Einsamkeit - soziale Ängste - Kontakt(-anzeigen)

Ehemaliger User

KONTAKTANZEIGEN

Eine Hilfe gegen Einsamkeit?

Beratung und Autor: Dr. Steffen Fliegel

Kontaktanzeigen sind in den letzten Jahren zu einem großen zwischenmenschlichen Markt geworden. Zur Befriedigung aller möglichen Wünsche: vom gemeinsamen Reisen, über langandauernde Beziehungswünsche bis hin zur Befriedigung spezieller s.ueller Vorlieben oder dem Wunsch nach Seitensprung, die Angebotspalette ist riesengroß.

In dieser Sendung soll vor allem auf Kontaktanzeigen eingegangen werden, in denen es um die Partnersuche zur Gestaltung freier und offener Beziehungen bis hin zu spätere Ehe nicht ausgeschlossen geht. Nicht eingegangen werden kann auf Fragen, welche Anzeigentexte besonders erfolgreich sind, wieviel Zuschriften eintreffen, was zwischen den Zeilen analysierbar ist.

Die Sendung soll sich aber damit beschäftigen, ob Kontaktanzeigen ein Weg für einsame Menschen ist, die wenig Gelegenheit haben, einen Partner oder eine Partnerin kennenzulernen oder sich nicht selbstsicher genug fühlen, direkt Kontakt mit anderen Menschen aufzunehmen: Kann Einsamkeit durch Kontaktanzeigen überwunden werden ?

Viele Menschen sind einsam.

sind auf der Suche nach Nähe, haben aber Angst vor dem direkten Nahsein.
haben Sehnsucht nach Berührungen, die Angst verbaut ihnen aber den Weg.
möchten eine Liebe, die auf Zehenspitzen kommt, die ihnen aber immer wieder Freiheiten und Rückzugsmöglichkeiten anbietet. Die bisherigen Erfahrungen waren aber möglicherweise immer einengend.

Viele Menschen sind einsam

Es leiden eher junge Menschen unter Einsamkeit als ältere.
Geschiedene, verlassene und verwitwete Partner haben bereits Erfahrungen mit Partnerschaften gemacht und vermissen die Nähe zu einem vertrauten Menschen besonders.
Einsame Menschen befinden sich oft in schweren Krisen, die sie als angstvoll und schmerzhaft erleben.
Einsamkeit ist besonders schmerzlich im Zusammenhang mit gefühlsmäßigen Ereignissen, die in der Regel auch mit Zweisamkeit verbunden werden: Weihnachten, Jahreswechsel, Urlaub usw.

Soziale Ängste und Kontaktprobleme - Ein Exkurs

Viele soziale Situationen sind herausfordernd und machen Angst. Dazu gehört vor allem das Kontaktaufnehmen zu anderen Menschen. Sich jagende Angstgedanken, Schweißausbrüche und Herzrasen, wenig Selbstvertrauen, Verletzungen und Kränkungen in der Vergangenheit machen für viele Menschen die direkte Kontaktaufnahme (von Angesicht zu Angesicht) unmöglich. Und wenn sie nach außen signalisieren: Komm mir bloß nicht zu nahe, oder wenn ihnen die Gelegenheiten fehlen, in denen sie von anderen Menschen angesprochen werden können, bleiben sie trotz des tieferen inneren Wunsches nach einer engen Beziehung und Partnerschaft einsam und unbefriedigt.

Einerseits kommt niemand mit den Fähigkeiten auf die Welt, gerade in dieser oft hektischen und der Zwischenmenschlichkeit nicht gerade förderlichen Gesellschaft Kontakte zu knüpfen und Beziehungen aufzubauen.

Andererseits ist aber auch die Angst vor anderen Menschen, die Angst abgelehnt zu werden und die Angst zu versagen, nicht angeboren.

Viele Gründe gibt es, daß Menschen sich nicht in der Lage fühlen, Kontakte zu anderen Menschen aufzubauen:

Gedanken wie: Niemand mag mich, ich bin nicht attraktiv, ich bin nicht fähig für eine Beziehung, ich habe Angst zu sehr vereinnahmt zu werden usw. äußern sich letztlich auch im Verhalten anderen Mitmenschen gegenüber und signalisieren: Nicht zu nahe kommen.
Das Bedürfnis in einer Beziehung 110%ig zu sein, ist ein deutlich überzogener Anspruch und verhindert das Eingehen von Beziehungen.
Nicht wissen, wie man andere Menschen ansprechen kann, ist ein Defizit, welches alle potentiellen Möglichkeiten ins Leere laufen läßt.
Frühere negative Erfahrungen in Beziehungen und in zwischenmenschlichen Kontakten haben möglicherweise massive Angst vor neuen Beziehungen gefördert.
Überzogene Ansprüche an den potentiellen Partner und Warten bis der Richtige kommt lassen oft das Warten endlos werden.
Zweifel an den eigenen Fähigkeiten und Sorgen um die äußere Erscheinung machen Angst vor Ablehnung.

