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Entfremdung führte zur Affäre

Helplesss

Hallo!

Ich will hier nicht meine ganze Geschichte erzählen, das würde den Rahmen sprengen. Nur so viel:
Ich fühlte mich immerschon als Außenseiterin, hässliches Entlein, Mauerblümchen. Nirgends gehörte ich dazu, nirgends bekam ich die Liebe, die ich mir gewünscht und die ich gebraucht hätte. Das fing schon im Kindesalter in meiner eigenen Familie an, in der ich mich nie richtig geliebt fühlte und in der ich mich deshalb an den Rand drängen ließ.

Als junge Frau hatte ich sehr lange keinen Freund. Erst mit 21 Jahren lernte ich meinen Mann kennen, den ich zur Ehe und Familiengründung regelrecht überreden musste. Ich bekam nie einen Heiratsantrag oder so. Irgendwann wehrte er sich einfach nicht mehr und dann ging alles sehr schnell. Wir heirateten und bekamen sofort unser Kind, welches leider nicht gesund war. Aus Furcht vor weiteren Dramen, wollte mein Mann keine weiteren Kinder. Ich trauerte lange darum, denn ich hätte gerne eine große Familie gehabt. Auch beruflich konnte ich mich nicht verwirklichen. Nach dem Tod meiner Eltern drehte ich komplett durch und begann eine Affäre. Für ihn hätte ich alles, wofür ich so lange so hart gekämpft hatte liebend gerne aufgeben. Doch - wen wundert es - auch dieser Mann wollte mich nur für bestimmte Aktivitäten benutzen. Das Gesamtpaket wollte er nicht und so blieb ich bei meinem Mann. Unsere Ehe funktioniert weiter doch glücklich bin ich, sind wir nicht.

Aufgrund starker depressiver Verstimmungen und psychosomatischer Beschwerden befinde ich mich nun in ambulant psychologischer Behandlung. Diese hilft auch, aber irgendwie fühle ich mich in meinem Leben inzwischen fremd. Ich bin mir selbst zum Albtraum geworden. Nicht erst seit der Affäre, die ich selbst als sehr schlimm und völlig daneben empfunden habe. Doch anstatt dies zu beenden, trieb ich das Spiel immer weiter. Ich war sogar in Chatrooms aktiv und stand kurz vor einem S-Treffen mit einem interessierten Mann. Aus Angst vor den Folgen, sagte ich es gerade noch rechtzeitig ab.

Wie soll ich nur weiter leben? Welche Diagnose könnte dahinter stecken? Nur Depressionen oder noch mehr? Gibt es hier jemanden, der ähnliches erlebt hat? Ich habe inzwischen wirklich Angst um mein Leben und dass ich mein Kind und meinen Mann mit in den Abgrund ziehe.

Ich bitte um wohlwollende und vorsichtige Antworten! Bitte keine Moralapostel. Ich kann so etwas nicht mehr ertragen. Vorwürfe mache ich mir selbst genug!

11.10.2018 14:26 • x 1 #1


unfassbar

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Shedia, bist du das?
Wenn ja, geht es dir wieder schlechter?

11.10.2018 14:29 • x 5 #2


unbel Leberwurs.

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Spontan würde ich sagen, war es der Kardinafehler, Deinen Mann zu etwas zu überreden, was er nie wollte.
Er scheint schlicht und ergreifend nicht der richtige zu sein...

Wie definierst Du denn eine "funktionierende Ehe"?

Weiss Dein Mann von der Affäre?

11.10.2018 14:35 • #3


Hopelesss

Ja, ich bin es. Bin ich so einfach zu erkennen? Und ja, ich habe gerade wieder eine schlimme Phase. Das kommt meistens aus heiterem Himmel. Da dachte ich gerade, alles wäre gut und dann holt mich der Albtraum der letzten Jahre wieder ein.

Unsere Ehe "funktioniert". Damit meine ich, dass wir den Alltag gemeinsam bewältigen. Auch Freundschaften konnten wir wieder beleben. Der Urlaub war ganz schön, wenn wir auch zur Sicherheit die Schwiegermutter mitgenommen haben, damit wir uns alle zusammen reißen. Wir haben sogar wieder ein Säxleben, so alle 2 Wochen ca. Aber das Gefühl fehlt mir immernoch. Es will einfach nicht wieder kommen. Damit meine ich nicht unbedingt nur das Gefühl der Liebe zu meinem Mann. Ich fühle generell sehr wenig, bis gar nichts. Manchmal kommt eine zaghafte Zuversicht auf aber dann wieder wochenlange absolute Leere. Ich kann mich über nichts freuen, empfinde keine Begeisterung, habe keinen Antrieb und das macht mich mürbe. Nur diese tiefe innere Leere und Traurigkeit, die ist immer da.

