Stephie123
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Ich hoffe es ist okay wenn ich euch diese Geschichte erzähle. Vielleicht seht ihr den tieferen Sinn oder eine Wendung die ich aus Betriebsblindheit nicht mehr sehe.
Wo fange ich an.
Im Jahr 2002 trauert ich gerade meiner ersten großen Liebe hinterher. Es war ein Strohfeuer aber mit starkem Kribbeln im Bauch. Kurz und schmerzvoll. Ich war 20 Jahre alt. Meine damals beste Freundin möchte mich nicht so sehen. Sie zwang mich regelrecht mit raus zu kommen, in Discos, zu Treffen, auf Veranstaltungen. Ab und an war dann "er" mit dabei. Jemand mit dem sie mich gerne verkuppeln wollte, worauf ich aber wenig Lust hatte. Auf einem "Cliquentreffen" in einem Restaurant war er dann auch wieder dabei, irgendwie noch ruhiger als sonst. Irgendwann ging er unerwartet und er tat mir leid. Ich ging hinterher, nahm seine Hand. Und dann rutschte ich irgendwie in eine Beziehung, die ich mir selber nicht erwartet hatte, hinein. Er war mir von Anfang sehr vertraut. Wir redeten nächtelang. Der Rest ist Geschichte.
Sechs Monate später starb mein geliebter Vater. Diesen Verlust sollte ich nie überwinden. Ich fiel in eine tiefes Loch. Verlor die Arbeit, rappelte mich wieder auf, fand eine bessere. Verzweifelte, bekam Depressionen, wurde gefühlskalt und wieder überschwänglich. An meiner Seite: "er". Nie mit Umarmungen, aber mit Worten. Einfach da, wie ein Schatten. Dann kam mein großer Kinderwunsch, der mit seinem Lebensplan scheinbar kollidierte. Er wollte eigentlich nie Kinder. Ich überließ es ihm ob es passierte oder nicht - und wurde schwanger. Mein Wunschkind wurde auch zu seinem. Die Geburt war schwer und er weinte danach zum ersten Mal öffentlich. Seine Gefühle hielt er ansonsten gut verschlossen. Immernoch gab es wenig Aufmerksamkeit, wenig gezeigte Liebe, wenig Umarmungen. Nie draußen Hand in Hand, kein Kuss. Dennoch war er da. Seine Liebe bekundete er indem er mich ertrug. Mich reden und weinen ließ. Geduld hatte wenn ich Monate nach der Entbindung noch immer keine körperliche Nähe zulassen konnte. Vielleicht ist sowas normal. Für ihn war es eine Prüfung.
Dann der Wunsch nach einem Zuhause. Er verliebte sich in den Gedanken ein Haus zu haben. Ich war sehr skeptisch da so etwas abhängig voneinander macht und mit viel finanziellen Einbußen daher kommen sollte. Dennoch, wir bauten, zogen ein. Alles schien gut. Meinen Wunsch nach Heirat erfüllten wir mit einer "Vernunftehe". Man wollte das Kind absichern. Das Haus. Einander. Trotz Vernunft wollte er eine große Feier, die bekam er. Das ist nun drei Jahre her. Dann mein Wunsch nach einem zweiten Kind, da ich selber mich als Einzelkind immer als einsam empfand. Wieder durfte er entscheiden ob und wann. Ein paar Wochen nach der Hochzeit hielt ich den positiven Test in Händen. Wieder kein Gefühlsausbruch bei ihm. Kein Begleiten zu den Ultraschalls. Kein den wachsenden Bauch berühren - das was ich so schön fand bei anderen Paaren. Dafür wieder eine Begleitung bei der Geburt - wiederwillig. Mein Wunschkind Nr zwei war, zumindestens anfangs, auch sein Wunschkind. Im Vergleich zur ersten Tochter war diese wild, wissbegierig, laut wenn auch äußerst süß und lieb. Der Alltag holte uns ein. Weniger Zeit für sich, mehr Stress auf Arbeit, spezielle Ansichten zum Thema Corona (wenn auch beide gleich ticken), Streit, seine Flucht in den Alk. und zu neuen Freunden. Und wieder Streit. Es gab kaum gemeinsame Momente, jedoch immerhin Fernsehabende und körperliche Nähe in gutem Maß. Mir fehlten schon Jahre die Kuscheleinheiten, welche ich mir über die Kinder und die Tiere holte. Ihm fehlte scheinbar die Anerkennung für das was er am Haus machte (zB das Carport, welches er baute). Ich sah nicht ein ihn zu loben wenn er mich ständig mit den Kindern alleine ließ. Und wieder Streit wenn er diese Abends anmeckerte und ich mich schützend vor sie stellte.