Die ersten Gründe für Kontaktschwierigkeiten können bereits in der frühen Kindheit liegen. Kinder machen möglicherweise die Erfahrung, von anderen gehänselt zu werden, gestoßen oder geschlagen, von den Eltern abgewertet oder fortwährend auf Fehler und Schwächen aufmerksam gemacht zu werden. Auch zu hohe Anforderungen, überzogene Erwartungen und Ansprüche der Eltern lassen die Kinder solche Werthaltungen übernehmen, was entweder zu Selbstunsicherheit, mangelndem Selbstbewußtsein oder zu stark ausgeprägter Arroganz führen kann. Alles keine guten Voraussetzungen für Beziehungsaufnahmen. Vielleicht hatten Kinder in ihren Eltern oder wichtigen Bezugspersonen auch keine guten Vorbilder in der Fähigkeit, Kontakte zu anderen Menschen aufzunehmen und Beziehungen zu fördern und zu pflegen.

Entscheidend für Kontaktangst ist oft folgender Teufelskreis:

Negative Gedanken über sich selbst, vielleicht verbunden mit negativen Erfahrungen, fördern die Einstellung, daß man zu nichts zu gebrauchen ist, von niemandem geliebt wird, nicht gemocht wird, doch keinen Erfolg bei anderen Menschen hat, daß andere mit einem nichts zu tun haben wollen. Dies sind beste Voraussetzung dafür, Kontaktsituationen entweder nicht einzugehen bzw. sich in diesen Situationen nicht selbstbewußt verhalten zu können. Dies stärkt wiederum die negative Einstellung zu sich selbst, bewirkt vielleicht unangenehme Erfahrungen, und die Angst wird stärker. Wenn man sich aus Angst heraus bestimmte Gedanken oft genug eingeredet hat, laufen diese Gedanken irgendwann automatisch und unbewußt ab und sind kaum mehr einfach zu beeinflussen. Oft ist dies mit sozialem Rückzug verbunden.

KONTAKTANZEIGEN
Das Aufgeben von Kontaktanzeigen oder das Antworten auf Kontaktanzeigen ist nur ein sehr legitimer Weg und für viele Menschen wichtiger Weg, ohne eine direkte erste Konfrontation und ohne das Gleich-richtige-Worte-finden-Müssen und Sich gut verhalten müssen Kontakt zu einem anderen Menschen aufzunehmen.

Will man selbst eine Kontaktanzeige aufgeben, kommt natürlich als erste Frage auf, welcher Anzeigentext ist für die persönlichen Belange besonders erfolgreich. Die zweite oft quälende Frage ist: Meldet sich überhaupt jemand auf die Anzeige bzw. welche Menschen melden sich auf eine solche Anzeige ?

Wer eine Kontaktanzeige aufgibt, geht in die Direktive. Diese Person hat den Vorteil, aufgrund der selbst formulierten Information in dem Anzeigentext Menschen mit ähnlichen Vorstellungen, Neigungen und Interessen zu finden. Auch kann über selbst formulierte Anzeigen Kontakt zu Menschen aus Gesellschaftskreisen hergestellt werden, zu denen man sonst wenig Kontakt hat. Es ist weiterhin klar, daß beide Seiten sehr rasch und dann auch sehr persönlich in ein Gespräch mit einem bereits in der Anzeige vorgegebenen Inhalt kommen können.

Der Nachteil der selbst formulierten und aufgegebenen Anzeige: Die Begegnung mit vielen neuen Menschen (falls viele auf die Anzeige antworten) kann sehr strapaziös sein, da man sich im ersten Kontakt - niemand weiß etwas Genaues über den anderen - wahrscheinlich mit Information geradezu überschüttet. Wenn die Erwartungen an die potentiellen Beziehungspartnerinnen und -partner sehr hoch sind, können die Begegnungen sehr enttäuschend verlaufen.

