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6. August, was für ein Datum...
6. August 1945, 8:15 Uhr, Hiroshima
Das Unvollstellbare wird Wirklichkeit. Eine gewaltige Detonation erschüttert die Welt. In den letzten Zügen einer aggressiven Auseinandersetzung zerreisst die Explosion von "Little Boy" die trügerische Stille und richtet Verheerungen und Leiden an, die auch mit viel Phantasie bis dahin nicht vorstellbar waren. Die Geschichte der Menschheit steht seither unter dem Schatten dieses Ereignisses und dem, das drei Tage darauf in Nagasaki stattfinden sollte. Die Ärzte und Sanitäter, die unmittelbar nach dem Ende der Auseinandersetzung die Überlebenden der Katastrophe untersuchten, taten nicht mehr als genau das. Lediglich das Ausmaß und die Art der Leiden wurden penibel dokumentiert. Und die Opfer danach nach Hause geschickt und ihrem Schicksal überlassen. Heutzutage gibt es soviele von diesen Waffen, dass man die gesamte Menschheit 40 mal in die ewigen Jagdgründe schicken könnte. Wie die Welt wohl aussähe, wenn die am höchsten entwickelte Lebensform mit dem selben Eifer nach Möglichkeiten gesucht hätte das Leben für alle Menschen sicherer und angenehmer zu machen?
6. August 2002, 19:15 Uhr, Berlin
Ein ganz normales Telefongespräch kippt plötzlich um. Auch hier gab es bereits im Vorfeld heftige Auseinandersetzungen, aber immer wieder kehrte diese vermeintliche Stille ein. Das Unvorstellbare trat ein. Und auch hier wurde ein Punkt überschritten, der eine Umkehr unmöglich machte... Daisy versprühte Gift von einer derart nachhaltigen Wirkung, dass eine vollständige Dekontamination meiner Seele trotz unablässiger Anstrengungen bis heute noch nicht gelungen ist. Mein Leben ist seither nicht mehr das selbe... Der Abend endete mit einigen Flaschen Sekt und Prosecco mit einem gutem Freund am Spreeufer, die Füsse auf dem schmiedeeisernen Geländer an dem Sommers immer hunderte von Kreuzspinnen ihre Netze bauen. Und ich erheilt eine Kopfwäsche vom Feinsten... Das war wohl nötig.
6. August 2003, 22:36 Uhr, Berlin
Ein Jahr ist es jetzt her. Nicht unbedingt Zeit in der Vergangenheit zu schwelgen. Aber doch der richtige Zeitpunkt um Rückschau zu halten. Ein Jahr. Und soviel ist passiert. Schönes, intensives, unschönes, leiden, grübeln, aber auch lachen, erkennen, rückwärts sehen, es nicht wahrhaben wollen, tief verletzt sein, traurig, stumpf, dumpf, stinkwütend aber auch völlig überdreht, manchmal ganz gelassen und total zufrieden, dann wieder verzweifelt auf der Suche nach einem Sinn in alledem...
Oft habe ich mich zurückgesehnt. Anfangs war sie es nach der ich Sehnsucht hatte. Sehne ich mich heute, dann weiss ich, dass es lediglich die Zeit ist, nach der ich mich sehne. Und so fange ich langsam an, all die schönen Momente in mein inneres Poesiealbum zu kleben und die unschönen Erfahrungen dieser Beziehung als Lektionen zu begreifen.
Ein Jahr ist vergangen. Ein Jahr in dem ich ein paar neue Menschen kennengelernt habe, neue Kontakte geknüpft habe, vorhandene Kontakte intensiviert habe. Neue Menschen traten in mein Leben und der Austausch mit diesen hat mich dabei unterstützt nicht wieder rückwärts zu laufen, sondern, und sei es auch in winzigen Tippelschritten, weiter vorwärts zu gehen.
Es war auch ein Versuch dabei etwas "neues" zu beginnen. Viel zu früh. Und gescheitert. Und so habe ich auch Leiden verursacht... Das bedauere ich. Aber ungeschehen kann ich es nicht mehr machen, wie bei allem, was ich in meinem Leben getan oder "angestellt" habe...
Was ich begriffen habe, ist dass die Zeit eine gewichtige Rolle spielt. Sie heilt nicht alle Wunden, auch wenn dieser Aphorismus in der ersten Zeit nach der Trennung seine Berechtigung hatte. Die Zeit macht, wenn man selbst nichts unternimmt nichts anderes als das, was sie ohnehin tut: verstreichen. Wenn man die Hände in den Schoß legt und auf ein Wunder wartet wird nichts passieren und man kann durchaus über lange Zeit im Hamsterrad auf der Stelle treten ohne dass man vowärts kommt... Nee, ich denke richtig ist, dass das Leben rückwärts verstanden und vorwärts gelebt wird. Manches bleibt dabei auf der Strecke, auch wenn es einem nicht gefällt. Und man sollte nachsichtig und geduldig mit sich selbst sein...
Ich hatte mir so sehr gewünscht, dass das mit Daisy eine Epoche werden würde, heute weiss ich, dass es lediglich eine Episode, wenn auch eine sehr intensive, war. Und im Gegensatz zu der Zeit vor einem Jahr - ja noch vor ein paar Monaten, wo ich mich mit Händen und Füssen gegen diese Einsicht gestemmt habe, kann ich das heute so stehen lassen und es so annehmen wie es ist.
Und es geht mir tatsächlich viel besser als vor einem Jahr. Ich erkenne tatsächlich gutes, was mir diese Trennung beschert hat, bin mit ähnlich Gesinnten an dieselbe Küste gespült worden, bin hier in diesem Forum gelandet, was mir sehr geholfen hat, habe neue Bekanntschaften und Freundschaften beginnen können. All das wäre nicht passiert, wäre ich weiter als Daisy's Donald durch mein Leben geschlichen. Hat eben doch alles mindestens zwei Seiten. Wenn man gewillt ist, die Dinge auch mal aus einer anderen als der gewohnten Perspektive zu betrachten...
So bin ich zwar immer noch Single, aber ich fühle mich dabei nicht mehr so unvollständig wie vor einem Jahr. Natürlich fehlt manchmal Nestwärme, Geborgenheit, Zärtlichkeit, bekannter Geruch, Vertrautheit, gemeinsamer Alltag, Sex mit anderen als mir selbst ;)... Aber es gibt auch sovieles anderes. Und auch wenn ich mich einigen Menschen sehr verbunden fühle, fühle ich mich heute freier, habe das Gefühl wieder mehr zu leben, als bloss zu existieren, habe, nicht nur durch meine beiden Kinder, wieder einen Platz in dieser Welt. Das ist ein schönes Gefühl.
So weiss ich, dass ich es es noch einige Zeit werde aushalten können auf hoher See in meiner Nußschale, dass der Zeitpunkt, wo ich zwingend einen Hafen anlaufen muss, noch nicht gekommen ist, da ich auch selbst in Stürmen der Unterstützung einiger lieber Menschen sicher sei kann. Und irgendwann wird schon ein Hafen kommen, der mein Heimathafen werden wird. Bis dahin bin ich mal gespannt, was das Leben für einen Einhandsegler noch so parat hält... ::)
Das sind die Gedanken, die mir an meinem "Jahrestag" so durch die Rübe schwirren... In ein paar Tagen habe ich auch hier im Forum 1-jähriges und dann werde ich eine Kerze für alle hier anzünden, mir eine schöne Scheibe Musik einpfeifen und ein ordentliches B. auf alle hier trinken. :D
Ganz lieber Gruss
donald