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Lügen und Affäre, kann man das wirklich verzeihen?

SecondMe

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Hallo Ihr Lieben, nachdem ich nun schon viele Beiträge hier gelesen habe, und diese auch deutlich hilfreicher fand, als die Ratschläge einiger Seiten, die einem Tipps mit Liebeskummer geben sollen, habe ich nun den Mut gefasst, auch mein Problem niederzuschreiben, natürlich in der Hoffnung, dass mir Leute mit ähnlichen Schicksalsschlägen ihre Erfahrungen erwidern, und ich vllt einen Ansatz finde, mit dem Schmerz umzugehen.

Kurz, was ist passiert. Ich bin vor knapp 6 Jahren mit einer Frau zusammengekommen, die für mich wirklich die große Liebe war. Da ich beruflich sehr viel unterwegs bin, haben sich unsere gemeinsamen Erlebnisse oft auf das WE beschränkt, und natürlich auf die tollen Urlaube. Alles schien super zu sein, sie gab mir das Gefühl, dass auch ich Ihre große Liebe bin, sagte das auch ständig. Vor knapp 18 Monaten musste ich beruflich in die USA für 3 Wochen, etwas, dass seit einer geraumen Zeit feststand und zwischen uns auch besprochen war.

Als ich zurückkam, schien alles normal zu sein, allerdings habe ich an einer Reisetasche bei Ihr zufällig eine Gepäckmarke gesehen, wie man sie bekommt, wenn man am Flughafen die Taschen aufgibt. Die Abkürzungen haben Bangkok und Dubai ergeben. Das hat mich stutzig gemacht, so dass ich nach Ihrem Reisepass gesucht und dort auch reingeschaut habe. Sie war in der Zeit meiner USA Reise in Thailand. Und wie sich rausgestellt hat, nicht allein, sondern hat sich dort mit einem Australier getroffen, den sie über Facebook kennengelernt hatte. Angesprochen auf den Trip ist sie in Tränen ausgebrochen und hat gesagt, sie wollte das alles nicht, aber ich wäre immer unterwegs gewesen,sie hätte sich allein gefühlt und er hätte sie auf fb immer so lieb angeschrieben. Und dann hätte er gefragt, ob sie sich sehen könnten, sie wusste das Datum meines Trips, hat es vorgeschlagen und er hat die Tickets gekauft. Angeblich ist sie nur für ein WE hin, hätte "nur 2-3" mal S. gehabt, und es da schon bereut.

Ich habe ihn auf Fb ausfindig gemacht, ihn angeschrieben, und er hat auch geantwortet. So kam raus, dass er nicht mal von mir wusste, es nicht nur ein WE, sondern 10 Tage waren und laut seiner Aussage so eher 2-3 Mal am Tag. Habe Sie wieder zur Rede gestellt und sie hat die 10 Tage gestanden, aber gesagt, das andere wäre nicht "so oft" gewesen.

Ihr würde das alles schrecklich Leid Tun, sie hätte den größten Fehler ihres Lebens gemacht, und dass sie alles tun würde, um mich nicht zu verlieren. Seitdem geht es nun seit 18 Monaten hin und her bei uns, ich liebe sie echt, aber es tut immer noch so schrecklich weh, und ich kriege dieses Kopfkino nicht aus. War neulich wieder beruflich in Asien, bin Roller gefahren und hab sofort dran gedacht, dass die beiden das in Thailand auch gemacht haben. Ich bin so durcheinander, denn sie ist wirklich meine große Liebe und ich will eigentlich nicht, dass sie aus meinem Leben ist, schwer vorstellbar, sie nie mehr wiederzugeben, aber kann man denn sowas verzeihen? So geplant und durchgezogen?

Bin für jede Antwort dankbar, denn das Leben hat seitdem eher dunkle Seiten für mich.

Danke Euch allen!

25.11.2014 11:25 • #1


Neja


Hallo SecondMe,

ein großer Vertrauensbruch, den du erleben musst!

