Ich weiß gerade ehrlich gesagt gar nicht so richtig, ob ich hier richtig bin. Ich glaube, ich möchte mich einfach mal anonym mit anderen austauschen, weil ich selbst gerade ziemlich in meinen Gedanken festhänge.
Ich bin seit vielen Jahren mit meinem Mann zusammen, wir haben ein gemeinsames Kind und haben uns über die Jahre ein komplettes gemeinsames Leben aufgebaut. Haus, Familie, alles was eben dazugehört.
Und trotzdem bin ich gerade an einem Punkt angekommen, an dem ich darüber nachdenke, mich zu trennen.
Das Verrückte daran ist, dass ich selbst manchmal denke: „Wie kann ich nach so vielen Jahren überhaupt über Trennung nachdenken?“ Und gleichzeitig weiß ich eigentlich ziemlich genau, warum ich an diesem Punkt bin.
Unsere Probleme haben nicht erst jetzt angefangen.
Ein großer Einschnitt war schon vor vielen Jahren, als unser Kind noch klein war. Mein Mann hat mir damals gebeichtet, dass er mich betrogen hatte. Der Betrug selbst lag noch vor unserer Familienplanung, aber er hat es mir erst Jahre später gesagt.
Ich bin geblieben. Wir hatten inzwischen eine Familie und ein gemeinsames Leben aufgebaut. Ich habe versucht, ihm zu verzeihen und mir einzureden, dass ich damit leben kann.
Aber ich habe irgendwann gemerkt, dass Verzeihen und Vergessen nicht dasselbe sind.
Mein Vertrauen war danach einfach nicht mehr zu 100 % da. Und bei späteren Auseinandersetzungen kam der Betrug immer wieder in meinem Kopf hoch, obwohl es teilweise um völlig andere Dinge ging.
Ich kenne dieses Gefühl inzwischen auch aus einer anderen Beziehung in meinem Leben: Manche Menschen können einem sehr weh tun und man kann ihnen irgendwann vielleicht verzeihen, aber man vergisst trotzdem nicht, was passiert ist. Und dadurch verändert sich die Beziehung. Genau das habe ich auch bei meiner Ehe irgendwann gemerkt.
Ich möchte aber ausdrücklich nicht behaupten, dass nur mein Mann Fehler gemacht hat. Ich habe sicherlich auch Fehler gemacht. Ich habe nicht immer richtig reagiert und mich wahrscheinlich selbst irgendwann immer mehr zurückgezogen. Auch ich habe dadurch dazu beigetragen, dass wir uns auseinandergelebt haben.
Aber ich glaube, dass es auch nicht fair wäre, von mir zu erwarten, dass ein Betrug einfach irgendwann komplett aus dem Kopf verschwindet.
Dazu kamen über die Jahre finanzielle Probleme. Wir hatten irgendwann weniger Geld zur Verfügung, haben unseren Lebensstil aber nie richtig entsprechend angepasst. Wir haben Dinge auf Raten gekauft, wollten uns trotzdem etwas leisten und lebten dadurch immer ziemlich am Limit.
Die Finanzen und den ganzen bürokratischen Kram habe größtenteils ich gemacht. Dadurch hatte ich jahrelang ständig diese Sorgen im Kopf: Was muss noch bezahlt werden? Reicht das Geld? Wo stehen wir eigentlich?
Auch bei finanziellen Dingen hatten mein Mann und ich teilweise sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie ernst die Situation ist und wie man damit umgehen sollte.
Und irgendwann wurde auch unsere Beziehung als Paar immer weniger.
Wir haben uns irgendwann nicht mehr geküsst, wenn einer zur Arbeit gegangen ist oder nach Hause gekommen ist. Umarmungen und Berührungen wurden immer weniger. Körperliche Nähe gibt es eigentlich schon seit langer Zeit kaum noch.
Auch Sex ist seit Jahren praktisch kein Bestandteil unserer Beziehung mehr.
Im Bett liegen wir zwar noch nebeneinander, aber eigentlich berühren wir uns kaum.
Ich hatte irgendwann immer häufiger das Gefühl, eher diejenige zu sein, die sich um ihn kümmert, als wirklich seine Frau zu sein. Wenn ich ihn verarzten oder mich um ihn kümmern musste und er dann sagte „Du musst dich um mich kümmern“, hat sich das für mich manchmal wirklich so angefühlt, als wäre ich seine Mutter und nicht seine Partnerin.
Auch unsere Kommunikation hat sich verändert. In Diskussionen gibt es manchmal diesen bestimmten Blick von ihm, bei dem ich das Gefühl bekomme, dass er gerade denkt: „Du hast sie doch nicht mehr alle“ oder „Wie kann man nur so dumm sein?“
Vielleicht interpretiere ich diesen Blick auch falsch. Ich weiß schließlich nicht, was tatsächlich in seinem Kopf passiert. Aber so kommt es bei mir an.
