Hallo miteinander!
Ich weiß, dieser Beitrag ist schon fast ein Jahr alt, aber ich dachte mir, ich hänge mich lieber an diesen Beitrag an, als einen neuen zu beginnen. Es geht mir um das Thema "Dualseele". In dieser Idee geht es darum, (wie einige sicherlich schon wissen) dass wir alle eine "Dualseele" haben, ausgehend von Platons Idee der "Kugelmenschen", dass wir alle mal ein Ganzes aus weiblichem und männlichem Teil waren, und dann aber auseinandergerissen wurden. Die Dualseelen-Enthusiasten glauben, dass uns dieser getrennte Teil manchmal begegnet, und Aufgabe dieser Begegnug sei es, uns mit unseren "inneren Wunden" zu beschäftigen, und wenn wir geschafft haben "diese zu erlösen", dann könne auch das Dual endlich auf einen zugehen. Für Dualseelenanhänger ist es normal, dass sich die vermeintliche "Dualseele" abweisend verhält. "Das ist seine Aufgabe für Dich hier in diesem Dasein!", sagen sie dann. Der einschneidenste Satz der Dualseelen-Anhänger ist stets der: "Dein Dual empfindet wie Du! Er kann es nur nicht zeigen!"
Und diese Idee ist natürlich genauso süß und verlockend, wie sie giftig sein kann. Wie kann man eine Trennung oder Ablehnung verarbeiten, wenn man die Idee im Kopf hat, dass "der andere ja genauso fühlt wie man selbst"? Mit der Dualseelen-Brille ist es keine Ablehung oder Trennung. Es ist eine "Aufgabe, die das Universum Dir stellt!"
Holy *beep*, ich kann nur sagen: Vorsicht. Ich selbst bin ein einigermaßen reflektierter Typ, und habe jemanden im Umfeld, der dieser Idee glühend anhängt. Ich hatte letztes Jahr selbst einen Herzschmerz-Beitrag hier gepostet, weil ich nicht damit klar kam, dass ich jemandem begegnet bin, und diese Anziehung so UNGLAUBLICH intensiv war, dass ich sie nicht vergessen konnte. Ziemlich zeitgleich kam besagte Person auf mich zu und hat mich gefragt, wie es mir so geht. Ich habs ihr erzählt. Und sie hat mir von der Dualseelen-Idee erzählt. Ich habe daran nicht geglaubt, und halte diese Idee des "man muss innere Wunden erlösen, ehe man seinem Dual begegnen kann" für sehr problematisch und habe sie nicht übernommen. (Ich komme aus der systemischen Denkrichtung und glaube, dass "innere Wunden" die Lehrmeister für unsere wichtigsten Fähigkeiten sind. Sie sind nicht unsere Feinde, die wir loswerden müssen. Sie sind unsere Berater - die wir manchmal ein wenig zügeln müssen, wenn sie sich vor unsere Vernunft stellen.) Und obwohl ich sehr klar in meiner Haltung bin, hat sich diese Dualseelenidee TROTZDEM wie giftiger Honig in meine Seele geschlichen. Dieser Gedanke "Sie empfindet die gleiche tiefe Liebe wie Du" ist so unglaublich hoffnungsvoll und tröstlich. Sich diese Idee aus dem Fleisch schneiden zu müssen... ich glaube so fühlen sich Heroinsüchtige, die auf Entzug gehen müssen.
Weil ichs nach einem Jahr nicht mehr ausgehalten habe, hab mich dann von einer Kollegin in systemisch-therapeutischer Praxis beraten lassen. Ich hab ihr gar nix von der Dualseelenidee erzählt, sondern nur von dieser Frau, die ich seit einem Jahr nicht aus dem Kopf kriege, obwohl wir uns das ganze Jahr über kein einziges Mal begegnet sind, und ich mir jeglichen Mailkontakt oder Profilbesuch auf Instagram und Co, etc. verboten habe. Sie hat mich angesehen und gelächelt, und ich habe in dem Gespräch festgestellt, dass ich TATSÄCHLICH in dieser seltsamen "Du musst an dir selbst arbeiten!"-Wartestarre der Dualseelenidee gefangen war! Mit dieser Kollegin bin ich auf die Idee gekommen, dass es an der Zeit ist zu handeln. Gutes Kontakt aufnehmen, also souverän, kein "Betteln" oder "Lovebombing" oder dergleichen, versteht sich. (Aber dafür bin ich eh nicht der Typ.) Ich konnte spüren, wie sich in meinem Kopf etwas ändert, wie ich aus dieser Starre aufgewacht bin, wie ich wieder Ideen entwickelt habe, wie ich wieder HANDLUNGSFÄHIG geworden bin. Und tatsächlich ist da jetzt ein Kontakt daraus entstanden. Ein zarter. Ein guter. Ich habe keine Ahnung wo der hinführt, aber darum soll es hier nicht gehen.