Ob du so etwas verzeihen kannst, das musst du selbst entscheiden. Ich persönlich könnte das nicht. Ein Ausrutscher kann vllt jedem mal passieren, aber keiner, der über 10 Tage andauert!
Sie hat weder mit dir darüber gesprochen, dass sie jemanden auf FB "kennengelernt" hat und sie interessiert, noch darüber, dass sie ihn treffen will oder jemals mit ihm darüber, dass es dich gibt. Und das Ganze auch noch so organisiert, dass du es nicht mitbekommen konntest, da du ja ohnehin verreist warst!
Das ist vorsätzlich geplant und ein Vertrauensbruch erster Güte! Für mich wäre alles weitere indiskutabel.

25.11.2014 11:37 • x 1 #2


SecondMe


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Vielen Dank Neja. Weiß Deine Ehrlichkeit zu schätzen und innerlich sagt das mein Kopf ja auch irgendwie seit 18 Monaten zu mir. Wenn ich diese Frau nur nicht so lieben würde...aber das allein macht einen eben nach der Sache nicht glücklich...

25.11.2014 12:17 • #3


Kundalini


Also, ich finde alleine schon das Zustandekommen dieses *10 tägigen Dates* mit so intensiven S.uellen Kontakt mit einem wildfremden Menschen schon richtig abenteuerlich und dazu die Argumentation, sie habe sich so alleine gefühlt.....weiß nicht, ich hätte immer das Gefühl, dass sich das wiederholt, denn Alleinsein i.S.v. ohne dich zu sein, scheint wegen deines Jobs ja zu Eurem Zusammensein dazuzugehören. Ich kann deine diffuse Gefühlslage nachvollziehen. Mich würde es bei einem Wiederholungsfall nicht vollkommen erschüttern, weil meine emotionale Nähe und das Vertrauen einen Kratzer hätte.

25.11.2014 20:19 • x 1 #4


Maike124


Ich glaube, ich würde ähnlich reagieren. Wenn ich liebe, dann will ich auch nicht aufgeben, aber auf der anderen Seite wüsste ich auch ganz genau, dass ich nie wieder vertrauen kann. Ständig hätte ich Angst, dass jetzt mit irgendjemandem wieder etwas passiert. Kann man jemandem noch glauben, wenn man so belogen wurde? Und was ist das für ein Leben, wenn man ständig "Angst" haben muss, dass sie das nächste Mal nicht wieder kommt, weil sie jetzt endlich das gefunden hat was sie wirklich sucht (oder glaube, gefunden zu haben). Mich würden diese Gedanken kaputt machen und die Beziehung mit dazu. Und früher oder später müsste ich eh wieder bei Null anfangen. Dann doch lieber, wenn man noch nicht ganz kaputt ist

25.11.2014 20:39 • #5


Vivian


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Hallo SecondMe,

es genau diese Kopf- gegen Herzentscheidung wie bei mir ! ... und es geht auch um Vertrauen! ... der meiner Meinung nach Basis einer Beziehung!

Aber im Prinzip weißt Du wahrscheinlich selbst, dass Du Ihr nie mehr über den Weg trauen würdest ... wenn Du beruflich wieder mal unterwegst bist, oder auch nur mal mit Deinen Kumpels was trinken gehst. Deine Gedanken ... auch wenn Du es gar nicht mehr wolltest und Ihr eine reelle Chance geben würdest ... würden Dich immer wieder an diese Angelegenheit erinnern!

Ich bin der Meinung, eine zerbrochene Beziehung ist wie ein Spiegel, der zerbricht. Du kannst Dir Mühe geben alle Teile wieder zusammen zu suchen und ihn kleben ... aber er wird nie mehr ganz . Um Dein Spiegelbild richtig zu sehen, wirst Du Dich immer wieder verränken und wenden müssen ... um Dich richtig drin zu spiegeln, weil so viele Teile zerbrochen sind, dass es sehr mühsam ist sich drin zu sehen!

Du weißt ja ... "Vertrauen ist der Grundpfeiler einer Beziehung ....und ohne diesen ist es ein Todesurteil im Zusammenleben" ...

Ich wünsche Dir ganz viel Kraft und Mut bei Deiner Entscheidung !

