mein Liebster hingegen hatte noch eineinhalb Jahre Jurastudium vor sich. Wir skypten täglich, pflegten engen Kontakt über WhatsApp. Aber die Distanz war hart! Hals über Kopf verliebt, wie ich war, beschloss ich nach ein paar Wochen, den Job an den Nagel zu hängen und wieder nach Südamerika zu fliegen, um mir dort Arbeit zu suchen und zu bleiben, bis mein Schatz mit dem Studium fertig ist. Er hat dies nie verlangt, es aber sehr zu schätzen gewusst, und ich fand es wichtig, der Beziehung eine ernsthafte Chance zu geben statt zu riskieren, dass wir uns durch meinen intensiven Job irgendwann entfremden.
Die Zeit zurück mit ihm war durchwachsen. Oder anders gesagt: Statt rosarote Brille war nun etwas mehr Realität angesagt und ein paar kulturelle Unterschiede machten sich bemerkbar. Mein dortiger Job war nicht gerade prickelnd (statt zuvor 200% verlangte man nur noch 50% von mir und das war ich nicht gewohnt. ), aber vor allem zeichnete sich ab, dass mein Liebster stark von seinen Eltern abhängig war - vor allem finanziell - und dass ich seiner Mama ein bisschen ein Dorn im Auge war weil sie immer gehofft hatte, er würde auch nach dem Studium doch irgendwie im Land bleiben statt tatsächlich nach Europa zu gehen.
Nun ja, es war nicht immer einfach, aber ich nahm es als Herausforderung unter dem Motto "Wo Liebe ist, ist auch ein Weg.". Ich redete mir ein Geduld haben zu müssen - wenn er erstmal mit dem Studium fertig ist, dann wird er unabhängiger sein, bis dahin müssen wir mit den Spielregeln seiner Eltern mitspielen. "Wenn sein Studium fertig ist, dann wird alles besser. "
Irgendwann zeichnete sich ab, dass es nicht nur eineinhalb Jahre Studium waren, sondern es längern dauern würde, bis er sein Studium fertig hat. Da habe ich beschlossen, schonmal nach Europa vorzugehen und mir dort in Deutschland einen passenderen Job zu suchen - auch mit Blick auf die Absicherung meiner beruflichen Zukunft. Ja, da war das Vertrauen in meinen Liebsten ein bisschen angeknackst, aber die Liebe immernoch gross. Es folgte über ein Jahr Fernbeziehung mit täglichem Skypen, dazu noch Mails und WhatsApp-Nachrichten. Trotz der Distanz blieben wir eng verbunden und fühlten uns einander sehr nah.
Er besuchte mich zweimal, lernte meine Eltern kennen. Ich besuchte ihn. Und dann ging er tatsächlich auf die Knie und machte mir einen Antrag. Ein paar Monate später - unsere Beziehung ging auf das Dreijährige zu - war es soweit: Das Studium so gut wie in der Tasche buchte er ein One-Way Ticket zu mir.
Nun würde man denken, dass ab da alles leichter wurde. Aber das stimmt nur teilweise. Endlich beieinander zu sein war natürlich fantastisch und wir verstanden und nach wie vor prima. Oh wie schön war es, endlich wirklich zusammen zu sein und nicht nur per Skype oder auf reisen!
Andererseits gab es im Bett viel Potential nach oben und ein wenig naiv hofften wir, das würde nach der Hochzeit besser werden. Er hatte Angst vor ungewollter Schwangerschaft - aller Verhütung zum Trotz und das hemmte ihn. Überhaupt war der Fokus nun stark auf der Hochzeit und einmal mehr wurde sichtbar, wie kulturell unterschiedlich wir in mancher Hinsicht sind. Seine Jobsuche gestaltete sich schwierig, was in Deutschland wenig überraschte, und wir stritten deshalb oft, weil er darauf beharrte, das würde mit der Zeit schon noch klappen, obwohl er null Deutschkenntnisse mitbrachte und als studierter Jurist aus dem Ausland und mit wenig relevanter Arbeitserfahrung wenig zu bieten hatte. Ich bot ihm stets an, wir könnten doch nach Spanien oder UK gehen, nach USA oder sonstwo - er müsse etwas für sich finden, was berufliche Zukunft hat und ich würde folgen. Doch nach all den Monaten Fernbeziehungen wollte er das nicht - er wollte in meiner Nähe sein und weil ich nunmal in Deutschland lebte, dann eben dort. "Geduld, das wird schon. "
Eher notgedrungen nahm er nach ein paar Monaten ein Masterstudium auf. Neben den Jobstreitigkeiten trieb und zeitgleich die Hochzeitsorga immer mal wieder an den Rand des Wahnsinns - vor allem, weil sich seine Eltern viel einmischten, da sie die Hälfte zahlen wollten/sollten (auch so eine kulturelle Geschichte. ), aber irgendwie fanden wir immer einen Kompromiss, so dass die Hochzeit schließlich wirklich ein absoluter Traum wurde. Unsere Freunde schwärmen immer noch davon.
Und wo stehen wir heute?
