@RoteTablette
Ha... genau mein Thema

Ich weiß nicht wie oft ich es schon geschrieben habe aber gerne wieder... seit meine NochFrau während der Trennung mal zu mir gesagt hat das ich ein richtiger mann werden solle, habe ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt. (ich weiß mittlerweile das diese aussage mehr über sie als über mich aussage aber es war nunmal der auslöser)
Mittlerweile bin ich im Rudel eine Coaches hier in Köln "aktiv" und nebenbei auch noch in einer Selbsthilfegruppe für Männer. Zwischendurch war ich auch noch bei einem Hypnosecoach der aber nicht nur auf Männlichkeit spezialisiert war.
Der Männercoach ist schon ein sehr spezieller Fall und man kann hervorragend darüber diskutieren ob er nun ein toxisches Bild propagiert oder nicht. Eine Therapeutin von mir wollte tatsächlich die Zusammenarbeit mit mir einstellen weil ich zu diesem Coach gehe und sie ihn für sehr toxisch hält. Auf meinen Hinweis das es wichtiger sei was ich mir dort annehme und nicht was ich besuche lenkte sie dann ein und entschuldigte sich.
Der Bedarf an Männercoaches ist in meinen Augen schon grundsätzlich gerechtfertigt, da speziell die BabyBoomer und Gen-X sehr darunter gelitten haben das viele Väter einfach abwesend waren und sie dementsprechend in einem überwiegend weiblichen Umfeld aufgewachsen sind. Da sich die Männer in diesem Zeiten nicht immer "gut" verhalten haben und die Frauenrechtsbewegung auf dem Vormarsch war, wurden viele Jungen mit einem überwiegend feministischen Weltbild anstelle von einer, ich nenne es mal gesunden Männlichkeit, erzogen. In den nachfolgenden Generationen haben sich die Geschlechter in meinen Augen deutlich angenährt und der "sanfte" Mann ist deutlich gesellschaftsfähiger. Dies haben ich in diversen Gesprächen mit meiner Tochter (23) und ihren Freunden "erfahren" die allerdings alle in einem eher "woken" umfeld sind.
An dieser Stelle möchte ich anmerken dass das was ich eine gesunde Männlichkeit nenne, nichts mit Machohaftem oder "coolem" verhalten zu tun hat, sondern sich darauf bezieht das Werte wie Verbindlichkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit gelebt werden sollten anstatt sich immer auf "Befriedigung" von irgendwelchen Bedürfnissen zurückzuziehen. Vieles davon kann man auch auf Weiblichkeit anwenden aber hier geht es ja bewusst um das männliche.
Nun, zurück also zu dem Bedarf. In dem Rudel das ich besuche haben wir einen guten Querschnitt an unterschiedlichen Männern aller möglichen "Schichten". Übergreifend fällt ein deutlicher Hang zu "männlicher Energie" auf die meist mit körperlichen Aktionen gleichgesetzt wird. Egal ob es nun Kampfsport ist oder wanderungen gepaart mit outdoor Übernachtungen oder ähnlichem. Anekdote am Rande.. ich bin der woke linksaussen in der Gruppe

Es wird immer wieder darauf hingewiesen dass das rudel ja keine Selbsthilfegruppe sei und das Männer nunmal dinge nicht kaputtreden sondern ins handeln kommen müssen. Aha... wäre das also auch geklärt

(Ich erwäge derzeit das Rudel zu verlassen obwohl ich dort tatsächlich auch Männer kennengelernt habe die ich mittlerweile als Freunde bezeichnen würde). Dennoch muss ich ganz klar sagen das mir das Rudel schon dabei geholfen hat ein Stück weit mehr selbstbewusstsein bzw. Selbstwertgefühl aufzubauen. Hier ist es halt extrem wichtig das man sich selbst treu bleibt und nicht im sinne "der Welle" in einen Gruppenzwang unterworfen wird.
Parallel bin ich auch noch in einer Selbsthilfegruppe ohne diesen ganzen "wir-trommeln-uns-auf-die-brust-kram". Dort SIND Gefühle und Empfindungen das Hauptthema und jedes mal gibt es mindestens einen in der Runde der ein Aha erlebnis hat und in den Gesprächen für sich selbst einen inneren knoten aufgelöst bekommt.
Im persönlichen Umfeld (und auch hier im Forum) erlebe ich viele Männer die keinen wirklichen Bezug zu ihren eigenen Emotionen haben (ich war auch so bevor ich aktiv angefangen habe mich damit zu beschäftigen), die nicht wissen das sich trauer, wut und angst unterschiedlich anfühlen (können) und die Hemmungen haben einerseits zuzugeben das es ihnen schlecht geht und andererseits nicht weinen können weil sie als kinder immer zu hören bekommen haben "ein Indianer kennt keinen schmerz" oder "echte männer weinen nicht". Bullsh*t.....
ich schweife ab....
Ja, es gibt einen seeeeeeehr großen Bedarf an Coaching für Männer. Das Angebot an "seriösen" coachings ist in meinen augen jedoch echt überschaubar und oft haben besagte coaches selbst einen zweifelhaften Hintergrund.
Ein Mann der erkennt das er sich gerne weiterentwickeln möchte, findet gute Literatur und in meinen Augen schliesst das auch den offenen Austausch mit "dem anderen" Geschlecht mit ein. Ich möchte gerne an dieser Stelle noch anfügen das Extremismus immer ne ganz schlechte Idee ist, egal ob es dabei um "Mens Rights" oder "Female Empowerment" geht.
Dem interessierten Mann und gerade der interessierten Frau lege ich immer wieder gerne das Buch Männerseelen von Björn Süfke ans Herz, in dem sehr schön auf die emotionale Situation von vielen Männern meiner Generation eingegangen wird.
Warum und wofür wir einen Bedarf an Coaches haben, wird sehr schön im Buch "Nie mehr Mr. Nice Guy" von Glover thematisiert welches sich mit vielen Bereichen eines "sanften" mannes auseinandersetzt.
Sorry für den super langen text... das floss einfach so aus mir raus weil mir das Thema aktuell so wichtig ist....