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Eingebildete oder echte Zuneigung nach der Trennung?

Mai85

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Liebe Leute,

bestimmt gibt es hier bereits zahlreiche Threads mit ähnlichen Fragen und Nöten, aber ich habe gerade das Gefühl, dass es mir hilft, mir alles von der Seele zu schreiben, statt "nur" bereits bestehende Beiträge zu lesen.
Ich fang mal an.
Gestern habe ich mich nach etwa zweijähriger Beziehung von meinem Partner getrennt und er sich von mir. Es war also mehr oder weniger eine gemeinsame Entscheidung, weil wir schmerzlich erkennen mussten, dass der Riss zu tief und die Distanz zu groß ist. Frust, Vorwürfe und ständige Missverständnisse hatten die Liebe in den letzten Monaten zunehmend verschüttet.
Ich bin 35 Jahre alt, er 42. Leider leidet er an einer Angsterkrankung, was ihn in seinem Alltag sehr einschränkt und immer ein großes Thema in unserer Beziehung war, weil seine Angst einfach über allem schwebt wie ein böser Dämon. Anfangs hatte ich sehr viel Verständnis für ihn und seine Krankheit, ich war sehr geduldig und konnte gut mit ihm und seiner Angst umgehen. Mit der Zeit wurde ich aber zunehmend ungeduldig, frustriert und resigniert, da ich irgendwie das Gefühl hatte, immer und immer wieder gegen eine Wand zu rennen. Er versprach mir immer, dass sich morgen, übermorgen oder nächste Woche alles zum Besseren ändert und er sich seinen Ängsten stellt. Zum Beispiel hat er es kein einziges Mal geschafft, mich in meiner Wohnung zu besuchen - wir führten eine Fernbeziehung. Ich war immer diejenige, die zu ihm fahren musste, da er alles vermeidet, was eine Panikattacke auslösen könnte (dazu gehört Zug oder Auto fahren und in einer fremdem Umgebung sein). Anfangs habe ich das alles noch gerne mitgetragen, weil wir einfach eine so intensive Zeit zusammen hatten und er ein sehr tiefsinniger Mensch ist. Wenn wir zusammen waren, waren wir uns selbst genug. Aber mit der Zeit änderte sich das. Ich wollte gerne auch mal mit ihm in Urlaub fahren, es wurde mir immer wichtiger, dass wir vorankommen und er auch mal in meine Welt kommt, meine Tiere und meine Freunde kennenlernt und auch mal bei mir zu Gast ist, nicht immer nur ich bei ihm.
Leider wuchs mit der Zeit auch eine Art Verachtung ihm gegenüber, weil ich gefühlt immer die Starke sein musste, während er sich zu Hause einmummelte und sich selbst bemitleidete. Er strahlte eine Art Bedürftigkeit aus, die mich irgendwie wahnsinnig machte. Ich kann gar nicht sagen, warum, und schäme mich auch dafür.
Irgendwann fing ich an, mich emotional von ihm zu distanzieren. Vermutlich, weil ich eingesehen hatte, dass diese Beziehung wohl keine Zukunft hat im Sinne von gemeinsam die Welt entdecken und eine Familie gründen. Er ist ein sehr feinfühliger Mensch und merkte natürlich, dass ich mich distanziert hatte. Das hatte zur Folge, dass er sich ebenfalls distanzierte und sich alles nur noch nach guter Freundschaft als nach Beziehung anfühlte. Coronabedingt hatten wir uns auch lange nicht gesehen, bis ich nun am Wochenende mal wieder zu ihm fuhr. Wir haben lange geredet und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir uns wohl trennen müssen.
Das Verrückte ist, dass, nachdem die Trennung ausgesprochen war, ich ihn plötzlich wieder mit anderen Augen sah: Seitdem bringe ich ihm nur tiefe Zuneigung entgegen, all der angestaute Frust hat sich in Luft aufgelöst. Nun leide ich natürlich umso mehr unter der Trennung, weil ich plötzlich nur die guten Dinge sehe. Ich mache mir Vorwürfe, nicht alles versucht zu haben und uns die Chance auf ein Happy End genommen zu haben.
Kennt ihr das? Ist das die nachträgliche rosarote Brille?
Seit wir uns gestern getrennt haben, haben wir dennoch weiter Kontakt, und dieser Kontakt ist sehr verständisvoll, liebevoll und all das, was ich in den letzten Monaten so vermisst habe.
Könnte es sein, dass wir uns erst trennen mussten, um wieder eine gesunde Kommunikation und Respekt vor dem anderen zu schaffen? Und so wieder zueinenander finden?
Allerdings weiß ich (aus verschiedenen Gründen) gar nicht, ob er nicht insgeheim froh ist, dass wir die Beziehung beendet haben, und nur so tut, als würde es ihm genauso wehtun wie mir .