Liebe Grüße Vivan

25.11.2014 21:55 • x 1 #6


SecondMe


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Ich danke Euch sehr für die Antworten, das bestätigt ja durchweg, was mein Kopf sagt. Mein Herz sträubt sich leider sehr, aber ich habe beschlossen, heute noch das finale Gespräch mit Ihr zu suchen.

Ich kann das einfach nicht vergessen und auf Dauer bringt mich das Kopfkino noch um. Und ihr habt Recht, so richtig Vertrauen kann man eben nicht mehr, ist ständig am nachdenken, und das macht eben auch nicht glücklich, sondern belastet. Eure Worte geben gerade Kraft, das nutze ich nun, auch wenn mir seitdem ich das für mich entschieden habe, ganz schön schlecht ist.....wird schwer.

Danke nochmal für Eure Meinungen....

26.11.2014 14:01 • #7


Jay da B


Bin zwar einer, der den betrug verarbeitet hat und gut damit lebt.
Aber trotzdem kann ich diese entscheidung nur zu gut verstehen und erkennen, dass es ganz und gar nicht leicht ist.
Man ist zerrissen und sucht den fixpunkt. Was ist richtig was ist falsch.
Du hast ihn - den fixpunkt - nun und ich wünsche dir glück.
Ganz sicher hast du viel gelernt bis du zu dieser entscheidung fähig warst.
Also, das ist dann auch was gutes.

Jay

26.11.2014 17:40 • #8


SecondMe


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Für alle, die mir hier so nett geantwortet haben, hier nun der aktuelle Stand...habe am Donnerstag ganz offen und ehrlich mit Ihr gesprochen, alles aus mir rausplatzen lassen, und keine Emotionen, Empfindungen rausgelassen. Sie war sprachlos, meinte nur, ich würde einen riesigen Fehler machen, denn schließlich würde Sie mich Mega doll lieben.

Bin hart geblieben, aber innerlich dabei fast gestorben. Habe dann auch die Wohnung verlassen. Mir ging es dann so schlecht, dass ich mich am Abend nochmal hingesetzt habe, und alles in eine Email niedergeschrieben habe, dachte, dass ich den ein oder anderen Punkt wegen dem emotionalen Stress vllt nicht richtig rübergebracht habe...danach ging es mir ein wenig besser, auch wenn ich die Nacht kaum schlafen konnte...

Zur Zeit tut alles einfach nur weh, die Zeit vergeht nicht und meine Gedanken sind nur bei Ihr. Muss mich zwingen, nicht anzurufen oder ähnliches...oder zu schauen, ob sie online ist...warum muss das alles nur so weh tun. Würde am liebsten alles vergessen....der Tag hat grad gefühlt 100 Stunden.

28.11.2014 11:03 • #9


Vivian


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Hallo SecondMe,

Das ist schrecklich dieser Schmerz. Ich glaube jeder von uns hier kann das nachvollziehen. Und ich finde es ist oft ein Trost, dass man mit solchen Gefühlen nicht alleine auf der Welt ist.

Was ich an Deiner Sitaution nicht ganz verstehe...
Der Vorfall ist jetzt 18 Monate her. Wie war der Umgang zwischen Deiner Partnerin und Dir in diesen Monaten? Habt Ihr darüber gesprochen? War es 18 Monate lang ein "ständiges" Thema ... oder kam die Entscheidung von Dir am Donnerstag eher überraschend für sie ?

28.11.2014 11:14 • #10


SecondMe


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Es war oft einThema, denn das Kopfkino lässt einen nicht los, zumal ich ja nur stückchenweise die Wahrheit erfahren habe...

Aber man verdrängt halt auch viel, beginnt, vieles mit sich auszumachen. Nun war ich aber vor ein paar Wochen wieder beruflich in den USA, da ist alles wieder hochgekommen...und ich habe gemerkt, dass ich schon seit 18 Monaten nicht so richtig glücklich bin, trotz all der Liebe...

Ist wirklich kompliziert..manchmal wünscht man sich, bestimmte Entscheidungen in der Vergangenheit anders getroffen zu haben....

