Ich bin jetzt 54 Jahre alt, habe mich nie mit Beziehungen, Freunden und Liebe auseinandergesetzt. Ich war so zufrieden, wie es war; möglich, dass mir was gefehlt hat, egal.
Im September 2023 ist eine Arbeitskollegin an meinem Geburtstag in meinem Büro aufgetaucht, wir hatten uns nur öfter gesehen, wenig ausgetauscht und kaum miteinander gesprochen. Ich habe mich gewundert, habe das aber als normal akzeptiert; später hat sie mich um die Beratung zur Auswahl eines Notebooks gebeten; ich habe ihr geholfen, das besorgt und ihr an einem Bahnhof übergeben. Da wurde ich aufmerksamer; wir haben uns dann einen Monat später zum Festival of Lights verabredet.
Und das war es. Am 13.10.2023 hatten wir uns verabredet, sind durch die Straßen gegangen, haben was gegessen. Das haben wir haben am 14.10.2023 wiederholt; ab da wurde alles anders. Wir standen vor dem Fernsehturm, die Beleuchtung war atemberaubend und sie hat sich an mich gekuschelt; in dem Moment musste ich sie einfach küssen. Und ab da bin ich nicht mehr derselbe Mensch.
Ich war der glücklichste Mensch der Erde, ich habe Gefühle kennengelernt, die für mich nicht existent waren, die eine eigene Welt ergeben haben; das hört sich unendlich kitschig an; früher hätte ich mich darüber totgelacht. Sie sagte mir, dass sie mich schon ein Jahr beobachtet hat und mich schon so lange kennenlernen wollte. Die nächsten 1,5 Monate waren die schönste Zeit meins Lebens, ungelogen, da geht nix drüber.
Dann kam der zweite Dezember; wir gingen beide zum Arzt; Corona. Ab da lief alles schief, was überhaupt geht. Ich hatte auch eine Raumforderung an der linken Speicheldrüse, meine Augen waren die ganze Zeit trocken und brannten; Diagnose: Warthintumor an der Speicheldrüse/ Hornhaut wegen genetischer Disposition zerklüftet. Die Terminsuchen gingen los, MRT, Ultraschall, Nuklearmedizin, sie zog in der Zeit aus einer 74qm - Wohnung in meine 56qm Wohnung; es gab Zeitdruck, Probleme mit Familienangehörigen, beim Renovieren ihrer Wohnung habe ich mich total dämlich angestellt, ich habe alles schleifen lassen; dann kamen Rückenschmerzen, weil ich mich verhoben hatte; die OP des Tumors verlief alles andere als gut; entzündete sich; wieder eine Woche Krankenhaus zusätzlich; später, irgendwann, beidseitige Abrasio an den Augen.
Dann verstarb ihr Vater. Ich sehe noch wie sie zusammenbrach, ich stand da, wusste nicht, was ich tun sollte, alles war anders verlaufen, als ich es jemals wollte. Ich konnte sie nicht umarmen, weil ich tatsächlich Angst vor ihrer Reaktion hatte.
Sie ist und bleibt meine einzige Liebe und natürlich hat sie sich von mir getrennt, jede Entscheidung, die ich ab diesem zweiten Dezember getroffen habe, war falsch; ich habe bei den einfachsten Dingen (Einkauf, Geschenke), einfach mal zuhören, Wünsche des anderen berücksichtigen, völlig versagt. Ich habe geplappert wie ein ganzes Kasperletheater, nur Müll.
Die Trennung war für mich die Hölle; vom höchsten Punkt des Seins auf den absoluten Nullpunkt. Ich habe digital alles, bis auf die letzte Nachricht vor kurzem, entsorgt.
Was sich eingebrannt hat, ist folgender Satz:
"Du bist ein kleiner Junge, ich kann nicht mit einem kleinen Jungen Sex haben." - was alle anderen Sachen in einer Beziehung mit mir dann auch wunderbar erklärt.
Ich dachte, ich hätte alles überwunden; dann, vor ca. drei Wochen sah ich einen Bericht im Fernsehen, da wurde was über etwas berichtet, bei dem ihr Vater mal mitgewirkt hat; ich habe ihr das mitgeteilt. Ok, sie hat sich bedankt; dann habe ich so ca. drei Tage später wieder nachgeschaut und da war ein neues Profilbild, dann habe ich sie eine Woche später auf Arbeit gesehen und da hat mich eine solche Gefühlswelle erwischt, dass ich die ganze Woche kaum geschlafen habe und als komplett verwüstetes Hormonbündel durch die Welt getaumelt bin; alles kam wieder hoch und jetzt mit dem Faktor zwei. Beim ersten Trennungsschmerz konnte ich noch Sport treiben; jetzt hat mich mein Rücken wieder außer Gefecht gesetzt und ich bin den Hormonen schutzlos ausgeliefert - Der Rest des Lebens sieht auch nicht rosig aus; Stiefvater dement, Mutter lässt auch nach - ich muss jetzt fast täglich nach ihnen sehen und es wird nicht besser.
Ich habe alles, was geht, in den Sand gesetzt; ich stehe vor einem emotionalen Scherbenhaufen. Natürlich habe ich alle Regeln missachtet und ihr geschrieben; das ist ihre Antwort:
"Ich würde mir wünschen, dass Du das einfach nutzt und lernst, im Leben weiterzugehen.
Mir ist das bei Deiner Mail so krass aufgefallen - wie weit ich schon wieder von der ganzen Situation entfernt bin, weil das Leben für mich so etwas ist wie ein Abenteuer, eine Wanderung . ich gehe weiter - und das habe ich auch getan. Jetzt ist das alles für mich Vergangenheit. Du bist an der Stelle stehen geblieben, wo ich gegangen bin. Davor bist Du auch stehen geblieben - irgendwo und hast Dich an der Stelle eingerichtet. Vielleicht hast Du ja in der Zeit, wo ich da war, endlich mal gelebt - und vermisst es jetzt . Das ist natürlich nur meine Meinung - jeder muss so leben, wie er es wünscht und für richtig hält.
Fang an zu leben, lieber . - dann wirst Du auch merken, dass der Schmerz sich verändert und etwas wird, das Dir helfen kann und Dich voran bringt, das Dir zeigt, was das Leben wirklich ist. Das ist keine einfache Entscheidung, aber die Veränderung kann auch nicht von außen kommen - das ist etwas, das Du selbst angehen musst.
Ich habe natürlich Mitgefühl - es tut mir leid, dass Du Dich so fühlst . aber Du hast es selbst in der Hand. Du kannst Dich entscheiden, selbstbestimmt zu leben und auch Dein inneres Gefühlsleben zu verändern. Gerade solche Krisen bieten die besten Chancen und den Nährboden für etwas Neues.
Und vielleicht findest Du ja dann wieder jemanden - wenn Du Dich dadurch selbst verändert hast.
Das wünsche ich Dir wirklich."
- Und das ist es; kann man sein Gefühlsleben einfach ändern?
- Bedeutet selbstbestimmt, dass man einfach über den größten Rückschlag seines Lebens hinweg steigt und das abhakt, einen Teil, der vorher nicht existiert hat?
- Ich bin keine 20 mehr; sowas ist kein Kratzer im Lack, das geht richtig tief