Ich würde mich über ein paar Gedanken hierzu von euch als neutrale Betracher freuen .
Danke!

04.01.2021 15:59 • #1


Bones


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Du hattest deine Gründe,warum du dich getrennt hast,irgendwann ist die Toleranzgrenze überschritten, weil es auf dein Leben ja auch nahezu dauerhaft einen negativen Einfluss hatte und du dich und deine Bedürfnisse hinten an gestellt hast.
Macht der Mann denn eine Therapie oder "behandeit" er sich mit Vermeidung und Rückzug?
Deine Emotionen jetzt finde ich nicht ungewöhnlich, du hasst ihn ja nicht und er hat eben schwere Probleme. Zuneigung ist ja etwas anderes als Liebe auf partnerschaftlicher Ebene. Eine Beziehung, in der ein Partner solche Probleme hat,ist sehr unausgeglichen.In einer Beziehung sollte für beide Partner und ihre Bedürfnisse Platz sein.

04.01.2021 16:14 • #2



Eingebildete oder echte Zuneigung nach der Trennung?

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Mai85


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Danke für deine Antwort, Bones!
Ja, ich hatte meine Gründe. Aber im Nachhinein frage ich mich, ob ich seiner Krankheit nicht zu viel Macht gegeben habe. Wir waren irgendwie sehr defizitorientiert, da wir uns so auf seine Angst fokussiert waren. Denn abgesehen von dieser Angst, die uns im Hintergrund natürlich ständig begleitet hat, hatten wir auch sehr viel Spaß, ich konnte wahnsinnig viel mit ihm lachen und wir waren uns sehr nahe, wenn ich bei ihm war. Die emotionale Distanz war vor allem in den Phasen da, in denen ich nicht bei ihm war, was in den letzten Monaten eigentlich der Dauerzustand war (erstens wollte ich ungern reisen wegen Corona, zweitens hatte ich immer die Hoffnung, dass er vielleicht doch mal irgendwann in den Zug steigt und zu mir fährt, wenn ich lange nicht zu ihm komme).
Meine Bedürfnisse wurden insofern trotz allem erfüllt, weil er ein sehr verständnisvoller, empathischer Mensch ist, der mich gut lesen kann und bei dem ich mich fallenlassen konnte und sein konnte, wie ich bin. Es war also vielleicht alles nicht ganz so einseitig, wie ich es in den letzten Monaten empfunden habe. Verstehst du?
Er ist in Therapie, und zwar seit mehreren Jahren. Allerdings ist das eben alles nur Theorie, in die Umsetzung muss er von alleine kommen, der Therapeut kann ihn nicht in den Zug oder zum Einkaufen schleifen.
Nun ja. Ich hätte eigentlich gedacht, dass mich die Trennung auch erleichtert und nicht nur schmerzt.

