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Ghosting - Ich zerbreche gerade

Liv211
Zitat von AmeiseNextDoor:
man ist verantwortlich für das, was man sich vertraut gemacht hat. (Saint-Exupery)

Das ist, finde ich, ein schönes Zitat, das gut passt.

In jeder Art von zwischenmenschlicher Beziehung (also wenn es positiv war) war da Vertrautheit, Verlässlichkeit, Freundschaft, manchmal Liebe.

Und wenn man das - aus welchem Gründen auch immer - auflöst,
sollte es „normal“ und menschlich sein, dass man das sagt, dazu steht und nicht einfach verschwindet.
Zum „Ghost“ wird.

Die eigene Verantwortung liegt dann im Umgang, dass man nicht hinterläuft, bettelt, whatever… Es aushalten - das muss man selber schaffen.
Dafür hat der, der geht, keine Verantwortung.
Für das „wie“ für mich schon.

• x 4 #106


A


Ghosting - Ich zerbreche gerade

x 3


AmeiseNextDoor
Zitat von Nur-ein-Mensch:
Ab wann fängt denn Ghosting an?

Meine Freunde sehe ich manchmal ein halbes Jahr nicht aber wenn wir uns sehen,ist es so als hätten wir uns gestern gesehen,da macht keiner dem anderen Vorwürfe.

Dito... habe auch einige gute Freunde von früher, mit denen ich seltener Kontakt habe. Das betrachte ich selbstverständlich nicht als Ghosting sondern als einvernehmliches Schweigen - irgendwann meldet sich der eine oder andere wieder, und es ist super.
Wenn Freunde, mit denen ich täglich in Austausch stehe, sich plötzlich monatelang nicht melden und auch auf Nachfragen nicht reagieren, darf ich davon ausgehen, dass etwas nicht stimmt.


Zitat von Nur-ein-Mensch:
Wenn meine Partnerin das machen würde ,sofern ich eine hätte,wäre das unschön ,aber ich würde daran nicht zerbrechen,weil ich ja verstanden habe,das jeder ein freier Mensch ist.

Verletzt über ein Verhalten zu sein bedeutet nicht, dass man die Freiheit des Anderen nicht respektiert.
Du verwechselst emotionale Unabhängigkeit mit emotionaler Unverletzlichkeit.

• x 3 #107


Worrior
So ein Verhalten ruft beim Betroffenen etwas hervor.
Vielleicht Enttäuschung, Traurigkeit oder auch Wut, das ist nachvollziehbar.
Der Gedanke warum derjenige so etwas tut und/oder warum es nicht geklappt hat ist ebenso verständlich.

Fazit ist aber dass es mit diesem Menschen nicht geklappt hat und dass man es ihm nicht mal wert war klare Verhältnisse zu schaffen.
Es sagt sehr viel über diesen Menschen aus und mitunter sollte man froh sein dass der persönliche Schaden nicht höher ausgefallen ist.
Indirekt hat sich die Sache also geklärt.
Kein Grund zur Selbstkasteiung im Büßerhemd.
Voran liegt die Zukunft.

• x 1 #108


AmeiseNextDoor
Zitat von Liv211:
In jeder Art von zwischenmenschlicher Beziehung (also wenn es positiv war) war da Vertrautheit, Verlässlichkeit, Freundschaft, manchmal Liebe.

Ganz genau.🙏

Bindung macht uns verletzlich. Das ist keine Fehlfunktion, die es durch ausreichend persönliche Entwicklung zu überwinden gilt, sondern ein grundlegendes Merkmal menschlicher Beziehungen.
Man kann natürlich lernen, mit Enttäuschungen umzugehen, ohne daran zu zerbrechen.
Das ist aber doch etwas vollkommen anderes, als die emotionale Bedeutung einer Beziehung so weit zu relativieren, dass ihr Verlust oder die Verletzung durch einen geliebten Menschen kaum noch eine Rolle spielt. 🤔

• x 1 #109


AmeiseNextDoor
@Worrior
100% Zustimmung. Sehe ich ganz genauso. Aber anfangs vor den Kopf gestoßen zu sein/traurig oder enttäuscht zu sein ist okay.
Dann erkennen, abhaken, weitermachen. Man lernt an solchen Dingen ja auch.
Eben zB dass man zwischenmenschlich nicht dieselben Werte teilte.

• x 1 #110


Stella31
Zitat von Nur-ein-Mensch:
Ghosting ist "meine Erwartung"das der andere sich so verhält,wie ich mir das wünsche,im Falle Ghosting,das der andere sich meldet bzw.sich mir erklärt ,warum er sich so verhält,wie er es getan hat.

Die Frage ist,sind andere dazu verpflichtet,meine Erwartungen zu erfüllen?