Und irgendwann macht auch das etwas mit einem. Ich möchte mich in einer Beziehung nicht ständig klein oder nicht ernst genommen fühlen.
Und trotzdem haben wir einfach weitergemacht.
Unser Alltag funktioniert. Wir haben unser Kind, unser Zuhause und unser gemeinsames Leben. Nach außen sieht wahrscheinlich vieles völlig normal aus.
Aber innerlich habe ich mich schon lange gefragt, was wir eigentlich noch sind.
Jetzt kommt noch dazu, dass mein Mann psychisch gerade ziemlich angeschlagen ist. Ein großer Punkt dabei ist die Situation mit seinem Vater.
Meinen Mann stört es inzwischen seit über einem Jahr, dass sein Vater ständig bei uns bzw. in unserem Alltag präsent ist. Dabei geht es gar nicht unbedingt darum, dass sein Vater sich ständig in unsere Angelegenheiten einmischt oder uns vorschreibt, was wir zu tun haben. Es geht eher darum, dass er immer wieder kommt und einfach sehr präsent ist.
Für meinen Mann ist das inzwischen extrem belastend.
Das Problem ist, dass mein Mann das Gespräch mit seinem Vater darüber nie wirklich gesucht hat. Eigentlich sagen ihm inzwischen alle, dass er mit seinem Vater sprechen und ihm klar sagen muss, dass ihn diese ständige Präsenz belastet und dass er Grenzen braucht. Aber er hat überhaupt keine Lust auf dieses Gespräch und versucht die Situation eher zu vermeiden. Teilweise flüchtet er regelrecht davor.
Ich habe irgendwann selbst mit seinem Vater darüber gesprochen und ihm gesagt, dass er für meinen Mann inzwischen zu präsent ist und dass ich merke, wie sehr ihn das belastet. Ich habe also versucht, an dieser Stelle etwas zu entschärfen, obwohl es eigentlich gar nicht meine Aufgabe sein sollte, diesen Konflikt zwischen meinem Mann und seinem Vater zu lösen.
Trotzdem hat sich dadurch natürlich nicht wirklich etwas verändert. Mein Mann möchte das Gespräch mit seinem Vater weiterhin nicht führen, obwohl ihn die Situation mittlerweile seit über einem Jahr belastet. Gleichzeitig zieht er sich immer mehr zurück und versucht, seinem Vater aus dem Weg zu gehen.
Ich kann verstehen, dass ihn das psychisch fertig macht. Wenn einen eine Situation so lange belastet und man gleichzeitig keine Lust oder Kraft hat, das eigentliche Gespräch zu führen, steckt man irgendwann wahrscheinlich ziemlich fest.
Aber auch hier merke ich wieder, wie unterschiedlich wir mit Problemen umgehen. Ich versuche irgendwann, Dinge anzusprechen und eine Lösung zu finden, auch wenn das unangenehm ist. Mein Mann zieht sich eher zurück oder versucht, der Situation aus dem Weg zu gehen.
Und genau das macht es für mich gerade so schwierig. Denn ich habe Verständnis dafür, dass es ihm wegen der Situation mit seinem Vater nicht gut geht. Ich kann ihm diesen Konflikt aber nicht abnehmen. Und genauso wenig kann ich für ihn entscheiden, was er eigentlich von seinem Leben und von unserer Ehe möchte. Er hatte bereits erkannt, dass er Hilfe braucht in Form von Psychologie und Arzt, hat auch erwähnt, er würden am Tag X gehen und hätte sogar einen Termin, aber letztlich ist er doch nicht gegangen.
Und jetzt ist die Situation komplett eskaliert, ohne dass es eigentlich eine richtige Eskalation gab: Mein Mann spricht kaum noch mit mir.
Seit inzwischen fast zwei Wochen herrscht eigentlich fast nur Schweigen. Es wird das Nötigste gesagt, ansonsten geht jeder seinen eigenen Weg.
Ich habe ihm bewusst Zeit gelassen, weil ich weiß, dass es ihm psychisch nicht gut geht. Ich wollte ihn nicht zusätzlich unter Druck setzen.
Aber gleichzeitig merke ich, dass mich dieses Schweigen selbst völlig verrückt macht.
Ich weiß nicht, ob er gerade über unsere Ehe nachdenkt. Ich weiß nicht, ob er sich trennen möchte. Ich weiß nicht, ob er einfach nur seine Ruhe möchte. Ich weiß nicht einmal, ob er überhaupt noch weiß, was er möchte.