Dann fing es an. Er sagte sein Kopf passe nicht zum Körper, irgendwas sei anders. Ich war alarmiert. Wollte helfen, fragte nach, gab Ratschläge. Er machte dicht. Eine Woche später sagte er mir, wie schön einmal im Sommer, sein "Gefühl sei weg". Ich umarmte ihn. Er sagte es fühle sich nur noch wie Freundschaft an. Keine Liebe. Wir redeten viel. Immer wieder. Dann begann er zu flüchten. Jeden Abend bis morgens 2, 3 Uhr lief oder fuhr er umher. Scheinbar ziellos. Ein paar Tage später fragte ich ihn wie schon so oft ob der Grund eine andere Frau wäre. Er bejahte zum ersten Mal. Für mich brach zum zweiten Mal eine Welt zusammen. Es war die Frau, die ich seit Monaten mit ihm in Verbindung gebracht hatte. Diese wurde im Frühjahr von Nachbarn aus der Ukraine mitgebracht und gleich in den ersten Wochen machte die klar was sie wollte: einen Mann. Auch eines unserer sehr großen Streitthemen.
Bei zwei Nachbarn versuchte sie zuvor zu landen. Er war Nummer drei und sie scheinbar sein Ticket in die Freiheit. "Ein Mann geht nie ohne Option" wurde mir gesagt. Er zog dann bei ihr ein. Das ist nun etwa drei Wochen her. Die Kinder sieht er viel weniger, zu viele Ausreden die er erfindet und uns fern zu bleiben. Die Gespräche die wir in dieser Zeit führten waren seltsam. Von lieblos bis verzweifelt. Er stand mir öfter mit Tränen in den Augen gegenüber wie in den letzten 20 Jahren. Er vermisse die Kinder. Wisse nicht wie es weitergeht mit dem Haus. Wisse nicht wohin der derzeitige Weg ihn führe. Das Gefühl zu mir? "Ich mag Dich." "Mehr nicht?" "Nein."
Kalt.
Manchmal denke ich dass er vielleicht gar nicht anders konnte. Das Elternhaus extrem lieblos. Viel Streiteit. Viele Schläge. Er sagte vor Wochen ich wäre die einzige die ihm das Gefühl gegeben hätte dass er etwas wert ist. Und nun das. Ich halte ihm noch heute vor nicht gekämpft zu haben. Er sagt er könne eben "nicht reden" und es hätte keinen Sinn, da es doch wieder schief gegangen wäre. Heute hab eich ihn gefragt ob er glücklich sein. "Was ist Glück?" fragte er. Ob er denn glücklich mit ihr sei. Schulterzucken.
All unsere Freunde, Bekannte, Familie ist geschockt über diese Wendung. Niemand hätte es vermutet. Am wenigsten wohl ich.
Als er sagte es habe keinen Sinn mehr, sagte ich ihm dass die Liebe nicht immer mit Kribbeln daher kommt. Sie verändert sich, wird reifer. Das Vertrauen, die Verlässlichkeit, die Ehrlichkeit und eine tiefe Freundschaft ersetzen vielleicht die Schmetterlinge im Bauch. Er wollte das Kribbeln. Und ging.
Ich stehe hier immernoch neben mir. Die Gefühle für ihn sind so mannigfaltig, dass alles vertreten ist. Von Liebe bis Hass. Ich kann sein Handeln einfach nicht verstehen. Anderen erzählt er es lief schon zwei Jahre nicht gut. Ist das der Grund warum er mit der Jüngsten bis heute kaum eine Bindung hat?
Oder braucht er einen Grund für seine Handlungen?
Ich habe mit ihm neben dem Partner auch meinen besten Freund verloren. Der allerbesten. Er möchte gerne diese Freundschaft erhalten. Für die Kinder? Leider kann ich dies gerade nicht, da ich in keinster Weise objektiv sein kann. Man sagte mir ich wäre vielleicht zu gut für ihn. Habe zuviel für ihn getan (zB finanziell gerade anfangs stark unterstützt). Wäre vielleicht sogar eine Art Mutterersatz gewesen, da seine keine war. War er dann ein Vaterersatz und wir haben gerade unsere Familie verloren?
Man sagt mir warte ab, sie schmeißt ihn raus wenn sie merkt er hat nicht das Geld was sie sich erwarte und er kommt zurück. Falls ja, was dann? Muss ich warten bis er merkt was er vermisst? Und was wenn er es nicht tut? Einer der Dinge, die er mir oft und bis zuletzt sagte war, dass er immernoch alleine gewesen wäre wenn ich "damals" nicht seine Hand genommen hätte.
Ich wünsche mir mehr als alles andere dass wir wieder eine Familie sein können. Mit Eltern die sich lieb haben und Kindern die sich nicht entscheiden müssen. Ohne Dritte und Flucht zu Freunden oder in den Alk.. Ich hoffe so sehr dass diese Midlifecrisis, diese scheinbar depressive Phase, vorübergehend ist.
Und ich hoffe so sehr dass ich diese "Sache" überlebe, denn meine Kinder sollen nicht aus noch die Mutter verlieren.
Ich danke für die Aufmerksamkeit trotz des langen Textes.
Gruß, Stephie