JessesMädchen
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Vor einigen Jahren habe ich im beruflichen Kontext einen 80jährigen Mann kennengelernt, dem ich geholfen habe, seinen Lebenstraum zu verwirklichen (Buch veröffentlicht). Das ging dann irgendwann sogar deutlich in meinen Freizeitbereich und nahm viel Zeit in Anspruch. Er war ein liebenswerter Chaot, hatte ein bewegtes Leben hinter sich (auch Rotlichtmilieu) und ist am Ende fast völlig verarmt- wirkte aber irgendwie glücklich.
Wir haben uns einmal gesehen und dann immer telefoniert; es ging ausschließlich um das Buch.
Im Januar 2020 hat er mich dann per WhatsApp angeschrieben und ein frohes 2020 gewünscht; ich antwortete und so schrieben wir hin und her und irgendwann schrieb er, dass ich seine letzte große Liebe sei. Ich habe das nicht ernst genommen, denn ich wusste ja, dass er schon immer ein Filou war und allmählich steigerte es sich dann. Ich habe auf meine Ehe hingewiesen und ihm versichert, dass wir Freunde sein können. Irgendwie fand ich es aber immer noch so absurd, dass ich mir wenig Gedanken machte.
Als er dann anfing zu überlegen, wie er das Geld zusammenkratzen könnte, um mich zu besuchen (angeblich, um nur mal einen Wein zusammen zu trinken), wurde mir das zu viel und ich habe ziemlich deutlich und auch unwirsch den Kontakt abgebrochen. Vielleicht war ich in meiner Aktion auch over the top-ich war nur gerade so angepestet, weil ich es unangebracht fand und nicht wusste, wie ich es noch erklären sollte.
Heute habe ich erfahren, dass er zwei Tage später tot in seiner Wohnung gefunden wurde.
Ich kann nicht sagen, was in mir vorgeht: es ist schrecklich. Ich habe so ein schlechtes Gewissen. Es hätte mich nichts gekostet, ein bisschen freundlicher zu sein und darauf zu vertrauen, dass er die 500 km Distanz eh nie bewältigt. Wenn ich doch nur gewusst hätte, dass er nur noch ein paar Stunden zu leben hatte...Noch schlimmer ist der Gedanke, dass ich seinen Tod beschleunigt haben könnte.
Sorry, ich weiß gerade nicht, was ich denken soll. Mein Mann weiß die ganze Zeit von all dem und fand meine letzte WhatsApp auch ein bisschen zu deutlich, meint aber mit seiner pragmatischen Art, dass man daran nicht stirbt.
Ich musste mir das mal von der Seele schreiben.