@VictoriaSiempre
Für mich ist der Mensch Imre Kertesz, sein Bewusstsein über Gewalterfahrungen und Traumata und sein Schaffen sehr wichtig, weil er Anteile von dem Leiden und Handeln meines Vaters nachvollziehbar macht. Die Unverhältnismäßigkeit von Gewalt und die Zerstörungswut der Menschen. Er stellt Erklärungen her, die vor dem Hintergrund der erlittenen Gewalt nachvollziehbar, aber schrecklich sind. Besonders ist, dass er es literarisch hi bekommt, die Tragödie zu bes hreiben, und sie nicht "menschlich-biologisch" ausagiert. Teagisch, dass es ihn selbst begrenzt und ein Vatersein verunmöglichte.
Was ich meine ist, das Imre Kertesz selber stark von seinen enormen Traumata geprägt war, seine Kunst, seine Beziehung zum Leben: "Das Leben Imre Kertész war ein Leben in einer Art Transitraum, ein Leben im ständigen Exil" aus einem Artikel aus Zeitonline.
Und stimmt, nicht Kertesz hatte die Ärztin als Exfrau, sondern seine Erzählfigur in "Kaddish für ein ungeborenes Kind". Darin wird quasi lebensnah wie selten von einem männlichen Menschen beschrieben, wie umfassende Traumata durch Gewalterfahrungen als Kind und in KZs das Erleben lebenslang prägen können. Auch der Erzählstil bildet das Teaumaerleben extrem gut ab.
Und dieses unfassbare Schicksal ist mit meinem (unserem) Schicksal verbunden, auch wenn es keiner hören will. Verbunden sind wir mit unseren Vorfahren, die während des Krieges und den Verhältnissen davor und danach geprägt wurden und - große Überraschung, unsere Eltern geprägt haben, die über Transgenerationale Traumata wiederum uns massiv geprägt haben. Mich und meinen Bruder jedenfalls, und viele weitere Menschen. Auch den Tangotänzer.
Die Intention der Kriegsgewalt taucht thematisch in den familiären Beziehungen in vielerlei Gestalt wieder auf. Mit der Intention zu vernichten, das ist das Entscheidende bei diesen Traumareaktionen. Und darauf reagieren Kinder auf bestimmte Weise und entwickeln Strategien, die sie u.U. ein ganzes Leben lang beschäftigen und leiden lassen.
Imre Kertesz hatte keine Kinder, und entfaltet eine vielschichtige Erklärung, warum dieser Wunsch ebenfalls nicht für seine Erzählfigur gilt - diese Art von Vernichtungsgewalt haut uns aus den Socken und beraubt uns dieser wichtigen Lebensenergie. Kinder zu wollen und sie lieben zu können, egal was kommt.
Und für mich: mein Vater hat durch seinen kriegsgeschädigten Vater Grausamkeiten erlebt, die schon sehr schwer vorstellbar sind, und er selbst wollte dann partout keine eigenen Kinder.
Imre Kertesz hat es gelassen Kinder in die Welt zu setzen und hat darüber intensiv reflektiert. Eine Metapher der Auswirkungen von Grausamkeiten.
Mein Vater hat sich trotz Nichtwollens nicht ausreichend um Verhütung gekümmert und an mir und meinem Bruder, den ungewollten Kindern, seine selbst erlittene Grausamkeit ausagiert. Das Spiegelbild dessen, was Kertesz so fulminant beschrieben hat.
Und ich bin eins dieser Kinder, die aus Kniehöhe des Vaters in die komplette Ablehnung und den tiefen Hass des Vaters schauen, in seinen Augen, in seiner Körpersprache, weil sie nicht da sein sollten, nicht existieren sollten, aber nun mal denkend und fühlend vor ihm stehen - ungefragt geboren in eine transgenerationale Tragödie. Ausgeliefert und unschuldig. Nur zum Zeugnis fähig, gelähmt im Erlebten.
Und das Fühlen der angeborenen kindlichen Bedürfnisse nach Liebe, Nähe, Daseinsberechtigung, Schutz und Fürsorge, Unterstützung, Förderung, dem Teilen von Lebensfreude und Leichtigkeit - die ganze Wucht dessen, was ich nicht fühlen und teilen durfte, holt mich jetzt immer wieder ein. Davon schreibe ich.
Wenn dich eine solche menschliche Tragödie nicht berührt, dann Adios.