28.11.2014 11:44 • #11


Vivian


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Hallo SecondMe,

dann hättest Du aber vielleicht viele schöne Augenblicke versäumt und wärst heute nicht der, der Du bist, würdest Dir vielleicht Vorwürfe machen, dass Du Ihr keine Chance mehr gegeben hast.
So kannst Du für Dich sagen, ich habe es probiert, sehr lange sogar und es hat eben nicht funktionert.
Ich glaube alles was passiert hat seinen Sinn (auch wenn man in jetzt gerade nicht sieht ) und man ist immer am richtigen Ort.
Kennst Du das Gedicht von Charlie Chaplin, das er an seinem 70-ten Geburtstag vorgetragen hat?
Lese es Dir mal durch. Bei mir hängt es inzwischen am Kühlschrank

Es ist so schade, dass ausgerechnet die Liebe manchmal nicht ausreicht für eine glückliche Beziehung, sie hat nun mal mehr "Begleiter" ohne die es nicht klappt.
Ich fühle mit Dir !

28.11.2014 13:18 • x 1 #12


InDenSternen


Zitat:
Das Thema der Versöhnung
schlich sich vorerst leise in
mein Leben. Mit meinem Älter-
werden verdichtete sich die
Erkenntnis, dass die Versöhnung mit
der eigenen Biografie eine grosse Erneue-
rungschance ist. Meine Erwartung, das
Leben im Griff zu haben, zu wissen, was
zu tun ist und im Recht zu sein,
schwächte sich mit den Jahren ab.
Die Lebenslektionen bringen uns die
Grenzen des Machbaren bei. Wir können
nicht so viel dafür, und die anderen auch
nicht, und im Übrigen ist vieles von dem,
was uns in jüngeren Jahren furchtbar auf-
regte, nicht mehr so brennend wichtig.

Diese «Einstellungs-Veränderungen»
laden die Versöhnlichkeit ein. Zudem:
Wenn man jung ist, kann man Unauf-
geräumtes hinter sich lassen und weiter-
ziehen. Das wird später schwieriger. Das
mittlere oder höhere Alter findet oft in
den festen Mauern von erprobten Ein-
stellungen und lange gehegten Bezie-
hungsnetzen statt. In den Umständen fest-
geschraubt, entkommt man sich weniger.
Die Folgen eigener und fremder Handlun-
gen müssen ausgehalten werden. Die ver-
bleibende Lebenszeit schrumpft, und es
wird immer sinnloser, Unerledigtes mitzu-
schleppen.

Anstoss für einen Reifeschub
Dann schob mir eine persönliche Krise
das Versöhnungsthema resolut ins Be-
wusstsein. Ich geriet in Turbulenzen, die
meinen Versöhnungsbedarf stark erhöh-
ten und mir gleichzeitig jede Versöh-
nungsbereitschaft nahmen. Das Versöh-
nungsthema verwandelte sich von einem
Gegenstand theoretischer Überlegungen
in eine persönliche Herausforderung.

Nachdem Krisen bekanntlich Ent-
wicklungsanstösse sein können, schienen
die idealen Voraussetzungen für einen
inneren Reifeschub und ein Buch mit
dem Thema Versöhnung gegeben, sozu-
sagen als direkter Weg zur Erleuchtung.

Nun, es kam vorerst anders. Ich verlor
mich in Ideenskizzen und in den Massen
der Literatur über Versöhnung und damit
zusammenhängend über Ethik, und bei
mir persönlich wollte sich die weise
Milde der Versöhnlichkeit partout nicht
einstellen.

Und trotzdem – oder vielleicht gerade
deshalb – hielt mich dieses Thema gegen
alle Widerstände besetzt. Es blockierte
meinen Weg und verlangte imperativ, be-
handelt zu werden.

Das Versöhnungsthema liess mir keine
Ruhe, weder privat noch beruflich. Des-
halb kam mein Buch über Versöhnung
doch noch zustande. Nach wie vor bin
ich in vielem aber unversöhnt. Doch
stosse ich immer wieder auf Inseln der
Versöhnlichkeit, in mir und in andern –
und sie wachsen.

