E
Ehemaliger User
Gast
Hallo,
Offenbar leben wir in einer Gesellschaft, die in extremer Weise versucht hat, das Leben im Rückzug auf das eigene Ich zu definieren und zu gestalten.
Das Glück des eigenen Ich ist der oberste Wert. Das hat aber nichts daran geändert, dass Menschen Sehnsucht nach einer Beziehung haben.Es bleiben Sehnsüchte: nach Nähe und danach, die wichtigste Person im Leben eines anderen Menschen zu sein.
Es geht beim Thema "Beziehungen" um viel mehr als um ein bisschen Verliebtsein und Zärtlichkeit. Es geht dabei um den Wert meiner Person. Wenn ich die wichtigste Person im Leben eines anderen Menschen sein darf, dann erfahre ich, dass ich selber wertvoll bin. Der Wert meiner Person hängt nicht nur von mir selber ab, sondern auch von einem anderen: wie er zu mir steht, was ich ihm bedeute.
Für viele ist Liebe gleichbedeutend mit Schmerz und Leid und niemand leidet gern.
Eine Liebe ohne Leiden ist aber ein sehr zerbrechliches Beziehungsideal. Es ist ein Verständnis von Glück und von Liebe, das Tränen und Schmerzen, aber auch das Durchleiden von Tiefen von vorneherein ausschließt.
Man weiß aber auch, dass hinter den Schmerzen ein zutiefst lohnender Weg steht.
Schmerz und Liebe sind Zwillinge. Schon deshalb, weil ich im Gegenüber zu einem geliebten Menschen erst einmal mich selbst erfahre: Ich erfahre meine Begrenzungen, meine Ängste, meine Unfähigkeit zu lieben, meine Eifersucht, meine Macken usw.
Eine Beziehung ist die Chance, mich der Wahrheit über mich selbst und dem Schmerz, der damit verbunden ist, zu stellen. Die Liebe des anderen ist der Raum, in dem ich mich verändern und in meiner Persönlichkeit wachsen kann.
Zur Liebe gehören auch die Enttäuschungen und Verletzungen. Der Mensch, den ich am meisten liebe, kann mich am tiefsten verletzen.
Die Frage dabei ist nicht, ob wir es schaffen, Verletzungen zu vermeiden, sondern ob wir lernen, einander zu vergeben.
Jede Beziehung entwickelt ihre eigenen Mechanismen im Umgang mit Verletzungen. Bei den einen wird es furchtbar laut, bei den anderen ganz still. Manche ziehen sich gekränkt zurück, andere lassen einfach Gras darüber wachsen.
Ich denke, dass es für die Beziehung ganz wesentlich ist zu lernen, alle Enttäuschungen, Verletzungen und Vorwürfe auszusprechen, den Streit auszutragen und einander zu vergeben.
Eine Beziehung ist zu wertvoll, um sich einfach umzudrehen und am nächsten Morgen weiterzumachen, als wäre nichts gewesen.
Aber wer fängt an zu reden? Natürlich der andere, denn der ist ja wohl schuld. Manchmal sitzt man Stunden nebeneinander, bis endlich einer seinen Stolz überwindet und anfängt zu sprechen. Aber anders als durch Worte kann man die Dinge nicht wieder zusammenkriegen.
Diese Erfahrungen des Vergebens, des Immer-wieder-zueinander-Findens nach Enttäuschungen und Verletzungen, sind die wertvollsten Bausteine einer Beziehung.
Es gibt den schönen Ausdruck: "Ich mag dich leiden." Das heißt: Du bist mir so viel wert, dass ich bereit bin, dich zu "erleiden".
Natürlich will ich auch Freude an dir haben, aber ich bin auch bereit, deine Macken und Abgründe zu tragen. Wo wir das von einem anderen Menschen erfahren, dass er uns annimmt, trotz der Schmerzen, die ich ihm zufüge, ist das eine der tiefsten Erfahrungen an Liebe und an Wertgeschätztsein, die wir machen können.
Ich denke, darum ist es das Ganze auch wert. Die Schmerzen der Liebe können zur Schönheit der Liebe werden.