04.01.2021 16:37 • x 1 #3


Mai85


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Ihr Lieben,
hat denn noch jemand Erfahrung mit dieser plötzlichen Zuneigung nach der Trennung? Ist das ein Streich meines Gehirns oder kann ich diesem Gefühl trauen?
Manchmal frage ich mich wirklich, ob ich nicht die ganze Zeit während der Beziehung zu sehr den Fokus auf das Schlechte gelegt habe, anstatt das Gute zu sehen...
Ich würde mich über weiteren Input dazu freuen, damit würdet ihr mir sehr helfen.

06.01.2021 15:45 • #4


Clara_

Clara_


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Zitat von Mai85:
Ihr Lieben,
hat denn noch jemand Erfahrung mit dieser plötzlichen Zuneigung nach der Trennung? Ist das ein Streich meines Gehirns oder kann ich diesem Gefühl trauen?
Manchmal frage ich mich wirklich, ob ich nicht die ganze Zeit während der Beziehung zu sehr den Fokus auf das Schlechte gelegt habe, anstatt das Gute zu sehen...
Ich würde mich über weiteren Input dazu freuen, damit würdet ihr mir sehr helfen.


Hallo Mai85,

natürlich ist es ein Streich deines Gehirns! Geht mir jedes mal so wenn ich mich trenne: War s richtig, man sieht die guten Seite plötzlich.

Oft war ich dann auch noch so doof mich nochmal darauf einzulassen, doch das Problem war ja nicht ungelöst, also ging ich wieder und der Partner starten wieder von 0 mit seinem Liebeskummer!

06.01.2021 16:05 • #5


Mai85


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Danke für deine Antwort, Clara.
Ich bin einfach nach wie vor so traurig über die Trennung und verspüre keinerlei Erleichterung, dass diese Entscheidung nun getroffen ist. Das irritiert mich.
Aber wahrscheinlich muss ich versuchen, mir zu vertrauen, dass das schon alles so seine Richtigkeit hat.

07.01.2021 12:13 • #6


Lilli70

Lilli70


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Liebe Mai, erforsche deine Gefühle. Ich denke es ist Mitgefühl von deiner Seite, aber nicht Liebe. Er wird nie, nie deine Bedürfnisse befriedigen können. Möchtest du das für die Zukunft? Ihr habt alles richtig entschieden. Die Zeit wird dir auch den Trennungsschmerz nehmen, sei einfach nur geduldig. Arbeite auf DEINE Ziele hin, tue das was dich glücklich macht. Das hätte er nicht mit dir erleben können. Viel Glück

07.01.2021 22:45 • x 4 #7


Sonnenblume53


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Liebe Mai,

wie hätte Eure Beziehung denn weitergehen können? Sähest Du die Möglichkeit einer Veränderung? Reisen, Freunde, gemeinsame Unternehmungen? Eben das, was so dazugehört?

Du hast es schon sehr gut beschrieben: Ihr wart Euch nah, hattet Spaß zusammen, Du konntest Dich fallenlassen. All diese Gefühle schwirren jetzt luftleer im Raum herum. Sie müssen sich neu sortieren,
neue Ziele finden. Das dauert!

Ihr habt Euch gestern getrennt. Gib Dir doch bitte die Zeit, die Beziehung zu betrauern.
Du erwähntest, Ihr hättet Euch zu sehr auf seine Ängste fokussiert. Dann wollen jetzt auch die positiven Aspekte gesehen werden...und transformiert.

Mit Glück könntet Ihr es schaffen, eine gute Freundschaft zu leben. Irgendwann, wenn der Schmerz verarbeitet ist.

07.01.2021 22:58 • #8


bifi07

bifi07


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Liebe Mai!

Natürlich fühlst du dich jetzt nicht gut, da ihr ja nicht im Bösen auseinander gegangen seid und er auch weiterhin ein sehr lieber und emphatischer Mensch ist.
Aber stelle dir mal deine viel weitere Zukunft mit ihm vor und achte darauf, was du dabei empfindest!

So gab ich das immer gemacht, wenn ich damals versucht war, meinem Ex zu schreiben. Wie er wohl reagieren, was er antworten würde. Das hat mir sicher einigen Kummer erspart.

