Hallo Hinrich,
ich habe den Text von Angelika Wende gelesen und habe die alte Aufgewacht und meinen Ex darin zu großen Anteilen wieder gefunden. Ich konnte richtig die alten Zeiten fühlen, keine besonders schönen Erinnerungen :? Ja, so war ich und Anteile davon werden wohl in mir bleiben. Ich vermisse in diesem Text allerdings die Motivation der "Geberseite" eine solche Bindung einzugehen. Nicht, um die Verantwortung abzugeben, sondern weil ich der Meinung bin, dass man, sofern man lange in solch einer Beziehung bleibt, selbst "alte" Themen versucht zu bearbeiten, verwinden...Oder ein Helfersyndrom hat, oder Angst vor Nähe oder oder oder. Aber wenn ihr mögt, könnt ihr uns ja mal eure "Seite" versuchen zu veranschaulichen :D
Ich zitiere aus Wendes Text
Zitat: Der Bedürftige sollte sich, wenn er den Partner nicht verlieren will, bewusst werden - ganz egal wonach sein inneres Kind schreit - dass er den anderen nicht pausenlos und in jeder Lebenslage in Anspruch nehmen kann. Dazu hat er kein Recht.
Er sollte sich auf den Weg machen sich selbst spüren zu lernen, sich füllen und lieben zu lernen. Er sollte lernen zu begreifen, dass Liebe da beginnt, wo sie keines anderen bedarf, nämlich in sich selbst.
und weißt Du...solche Worte hätte ich mit meinem damaligem Bewusstsein einfach nicht verstanden.Erzähl das mal einem Säugling! :wink: Liebe soll keiens anderen bedürfen? :herz: denkt sich das Baby :mrgreen: Diese Worte wären zu abstrakt gewesen, eben nie gefühlt. Wer sich nie selbst spürte, liebte, der versteht das einfach nicht. Ohne das Erleben seiner selbst- das m.M. nach nur in einem langem Prozess (also am ehesten Therapie) erlernt werden kann, ist das eine Fremdsprache.
Bei mir ging es damals weniger darum, dass mein Partner meine innere Leere füllt (das war weniger Thema) aber er sollte das maßlose Liebesloch füllen. Wenn er mich nicht unetwegt tätschelte und hätschelte (Baby) dann fühlte ich sogar körperliche Schmerzen und da ich nicht wusste, dass es so etwas wie Selbstliebe gibt, Zufriedenheit in sich selbst, nahm ich an, dass Liebe bedeutet, permanent mit Liebe "gefüllt" zu werden. Das war für beide Seiten fürchterlich und ich machte mich abhängig und er ging schon fast krumm unter der Last der Schuldgefühle. Meine Botschaft war "Du gibst mir nicht genug Liebe!" (Fordernd), seine war "Ja, ich bin deswegen schuldig!" Grausam! Das ist ein Thema über das ich noch immerw einen muss. Er hat deswegen so gelitten, ging mit einem Kreuz herum...
In diesem erpresserischem Geben erkenne ich mich allerdings nicht wieder aber das ist hier ja auch gar nicht wichtig. Dennoch nahm ich viel mehr als ich selbst geben konnte und es gibt Tage, da bin ich wieder einmal sehr fern von mir und leide dann und in diesen Momenten spüre ich, was ich früher nicht spürte, dass ich nichts zu geben habe. Aber auch das geht wohl jedem mal so. Ich weiß heute, was es bedeutet zu Geben, auch Liebe zu geben ohne etwas zu erwarten. Das hätte ich früher vielleicht mechanisch schauspielern können weil ich weiß, dass man es so machen soll :D aber ich hatte einfach keinen blassen Schimmer von alledem. Im Grunde wie bei einem Kleinkind. Nur wer in sich Erfüllung, Wärme spürt, wer eine Autonomie entwickelt hat, der kann auch so etwas wie Liebe geben ohne etwas zu erwarten. Nur wer nicht selbst ständig Hunger hat, der kann den anderen wirklich wahrnehmen und mitfühlen.
Manchmal habe ich so große Angst, dass ich in dieses alte Fühlen zurück fallen könnte, einfach weil es mich die längste Zeit meines Lebens beherrschte. Ich traue meinem Glück dann nicht aber ich denke es ist nur eine Befürchtung denn ich empfinde heute einfach nicht mehr das Bedürfnis, einen Mann zu vereinnahmen, ihn permanent um mich zu haben, versorgt zu werden etc. Früher hingegen bekam ich Heulkrämpfe wenn er einen Abend ohne mich verbrachte :herz: :roll: Ein falscher Blick von ihm und ich brach zusammen :oops: Welch Verantwortung habe ich ihm aufgehalst! Und auch diese wirklich krankhafte Eifersucht....die ist mir heute ein Rätsel! Aber irgendwo ist es ja klar, wenn man sich von "Papa" so abhängig macht, dann ist jede andere Frau eine Bedrohung.