Der Alltag ist ein Abenteuer, bestehend aus vielen kleinen Erfolgen –
aber auch vielen Verletzungen. Um damit besser umgehen zu
können, hat die Psychotherapeutin Katrin Wiederkehr nicht zuletzt
aus persönlicher Betroffenheit das Konzept der «Versöhnung»
entwickelt.

Text:

Katrin Wiederkehr
Versöhnung
als Heilung
Der Körper will heil sein ...
Die Versöhnung heilt als alltägliches
Wunder die Beziehungsschäden, die das
Zusammenleben unweigerlich verursacht.
Wir erfahren Heilung am eigenen Leib.

Ein Schnitt verletzt die Haut. Es blutet.
Die Wunde reinigt sich.
Wir unterstützen diesen Heilungs-
prozess, indem wir das Blut stillen, die
Wunde desinfizieren und sie verbinden.
Es bildet sich eine Kruste. Unter ihr ent-
steht eine neue Haut, die die Kruste
schliesslich abstösst.

Wir kennen die chemischen und
physischen Vorgänge, die zur Heilung
führen. Auf dieser Ebene lässt sich die
Heilung erklären. Indessen greift eine
solche Erklärung zu kurz. Heilung ist
mehr als ein naturwissenschaftlich fass-
bares Phänomen. Der Körper will heil
sein. Er stellt die gestörte Ordnung wie-
der her. Diese Tendenz zur Funktions-
fähigkeit, zur Gesundheit und Ganzheit
setzt die physischen und chemischen
Prozesse der Heilung erst in Gang.
Dem Körper wohnt eine Heilkraft
inne, die gebrochene Knochen zusam-
menwachsen lässt, Verletzungen vernarbt
und Krankheiten besiegt. Diese Heilkraft
steht hinter und über dem, was wir mit
unseren Sinnen beobachten können.

. . . und die Seele auch
Analog dazu kann auch im seelischen Be-
reich von einer Selbstheilungskraft aus-
gegangen werden. Auch dort finden Hei-
lungsprozesse statt. Die Seele möchte heil
sein. Die heile Seele ist die liebesfähige
Seele, die Seele, die für die Liebe durch-
lässig ist. Der Mensch, nach dem Kampf
der Geburt in die Arme seiner Mutter und
an ihre Brust gelegt, ist zur Liebe gebo-
ren.

Die Einsamkeit der Feindschaft
spaltet ihn von seiner Urheimat der Ge-
borgenheit ab. Die Sehnsucht nach der
Liebe drängt ihn von der Feindschaft zur
Versöhnung.

Versöhnung und Liebe gehören zu-
sammen. Die Liebe will die Versöhnung,
und die Versöhnung bringt die Liebe zum
Fliessen. Die Verletzung der Seele setzt
einen Heilungsprozess in Gang. Die Ver-
söhnung mit sich selber und die Versöh-
nung mit den andern bringen die Hei-
lung.

Während die Versöhnung zwei Ent-
fremdete wieder zusammenführt, verän-
dert das Verzeihen einen einzelnen Men-
schen. Im Gegensatz zur Versöhnung ist
das Verzeihen als innerseelischer Prozess
nicht vom Verhalten eines anderen ab-
hängig.

Versöhnlichkeit ist die innere
Haltung, die das Verzeihen erlaubt.

Verzeihen bildet die individuelle Basis der
Versöhnung.

Vom Wert echter Versöhnung
Indessen steht der Heilkraft das lebens-
feindliche Destruktive gegenüber. Eine
Heilung wird dann notwendig, wenn eine
Verletzung geschehen ist.

In der Paarbeziehung ist es die Wunde des Liebes-
verrats, die einen Versöhnungsprozess
auslösen kann. Der Liebesverrat zerstört
die Behausung der Geborgenheit. Es gibt
so viele Arten, die Liebe zu verraten, wie
es Arten der Liebe gibt: unzählige. Der
Faden, an dem man nicht ziehen darf,
weil sonst die Maschen auseinander-
schlüpfen und das Ganze sich auflöst, ist
bei jedem Paar ein anderer.

