Dienstag
Ich bin mal wieder schlaflos und denke ganz viel nach. Ich habe einen alten Chat von einer engen Freundin und mir gefunden und bin mal ganz weit zurückgegangen, um zu schauen, wie es mir damals ging, als er noch Teil meines Lebens war. Ich habe so viele Sachen verdrängt. Jetzt mir Abstand erkenne ich die Dynamik klarer. Er war vielleicht 2, 3 Monate getrennt, als wir uns kennenlernten, wenn überhaupt. Ich habe es erst knapp 2 Jahre später erfahren. Ich war gerade das erste Jahr sehr von Unsicherheiten geplagt, er war oft distanziert, ich hatte Verlustängste. Er war unzuverlässig, während der Zeit, die er drüben wohnte, auch oft rücksichtslos. Mir ging es nicht gut, weil ich das, wonach ich mich sehnte, nie gespürt habe: Liebe. Warum merke ich erst so spät, dass es das war, was mir damals so Bauchschmerzen bereitete? Er war bei sich, und ich war auch bei ihm. Da war natürlich keiner bei mir, und das wusste er. Ich hab mich selbst vergessen. Ich sehe jetzt, wie unattraktiv ich damals gewirkt haben muss. Ich sehe aber auch, dass er damals nicht richtig mit seiner vergangenen Beziehung abgeschlossen hatte und zwar jemanden wollte, aber emotional wahrscheinlich vollkommen woanders war. Und ich habe ihm zu viel durchgehen lassen. Doch solange er niemand anderen wollte, wollte er mich. Dafür war ich gut genug.
Dann, nach einem Jahr, ist mir der Kragen geplatzt, ich hatte genug von ihm und der Art, wie er mit mir umsprang. Zu der Zeit war er dauernd unterwegs, Auslandsemester in Großbritannien, Praktikum in Asien, dann wieder zurück in den Osten, wo er studierte. Ich habe mich verabschiedet, und das war das beste, was ich tun konnte. Ich habe Grenzen gesetzt und dadurch ein wenig den Respekt vor mir selbst wiedergewonnen. Ich glaube auch, dass es bei ihm was bewirkt hat, denn als er wieder ankam, mit dicker Entschuldigung, merkte ich, dass sich was änderte. Sein Verhalten mir gegenüber änderte sich, und wir hatten ein paar sehr schöne Monate. Irgendwann verfiel er in alte Muster, und ich merkte, wie ich immer unzufriedener wurde. Trotzdem hatte ich durch diese kurzzeitige Trennung gelernt, mir wieder am nächsten zu sein, wieder mit mir selbst glücklich zu sein, auch wenn er mal nicht da sein sollte, ein wenig mehr aus dieser Abhängigkeit rauszukommen. Ich habe gelernt, Grenzen zu setzen, aber bin nie soweit gegangen, es zu beenden. Warum nicht? Ich weiß es nicht. Vielleicht wegen der Hoffnung, dass es einfacher wird, wenn er hierhin zurückzieht. Vielleicht, weil wir nie wirklich Streit hatten, alles immer "okay" war, aber niemals was besonderes.
Ich hätte nichts tun können. Er war nie wirklich "frei", von Anfang an nicht. Und ich war nicht selbstständig genug, um mich früh genug von ihm abzugrenzen. Ich bin durch ihn erwachsen geworden und habe meine Bedürfnisse immer besser kennengelernt. Er hat im Laufe der Zeit gelernt, mich zu respektieren und nicht für selbstverständlich zu nehmen, aber erst, als ich begann, mich selbst zu respektieren. Trotzdem hat es niemals gereicht. Ich habe ihm sozusagen dabei geholfen, über seine letzte Beziehung hinwegzukommen, 3 Jahre lang. Er gab mir niemals den Stellenwert, den er bei mir hatte. Er wollte es nicht, vielleicht konnte er es auch nicht. Als sein Herz dann endlich wieder frei war, war nicht ich es, die dort einziehen durfte, sondern sie. Wo es bei uns so schwierig war, ist es bei ihnen plötzlich einfach. So, wie er zu mir war, wird er zu ihr nicht sein. Denn für sie hat er sich freiwillig entschieden. Da ist es kein Wunder, dass ihm all das so einfach fiel, dass er mich so einfach vergessen konnte. Es gab nichts zu vergessen, denn ich war im Grunde genommen nie da. Sollte ich mir jetzt ausgenutzt vorkommen? Zum Ende hin auf jeden Fall. Aber im Grunde genommen hab ich all das ja mitgemacht.
Irgendwie nimmt mir diese Erkenntnis ein wenig diesen ewigen Gedanken, dass es gehalten hätte, wäre ich doch gut genug gewesen. Ich hätte die perfekte Frau sein können, es hätte trotzdem nicht gereicht. Aber dann wiederum der Gedanke: Ich hätte niemals für das gereicht, was er ihr nun gibt.