Ich erinnere die sehr harten Therapiephasen...nichts als Schmerz, nichts als Sehnsucht...wirkliche Qualen und ich wusste mir gar nicht zu helfen. Es ist nur zu verständlich dass sich ein Mensch davor drückt, monatelang durchzuleiden, auch wenn ich heute mehr als dankbar bin, dass ich dort hindurch ging. Diese Freiheit die ich heute empfinde, die hat für mich keinerlei Selbstverständlichkeit und macht mich daher glücklich.
Und angeregt durch Catwoman begleitet mich heute den ganzen Tag eine Frage- ob ich ohne Zusammenbruch aufgewacht wäre :roll: Ich glaube nicht. Erst dadurch, dass mir wirklich alles unter dem Hintern weggezogen wurde mrgreen:, erst da war ich so richtig schön mit mir selbst konfrontiert 8) Hammerharte Schule aber ich halte es durchaus für möglich, dass es auch anders geht Catwoman. Mir kommt eine Metapher in den Sinn: erst viel Lärm um nichts :D Dann wird mir alles entrissen und da ist nichts mehr, alles wüst und leer und ich allein stehe völlig hilflos da. So war ich gezwungen, mich nach Innen zu wenden und dort nach dem zu suchen, was ich immer im Außen suchte. Der große Schock war, dass nicht alles automatisch vorhanden ist wenn man bettelnd an der Tür der eigenen Seele klopft :D Vieles muss erst entwickelt werden und während dessen hat man einen Alltag zu bewältigen. Es fühlte sich an, als müsste man mit der Psyche eines 5 jährigen das Leben eines Erwachsenen führen. Ein permanentes Mangelgefühl ist kaum auszuhalten. Da hockt man über der Saat und hat großen Hunger. Doch man muss warten bis die Früchte reif sind. *Darb* Dann doch lieber die nächste männliche Frucht pflücken um kurz aufatmen zu können :wink:
Und jetzt mal eine Frage in die Runde :D Was sollte ein Mensch in so einer Verfassung geben können? Ja, in Momenten gibt einem so ein Partner sicherlich viel, sonst würden die Partner ja nicht am Ball bleiben...Aber was bewegte euch Hinrich und Zukunft, bei diesen Frauen zu bleiben? Würdet ihr sagen, dass eure Liebe von Mitgefühl/Mitleid getragen war?
Hallo Rorschach,
gab es nicht ein experiment, das so hieß? :herz:
Doch, Du bist hier richtig und willkommen. Ich finde es sehr schön, dass wir uns hier so friedlich miteinander austauschen :) Hereinspaziert! :D
Wie lange seid ihr denn zusammen?
Zitat:Auf der einen Seite kann Bestätigung gar nicht zu knapp ausfallen. Ich brauche dauernd Beweise dafür, dass mein Freund mich liebt, sonst verfange ich mich in Dauer-Zweifeln. Wenn er nicht im "normalen" "Telefonierrhythmus" anruft (Fernbeziehung, wir telefonieren meist jeden zweiten Tag), denke ich: "Tja, ihm ist es ja wohl nicht ernst, er liebt mich nicht. Da kann ich ja gleich Schluss machen."
Als ob mir das nicht bekannt vorkommt :wink: So war es auch bei mir und ich haber es früher es für ausgeschlossen gehalten, dass sich das mal ändern kann. Ich war durchaus imstande, mir Disziplin aufzuerlegen, auszuhalten, dass er nicht anruft aber in mir schrie es nach Liebe. Es war dann nur ein Aushalten. Und mit dieser Haltung begibst Du Dich in eine Abhängigkeit. Du wirst Dich sehr frei fühlen, wenn sich das legt. Es gibt noch eine andere Art Verbundenheit mit dem Partner, die einem Ruhe und Sicherheit gibt aber die erlangt man nicht durch Kontrolle oder durch ständige Präsenz des anderen. Das ganze Geheimnis liegt darin, sich selbst kennenzulernen, sich auf die Abendteuerreise zu sich selbst zu machen. Das kann man schwer erklären, muss es fühlen.
