@bifi07 , bei uns lief die Trennung, die ich ja aufgrund meiner Fremdverliebtheit ausgesprochen hatte, erstaunlicherweise sehr freundschaftlich ab. Ob das auf Dauer so geblieben wäre, wage ich aber zu bezweifeln. Wäre aus meiner Affäre tatsächlich eine Beziehung entstanden, wäre mein Mann sicher irgendwann nicht mehr so freundlich geblieben. Unser in der Trennungszeit freundschaftliches Verhältnis war deshalb so gut, weil mein Mann mich von Anfang an zurück holen wollte. Das ist eben die Gefahr bei einer "freundschaftlichen" Trennung, einer hofft eben immer, daß es wieder ein zurück in die Beziehung gibt.
Für meinen Mann war diese Hoffnung ja nicht unbegründet. Die Affäre endete ja, sobald dem Affärenmann klar wurde, daß ich tatsächlich auf eine Beziehung hin arbeitete. Da bekam er kalte Füße und beendete die Sache auf eine für mich sehr verletzende, äußerst schmerzhafte Art und Weise. In dieser Zeit nutzte mein Mann seine Chance und holte mich zurück. Ich war ja nur noch ein Häuflein Elend und ließ es geschehen. Ja, aus heutiger Sicht hätte ich die Trennung vielleicht durchziehen oder wenigstens noch eine Zeit lang aufrecht erhalten müssen. Es war eine Schande, daß ich meinem Mann zumutete, mich in meinem Liebeskummer zu ertragen. Er hat sicher schlimm gelitten, denn ihm war natürlich klar, ich war emotional noch Lichtjahre von ihm entfernt.
Das ist eine Schuld, mit der ich in der ersten Zeit nach meiner Rückkehr, als meine grauen Zellen nach ihrem hormonell bedingten Ausfall ihre Arbeit langsam wieder aufnahmen, erstmal klar kommen musste. Ich dachte lange Zeit ungefähr so: "Das kann doch nicht sein, daß du mich trotzdem noch liebst! Ich kann das nicht ertragen, dich wegen mir so leiden zu sehen, also benehme ich mich absolut schlimm, damit du mich endlich rausschmeißt."
Ja auch damit lud ich neue Schuld auf mich. Ich war einfach nicht in der Lage, diese Entscheidung für uns beide zu treffen. Ich war nicht stark genug dazu. Ich hatte ja nie gelernt, als Frau meinen Mann stehen zu müssen. Jede kleine Belastung überforderte mich. Ging in meiner "Ausweichwohnung" eine Lampe kaputt, war ich am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Kam der "nette" Nachbar uneingeladen vorbei, um nach mir zu sehen, weil er mich wohl als Freiwild betrachtete, stand ich vor ihm wie die Maus vor der Schlange.
Ich weiß noch, wie es war, als ich endlich wieder zu Hause war. Ich lag in meinem Bett in meinem Zimmer - wir hatten die Zimmer geteilt und schliefen ab da getrennt - weinte ich vor Erleichterung endlich wieder zu Hause zu sein. Aber wegen meines schlechten Gewissens war ich elend, traurig, völlig am Ende und benahm mich fürchterlich. Mein Mann aber hielt zu mir, forderte und überforderte mich aber auch wieder. Wir holten z.B. unsere Schwiegereltern zu uns, die zunehmend pflegebedürftig wurden. Ich übernahm ihre Betreuung zwar gerne, weil ich die beiden sehr mochte, geriet dadurch aber erst Recht aus dem Tritt und brach wenig später vollends zusammen.
Nein unsere postaffärischen Ehejahre waren nicht einfach. Es dauerte lange, bis wir wieder einen unbefangenen Umgang miteinander pflegen konnten. Und manchmal überfordert mich all das heute noch. Die Erinnerungen an meine Affäre sind inzwischen schwankend. Mal bin ich dankbar für alles, was ich mit und durch diesen Mann erleben durfte. Mal hasse ich ihn abgrund tief allein dafür, das er mich in diese Situation schlittern ließ. Wobei mir durchaus bewusst ist, das ich nur allzu gerne geschlittert bin.
