Zitat von Libra82: Interessant finde ich, bzw neu für mich, der Zusammenhang zum Thema scheitern der eigenen Willensdurchsetzung.... Das muss ich mal in mir erspüren. Es stößt eine tiefe Zustimmung in mir an.
Nachdem Du Dich ernsthaft mit diesem Thema auseinanderzusetzen scheinst, möchte ich dazu noch etwas sagen, das zumeist völlig ignoriert wird.
Ob man (in Zusammenhang mit Beziehung) nun weiß, was man will, oder es nicht weiß; ob man weiß oder nicht, was man keinesfalls will - viel bedeutsamer scheint mir doch zunächst zu sein, was man (einem anderen Menschen) selber zu geben hat, was man mitbringt in eine Beziehung, was man, selbstehrlicherweise, an Gedeihlichem oder Verderblichem oder Problematischem zu bieten hat. Denn nur, wenn man das zumindest halbwegs erkannt hat, kann man auch jemanden finden, zu dem man möglichst gut passt. (Üblicherweise denkt man ja: Wer passt zu mir? Aber so gut wie nie: Zu wem passe ich? Obwohl das weitaus zweckmäßiger wäre.)
Das häufigste Problem scheint mir nämlich zu sein, dass man selbst aufgrund der - ganz natürlichen - Selbstzentriertheit und Selbstwichtigkeit, in der auch dieser Drang nach Selbstdurchsetzung seinen Ursprung findet, davon ausgeht, es stünde einem von vornherein einmal alles zu, was man sich eben so wünscht. Für sich allein kann man das auch so umsetzen, falls es eben gelingt. Sobald man aber mit einem anderen Menschen in Beziehung "gerät", greift diese als so selbstverständlich empfundene Wunscherfüllungs-Selbstempathie, wie man es vielleicht nennen kann, auch auf diesen anderen Menschen über (der noch dazu in der Regel ebenso tickt). Man erwartet also, bei einiger Bescheidenheit mit ein paar Abstrichen, die Erfüllung seiner Wünsche und damit untergründig das Erblühen des eigenen Wesens. Und dann wird es oft schwierig, weil es kaum möglich ist, selbst im geglückten Liebesfall, dass ein anderer einem alle Wünsche erfüllen kann (kann man es in der Regel ja nicht einmal für sich selbst). Und dann beginnen unweigerlich Frustrationen und Enttäuschtheiten in der Beziehung herumzunebeln. Die in weiterer Folge unter anderem zu diversen "Diagnosen" des anderen führen, da und dort unzulänglich, toxisch, krank, dumm, hinterhältig, verlogen, schwach usw. (und das immer absolut gesetzt, also so, als wäre dieser Mensch grundsätzlich so geartet und nicht lediglich im eigenen Empfindungsteich und in dieser speziellen Beziehung). Jedenfalls ist er "falsch", während man selber "richtig" ist und sich auch gar nicht anders als "richtig" vorkommen kann (muss ja auch so sein, sonst würde man sein ganzes Leben ja mit der permanenten Selbstzerfleischung beschäftigt sein).
Diesen beziehungsmäßig nicht ganz einfachen Umstand kann man durchaus etwas abmildern, indem man sich, wie gesagt, einmal ernsthaft überlegt, was man selber eigentlich zu geben hat (außer solchen Plattitüden wie lieb, treu, verlässlich, humorvoll, anziehend usw. - all das hat ja keine Sonnen-, keine Wachstumskraft). Was die eigenen Glanzlichter sind, die auch in einer Beziehung für Helle sorgen. Wo und wie man fähig und bereit ist, einem anderen der Wind unter dessen Flügeln zu sein. (Das wird mir wohl wieder eine Rüge wegen "blumiger Ausdrucksweise" oder "lyrischer Ausschweifung" einbringen

- aber ich hoffe, Du verstehst trotzdem.)
Nur zu meinen, wie es viele tun, man wolle um seiner selbst willen geliebt werden, ist zu wenig, auch wenn dieser Wunsch natürlich vollkommen berechtig ist. Aber dazu muss man erst einmal wissen, was dieses Selbst tatsächlich ist und was es welchem anderen zu geben hat und wie bereit es ist dazu.
Eine Beziehung sollte ja, wie ich meine, für beide nicht nur Erfüllung, sondern auch Wachstum bieten (Erfüllung ist nämlich etwas Stockendes, bald einmal Hinfälliges, während Wachstum eben etwas Dynamisches ist, etwas, auf dem man sich tragen lassen kann). Und dazu, um es noch einmal zu sagen, reicht es nicht zu wissen, was man will bzw. nicht will, sondern man muss auch mal aus dieser Selbstzentriertheit, die nur sich selber im Sinn hat, heraustreten und erkennen, was man selber - an Nennenswertem - einem anderen zu bieten, zu geben, zu schenken hat. Nur dann werden die Rädchen, auch die feineren, ineinandergreifen können und sich nicht womöglich auch noch gegenseitig blockieren.
Du erwähnst es, wenn auch als Vexierbild, ja selbst:
Zitat von Libra82: Definitiv. Die sind mir zum Teil auch eher bewusst. Die ersten langen Beziehungen traf auf Männer, die skills besaßen, die sich bei mir noch nicht ausgebildet hatten. Entsprechend hatte ich den Gegenpol gewählt.
Und danach, als ich schon Frau war, traf es halt die Männer, die das anbieten konnten, was der jeweilige Vorgänger verbockt hat...
Die Männer "besaßen" etwas ... konnten etwas anbieten.
Dagegen ist ja auch nichts zu sagen. Nur muss man eben auch die andere, die eigene Seite hier mitsehen. Also was brachte man selbst in dieses spannende Spannungsfeld namens Beziehung ein.
Wobei ich glaube, dass halt doch zu häufig die Flinte zu schnell ins Korn geworfen wird.
Man kann sich, mit ein bisschen Fantasie, eine Beziehung, Liebesbeziehung, auch als eine Art gemeinsames seelisches "Kind" vorstellen.
Und was macht man, wenn das Kind, ob tatsächlich oder scheinbar, missrät?
Ich bin durchaus nicht dafür, an einer zermürbenden, einschränkenden, verunglückten oder gar fatalen Beziehung festzuhalten, ganz sicher nicht. Aber was ich für wirklich wichtig halte, ist, auch einmal die gemeinsamen Wachstumspotentiale zu sehen, sofern diese eben vorhanden sind. Wenn nicht, dann kann man ohnehin nur austreten aus dieser vorübergehenden Zusammenkunft, aus diesem zwischenmenschlichen Symposium, das sich dann bisweilen halt nur als Probealarm entpuppt. Aber vorschnell und übereilt sollte man halt nicht die Flucht antreten. Ansonsten bleiben nämlich auch die eigenen Potentiale unentdeckt und unerweckt, und man kommt gar nie in die Lage, mit sich und seinem Leben auch einmal ernstzumachen und verbringt es lediglich im entdeckerischen Spielbetrieb mit all seinen Glückchen und Wütchen.