Es gibt nun mal Umgangsformen und gesellschaftliche Regeln, die aufgestellt werden, damit der Umgang miteinander erleichtert wird.
Ob man dazu dann Erwartungen sagt oder nicht, bleibt erstmal offen.

Aber es hat sicher was mit Rückgrat zu tun, dem Menschen ggü., den man aus bestimmten Gründen nicht mehr sehen will, dies auch mitzuteilen.
Besonders wenn man von der großen Liebe geredet hat.

Da empfinde ich es schon als Schuldumkehr, wenn man demjenigen der leidet noch entgegen wirft, komm doch einfach klar damit, hab halt keine Erwartungen. Hast du etwa nicht genug Selbstwert?
Das ist ja wie ne Ohrfeige, die du damit verteilst.
Und das hat nichts mit Freundschaften zu tun, die aufgrund Entfernung oder zu wenig Zeit einfach mal länger schlummern.

• #111


Pinselstrich
Zitat von Nur-ein-Mensch:
Es geht hier nicht um Schuld es geht darum,das ich nicht erwarten darf ,das der andere sich nach meinem Gusto verhält.

Man kann dann nur enttäuscht werden.

Dann scheine ich es doch nicht so missverstanden zu haben. Ich gehe mit bei dem Gedankengang, dass ein Ghoster es nicht wirklich wert ist, weitere Energie zu verschwenden.

Was Erwartungen angeht, sehe ich es etwas anders. Das meinte ich eben vorhin auch mit den Grenzen. Es muss sich niemand nach meinem Gusto verhalten, ich darf aber Erwartungen haben im zwischenmenschlichen Bereich & dementsprechend Konsequenzen ziehen, wenn meine Grenzen übertreten werden. Erwartungen definieren doch auch, ob der Umgang miteinander angemessen ist.

Natürlich habe ich keine Forderungen zu stellen, dass sich jemand so zu verhalten hat, wie ich das will, aber ich darf doch Anstand & Respekt erwarten. Mein Bedürfnis nach Anstand & Respekt verschwindet doch nicht, wenn ich mir einrede keine Erwartungen haben zu dürfen, damit ich nicht enttäuscht werde. Wenn ich dann enttäuscht werde, ist es natürlich meine Verantwortung, wie ich damit und mit meiner Gefühlswelt umgehe.

Und was hat überhaupt noch eine Bedeutung, wenn ich gar keine Erwartungen mehr an andere habe, die mir wichtig sind? Sind Erwartungen nicht auch ein wesentlicher Teil des Vertrauens? Exemplarisch - Meine Erwartung ist es, dass du mich nicht betrügst, kontrollieren kann ich es nicht - aber ich vertraue dir, dass du es nicht tust. Wir entscheiden uns dann somit jemandem zu vertrauen, auf Basis unserer Erwartung, auch wenn das Risiko besteht, man wird verletzt, aber was wären Beziehungen, ohne Vertrauen?

Vielleicht sind enttäuschte Erwartungen oft auch einfach enttäuschtes Vertrauen. Vermutlich hat die Themenerstellerin darauf vertraut, dass er es so ernst meint, wie sie. Hat er nicht & sich dann zurückgezogen und sie letztendlich geghostet. Ja, das darf er, er ist ein freier Mensch. Sie ist auch ein Mensch, die darüber enttäuscht und traurig sein darf, weil ihre Erwartungen nicht erfüllt und ihr Vertrauen verletzt wurde.

Jetzt könnte man, wenn man weiter denkt, natürlich auch sagen „vertrau einfach niemandem mehr, dann wird weder Erwartung noch Vertrauen verletzt“, dabei wird aber dann leider unterschätzt, welch Bedeutung diese Dinge letztendlich haben. Gesunde Erwartungen und ein gesundes Vertrauen sind doch wichtig. Wenn ich keine Erwartungen habe, rechne ich damit, dass ich enttäuscht werde und indem ich keine Erwartungen habe, versuche ich mich möglichst wenig verletzlich zu machen. Das ähnelt Misstrauen. Ich darf anderen aber auch etwas zutrauen.

Und ja, dann besteht das Risiko, dass ich verletzt werde, weil ich es nicht in der Hand habe. Dann bin ich eben verletzlich, aber das ist auch ok. Es bedeutete mir eben etwas. Dann muss ich einen Weg finden, darüber hinwegzukommen und akzeptieren wie es gelaufen ist.

Keine Ahnung ob es verständlich ist, wie ich das meine.