Manchmal werde ich nachts wach und weine, kann nicht wieder einschlafen und bin den nächsten Tag gerädert. Kontakt zum AM habe ich keinen mehr. Ich habe ihm verziehen und mir selbst eigentlich auch. Ich verstehe, dass er mich nicht lieben konnte und ich verstehe, dass ich alles was ich tat, aus der Hoffnung heraus passieren konnte, dass mich endlich mal jemand vorbehaltlos und spontan liebt und annimmt, so wie ich bin. Dafür hätte ich alles gegeben. Aber das, was dann passierte war das schlimmste, was ich je erleben musste. So benutzt zu werden, wie eine Nut., das tat und tut immernoch fürchterlich weh. Ich verstehe, warum er das tat und ich verstehe, warum ich mich dafür hergab. Ich wollte diesen Mann durchS.an mich binden. Die Verletzungen, die ich mir dadurch zugefügt habe waren sehr schwer.

Ich hoffe jetzt, dass die Therapie mir helfen kann. Ich hoffe, ich kann diesen Irrsinn irgendwie verarbeiten und ich hoffe, ich lerne wieder zu fühlen. Mein Mann trägt und erträgt mich immernoch. Mein Verstand sagt mir, dass das echte Liebe sein muss und dass ich dafür dankbar sein muss. Mein Herz fühlt das nicht. Ich glaube, ich habe gar keines mehr. Es ist erstarrt!

LG Shedia

P.S. @hahawi du hast immer die richtigen Worte für mich gefunden. Dein Mitgefühl hat mich berührt. Danke!

12.10.2018 07:24 • #4


Hopelesss

Ich lasse mir jetzt helfen. Vielleicht ist das schon ein Fortschritt. Ich gehe zur Physiotherapie und lasse meine Knochen bearbeiten. Ich gehe zur Psychotherapie und lasse meine Seele bearbeiten. Ich gehe zur SHG für Dicke und hole mir Hilfe, um meine Essstörung und mein Gewicht in den Griff zu bekommen. Erste zaghafte Erfolge sind inzwischen spürbar. Ich kann wieder besser laufen und mein Gewicht sinkt. Ich hoffe, meine schlechte psychische Verfassung im Moment ist ein Zeichen dafür, dass die Psychotherapie zu wirken beginnt. Ist es so, dass es einem zuerst mal schlechter wird, um dann endlich Verbesserung zu bringen?

Ich denke, jetzt erst erfasse ich, was in den letzten Jahren passiert ist, wirklich in vollem Umfang. Diese Erkenntnisse erschlagen mich förmlich. Mein Leben war alles andere als in der Reihe. Anstatt es aufzuräumen wollte ich daraus fliehen. Irgendwo mit irgendwem neu anfangen. Das ist krachend gescheitert. Jetzt sitze ich in einem riesigen Misthaufen, den ich mit der Kuchengabel wegräumen muss.

Ein bisschen Ermutigung zwischendurch, vielleicht von Menschen, die ähnliches hinter sich haben, würde mir so sehr helfen. Bitte keine neuen Anklagen!

12.10.2018 07:40 • x 1 #5


Knutuschi

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Zitat von Hopelesss:
Ist es so, dass es einem zuerst mal schlechter wird, um dann endlich Verbesserung zu bringen?


Definitiv.
Solange man in seinem Sumpf vor sich hin lebt, hat man eine Menge Vermeidungsstrategien zur Hand um die ganze sch. nicht an sich ran zu lassen. Schön reden. Männer in die Ehe überreden. Affären. Und noch vieles, vieles mehr.
Fängt man an sich mit sich auseinanderzusetzen ist ein Teil davon eben auch das hinsehen - sprich, man verwendet die Vermeidungsstrategien nicht mehr oder zumindest weniger. Und dann sieht man erstmal die ganze sch. zum ersten Mal richtig.

Und der ganze Müll den man von sich weg geschoben hat, bricht über einen herein.

Gehört dazu. Erstmal geht's richtig runter in den Keller.

Einfach stur weiter gehen. Es wird besser und leichter, auch wenn es immer wieder neue Entscheidungen zu fällen und umzusetzen gibt die weh tun. Aber alles zu seiner Zeit.

Ob es sich lohnt? Mehr als Du Dir vorstellen kannst.

12.10.2018 08:55 • x 1 #6


Helplesss

Vielen Dank für deine Antwort, Knutuschi! Das hilft mir sehr! Ich hoffe auch, dass es mit der Psychotherapie vielleicht ähnlich ist, wie mit homöopathischen Medikamenten: erstmal gibt es eine Verschlimmerung der Krankheit.

