Zitat von Nostraventjo:Und das ist vollkommen okay. Du hast auch nur ein Leben und das Recht darauf es so zu leben wie es dich glücklich macht. Jeder bekommt was er verdient. Warum sollte ich als Kind welches schlecht behandelt wurde mich auch noch um diese Menschen kümmern und mein Leben damit weiterhin Menschen widmen die mir nichts ...
Danke Dir für Deinen Post. Es ist so, dass ich mich vor ca. 7 Jahren innerlich damit abgefunden habe, dass meine Eltern zwar leben, sie aber für mich nicht existent sind. Hintergrund war damals, dass ich in einer Beziehung lebte, in der es zu Gewalt kam. Ich hatte mich dann dazu entschlossen, mich dort auch räumlich zu entfernen und hatte mir schnellstmöglich eine Wohnung gesucht. Zu der Zeit telefonierte ich mit meiner Mutter und sie fragte mich, warum ich umziehe. Ich hatte ihr die Situation geschildert und wie immer bei Telefonaten mit ihr hörte ich meinen Vater im Hintergrund in das Gespräch reinplappern. Genau verstehen konnte ich nicht, was er sagte. Ich fragte dann nochmals nach und meine Mutter sagte zu mir, dass es ja einen Grund geben müsse, warum ich Prügel bezogen habe. Der Grund war, dass betreffender Herr vielgleisig fuhr und ich ihm auf die Schlich gekommen war.
Souffliert von meinem Vater sagte mir darauf meine Mutter, dass ich mich mal nicht so anstellen solle. Fremdgehen ist normal in Beziehungen, dann müsste ich öfter mal die Beine breit machen für ihn. Also lag klassisch wieder der Schwarze Peter bei mir. Ich müsse damit klar kommen, schließlich wäre ich ja nicht mehr die Jüngste, damals war ich 42 Jahre alt.
Das Telefonat hatte mich verstört, aber gut, so sind sie eben, dachte ich mir. Ich bin dann mit halbwegs heiler Haut aus der Beziehung herausgekommen, ehrlicherweise bin ich bei Nacht und Nebel geflohen. Hier musste und habe ich mich völlig neu aufgestellt. Nachdem ich mich einigermaßen eingelegt hatte, informierte ich meine Eltern per Brief, Anrufe nahmen sie nicht entgegen, über meine neue Anschrift. Es gab keinerlei Reaktion darauf.
Am Reformationstag 2016 klingelte es vormittags. Meine Eltern standen vor der Tür. Als erstes kamen Vorwürfe, dass ich ins Dachgeschoss gezogen bin, sie könnten die Treppen nicht steigen. Es war von mir pure Absicht, ins Dachgeschoss zu ziehen, damit sie mich nicht besuchen können. Als zweites bekam ich zu hören, dass ich ja wohl wieder einmal bewiesen habe, dass ich völlig lebensunfähig bin. Nicht mal eine Beziehung kann ich aufrecht erhalten. Alles erfolgte in einer Lautstärke, dass das ganze Haus etwas davon hatte.
Ich habe beiden dann die Tür vor der Nase zugeschlagen. Soviel Würde und Stolz hatte ich, dass ich mich von beiden hier nicht beleidigen und kleinmachen muss. An diesem Tag ist der Rest einer Eltern-Kind-Bindung bei mir endgültig kaputt gegangen. Ich habe getrauert, als wären beide wirklich verstorben.
Dass sich meine Mutter und ich wieder angenähert hatten, fand ich toll. Allerdings hatte ich in der Retrospektive doch irgendwie ein komisches Gefühl. Zu der Zeit war es mir gleichgültig, was gewesen ist, sie brauchte Hilfe und die habe ich ihr gern gegeben.
Heute muss ich sagen, dass mich mein Bauchgrimmen wohl nicht getäuscht hat. So richtig nahe waren wir uns nie. Es ist für mich nach wie vor komisch, zu wissen, meine Eltern leben - irgendwo. Für mich sind beide gestorben, nicht mehr existent. Ich ertappe mich auch dabei, dass ich von ihnen, soweit das Thema im Freundes- und Bekanntenkreis aufkommt, immer nur in der Vergangenheit spreche.