Zitat von Tommy73:Sicher ist dies eine Überlegung Wert aber meiner Meinung müssen die Umstände eben auch dazu passen, und meist geht es ja nicht darum, wie im Falle von fddi3, das da irgendwelcher Mailkontakt oder Telefonierei exestiert, sondern mehr um den Umstand das Lügen und Heimlichkeiten sehr Stark an Einfluss gewinnen, was dann weder etwas mit Besitzdenken noch emotionalem Geiz etwas zu tun hat. Der Betrug an sich ist doch nur die Lüge auf welcher er basiert, und dieser ist Unfair und nicht akzeptabel.
Sehe ich auch so, Tommy73! Die Lüge ist unfair und es kann von niemandem erwartet werden, dass er oder sie das akzeptiert.
Betroffenen kann es aber helfen, wenn sie sich die Dynamik, die den geliebten Menschen zum Lügner werden ließ, genauer anschauen. Manchmal nimmt allein das Verstehen der Motive des anderen seiner Tat schon ein wenig die Schärfe, den Schrecken.
Was passiert in der Durchschnittsbeziehung, wenn eine/r der Partner außereheliche Gelüste verspürt? Wird er oder sie sich vertrauensvoll mit dieser Neuigkeit an seinen Schatz wenden, und werden beide dann freudig an einer einvernehmlichen Lösung arbeiten?
Unwahrscheinlich. Die wenigsten Menschen dürfen sich trauen, mit ihren Partnern über ihre Wünsche nach Abwechslung auch nur zu reden. Schließlich können sie die Antwort in der Regel ohnehin vorwegnehmen: ein klares "Nein". Allein die Frage würde häufig schon eine Krise auslösen, denn Fremdgehen ist in den meisten Beziehungen ein Tabu(thema).
Die in Versuchung geratene Person hat im Normalfall die Wahl zwischen drei Optionen: Verzicht, offenes Hinwegsetzen über den erklärten Willen des Partners oder eben der heimliche Betrug.
Aufgrund des weitverbreiteten Besitzdenkens innerhalb von Beziehungen wird der Verzicht in der Regel als selbstverständlich eingefordert, sowohl vom Partner als auch vom Umfeld und oft auch vom eigenen Gewissen. Viele Menschen entscheiden sich also für den Verzicht. Sie fühlen sich den Bedürfnissen ihres Partners stärker verpflichtet als ihren eigenen Bedürfnissen, plagen sich mit Schuldgefühlen wegen ihrer Wünsche und belasten möglicherweise die Beziehung mit ihrem unbewussten Groll darüber, auf etwas verzichtet zu haben, das ihnen wichtig war.
Die eigenen Bedürfnisse UND die eigene Aufrichtigkeit so ernst zu nehmen, dass man offen und gegen den Willen des Partners fremdgeht, also den unmittelbaren Konflikt, die Schmerzen, die Tränen in Kauf nimmt, ist nur für ganz wenige Hartgesottene eine Option.
Wenn man das ganze systemisch betrachtet, ist es also plötzlich viel besser nachzuvollziehen, wieso es zu den gefürchteten Lügen und Heimlichkeiten kommt.
Die Leute lügen, weil ihnen ihre Bedürfnisse UND ihre Beziehung wichtig sind und sie keine andere Möglichkeit sehen, beides unter einen Hut zu bekommen. Das Lügen erscheint ihnen als der naheliegendste, einfachste Ausweg und ist nicht unbedingt ein Zeichen dafür, dass alle Betrüger Charakterschweine sind.
Keinesfalls rede ich dem Betrug das Wort. Betrogen und belogen zu werden, gehört zu den verstörendsten und traurigsten Dingen, die Menschen innerhalb von Beziehungen erfahren können. Und doch geht die simple Täter-Opfer-Rechnung bei einem so komplexen Thema meiner Meinung nach nicht auf. Die führt nämlich meistens nur dazu, dass man den aktuellen Partner als den falschen deklariert und die gleichen Fehler beim nächsten wiederholt.
Hilfreicher erscheint es mir, dass sich Paare, deren Beziehung durch Fremdgehen beschädigt oder gar in ihrem Fortbestand bedroht ist, selbstkritisch mit der Dynamik auseinandersetzen, die zur Tabuisierung bestimmter Wünsche und der daraus resultierenden (vermeintlich) einzigen Lösung der heimlichen Wunscherfüllung geführt hat.
TL;DR: Hat irgendwer behauptet, Beziehungsarbeit sei einfach?