Es gibt ein schönes altes deutsches Wort; das heißt "freien". ... "Freien" heißt, dass ich jemand in die Freiheit helfe. Ich werde dem Partner die Person, die ihm keine Bedingungen mehr stellt. Er kann sein, wie er will: Er gehört zu mir und ich zu ihm.
Und das ist es, was sich jeder wünscht: dass es einen Menschen gibt, der mich in diesem Sinne "befreit". So erfahre ich ein Ja zu meiner Person und nicht nur zu bestimmten Eigenschaften.
Wir sind bereit, uns auf einen Menschen einzulassen, aber nur soweit meine Freiheit dadurch nicht angetastet wird. Beziehung meint man, ist Beeinträchtigung meiner Freiheit.
Die eigentliche Freiheit erfahre ich aber gerade darin, bedingungslos geliebt zu sein! Wo ich das erfahre, kann ich "ich selber" sein, ich selber werden. Ich muss nicht Angst haben: Wenn das jetzt noch von mir rauskommt, wenn der andere erfährt, wer ich wirklich bin, dann wird er weggehen.
Wer sich alle Optionen offen hält, verliert Beziehungsqualität und verzichtet auf die tiefsten Erfahrungen von Geborgenheit und Angenommensein. Von der Angst und von dem Zwang, mit einer Maske zu leben, werde ich erst befreit, wenn ein anderer mir verbindlich zusagt: "Ich stehe zu dir!"
Die Angst vor einer verbindlichen Beziehung kann aber auch daran liegen, dass ich nicht fähig bin zu vertrauen. Das liegt sehr häufig daran, dass in meinem Leben Vertrauen nicht gefördert, sondern zerbrochen wurde. Ich bin dann angenagt von Misstrauen und grüblerischen Gedanken. Ich will mich zwar gerne auf eine Beziehung einlassen, aber doch nie so ganz.
Aber genau darum geht es doch: dass jemand Vertrauen lernt und es lernt, sich zu öffnen. Das ist ein mühsamer und langsamer Prozess. Man muss Vertrauen einbringen, in ganz kleinen Schritten.
Man muss Enttäuschungen einstecken können und bereit sein, es wieder von neuem zu wagen. Vertrauen kann sich aber nur entfalten, wo ich auf der anderen Seite Vertrauenswürdigkeit und Verlässlichkeit erfahre.
Scheinbar müssen wir uns voreinander schützen, scheinbar brauchen wir ein Image, um voreinander bestehen zu können.
Dort wo wir dieses Vertrauen aber wieder gewinnen, wo wir uns zu erkennen geben können und zugleich geliebt werden, da ist Heimat. Heimat ist, wo ich nach und nach entdecke, wer ich eigentlich bin, wo ich lerne, mich zu öffnen und die Erfahrung mache, dass der andere trotzdem zu mir steht.
Das ist Treue. Und nur dort, wo ich Treue erfahre, kann ich mich fallen lassen und Schritte des Vertrauens gehen. Wo dieser Schutzraum fehlt, müssen Beziehungen in einer gewissen Weise oberflächlich bleiben.
Wenn wir an Bedingungen festhalten, geben wir die Möglichkeit aus der Hand, tiefe und kostbare Beziehungen zu leben. Es geht um die Tiefe und den Wert unserer Beziehungen. Liebe stellt keine Bedingungen, und Treue setzt keine zeitliche Grenze.
Liebe bringt unvermeidbar Schmerz mit sich. Wir erfahren Enttäuschungen, Verletzungen und Ängste. Wir erleben unsere Unfähigkeit zu lieben und zu vertrauen. Oder wir machen gar die Erfahrung des Scheiterns und stehen vor den Scherben einer Beziehung, bis hin zu Bitterkeit und Hass.
Die Frage ist dann nicht mehr nur: Wie kann Beziehung gelingen?, sondern noch viel grundsätzlicher: Wie kann mein Leben (wieder) heil werden?
Erfahrungen des Scheiterns sind ein Hinweis darauf, dass in unserem Leben mehr kaputt ist, als durch ein paar Tipps und guten Willen zu kitten ist.
Und den richtigen Weg zur Selbstheilung kann nur jeder für sich allein finden, und der ist oftmals genauso mit Schmerz verbunden, wie die Liebe selbst.