• x 3 #112


Arnika
Hier wird radikale Eigenverantwortung aber komplett auf die Spitze getrieben. Das wirkt zwar irgendwie schlüssig, blendet aber aus, wie Menschen, Beziehungen und soziale Bindung in der Realität funktionieren. Und auch nur so funktionieren können. Denn darin liegt der Denkfehler.

Als käme die Erwartung einer abschließenden Antwort oder Aussage mit einer egoistischen Forderung gleich. Das ist aber einfach falsch. Bei Ghosting geht es nicht um Sonderwünsche, sondern um soziale Mindeststandards.
Wenn wir mit einem Menschen in Beziehung treten, gehen wir einen impliziten sozialen Vertrag ein. Dieser beruht auf Vertrauen und Respekt.
Ein einfaches „Ich möchte keinen Kontakt mehr, das funktioniert für mich nicht mehr, es ist aus, tut mir leid, bist eh nett“ ist keine Erfüllung von Luxusbedürfnissen, sondern ein Akt des grundlegenden Respekts und Vertrauens.

Zu sagen „Ich bin niemandem etwas schuldig“, bricht diesen sozialen Vertrag auf Kosten der psychischen Gesundheit des anderen. Ist also im Grunde genommen die Definition von asozial. Klar sind wir für die Verarbeitung unserer Gefühle selbst verantwortlich. Aber das bedeutet nicht, dass andere uns verletzen, ohne dass wir darauf reagieren.

Wenn dir jemand ohne Vorwarnung mit der Faust ins Gesicht schlägt, bist du danach auch selbst dafür verantwortlich, die Wange zu kühlen und die zerplatzte Lippe zu pflegen. Trotzdem war der Schlag eine gemeine Grenzüberschreitung und tut nunmal höllisch weh.

Ghosting ist emotionale Gewalt. Dem Opfer die Schuld dafür zu geben, dass es leidet (nach dem Motto: "Du leidest nur, weil du deine Erwartungen nicht im Griff hast"), ist eigentlich klassisches Victim Blaming.

Und Menschen sind keine autarken emotionslosen Roboter. Das widerspricht der menschlichen Natur, wir sind soziale Wesen. Unser ganzes (Nerven-)System ist auf Resonanz und Verbindung mit anderen ausgelegt. Ghosting signalisiert unserem Urhirn die existentiellste Gefahr und Urangst überhaupt, und das ist der unmotivierte und unerklärliche spontane Ausstoß aus der überlebenswichtigen Gruppe. Das ist keine „falsche Erwartung“, sondern ein evolutionärer Schutzmechanismus vor Hungertod und Erfrieren.

Ein Ghoster ist ein Verräter. Und auf Verrat reagieren wir mit Schmerz. Nicht zuletzt, weil wir durch Schmerz lernen. Aber vor allem, weils einem sozialen Wesen wie dem Menschen einfach höllisch weh tut, kommentarlos ausgesetzt und verstoßen zu werden wie ein nerviger räudiger Goldhamster. Auch wenn wir eh wissen, dass wir keiner sind, schmerzt es trotzdem, wenn man uns so behandelt. Alles andere ist reine Hirnw.chserei.

• x 2 #113


Stella31
Zitat von Pinselstrich:
Keine Ahnung ob es verständlich ist, wie ich das meine.

Hast du mMn super beschrieben 👍🎯

• x 2 #114


Pinselstrich
Zitat von AmeiseNextDoor:
Bindung macht uns verletzlich. Das ist keine Fehlfunktion, die es durch ausreichend persönliche Entwicklung zu überwinden gilt, sondern ein grundlegendes Merkmal menschlicher Beziehungen.
Man kann natürlich lernen, mit Enttäuschungen umzugehen, ohne daran zu zerbrechen.
Das ist aber doch etwas vollkommen anderes, als die emotionale Bedeutung einer Beziehung so weit zu relativieren, dass ihr Verlust oder die Verletzung durch einen geliebten Menschen kaum noch eine Rolle spielt.

Genau das meinte ich. Konnte es nicht so gut kürzer auf den Punkt bringen 👍🏼

• x 1 #115


Stella31
Zitat von Arnika:
Ghosting ist emotionale Gewalt. Dem Opfer die Schuld dafür zu geben, dass es leidet (nach dem Motto: "Du leidest nur, weil du deine Erwartungen nicht im Griff hast"), ist eigentlich klassisches Victim Blaming.

Genau so ! 👍

• x 1 #116


PeterN
Zitat von waldfee99:
Einen Tag später teilte er mir mit, dass er meint, dass er in eine depressive Phase rutscht, hatte er vor 4 Jahren schon einmal und ist deswegen auch medikamentös eingestellt

Hi.
Wer weiß, was da noch alles in ihm brodelt.
Im Nachhinein ist die abrupte Trennung vielleicht das Beste für Dich.

• #117


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