Die gezielte Suche nach einem Partner über Anzeigen führt dazu, (vor allem wenn auf mehrere Antworten mehrere Treffen folgen,) die Menschen in der ersten Begegnung vorschnell, z. B. nach dem ersten optischen Eindruck, in passende und unpassende zu sortieren, ohne das ein vertiefendes Treffen zum Kennenlernen stattgefunden hat.

Menschen, die auf Kontaktanzeigen antworten, haben den Vorteil, aufgrund erster Vorinformationen in der Anzeige bereits eine Vorentscheidung treffen zu können, mit wem ein Treffen geplant werden soll. Da Antwortende nicht die ersten Informationen preisgeben müssen, können sie in ihrem Antwortschreiben bereits auf die Wünsche und Erwartungen des potentiellen Partners bzw. der potentiellen Partnerin genauer eingehen. Um nun auch zu den Ausgewählten des ersten Rendezvous zu gehören, ist es schon sinnvoll, entweder möglichst viele Informationen über sich selbst zu geben oder die Antwort so zu formulieren, daß ein besonderes Interesse beim Anzeigenpartner hervorgerufen wird.

Nachteile für die antwortende Person liegen darin, daß man nun als erster die Identität preisgeben muß. Während sich der Anzeigenschreiber /die Anzeigenschreiberin hinter einer Chiffre verstecken kann, müssen im Antwortschreiben Adresse oder Telefonnummer bekanntgegeben werden. Dabei ist mittlerweile allgemein bekannt, daß Postfachbenenner, die keine Adresse und kein Telefon angeben, als nicht sehr seriös und vertrauenswürdig eingestuft werden. Sie erwecken den Eindruck, daß sie etwas zu verbergen haben.

Vorsicht und Skepsis, insbesondere als Folge negativer Erfahrungen, können manche Enttäuschung vermeiden helfen. Sind Vorsicht und Skepsis sowie die damit verbundenen Ängste allerdings zu stark ausgeprägt, können sie leicht auch den Weg zu neuen und positiven Erfahrungen verbauen.

Auch können Begegnungen enttäuschend verlaufen, wenn die Erwartungen zu hoch gesteckt werden.

Christine Heek formuliert in ihrem Buch: Die rote Unterhose - Erfahrungen mit Kontaktanzeigen (Verlag Hartmut Becker, Marburg, 1997): Je mehr Erfahrungen ich auf dem bunten Jahrmarkt der Kontaktanzeigen machte, desto mehr kam ich von meinem Glauben ab (bezüglich der Ehrlichkeit der Männer und den gemachten Zusagen und Versprechungen). Irgendwann kam dann der Zeitpunkt, wo ich mir sagte: Erwarte, erhoffe nichts. Wer nichts erwartet, wird auch nicht enttäuscht. Negative Erfahrungen hat Christine Heek vor allem mit Männern gemacht, die zum Teil kopierte Rundschreiben verschicken, in denen nur noch die Chiffre-Nummer verändert wird. Nach vielen resignierenden Erfahrungen mit Kontaktanzeigen formuliert Christine Heek schließlich am Schluß ihres Buches: Starke Männer, die es in ihrem Leben zu etwas gebracht haben, sind leider meist schon vergeben.

Es ist schwer, den Kontaktweg über Anzeigen verbindlich zu bewerten. Vielen Menschen hat dieser Weg lange und glückliche Beziehungen ermöglicht. Viele andere wurden enttäuscht. Sicherlich hat der Erfolg einer Kontaktanzeige, gleichgültig ob aufgegeben oder geantwortet, etwas mit den Erwartungen zu tun. Wer Kontakt auf einer Party oder zufällig am Strand knüpft, kann sich schnell wieder verabschieden, wenn es nicht irgendwie funkt. Kontaktanzeigen und darauffolgende Erfahrungen sind oft mit viel Aufwand und Vorbereitung verbunden, mit Herzklopfen und Energie beim Kontakt. Daher werden die Erwartungen auch hoch gesteckt.

Wer offen ist, ob weitere Treffen und möglicherweise ein Beziehungsaufbau folgen, ist gewappneter gegen Enttäuschungen.

Wichtig ist sicherlich, vorab zu klären, welcher Art die Kontakte und die Wünsche an einen Partner, an eine Begleitung usw. sein sollen.