Immerhin dämmert mir aber, dass alles, was in den letzten Jahren so abging eigentlich nur Symptome waren. Symptome meiner verzweifelten Suche nach Liebe und Halt. Besonders nach dem Tod meiner Eltern und dem Zerbrechen der Restfamilie fühlte ich mich völlig haltlos. Mein Mann konnte machen, was er wollte, nie traf er den richtigen Ton oder erreichte mich überhaupt. Und er versuchte wirklich so einiges! Für mich aber hatte er sogar Schuld an meinem Elend. Wegen ihm hatte ich mich ja mit meiner Familie überworfen, weil diese ihn nicht so akzeptieren konnte oder wollte, wie er ist. Wegen ihm hatte ich nur ein einziges und noch dazu krankes Kind. Wegen ihm konnte ich meinen Beruf nicht mehr ausüben. Wegen ihm war ich dick geworden etc. etc......! Er war in meinen Augen der Sündenbock für alle kleinen und großen Katastrophen meines Lebens.

Als ich dann den AM traf, erschien der für mich, wie der sprichwörtliche Prinz auf dem weißen Schimmel, der mich aus meinem Elend erlösen würde. Das Gegenteil war der Fall. Dafür kann ich ihm noch nichtmal die Schuld in die Schuhe schieben. Er war ja frisch gebackener Witwer und suchte ähnlich verzweifelt nach Halt, wie ich. Dass er den nicht bei mir fand, sondern bei einer anderen Frau, ich kann es ihm nicht verübeln. Und dann habe ich den beiden auch noch in die Beziehung gepfuscht in meinem Wahn! OMG! Heute weiß ich, niemand kann einen Menschen zwingen zu lieben, noch nichtmal der Betreffende selbst.

Dass ich heute immernoch mit meinem Mann zusammen bin, grenzt an ein Wunder! Dass unsere Familie noch existiert und sogar halbwegs harmonisch miteinander ist, das habe ich eigentlich gar nicht verdient. Nur diese Liebe erwidern können oder überhaupt annehmen und fühlen können, das geht für mich im Moment noch nicht. Ich hoffe, das kommt noch! Ich habe mir aber eine Frist gesetzt. Sollte es danach immernoch nicht rund laufen, werde ich meinen Mann von mir erlösen.

Meine Therapeutin hat in der letzten Stunde gesagt, ich müsse mir das vorstellen, wie bei einer Zwiebel. Zuerst müsse eine Schicht nach der anderen freigelegt werden, um dann auf den Kern des Problems zu stoßen. Davor habe ich riesige Angst, denn ich vermute dieser Kern bin ich selbst.

LG Shedia

12.10.2018 14:28 • #7


Lug

Ich finde das alles nicht wirklich dramatisch. Viele Leute haben so ein leben.
Die Kunst dabei ist alles positiv zu sehen und nicht ständig zu jammern. Sich Ziele zu setzen und sich träume zu erfüllen. Du hörst dich nach einer schweren Depression an und ich wundere mich wieso dir niemand Professionells hilft zb eine kur.
Viele Leute haben unperfekte Kinder und?
Viele Leute hatten Affären. Und?
Immerhin hast du einen Mann. Viele haben keinen.
Familie ist immer so eine Sache. Es ist eben nicht alles perfekt.
Man kann sich das Leben sich schwer machen.

12.10.2018 14:42 • #8


Helplesss

Schwere rezidivierende depressive Schübe! Ja, so lautet auch die Diagnose meiner Therapeutin. Im Moment bin ich mitten drin in so einem Schub. Deshalb auch das Gejammer. Tut mir leid, wenn es dich nervt. Hilfe bekomme ich von einem Team aus Psychiatern und Therapeuten. Eine Kur habe ich abgelehnt aus Angst um meine Arbeitsstelle, die ist zwar nicht toll aber für mich sehr wichtig.

LG

12.10.2018 14:48 • #9


Knutuschi

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Läuft alles, mach Dir keine Birne. Du fängst an zu reflektieren, das ist schon viel.

Zitat von Helplesss:
Meine Therapeutin hat in der letzten Stunde gesagt, ich müsse mir das vorstellen, wie bei einer Zwiebel. Zuerst müsse eine Schicht nach der anderen freigelegt werden, um dann auf den Kern des Problems zu stoßen. Davor habe ich riesige Angst, denn ich vermute dieser Kern bin ich selbst.


Ja, wie bei einer Zwiebel.
Keine Angst, Du bist nicht das Problem. Die Probleme sind nicht sonderlich hilfreiche Grundüberzeugungen und daraus resultierend ein nicht ganz so gesunder Umgang mit sich selbst. Ursache ist aber immer, dass man es einfach nicht besser wusste. Kann man aber alles lernen.

Du bist nicht das Problem, sondern die Lösung.

12.10.2018 15:10 • #10


AufDemWeg

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Ich habe jetzt ein Buch über Depressionen gelesen: Morgen ist leider auch noch ein Tag. Ich fand es gut, weil es ein Betroffener, und zwar auch mit Humor geschrieben hat.
So gesehen gab es nicht ein wirkliches Happy End. Es war und bleibt ein Weg, mit der Krankheit umzugehen.

Ich finde gut, dass Du die Therapie machst und Dir für andere Deine Themen Unterstützung geholt hast.
Gute Wünsche für Dich.

12.10.2018 21:46 • #11




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