LG
Thilde
Offenbar leben wir in einer Gesellschaft, die in extremer Weise versucht hat, das Leben im Rückzug auf das eigene Ich zu definieren und zu gestalten.
Das Glück des eigenen Ich ist der oberste Wert. Das hat aber nichts daran geändert, dass Menschen Sehnsucht nach einer Beziehung haben.Es bleiben Sehnsüchte: nach Nähe und danach, die wichtigste Person im Leben eines anderen Menschen zu sein.
Es geht beim Thema "Beziehungen" um viel mehr als um ein bisschen Verliebtsein und Zärtlichkeit. Es geht dabei um den Wert meiner Person. Wenn ich die wichtigste Person im Leben eines anderen Menschen sein darf, dann erfahre ich, dass ich selber wertvoll bin. Der Wert meiner Person hängt nicht nur von mir selber ab, sondern auch von einem anderen: wie er zu mir steht, was ich ihm bedeute.
Für viele ist Liebe gleichbedeutend mit Schmerz und Leid und niemand leidet gern.
Eine Liebe ohne Leiden ist aber ein sehr zerbrechliches Beziehungsideal. Es ist ein Verständnis von Glück und von Liebe, das Tränen und Schmerzen, aber auch das Durchleiden von Tiefen von vorneherein ausschließt.
Man weiß aber auch, dass hinter den Schmerzen ein zutiefst lohnender Weg steht.
Schmerz und Liebe sind Zwillinge. Schon deshalb, weil ich im Gegenüber zu einem geliebten Menschen erst einmal mich selbst erfahre: Ich erfahre meine Begrenzungen, meine Ängste, meine Unfähigkeit zu lieben, meine Eifersucht, meine Macken usw.
Eine Beziehung ist die Chance, mich der Wahrheit über mich selbst und dem Schmerz, der damit verbunden ist, zu stellen. Die Liebe des anderen ist der Raum, in dem ich mich verändern und in meiner Persönlichkeit wachsen kann.
Zur Liebe gehören auch die Enttäuschungen und Verletzungen. Der Mensch, den ich am meisten liebe, kann mich am tiefsten verletzen.
Die Frage dabei ist nicht, ob wir es schaffen, Verletzungen zu vermeiden, sondern ob wir lernen, einander zu vergeben.
Jede Beziehung entwickelt ihre eigenen Mechanismen im Umgang mit Verletzungen. Bei den einen wird es furchtbar laut, bei den anderen ganz still. Manche ziehen sich gekränkt zurück, andere lassen einfach Gras darüber wachsen.
Ich denke, dass es für die Beziehung ganz wesentlich ist zu lernen, alle Enttäuschungen, Verletzungen und Vorwürfe auszusprechen, den Streit auszutragen und einander zu vergeben.
Eine Beziehung ist zu wertvoll, um sich einfach umzudrehen und am nächsten Morgen weiterzumachen, als wäre nichts gewesen.
Aber wer fängt an zu reden? Natürlich der andere, denn der ist ja wohl schuld. Manchmal sitzt man Stunden nebeneinander, bis endlich einer seinen Stolz überwindet und anfängt zu sprechen. Aber anders als durch Worte kann man die Dinge nicht wieder zusammenkriegen.
Diese Erfahrungen des Vergebens, des Immer-wieder-zueinander-Findens nach Enttäuschungen und Verletzungen, sind die wertvollsten Bausteine einer Beziehung.
Es gibt den schönen Ausdruck: "Ich mag dich leiden." Das heißt: Du bist mir so viel wert, dass ich bereit bin, dich zu "erleiden".
Natürlich will ich auch Freude an dir haben, aber ich bin auch bereit, deine Macken und Abgründe zu tragen. Wo wir das von einem anderen Menschen erfahren, dass er uns annimmt, trotz der Schmerzen, die ich ihm zufüge, ist das eine der tiefsten Erfahrungen an Liebe und an Wertgeschätztsein, die wir machen können.
Ich denke, darum ist es das Ganze auch wert. Die Schmerzen der Liebe können zur Schönheit der Liebe werden.
