Lieber TE,
mir ist in Deiner Erzählung der letzten Jahre ein Muster aufgefallen, das dazu geführt haben kann, dass Deine Frau einen unterschwelligen Groll gegen Dich hegt und das Vertrauen in Dich verloren hat.
Ihr habt eine längere Zeit bei Deinem Bruder gewohnt, um dann das Haus Deiner Oma zu übernehmen, um dann neu zu bauen. Dieses Grundstück scheint Dir emotional sehr wichtig zu sein.
Wieviele Mitspracherecht hatte Deine Frau bei den Entscheidungen, wo ihr wohnt und wo ihr baut und wie ihr baut? Standen diese Entscheidungen wirklich zur Disposition oder hat sie diese quasi "mitgeheiratet" und damit die örtlichen und budgetären Zwänge in Kauf genommen?
Denn dann wäre sie ja über Jahre damit beschäftigt gewesen, Dir Deine Träume zu erfüllen?
Ein "ich hab sie immer gefragt und sie hat Ja gesagt" reicht da nicht. Wollte sie dieses Haus an diesem Ort in dieser Form genauso sehr wie Du?
Und dann hast Du an äußere Einflüsse (Studiumende, Referendariatsende, Einzug ins Haus) die Hoffnung gesetzt, dass sich für Dich(!) etwas zum Positiven ändert. Klar ging es Dir auch um die Ehe und dass sie mehr Freizeit hat. Aber diese Freizeit sollte nach Deiner Vorstellung doch vor allem euch als Paar zugute kommen, oder? Sie sollte durch äußere Einflüsse mehr Zeit und Kraft bekommen, um sich Dir zuwenden zu können.
Diese immer wieder durchscheinende Erwartungshaltung an sie, dass der Sex auch von ihr ausgehen soll und sie die Sonntage, an denen kein Spiel ist, mit Dir etwas unternehmen soll, geben mir manchild vibes.
Außer ihrer Arbeit sehe ich gerade in eurer Ehe auch keinen Ort, an dem Deine Frau sich selbstverwirklichen kann, die eigenen Träume und Vorstellungen umsetzen kann. Ich sehe auch nicht, wo Du im Alltag ihr hilfst, ihre Träume zu verwirklichen. Vielleicht hast Du von allem, was Du für sie und ihre persönlichen Ziele tust, nur nicht erzählt.
Aber dass sie die Begebenheit mit dem Bruder wieder und wieder anführt, weißt für mich daraufhin, dass Du dort einen Charakterzug von Dir bewiesen hast, den sie unterschwellig die ganze Zeit vermutete und befürchtete, weshalb sie sich in der Ehe von Dir emotional abgegrenzt und sich auf die verlässliche Arbeit gestürzt hat. Es sieht für mich so aus, als bekäme sie dort mehr emotionalen Support und mehr Feedback für ihr Engagement als in der Beziehung zu Dir.
Sie kann zwar nur den einen Moment, als ihr Bruder ins Krankenhaus kam, benennen, an dem Du nicht für sie da warst und Deine eigenen Interessen über ihre gestellt hast und sie allein war. Doch kann ich mir vorstellen, dass sie diese Grundstimmung seit Jahren spürt und sich in der Schule ihren Safesoace geschaffen hat. Das erklärt auch, warum sie sich am Wochenende zwar zur Arbeit motivieren kann, aber nur selten zu Unternehmungen mit Dir. Das eine erscheint ihr lohnenswert, es bringt sie in ihren Interessen weiter, das andere nicht.
Du sagst, dass Du Sex brauchst, um Nähe und Verbundenheit zu Deiner Frau herzustellen.
Ich gehe davon aus, dass Deine Frau Nähe und Verbundenheit braucht, um mit Dir Sex haben zu können. Wenn sie nur noch Sex hat, wenn sie betrunken ist, lasten in nüchternem Zustand so viele Vorbehalte gegen Dich auf ihr, dass sie keine Lust mehr auf Dich empfinden kann.
Sie macht durch Deine Erzählungen auf mich den Eindruck einer Frau, die ihrem Partner misstraut und davon ausgeht, dass sie sich nicht auf ihn verlassen kann. Sie scheint Dich nicht als Stütze und Kraftquelle zu sehen.
Kann das sein?
Du willst Dich vor allem des Hauses wegen nicht von Ihr trennen. Sie will sich vermutlich vor allem des nun mal eingerichteten Lebens wegen nicht von Dir trennen.
Ihr seid euch da beide ähnlich.
Aus meiner Sicht ist es nur eine Frage derZeit, bis einer von euch beiden aus der Ehe ausbricht. Ihr beide hängt nicht so sehr an dieser Ehe, denn Ihr beide seid nicht bereit, aktiv zu werden, um sie zu retten. Forderungen an den anderen zu stellen und Vorschläge zu machen, was der andere ändern kann, damit es wieder besser wird, ist kein Aktivwerden.
Nur um zu sehen, ob Deine Frau Dich noch als Freund ansieht und Dir ansatzweise vertraut, stell ihr bitte mal diese Frage: "Wenn wir beide unsere Jobs nicht hätten und dieses Haus nicht, wo und wie würdest Du dann wohnen wollen?"
Mal sehen, ob sie noch Träume hat, die sie mit Dir teilen möchte. Oder ob sie all ihre Vorstellungen reduziert und auf ihre Arbeit projiziert hat.