Rosenblatt
Gast
Und plötzlich geht es einem wie den Menschen in des Kaisers neuer Kleider. Da steht er, der vermeintliche Prinz, ganz *beep* und bloß, und man nimmt ihn in allen seinen Farben wahr. Und fragt sich: Wo ist er geblieben, dieser Mensch, den ich so sehr geliebt und begehrt habe? Den ich bewundert habe und der mich begeistert hat, der mich inspirierte und mir ein Lächeln ins Gesicht zauberte und den ich so wundervoll fand, dass ich dachte, ich könnte niemals ohne ihn glücklich sein?
Plötzlich ist das Bild gekippt, so wie bei diesen Bildern, in denen zwei versteckt sind, und statt dem Prinzen sieht man nur noch den Frosch vor sich. So sehr man sich auch bemüht und sucht, man kann den Prinzen im Bild nicht mehr finden, es bleibt immer nur der Frosch.
Plötzlich kann man nur noch die Makel sehen. Was man zuvor anziehend und entzücken und besonders fand, wirkt nur noch abstoßend.
Man erinnert sich nur noch an all die Fehler des Anderen, seine Lügen und Listen, seine Schwächen und Unvollkommenheiten.
An die vielen Verletzungen, die er einem zugefügt hat, für die man im Rausch der Liebe immer wieder Ausredungen und Entschuldigungen gefunden hat. Man sieht die eigenen Narben und fragt sich, warum man nicht sich selbst geschützt hat, statt dem Anderen. Es fällt plötzlich schwer, sich an etwas zu erinnern, was der Andere einem Gutes getan hat. Hat er das jemals?
Es gibt Narben, die Schmerzen mehr, andere weniger. Und es gibt plötzlich keine akzeptablen Entschuldigungen, Rechtfertigungen und Ausreden mehr, warum man zugelassen hat, dass der Frosch, der vor einem steht, einem diese zufügen konnte.
Man steht vor dem Spiegel und fragt sich, warum dieser Moment, der Moment der endgültigen Enttäuschung, nicht früher hätte kommen können?
Dieser Moment, wenn man auf etwas schaut, das man für Gold hielt und feststellt, dass man einfach nur in die Schei*e gegriffen hat.
Und plötzlich ist nichts mehr schwer. Man freut sich, über die Enttäuschung, darüber wieder im Vollbesitz seiner Sinne zu sein.
Blickt auf die Narben und nimmt sich vor, beim nächsten Mal genauer hinzusehen.
Dann dreht man die Musik lauter und tanzt vor Freude. Über die Ent-Täuschung, die so befreiend sein kann!