Bei dir ist es vielleicht ähnlich, solltest du dich bei diesem Gedanken eher unwohl oder unsicher fühlen?!

LG, bifi

08.01.2021 03:01 • #9


Tee-Freundin

Tee-Freundin


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Hallo Mai,

das Verklären der Vergangenheit und die Zweifel halte ich für normal.
In deinem emotionalen Kosmos verändert sich etwas sehr stark. Man könnte sagen, dass hier auch das Gesetz der Massenträgheit gilt und sowohl Herz wie auch Verstand es nun anstrengend finden sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen, statt bei den schön vertrauten alten zu bleiben.

Jetzt bist Du nicht mehr in einer Beziehung mit ihm, d.h. dass es nicht mehr so wichtig für Dich direkt ist, ob er in einen Zug, ein Auto steigen und Dich besuchen kann.
Daher relativieren sich seine Defizite in Bezug auf Dich.

Mit mehr Abstand holt dein Herz deinen Verstand ein
Würdest Du die Beziehung weiterführen blieben alle Probleme erhalten.

08.01.2021 04:25 • #10


Bones


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Zitat von Bones:
Umsetzung muss er von alleine kommen, der Therapeut kann ihn nicht in den Zug oder zum Einkaufen schleifen.


Da hast du Recht.Es gibt leider Menschen, die trotz Therapie nicht weiterkommen, weil sie dort nicht richtig mitarbeiten oder eben die Absprachen mit dem Therapeuten nicht einhalten oder auch umsetzen.

Zitat von Mai85:
dass mich die Trennung auch erleichtert und nicht nur schmerzt.


Du hast deinen Ex sehr unterstützt, da entwickelt sich ein noch größeres Verantwortungsgefühl. Einzusehen,dass man mit diesem Partner nicht weiterkommt,egal wie sehr man sich bemüht, kann ja auch das Gefühl hervorbringen, den Menschen im Stich zu lassen.Und du hast dich ja nicht getrennt, weil er ein A. war.
Du solltest dir einfach Zeit geben.

08.01.2021 05:37 • x 1 #11


Mai85


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Ihr Lieben,
ich bedanke mich für all eure lieben und hilfreichen Antworten!
Hoffentlich habt ihr recht und die Trennung war die richtige Entscheidung.
Wir sind nach wie vor in gutem Kontakt, weil wir beide das so wollen. Das fühlt sich erst einmal gut und sicher an, aber ich befürchte, dass wir uns dadurch vielleicht selbst täuschen: Unser Herz und unser Verstand können so ja gar nicht verstehen, dass sie sich lösen müssen. Andererseits fand ich bei meiner letzten Trennung den Kontaktabbruch meines damaligen Freundes sehr traumatisch, schlimmer noch als die Trennung selbst (damals war ich die Verlassene). Das möchte ich eigentlich nicht noch einmal erleben, deswegen scheue ich mich (noch) vor dem Schritt des Kontaktabbruchs, auch wenn das womöglich besser wäre ...
Habt ihr dazu Erfahrungen? Kann Kontakt nach der Trennung funktionieren oder lügt man sich dadurch in die eigene Tasche?
Ich wünsche euch einen schönen Samstagabend!

09.01.2021 17:59 • #12


bifi07

bifi07


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Ich habe dir ja oben schon mal geschrieben, dass du mal schauen sollst, wie es dir bei dem Gedanken an die Zukunft mit dem Kontakt zu ihm geht.
Allerdings sehe ich das aus dem Blickwinkel einer Verlassenen, daher ging es mir persönlich damals oft gar nicht gut dabei.

Da "du" dich aber getrennt hast, was ich wohl aus den Augen verloren hatte, kann ich dir keinen Rat geben.

"Er" sollte im Grunde wissen, wie es ihm mit dem Kontakt zu dir geht und für sich entscheiden, ob und wie lange er es kann.

10.01.2021 17:56 • x 2 #13



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