Bei Skepsis und unguten Gefühlen, darüber

wie die Anzeige oder Antwort formuliert ist,
wie sich das Gegenüber beim ersten Telefonat oder Treffen gibt,
wenn schnell Geld das Thema ist usw.
sollten die Kontakte schnell abgebrochen werden. Wer sich aber dabei ertappt, in allem ein Problem oder das berühmte Haar in der Suppe zu sehen, sollte sich überlegen, ob nicht andere Gründe (z.B. irgendwelche Ängste) alle Anbahnungsversuche verhindern.

Wie EINSAMKEIT auch ohne Kontaktanzeigen überwunden werden kann:

Einsamkeit sollte keinesfalls als persönliches Problem gesehen werden. Es sind viele Menschen auf Grund ihrer inneren und äußeren Bedingungen einsam.
Es macht Sinn, aus der Not der Einsamkeit eine Tugend zu machen, die eine Chance für Veränderungen bietet.
Versuche der Kontaktaufnahme anderer Menschen sollten registriert werden. Lob und Bestätigung anderer sollte nicht mißtrauisch begegnet, sie sollten ernsthaft angenommen werden.
Kein Rückzug aus Angst vor Enttäuschungen. Für viele Menschen ist die Einsamkeit das Schlimmste. Was kann also schlimmer werden, wenn die ersten Kontaktversuche mißlingen.
Zunächst die Einsamkeit nicht leugnen, sondern sich zu ihr hinwenden, sie annehmen, sie betrachten. Einsamkeit nicht als etwas Gottgewolltes und Unabänderliches sehen, sondern genau nachschauen, worin die Einsamkeit liegt, warum sie da ist.
Dann prüfen, was anders sein sollte. Dabei prüfen, welche persönlichen Fähigkeiten vorhanden sind, um soziale Beziehungen aufzunehmen. Die meisten Menschen haben irgendwelche Fähigkeiten, Kontakte zu knüpfen und Vorlieben, Wünsche oder Hobbys als Anknüpfpunkte.
Wichtig ist es aber auch, nicht auf schnelle Veränderungen zu drängen. Ganz konkrete und geplante Vereinbarung mit sich selbst können ein wichtiger Schritt auf dem Weg aus der Einsamkeit heraus sein.
Das Knüpfen neuer Kontakte und die Aufnahme neuer Beziehungen gehören zu wichtigen sozialen Kompetenzen in menschlichen Leben. Dies kann gelernt werden (s.u., in Volkshochschulen und Bildungsstätten, ggf. in Gruppentherapien).
Beziehungen lassen sich am besten über gemeinsame Interessen knüpfen. Das Verfolgen der persönlichen Interessen im sozialen Kontakt sollte nicht mit dem Zweck verfolgt werden, Kontakte zu knüpfen. Denn dann sind diese ohne echte inhaltliche Basis und eher nicht von langer Dauer.
PROFESSIONELLE HILFE
Sollten Kontaktanzeigen, Selbsthilfe oder Unterstützung durch andere nahestehende Menschen nicht möglich sein, bieten die Beratungsstellen fürFamilien und Erwachsene (Lebensberatungsstellen) Beratung und psychotherapeutische Hilfe an.

Adressen von Beratungsstellen, die von den Städten und Gemeinden und den Kirchen getragen werden, erhalten Sie aus den Telefonbüchern oder von den Jugendämtern. Diese Hilfe bezieht sich auf den Abbau von Belastungen und Spannungen in der Familie, im sozialen Umfeld und in der Schule, sowie auf die psychische Unterstützung der Jugendlichen und ihrer Eltern.

Sinnvoll kann es zunächst auch sein, dem Hausarzt/der Hausärztin das Einsamkeitsproblem anzuvertrauen und um Unterstützung bei der Problemlösung zu bitten. Es ist selbstverständlich, daß für Einsamkeitsprobleme keine Medikamente helfen, aber oft schafft ein erstes Gespräch auch den Anfang aus der Einsamkeit heraus.

Vielfältige Literatur zu den Themen Einsamkeit, Kontaktschwierigkeiten, Soziale Ängste findet sich in den LEBENSHILFE-Regalen der Buchhandlungen.






2001 Westdeutscher Rundfunk

04.08.2004 08:52 • #1


Ehemaliger User


Weiterführendes zum Thema

single-generation.de/kritik/thema_angst_teil3.htm

04.08.2004 09:13 • #2


Ehemaliger User


super interressanter Beitrag, Danke Mogli-x !

06.08.2004 21:53 • #3




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