Fast forward: Zur Hochzeit waren wir ziemlich genau vier Jahre lang zusammen und es sind seitdem drei Jahre vergangen. Drei Jahre in denen mein Mann es leider nicht geschafft hat, sein Masterstudium zu bestehen. Drei Jahre in denen sein Deutsch auf einem Niveau ist, dass er einiges versteht, aber wenig spricht. Zwischendrin hat er ein paar Praktika gemacht, aber noch keinen fixen Job gefunden. Seit 11 Monaten ist er nun arbeitssuchend und wir sind von einem Tief ins nächste geschlittert. Immerhin funktioniert es mittlerweile im Bett richtig gut, auch wenn es mich nie vom Hocker reißt (ist wahrscheinlich normal nach so langer Zeit des Zusammenseins?).
Ich bewundere meinen Mann dafür, dass er immer noch optimistisch ist und durchhält. In ein, zwei Jahren könnte er sich sogar Kinder vorstellen (er geht davon aus, dass er dann arbeitet
Viel hatten eine lange Phase des "wir sprechen an 6 von 7 Tagen nur deutsch miteinander". Das hat ihn aber sprachlich nicht so schnell weitergebracht, wie wir gehofft hatten und stattdessen den Effekt, dass wir uns recht stark auseinander gelebt haben, weil wir nur selten wirklich tiefgründigere Gespräche führen konnten. Irgendwann zogen wir die Notbremse und sind wieder zurück ins Englische, was für die Jobsuche hingegen nicht so förderlich ist, aber zumindest unser täglicher Miteinander in Schach hält. Es klingt aber komisch, aber es fühlte sich manchmal an, als sei ich mit einer fremden Person zusammen bzw. einem Kind, das nur langsam lernt und extra viel Geduld braucht. Da begann die Sehnsucht nach jemanden, der mir Stärke gibt statt mir so viel Energie abzuverlangen.
Dann kam Anfang Jahr auch das Thema auf, dass mein Mann nun vielleicht doch nach Spanien oder England will. Ich habe ihm offen gestehen müssen, mir die Vorstellung eines Umzugs dorthin mittlerweile schwer fällt, doch er es versuchen soll und wir dann weitersehen, wenn er ein Angebot bekommt. Bislang hatten seine Bewerbungen auch dort keinen Erfolg. doch wenn, dann weiß ich nicht, was ich tun würde. Ich habe das Gefühl, es würde mich unglücklich machen, nun fortzugehen, auch wenn ich das als meine Pflicht als Ehefrau sehe. Vorwurfsvoll denke ich "Hätte er doch nur damals auf mich gehört, da wäre es unsere gemeinsame Entscheidung gewesen. Nun fühlt es sich an wie die Heimat aufgeben zu müssen nach so vielen Jahren des Kämpfens. "
Ich bin fast 33, er fast 31. Mittlerweile bin ich in einer Führungsposition und viel unterwegs, spreche da meist deutsch. Wochenenden verbringe ich dann meinst nur mit meinem Mann und wir sprechen englisch. Das sind wie zwei völlig unterschiedliche Leben bei denen ich eine andere Sprache spreche, mich über andere Themen unterhalte, etc. Das eine Leben passt nicht zum anderen, aber es fällt auch kaum auf - einzig, wenn ich dann mal wieder etwas mehr Zeit habe, den Freundeskreis zusammenzubringen Denn wenn meine Freunde (beruflich ähnlich unterwegs wie ich) und mein Mann sich treffen, dann ist das, als würden zwei Welten aufeinander prallen - und er ist da der Fremdkörper. Ich bin dann oft bei meinem Mann, damit er sich nicht so fehl am Platz fühlt, aber nach den Treffen fühle ich mich, als könnte ich meine Freunde nie richtig genießen und unglücklich. Natürlich mache ich auch manchmal was mit ihnen ohne meinen Mann. Aber beide Welten für immer parallel laufen zu lassen und nie zusammenzubringen, das kann doch auch keine Lösung zu sein?
Ich fühle mich wie in einem Doppelleben gefangen. Einerseits liebe ich meinen Mann und genieße es, wie liebevoll er zu mir ist. Andererseits mag ich auch mein "anderes" Leben und hätte gerne jemanden an meiner Seite, der wirklich Teil davon ist und kulturell irgendwie "näher" an mir dran ist. Und dann wäre da noch das Thema der Kinder, die ich mir inzwischen gar nicht mehr vorstellen kann.
Mein Mann kennt diese Zweifel und greift durchaus Punkte auf und "verbessert" sie. Beispielsweise habe ich mal kritisiert, dass er bei Treffen mit Freunden wie eine Klette an mir hängt. Dann hat er beim nächsten Treffen mal nicht an mir gehangen. Oder wir haben uns oft nach solchen Treffen vor dem Schlafengehen gestritten. Da hat er es geschafft, das zu vermeiden (wir haben dann beim Frühstück gestritten. ). Doch - so komisch das klingen mag - es fühlt sich irgendwie nicht richtig an.
Zweimal habe ich es nun nicht mehr ausgehalten und mich getrennt bzw. dies versucht, mit dem Argument, dass ich so einfach nicht glücklich bin und glaube, wir passen einfach nicht langfristig zusammen. Doch er hat uns nicht aufgegeben und war dann so lieb zu mir, dass ich wieder weich geworden bin. Ich liebe ihn ja, aber diese Zweifel und Zerrissenheit macht mich und am Ende ja auch ihn kaputt.
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Puh, das tut gut, sich das mal so von der Seele zu schreiben. Was für Gedanken habt ihr dazu? Habe ich den falschen geheiratet? Oder bin ich einfach undankbar und sollte mich zusammenreißen?