Und genau diese Ungewissheit macht mir inzwischen mehr zu schaffen als die Frage, ob die Antwort am Ende Trennung heißt.
Ich habe mir deshalb für mich eine Grenze gesetzt. Wenn von ihm nichts kommt, werde ich ihn irgendwann direkt fragen, was das gerade zwischen uns ist und ob er sich Gedanken darüber gemacht hat, wie es mit uns weitergehen soll.
Und wenn er dann sagt „Ich weiß es nicht“ und trotzdem alles so weitergeht wie bisher, glaube ich, dass ich irgendwann sagen muss: Ich weiß es aber.
Ich weiß, dass ich so nicht mehr leben möchte.
Ich möchte nicht vier Wochen, zwei Monate oder ein halbes Jahr in diesem Schwebezustand bleiben und darauf warten, dass er irgendwann entscheidet, was mit unserer Ehe passiert.
Und genau da habe ich wahnsinnige Angst davor, auch wie andere Menschen das sehen werden.
Ich habe Angst, dass unser Umfeld sagt, ich hätte zu schnell aufgegeben. Dass alle nur sehen: Er ist psychisch angeschlagen und sie verlässt ihn jetzt.
Dass die Leute denken, ich würde wegen seiner Erkrankung nicht zu ihm halten.
Dabei fühlt es sich für mich überhaupt nicht so an.
Wenn es zur Trennung kommt, dann nicht wegen dieser letzten Wochen. Diese letzten Wochen sind eigentlich nur der Punkt, an dem ich nicht mehr ignorieren kann, was schon seit Jahren zwischen uns passiert.
Ich habe manchmal Angst, dass ich am Ende als die Böse dastehe und alle Mitleid mit ihm haben.
Und gleichzeitig frage ich mich inzwischen auch: Muss ich wirklich mein ganzes weiteres Leben so führen, nur damit andere Menschen nicht schlecht über mich denken?
Wir haben ein gemeinsames Kind, deshalb ist das Ganze für mich natürlich noch viel schwieriger.
Mein Kind hängt sehr an mir und würde bei einer Trennung mit mir ausziehen. Ich weiß jetzt schon, dass es für ihn sehr schwer werden würde, weil er wahrscheinlich sofort Angst hätte, dass Mama und Papa sich jetzt auch trennen, wie es andere Familien in seinem Umfeld schon erlebt haben.
Genau davor habe ich große Angst.
Ich möchte nicht, dass er das Gefühl bekommt, dass seine Familie kaputtgeht. Aber ich möchte auch nicht, dass er irgendwann denkt, eine Ehe bedeutet, jahrelang nebeneinanderher zu leben, kaum miteinander zu sprechen und keine Nähe mehr zu haben.
Und deshalb stecke ich gerade irgendwie zwischen zwei Gedanken fest:
Der eine sagt: „Ihr habt so viele Jahre zusammen verbracht, ihr habt ein Kind, ein Haus und ein gemeinsames Leben. Gib nicht einfach auf.“
Der andere sagt: „Du hast schon so lange versucht, es irgendwie auszuhalten. Wie lange willst du eigentlich noch warten?“
Ich glaube inzwischen, dass ich nicht wegen eines einzelnen Problems gehen würde.
Nicht wegen des Betrugs allein.
Nicht wegen der finanziellen Probleme allein.
Nicht wegen der fehlenden Nähe allein.
Nicht wegen seines Schweigens allein.
Und auch nicht, weil es ihm gerade psychisch schlecht geht.
Sondern wegen allem zusammen und weil ich das Gefühl habe, dass wir uns über viele Jahre so weit auseinandergelebt haben, dass ich inzwischen gar nicht mehr weiß, wie ich wieder zu ihm zurückfinden soll.
Und vielleicht ist genau das mein größtes Problem gerade: Ich weiß nicht, ob ich wirklich eine Ehe aufgebe oder ob ich endlich akzeptiere, dass die Ehe, die ich eigentlich schon seit Jahren vermisse, längst nicht mehr da ist.
Ich würde deshalb gerne von Menschen hören, die vielleicht etwas Ähnliches erlebt haben.
Wie würdet ihr meine Situation von außen betrachten?
Bin ich wirklich zu schnell dabei, über eine Trennung nachzudenken?
Oder kann man irgendwann auch sagen: Ich habe lange genug gewartet und versucht, und jetzt muss ich auch auf mich selbst schauen?
Und ganz ehrlich: Wie geht man damit um, wenn man weiß, dass andere Menschen einen wahrscheinlich für diejenige halten werden, die „aufgegeben“ hat, obwohl sich das für einen selbst überhaupt nicht so anfühlt?
Sorry für den langen Text