Heute ist Freitag und damit Schreiner-Tag. Manchmal habe ich an diesen Tagen ja einen Portwein- oder sonstigen Durchhänger und schreibe hier in mein virtuelles Tagebuch. Was dazu geführt hat, dass ich meistens nur geschrieben habe, wenn es mir nicht so gut ging und sich bei den meisten hier der Eindruck verfestigt hat, dass unsere Beziehung in Schieflage sei.
Nun denn, heute schreibe ich mal an einem richtig guten Freitag, denn mir geht es richtig gut (obwohl der Tag mit Verunglimpfungen hier im Forum nicht gut begonnen hatte). Angesichts der schönen Wetters und der Tatsache, dass bei mir aufgrund von Thanksgiving eh sehr wenig im Job angefallen ist, haben wir beide uns heute freigenommen und sind 2h geradelt... und siehe da, meinem Meniskus geht es durch das Radl-Training besser und besser. Nachdem Frau dann zum Schreiner abgezwitschert ist, haben die Kids und ich einen Adventskalender für die gebastelt, richtig schön ungesund gegessen und jetzt werden sie von der Nanny bespaßt, bis sie ins Bett fallen und ich endlich meinen Portwein bekomme

Meine Frau und ich haben heute ewig lang gesprochen. Seit ein paar Tagen war sie schon fast die Alte und heute war sie wieder ganz die Alte. Sie hat sich alles von der Seele geredet, was sie beschwert und niedergedrückt hatte. Und ich glaube, es war für sie genauso erleichternd, wie es für mich war. Ihr Frust war weniger gegen mich gerichtet, als gegen sich selbst. Sie hat sich nach meiner Corona-Malaise erschöpft gefühlt und als ich dann noch die Meniskus-Diagnose bekam, ist sie in ein Loch gefallen. So ganz nachvollziehbar ist es nicht, aber es ist in gewisser Weise ein Aufguss ihrer früheren depressiven Verstimmung gewesen. Damals wie haute ging es um Zukunftssorgen und ihre Rolle in Job und Familie. Nur diesmal kam sie wesentlich schneller wieder raus.
Sie meinte, dass sie eine Weile einfach nicht positiv in die Zukunft sehen konnte. Alle Aussichten schienen trüb. Zum einen läuft die Förderung für ihr Projekt im späten Frühjahr aus und die Institutsleitung will sie auf ein anderes Projekt setzen, wo sie wesentlich mehr Personalverantwortung übernehmen muss und weniger forschend arbeiten könnte. Etwas, das sie eigentlich nicht will, das aber im Rahmen einer Habilitation sehr nützlich wäre. Es würde aber auch wesentlich weniger Flexibilität bedeuten und mehr Einschränkungen in ihrer Freiheit und den Zeiten, die sie zwischen Family, mir und Schreiner jongliert. Ungeliebte Arbeit und weniger Zeit für die geliebten 4, das waren ziemlich exakt ihre Worte.
Was sie außerdem massiv belastet hat, war meine Malaise und meine Knieprobleme. Sie hatte jedes Mal ein schlechtes Gewissen mir gegenüber, weil sie irgendwie auf mich sauer war, dass ich einfach nicht auf die Beine kam und alles an ihr hängenblieb und sie zusätzlich ihre Zeiten mit dem Schreiner erheblich eingeschränkt hatte. Sie hatten sich zwar abends getroffen, aber zB nicht ein einziges mal zum Lunch, weil sie alles erledigt hatte und auch von mir bestimmte soziale Termine übernahm. Der Schreiner wurde etwas grantig, so kurz nachdem er sich von Miss Club getrennt hatte, ich war nicht gut drauf, dann ist sie auch noch krank geworden und musste trotzdem alles stemmen. Was sie in dem Zusammenhang aber am meisten bedrückt hat: Sie hat realisiert, dass ihr Mehrfach-Spagat zwischen Kids, Job, mir und dem Schreiner beim kleinsten Bisschen fast nicht mehr handhabbar wird. Werde ich krank, sie, die Kids, läuft es im Job schief oder scheidet die Nanny mal länger aus, schon wird es schwierig (und die wird nächsten Sommer mit einiger Sicherheit in England weiter studieren). Und das hat ihr so richtig Zukunftsangst um unsere Beziehung gemacht. Sie fürchtete, dass unser Konstrukt nicht so stabil ist, wie wir gedacht hatten, sondern viel fragiler. Inzwischen sieht sie es wieder wesentlich optimistischer, aber in ihrer grantigen Zeit hat sie das aus des Dreiecks vor Augen gehabt und das hätte sie wahnsinnig runtergezogen.
Tja, warum geht es mir dann richtig gut? Weil wir uns ausgesprochen und uns gegenseitig Mut gemacht haben. "Jau, wir packen das!" Wir haben etwas, woran wir arbeiten können. Ich weiß nun, woran ich bin. Und wir werden sowohl für ihren Job eine Lösung. Und wir hatten einen tollen Tag, sogar mit einem Alles-wird-und-ist-gut Quickie.
Sie ist dann heute nachmittag fröhlich zum Schreiner abgezischt und wir haben gebastelt.