Ohm
Gast
Gestern hatten wir einen gemeinsamen Termin. Ich fahre selten mit meinem Mann Auto. Wir hatten uns nichts zu sagen und seine Stimmung war unentspannt. Ich fühlte mich nur noch unwohl. Obwohl wir viel Zeit hatten und wir viel zu früh waren, war er wie gehetzt. Ich hatte Mühe ihm hinterher zu kommen. Wir waren zusammen, aber jeder für sich. Ich war froh, als wir unsere Kinder abgeholt haben.
Manchmal habe ich das Gefühl, er ist nur Gast zu Hause. Das letzte mal, als es mit den Kindern zu bunt wurde, da sagte er: Ich freue mich auf die Arbeit. und das bedeutet: er fährt auf Montage und ich bin tagelang alleine und kann nicht einfach mal weg sein. So eine Aussage verletzt, irgendwie. Ich bin die, die alles am Laufen hält und trotzdem bis in die Nacht am Schreibtisch sitzt, weil mir mein Mann die Pistole gesetzt hat, auch was dazu zu verdienen. Gewiss, trage ich schwer an Verantwortung mit Kindern, Haus, Arbeit und Ehe. Ja, ich bin die jenige, die alles entscheidet und erledigt. Wäre ich handwerklich begabt, würde ich mich wohl um die ganzen Baustellen im und am Haus kümmern, die er vor hat, zu beheben. Stattdessen sitze ich seit 4 Jahren mit Kindern in halbfertigen Räumen. Handwerker will er nicht bezahlen und Freunde dürfen auch nicht helfen, weil er hat einen Plan.
Nun habe ich das Gefühl, die Liebe zu ihm ist mir abhanden gekommen. Und ich rückblickend merke, dass ich mich die vielen Jahre sehr verbogen und einfach nur funktioniert habe, eben aus idealistischer Überzeugung, eine gute Ehe zu führen. Mein Mann ist per se nicht schlecht zu mir, jedoch abgestumpft und empfindlich, hinsichtlich Kritik oder wenn ich meine Wünsche äußere. Manchmal habe ich das Gefühl, ihm fiele es leichter, mir einfach irgendwas zu kaufen, statt sich richtig mit mir und meiner Gefühlswelt zu beschäftigen. Als ob er nicht damit umgehen kann, dass ich mal Angst, Sorgen oder Bedürfnisse habe. Auch mal Rat brauche und nicht alles alleine verantworten und entscheiden müssen. Ich nehme und habe so viel Rücksicht auf ihn genommen, so dass ich langsam für mich einstehen will. Seit gestern spiele ich mit dem Gedanken, ob es für mich nicht einfacher wäre, einen Schlussstrich zu ziehen. Die Kinder haben eh nicht viel von ihrem Vater und vielleicht käme seine Motivation sich mit ihnen zu beschäftigen, mit einem Besuchsrecht. Ich weiß, das klingt jetzt nicht so toll, aber es soll nach der Trennung mehr engagierte Väter geben - habe ich gehört.
Er kann leider schlechte Gefühle und Stimmungen nicht ertragen, während ich jedem Menschen zugestehe mal schlecht drauf zu sein. Daher will ich ihn irgendwie vor meinen Gefühlen schützen und die Harmonie bewahren. Ich sage ja nicht, dass ich keine Mitschuld an der Disharmonie und Misere trage. Ich habe viele Widrigkeiten zur Seite geschafft, was er wahrscheinlich gar nicht mal weiß und habe mich selbst ausgebeutet. Anfangs wurde es nicht von mir verlangt, aber jetzt wird es erwartet und wenn ich nicht funktioniere, dann gibts Knatsch. Aber gleichzeitig, soll ich was für meine Entspannung tun. Wenn ich mir doch sicher wäre, dass ich mich mal fallen lassen kann!
Ich gebe uns nun ungefähr ein halbes Jahr und dann werde ich für mich erwägen, ob ich alles, was wir zusammen aufgebaut haben, in die Waagschale werfe. Änderungen brauchen Zeit und die würde ich uns eingestehen. Aber ich möchte deutliche Änderungen und Besserungen sehen.
Ich bin 34 Jahre alt und irgendwie steht die Welt für mich noch offen. Und es sind die kleinen Verletzungen, die sich summieren. Das übersieht man schnell.