Auch gegenüber meinem Mann sind meine Gefühle schwankend. Mal bin ich unglaublich dankbar, daß er mich dennoch offenbar immer weiter geliebt und mich aus der schlimmsten Lage meines Lebens gerettet hat. Mal ärgern mich seine Marotten und ich fühle mich eingesperrt in diesem grauen, sehr eng gewordenen Alltag mit ihm. Dann wiederum hasse ich mich selbst für meine Gefühle, empfinde mich selbst als undankbar und unerträglich. Es ist immernoch eine große Aufgabe für mich, mir selbst nun endlich zu verzeihen. Ich denke, wenn ich das endlich könnte, wäre es mir auch leichter, ihn wieder freundlicher zu sehen und entsprechend mit ihm umzugehen.
Manchmal geht mein Selbsthass sogar soweit, daß ich meine MS Erkrankung als gerechte Strafe für mein sündhaftes Tun damals betrachte. Da kommt dann wieder meine erzkatholische Erziehung zum tragen, die mich leider mehr geprägt hat, als mir lieb ist.
Dankbar bin ich aber für unsere Kinder, die ich trotz allem offenbar gut erzogen und schadlos durch ihre Kindheit und Jugend begleitet habe. Sie sind wunderbare Menschen geworden. Tolle Männer, die ihre Parter*innen und Kinder aufrichtig lieben. Unser bekennend gleichgeschlechtlich1 lebender Sohn kommt an Weihnachten mit seinem Lebensgefährten und bringt auch seine beiden Hunde mit, die die beiden heiß und innig lieben. Sie sind seine Familie, wie er einmal freudestrahlend äußerte. Ich freue mich sehr darauf und auch auf die Lebendigkeit, die dadurch für einige Tage wieder bei uns einkehren wird.
Der jüngste Sohn kommt mit seiner Freundin, wird aber nicht bei uns wohnen, sondern bei Freunden, die die beiden ebenfalls zum Essen zu uns eingeladen haben. Mein Sohn wird kochen und freut sich schon sehr darauf, uns endlich seine Freundin vorstellen zu können. Ich kenne sie bisher nur von Fotos. Sie ist ein wunderschönes Mädchen und sie macht meinen jüngsten Sohn, den ich sehr liebe, glücklich. Allein deshalb hat sie bereits jetzt einen Platz in meinem Herzen.
Der älteste Sohn bleibt mit seiner Familie zu Hause. Sie haben vor kurzem ihr drittes Kind bekommen und ihnen ist deshalb die weite Reise und die Übernachtung auf einer Luftmatratze nicht zuzumuten. Sie werden aber per Skype quasi zugeschalten und werden so auch mit uns, wie jedes Jahr unterm Weihnachtsbaum musizieren, erzählen und lachen. So wie immer, nur daß diesmal eben unter unterschiedlichen Bäumen gefeiert wird.
Es ist uns gelungen, unsere Familie trotz allem beieinander zu halten. Wir sind einander alle in Liebe verbunden auch wenn der Alltag mir und meinem Mann manchmal immernoch den letzten Nerv raubt. Ja, es ist anstrengend. Aber heute kann und will ich sagen, es lohnt sich. Alles das hat sich gelohnt. Und ich hoffe sehr, daß ich mir selbst irgendwann vergeben kann. Mein Mann und meine Kinder haben es offensichtlich längst getan. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie demütig und dankbar mich das macht.
Auch hier wird sicher der eine oder andere von euch wieder ein Haar in der Suppe suchen und finden und mich weiterhin für meine Verfehlungen aufs schlimmste verurteilen. Aber wisst ihr, niemand hier kann mich auch nur annähernd so sehr verurteilen, wie ich selbst es mit mir tue. Daher juckt es mich ehrlich gesagt auch nicht mehr großartig, welche Argumente oder Tipps, ihr noch vorbringen werdet, um mich vielleicht doch noch zur Trennung zu motivieren. Was zählt ist nicht das Urteil mir fremder Menschen in diesem Forum. Ihr lauft nicht in meinen Schuhen! Was zählt ist allein meine Familie, mein Mann und ich. Und wenn es einen Gott gibt, woran ich in den letzten Jahren stark zu zweifeln begonnen habe, dann kann er so böse mit mir gar nicht sein. Immerhin hat er mir meine Familie gelassen. Was will ich mehr!
Das einzige was ich sicher weiß, ist daß mir eine solche Affäre oder Fremdverliebtheit oder was auch immer, mich da geritten hat, nie wieder passieren wird. Ich würde das, was ich damals tat, nie wieder tun und nie wieder meinen liebsten Menschen antun. Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche!
In diesem Sinne, euch allen frohe Weihnachten und einen guten Rutsch!
Emma