Liebe Sadness,
Du könntest von meinem Exmann schreiben. Er ist 13 Jahre älter als ich. Wir sind seit 3,5 Jahren getrennt.
Er wollte mir am liebsten alles vorschreiben. Frisur, Kleidungsstil, Hobbies.
Als ich angefangen habe zu häkeln, hat ihm das nicht gepasst. Und wenn ihm was nicht gepasst hat, hat er beständig daran rumgenörgelt. Er durfte aber natürlich seinen Hobbies immer stundenlang nachgehen, egal, was ich davon halte.
Wenn ich ihn auf Verhaltensweisen angesprochen habe, die mir bei ihm nicht gefallen, ist er laut geworden. Und beleidigend. Immer mit der Begründung, er wäre halt so. er wäre halt nicht der Typ lieber Kerl und er wolle auch nicht Vater des Jahres werden.
Da ich mich auch beruflich weiterentwickelt habe (also auch Führungsverantwortung getragen habe), war meine "Rechthaberei" und mein "eiskalter Stolz" immer auf meinen Job zurückzuführen. Das wurde mit der Zeit immer mehr - je selbstbewußter ich wurde.
Wegen unserer Tochter habe ich es auch länger ertragen als ich es sonst getan hätte.
Die letztliche Trennung hatte mehrere Auslöser. Eine Nachbarin ist mit Ende 40 auf einmal tot aufgefunden worden. Eine meiner engsten Freundinnen hatte mit 32 einen Herzinfarkt. Und ich dachte, wenn ich jetzt Morgen auch tot umfalle - was hatte ich dann die letzten Jahre vom Leben? Wenn der Zwerg in knapp 20 Jahren auszieht - will ich dann wirklich mit diesem Fiesling alleine da sitzen? (ich muss sagen, in seinen Augen hatte er immer Recht. Und wenn er andere nicht davon überzeugen konnte, wurde er bockig wie ein Kleinkind. Und ganz wichtig, was alle um uns herum von ihm denken - nur immer den guten Eindruck wahren. Und sich bei Freunden in meinem Beisein über mich und meine furchtbare Art beschweren...)
Eine meiner "Lieblings"- Anekdoten: Wir waren bei etwas (ich weiß es nicht mehr, was) unterschiedlicher Meinung. Er:"Dann lass uns einen Kompromiss machen" - Ich:"und wie soll der aussehen?" - er:"Wir machen es so, wie ich gesagt habe."
Irgendwann hat es bei mir Klick gemacht, und ich wollte nur noch weg. Weit weg. Die Trennungsphase ist schwer. Wegen Kind seh ich den leider immer wieder - aber mittlerweile kratzt es mich nicht mehr.
Auch jetzt, nach 3,5 Jahren und mit einem neuen, lieben und kompromissbereiten (!) Partner merke ich manchmal noch, wie bei Kritik an mir innerlich die Schotten dicht machen. Was ich damit sagen will: der Heilungsprozess an meinem Selbstbewusstsein ist noch längst nicht abgeschlossen. Das Alleinsein am Anfang war nicht einfach. Aber ich bin daran gewachsen. Und es war eine Befreiung, eigene Entscheidungen zu treffen. Ohne Kritik. Ohne Rechtfertigung. Ohne einen Kerl, der eine Fresse zieht und nölt.
Ich hoffe sehr, Du findest Deinen Weg. Vielleicht ist Dein Exemplar auch zugänglicher als meins - das kann ich von außen nicht beurteilen

Übrigens: es gibt Männer, die mit eigenständigen, selbstbewussten Frauen kein Problem haben. Und wirklich auf Augenhöhe mithalten können.
Sortier Deine Gedanken und überleg für Dich (!), wo Du in zehn Jahren stehen willst. Du bist stärker, als Du jetzt glaubst.
