E-Claire
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Zitat von Blindfisch:gleiche Qualifikation ist nicht das gleiche wie "Arbeitswut" - wer macht mehr Überstunden, achtet weniger auf "Work-Life-Balance" - wer handelt bessere Löhne aus und das auch noch öfter? Im Öffentlichen Dienst oder in jeder größeren Firma mit Tarifverträgen gibt es keine "Unterschiede"
Das Argument, dass Unterschiede im Einkommen eher auf individuelle Faktoren wie Überstunden, Verhandlungsgeschick oder Arbeitseinstellung zurückzuführen seien, greift zum Teil – aber eben nicht vollständig. Studien zum bereinigten Gender Pay Gap berücksichtigen genau solche Faktoren: Beruf, Branche, Position, Bildungsstand, Berufserfahrung, Wochenarbeitszeit usw. Selbst nach dieser Bereinigung bleibt ein Unterschied von mehreren Prozent bestehen – der sich nicht allein durch individuelle Leistung erklären lässt.
Außerdem: Wer öfter in Teilzeit arbeitet oder längere Elternzeiten nimmt, tut das häufig nicht aus mangelnder "Arbeitswut", sondern weil die strukturellen Rahmenbedingungen (Betreuung, Rollenbilder, Erwartungshaltungen) ungleich verteilt sind. Dass Frauen sich seltener "aggressiv" für mehr Gehalt einsetzen, ist auch ein Ergebnis von Sozialisation und Unternehmenskultur – nicht nur persönliche Entscheidung.
Und selbst im öffentlichen Dienst oder in tarifgebundenen Unternehmen, wo formell gleiche Bezahlung gilt, zeigen sich Unterschiede: etwa bei außertariflichen Zulagen, Beförderungsgeschwindigkeit oder der Besetzung besonders gut dotierter Positionen.
Kurz: Ja, individuelle Faktoren spielen eine Rolle – aber sie entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern innerhalb eines Systems, das über Jahrzehnte hinweg bestimmte Rollen und Erwartungen gefestigt hat. Und genau da setzt die Diskussion über Gleichstellung an.