Es gibt ein schönes altes deutsches Wort; das heißt "freien". ... "Freien" heißt, dass ich jemand in die Freiheit helfe. Ich werde dem Partner die Person, die ihm keine Bedingungen mehr stellt. Er kann sein, wie er will: Er gehört zu mir und ich zu ihm.
Und das ist es, was sich jeder wünscht: dass es einen Menschen gibt, der mich in diesem Sinne "befreit". So erfahre ich ein Ja zu meiner Person und nicht nur zu bestimmten Eigenschaften.
Wir sind bereit, uns auf einen Menschen einzulassen, aber nur soweit meine Freiheit dadurch nicht angetastet wird. Beziehung meint man, ist Beeinträchtigung meiner Freiheit.
Die eigentliche Freiheit erfahre ich aber gerade darin, bedingungslos geliebt zu sein! Wo ich das erfahre, kann ich "ich selber" sein, ich selber werden. Ich muss nicht Angst haben: Wenn das jetzt noch von mir rauskommt, wenn der andere erfährt, wer ich wirklich bin, dann wird er weggehen.
Wer sich alle Optionen offen hält, verliert Beziehungsqualität und verzichtet auf die tiefsten Erfahrungen von Geborgenheit und Angenommensein. Von der Angst und von dem Zwang, mit einer Maske zu leben, werde ich erst befreit, wenn ein anderer mir verbindlich zusagt: "Ich stehe zu dir!"
Die Angst vor einer verbindlichen Beziehung kann aber auch daran liegen, dass ich nicht fähig bin zu vertrauen. Das liegt sehr häufig daran, dass in meinem Leben Vertrauen nicht gefördert, sondern zerbrochen wurde. Ich bin dann angenagt von Misstrauen und grüblerischen Gedanken. Ich will mich zwar gerne auf eine Beziehung einlassen, aber doch nie so ganz.
Aber genau darum geht es doch: dass jemand Vertrauen lernt und es lernt, sich zu öffnen. Das ist ein mühsamer und langsamer Prozess. Man muss Vertrauen einbringen, in ganz kleinen Schritten.
Man muss Enttäuschungen einstecken können und bereit sein, es wieder von neuem zu wagen. Vertrauen kann sich aber nur entfalten, wo ich auf der anderen Seite Vertrauenswürdigkeit und Verlässlichkeit erfahre.
Scheinbar müssen wir uns voreinander schützen, scheinbar brauchen wir ein Image, um voreinander bestehen zu können.
Dort wo wir dieses Vertrauen aber wieder gewinnen, wo wir uns zu erkennen geben können und zugleich geliebt werden, da ist Heimat. Heimat ist, wo ich nach und nach entdecke, wer ich eigentlich bin, wo ich lerne, mich zu öffnen und die Erfahrung mache, dass der andere trotzdem zu mir steht.
Das ist Treue. Und nur dort, wo ich Treue erfahre, kann ich mich fallen lassen und Schritte des Vertrauens gehen. Wo dieser Schutzraum fehlt, müssen Beziehungen in einer gewissen Weise oberflächlich bleiben.
Wenn wir an Bedingungen festhalten, geben wir die Möglichkeit aus der Hand, tiefe und kostbare Beziehungen zu leben. Es geht um die Tiefe und den Wert unserer Beziehungen. Liebe stellt keine Bedingungen, und Treue setzt keine zeitliche Grenze.
Liebe bringt unvermeidbar Schmerz mit sich. Wir erfahren Enttäuschungen, Verletzungen und Ängste. Wir erleben unsere Unfähigkeit zu lieben und zu vertrauen. Oder wir machen gar die Erfahrung des Scheiterns und stehen vor den Scherben einer Beziehung, bis hin zu Bitterkeit und Hass.
Die Frage ist dann nicht mehr nur: Wie kann Beziehung gelingen?, sondern noch viel grundsätzlicher: Wie kann mein Leben (wieder) heil werden?
Erfahrungen des Scheiterns sind ein Hinweis darauf, dass in unserem Leben mehr kaputt ist, als durch ein paar Tipps und guten Willen zu kitten ist.
Und den richtigen Weg zur Selbstheilung kann nur jeder für sich allein finden, und der ist oftmals genauso mit Schmerz verbunden, wie die Liebe selbst.
LG
Thilde