Ich habe mich mal damit beschäftigt, wo dieses krasse Gefühl der Verbundenheit herkommen kann, dieses Gefühl "einen Seelenpartner" gefunden zu haben. Eine Idee, die sich mir sehr vernünftig anhört, stammt von einem Paartherapeuten und Beziehungscoach: Seiner Meinung nach fühlen wir uns zu jemandem dann besonders hingezogen, wenn er / sie etwas ausstrahlt, das dem ähnelt, was wir in unserer Kindheit als "Liebe" erlebt haben. Wenn man also liebevolle und loyale und führsorgliche Eltern hatte, liegen genau solche Menschen auf unserem "Liebeschip" und wir springen voll drauf an. Leider gilt das auch dafür, wenn man abweisende / kühle Eltern hatte. (Christian Hemschemeier ist der Mann, der diese Idee hatte) Und wenn ich Dualseelenanhänger sehe, sehe ich hauptsächlich verzweifelt verliebte Menschen, die zu einem verdammt großen Anteil von schrecklichen, kalten und emotional extrem verletzenden Beziehungen zu ihren Eltern erzählen. Sie stürzen sich dann in Seminare, wo sie für viel Geld versuchen ihre "inneren Wunden zu erlösen", in "Familienaufstellungen" regelmäßig unter Tränen zusammenbrechen - und das für etwas Gutes halten. Nicht nur für etwas Gutes, sie halten es für den einzigen Weg, damit er sich endlich öffnet, dieser abweisend kühle oder bindungsunfähige Mensch, den sie für ihr "Dual" halten. Ich bin wie gesagt Systemiker, und Familienaufstellungen und Co. kommen aus der systemischen Tradition. Ich habe langjährige Erfahrung damit. Das, was ich in der Dualseelenszene gesehen habe, ist meiner Meinung nach ein Missbrauch dieser Methode. (Ich möchte nicht ins Detail gehen, sonst sprenge ich diesen Beitrag, aber wenn jemand mehr wissen möchte, dem kann ich gerne mehr erzählen.) Ich glaube nicht, dass da eine böse Absicht dahinter steckt, ich glaube der Großteil der Dualseelen-Coaches sind überzeugt von dem was sie da tun, und das macht es besonders heimtückisch, meiner Meinung nach.
Daher ein abschließender Kommentar zum Thema "Dualseele" von jemandem, der ein Jahr mit dieser Idee gespielt hat: Man sollte wirklich vorsichtig sein. Es spricht nichts dagegen, sich in diesem Gefühl zu baden, "eine Dualseele" gefunden zu haben. Und es ist ein heilsames Gefühl für die Seele, wenn man davon überzeugt ist, das Gegenüber empfindet das Gleiche wie man selbst, und dass man gerade wirklich geliebt wird. Denn: Wer weiß? Vielleicht ist das ja so! Und: Wenn dann irgendwann dieses Gefühl kommt, dass damit etwas nicht stimmt, dass da Zweifel aufkommen, dass man seit längerer Zeit nicht weiterkommt, in Schmerz lebt, vielleicht Geld für Coachings ausgibt, in Dualseelen-Blogs und Youtube Videos ertrinkt, oder vielleicht Forenbeiträge verfasst mit "Dualseele? Oder alles Quatsch?"... dann sucht euch Hilfe bei einem Experten. Es gibt tolle Paar- und Beziehungstherapeuten mit niedergelassener Praxis. Ich schäme mich wirklich nicht zuzugeben, dass ich diesen Weg gewählt habe. Mir hat eine Sitzung gereicht, um völlig neue, unglaublich hilfreiche Handlungsideen entstehen zu lassen. Nein, da muss nicht immer ein Liebes-Happy-End daraus entstehen. Aber immer öffnen sich neue Lebensperspektiven und ein Lichtschein am Horizont. Es wird vielleicht nicht gut, aber es wird besser. Und manchmal, ja manchmal gibt es das trotzdem, das Happy End