Weitaus schädlicher als keine Ver-
söhnlichkeit ist die falsche Versöhnlich-
keit. Falsche Versöhnlichkeit bewirkt
keine psychische Veränderung. Versöhn-
lichkeit ist die reife, die wünschenswerte,
die ethisch wertvolle Haltung. Nur schon
deshalb liegt der Betrug einer vorschnel-
len falschen Versöhnlichkeit nahe.
Der moralische Druck in Richtung
Versöhnlichkeit bedroht den Prozess der
inneren Wandlung mit seiner Trauer und
seiner Selbstkonfrontation, der die Basis
einer wirklichen Versöhnung bildet, und
er verhindert das Reifen der Versöhnlich-
keit auf dem Boden einer mitmenschli-
chen Bezogenheit.

Das Erkennen und
Beurteilen der Grenzverletzung unter-
bleibt, und die eigenen negativen Gefühle
werden verdrängt im hastigen Über-
pflastern einer Verletzung, die kaum zu-
gegeben wird. Unter dem Druck, sofort
verzeihen zu müssen, umgehen falsch
Versöhnende den ganzen schmerzhaften
Prozess der Konfrontation und des Er-
kennens. Sie verpassen die Chance zu ei-
ner echten Lösung der Situation. Falsche
Versöhnlichkeit entwürdigt die Beteilig-
ten ebenso wie sture Verurteilung.

Nicht um jeden Preis
Versöhnen und Verzeihen sind nicht der
einzige Weg der seelischen Heilung nach
einem Liebesverrat. Nicht zu verzeihen
kann eine ebenso ausgereifte und ethisch
vertretbare Entscheidung sein wie die
zum Verzeihen.
Zwischen blindem Hass
und einer wohlerwogenen Entscheidung,
nicht zu verzeihen, liegen Welten. Es gibt
moralische Versöhnlichkeitsverweigerer,
die sich mit ihrer Entscheidung auf die
Seite ihrer Integrität und der Stützung
von Recht und Anstand stellen. Unakzep-
table Handlungen, die eine Verletzung
der Grundwerte des Opfers darstellen,
schliessen Versöhnlichkeit manchmal aus.

Ein Wunder – das keines ist
Wir wissen, wie sich die seelische Hei-
lung anfühlt. Das Wunder der Wende
zum Guten hat viele Gesichter. Der Blick,
der in eisiger Ablehnung alles Leben er-
starren liess, erwärmt sich wieder. Die
Erlösung durch das richtige Wort ent-
spannt das verkrampfte Herz und lässt
die Zärtlicheit einfliessen. Plötzlich findet
sich im ausweglosen Labyrinth der Wege
zueinander der Ort der Liebe.

Wir alle haben derartige Sonnenauf-
gänge erlebt. Diese Erfahrungen bilden
den Humus der Lebenshoffnungen, ge-
nau wie ihr Gegenteil, die erlittenen Ab-
stürze ins bodenlose Dunkel der Feind-
schaft, die das Grundvertrauen ins Leben
schmälern.

Es gibt sie, die Wende zum
Guten. Sie ist ein Wunder, ein unbegreif-
liches Geschenk, und paradoxerweise
auch kein Wunder, sondern die Frucht
einer Entscheidung, eines Willensaktes.
Das Wunder des wiedergefundenen
Vertrauens ist eines und ist keines. Ge-
schenk und psychische Schwerstarbeit zu-
gleich, ist es nicht zu fassen und doch teil-
weise zu erarbeiten. Versöhnung ist bei-
des: Arbeit und Geschenk. Sie verlangt
einen Weg der Integrität in der Auseinan-
dersetzung mit dem Geschehenen und
eine willentliche Entscheidung, die Ver-
söhnung anzustreben und durchzuhal-
ten – aber das reicht nicht.

Ein inneres
Engagement für die Versöhnung macht sie
wahrscheinlicher. Ob sie dann aber auch
eintrifft, steht in den Sternen.


Text von Katrin Wiederkehr

28.11.2014 23:15 • x 3 #13




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