Zitat:Andererseits reagiere ich "allergisch" auf Idealisierung. Mein Freund sagt oft sowas wie: "Du bist perfekt/so toll/etc.", und ich weiß, es soll ein Kompliment sein. Ich weiß aber auch, dass ich alles andere als perfekt bin, dass ich egozentrisch bin und er sich viel von mir gefallen lassen "muss" (eigtl. das falsche Wort) und zu meiner Verwunderung auch gefallen lässt. Ich will aber keine Idealisierung. Ich will, dass er mir auch mal ehrlich sagt: "Ich liebe dich ja, aber ganz ehrlich: Du führst dich gerade auf wie ein A****loch". Ich will ehrliche Bestätigung. Wenn ich damit nicht rechnen kann, kann ich auch gleich Schluss machen (ja, hier zeigt sich ein Muster zwinkern : Im Zweifelsfall schnell weglaufen...).
Hast Du ihm schon einmal gesagt "Darling, ich möchte nicht idealisiert werden. Ich fühle mich heute ganz schwach, ich habe heute Schei*** gebaut..., ich bin bezüglich dieses und jenes Themas sehr unsicher..."? Sich zeigen fühlt sich sehr erleichternd an! Und wenn Dein Partner dann noch liebevoll reagiert, dann begegnet ihr euch auf einer neuen Ebene :) Es kann für Dich eine sehr wertvolle Erfahrung sein, zu spüren, dass er Dich MIT Deinen schwächen, trotz Deiner unvollkommenheit liebt.
Zitat:aufgewacht, Du hattest geschrieben, viele Männer, mit denen Du früher zusammen warst, hätten "die Schauspielerin" in Dir geliebt. Ich habe momentan auch ganz stark das Gefühl, dass das bei ihm so ist.
Ja und einige Männer interessierten sich nicht im geringsten für die wahre aufgewacht. Versuchte ich mich zu zeigen, ignorierten sie es. Aber es gab auch wenige Männer, die mich sehen wollten und keine Angst vor meiner Trauer, Unsicherheit etc. hatten. Und ich habe bei mir selbst festgestellt (in Therapie), dass ich einen Fehler machte. Ich schauspielerte und war zutiefst ettäuscht, dass man mir das abnahm, ich klagte, dass man mich nicht sieht...Und da brachte mein Thera mich drauf, das schaupielern einmal sein zu lassen und mich ohne Maske auszuprobieren, anstatt von anderen zu erwarten, dass sie sie mir herunter reißen. Und wenn Du beginnst, ohne Schaspiel durch das Leben zu gehen, dann lernst Du auch Menschen kennen, die sich für Dich, nicht für Deine Show interessieren und erst dann bist Du wirklich im Kontakt.
Zitat:Momentan stehe ich an dem Punkt, an dem ich wieder den kaum zu bändigenden Drang habe, Schluss zu machen.
Das kenne ich von früher aber ich würde an Deiner Stelle erstmal versuchen, selbst etwas in der Beziehung zu verändern. Selbst aktiv umgestalten, statt zu erwarten z.B. indem Du Deinem Partner von deinen Schwächen erzählst. Es ist ganz erstaulich, wie sich auch unsere Beziehungen ändern wenn wir uns im Inneren verändern. Nicht nur Menschen wie wir wechseln oft in der Annahme die Beziehung, dass dann alles ganz anders wird 8) Und in der nächsten Beziehung stehen wir dann wieder vor den gleichen Problemen. Manchmal tut einem ein Partner nicht gut und man muss Schluss machen aber oftmals drückt man sich auch davor, an sich zu arbeiten. Wie das bei euch ist, weiß ich nicht. Und vielleicht solltest Du für Momente auch einmal versuchen, Dich in deinen Partner hinein zu fühlen...also Deine Haltung "Gibt er mir was ich brauche?" verlassen und mit ihm fühlen.... :trost:
Zitat: Ich befinde mich im Dauerrückzug. Nachdem ich die Beiträge hier gelesen habe, bin ich nachdenklich geworden. Ob ich nicht besser bleiben und an mir arbeiten soll. Dabei habe ich das Gefühl, er ist nicht weniger "unreif" als ich. Hat es überhaupt Sinn, wenn beide derart über sich hinauswachsen müssen?
Was empfindest Du bei ihm als unreif? Ich denke, hier gibt es keine klare Lösung im Sinne von "ja/nein! wenn beide noch unreif sind, kanns nichts/etwas werden" Denn es ist alles hochkomplex und hängt davon ab, wie sehr beide sich lieben und wie groß ihr Wunsch ist, sich zu entwickeln (jeder für sich selbst)...Wenn beide sich nur wie Ertrínkende aneinander klammern um Defizite zu ergänzen und einer sich dann aufmacht, sich entwickeln möchte...dann zeigt sich, ob die Beziehung Potential hat: beschränkt der Partner denjenigen, der sich in Bewegung setzt durch z.B. Vorwürfe? Oder unterstützt er ihn?...usw. Du siehst, es ist nicht mit einem Ja oder Nein zu beantworten. Man muss es ausprobieren- also etwas tun.
Liebe Grüße,
aufgewacht