Danke E-Claire, ja ich lese hier noch mit und deine Analyse trifft mein Dilemma ziemlich genau. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der der Vater das unangefochtene Oberhaupt war. Meine Mutter war aufgrund ihrer Kriegstraumata viel zu schwach uns vor ihm zu schützen. Sie konnte sich noch nicht mal selbst schützen und so war sie sein verlängerter Arm und prügelte z.B. selbst, wenn sie überfordert war. Das war sie eigentlich ständig, denn mein Vater war aufgrund seines Berufes selten zu Hause. Mit ihr hatte ich allerdings am Ende ihres Lebens eine Zeit, in der wir täglich miteinander sprachen. Hier erzählte sie endlich von ihrer Geschichte und den Belastungen und gab ihre Fehler offen zu. So kam es zu einer Aussöhnung, die mir nach ihrem Tod eine aufrichtige und heilende Trauer ermöglichte.
Mit meinem Vater war das anders. Je kränker er wurde desto mehr zog er sich von mir zurück. Wir hatten nie eine gute Beziehung gehabt. Ich vermute, er war schon bei meiner Geburt maßlos enttäuscht, dass ich kein Junge war. Ich war nicht der ersehnte Stammhalter, ich war ein Mädchen, dazu noch ein kränkelndes, mageres und nicht besonders hübsches Mädchen. So wendete er sich mehr und mehr meiner Schwester zu. Sie war der Gegenentwurf zu mir, kräftig, pausbäckig und scheinbar stark, wie ein Junge. Zumindest war sie sehr sportlich und drahtig, während ich noch nicht mal die einfachsten sportlichen Übungen hinbekam. Wie denn auch, wenn man die Kindheit in Krankenbetten zubringt und von der Mutter aus Sorge und Überforderung im Laufstall gehalten wird.
Aber ich hatte das, was ich körperlich nicht ausleben konnte im Kopf. Lernen fiel mir leicht und machte mir Freude und so fand ich unter meinen Lehrern in der Schule später immer mal wieder Förderer, die z.B. für mich bei meinen Eltern erstritten, dass ich das Gymnasium besuchen durfte. Besonders das Schreiben hatte es mir angetan, da ich viel Fantasie hatte und mich in Tagträumen gerne in eine andere Welt flüchtete. Die Welt der Bücher und Geschichten. So machte ich gegen alle Widerstände ein sehr gutes Abitur, worauf man zu Hause nicht besonders stolz war. Im Gegenteil, meine guten Noten und meine Bildung machten mich endgültig zum Außenseiter in der eigenen Familie. Und als es um die Berufswahl ging, hinderte man mich schon wieder an der Verfolgung meiner Stärken sondern drängte mich statt dessen durch rigide Verbote in einen Berufszweig, der meinen Fähigkeiten nicht ansatzweise entsprach. Da blieb nur die Flucht nach vorne und so studierte ich nach meiner Ausbildung im gleichen diesem technischen Fach. Ich hatte die Hoffnung, mit einer höheren Qualifikation endlich so arbeiten zu können, dass es für mich Sinn machte. Doch weit gefehlt.
Die Wirtschaftslage kam mir diesmal dazwischen und so war ich froh und glücklich, überhaupt eine Stelle zu bekommen, die mich endlich finanziell unabhängig von meinen Eltern werden ließ. Ich ging in den Vertrieb und wurde dort noch unglücklicher als jemals zuvor. Aufgrund der Konflikte mit meinem Mann, der sich nie mit meinen Eltern verstand, war ich inzwischen weitgehend aus meiner Familie ausgeschlossen worden. Und als ich meine Kinder bekam, eines davon krank, hatte ich keine Unterstützung um meinen Beruf und somit meine finanzielle Unabhängigkeit aufrecht erhalten zu können. Die staatliche Kinderbetreuung steckte noch in den Anfängen und hätte nicht ausgereicht, um wirklich wieder arbeiten zu können. Schon gar nicht mit einem kranken Kind. So wurde ich erneut abhängig. Diesmal von meinem Mann und nicht von den Eltern. Zuerst war das für mich ok, denn ich fühlte mich von meinen Kindern gebraucht und somit endlich wertvoll.
Doch die Jahre gingen ins Land, die Kinder wurden groß und unser Sohn Gott sei Dank gesund. Ich versuchte, im Beruf wieder Fuß zu fassen und stieß auf immer mehr und teilweise unüberwindbare Hindernisse. Mein Mann verstand meine Sehnsucht nach Unabhängigkeit nicht und unterstützte mich nicht. Er verbot mir zwar nichts, ermutigte mich aber auch nicht und schaffte mir im Haushalt oder der Kinderbetreuung keinerlei Freiräume. Erst als die Kinder fast schon erwachsen waren und ich nach dem Tod meines Vaters, der mich zuvor enterbt hatte, meinen Pflichtteil bekam, war ich in der Lage mir eine Umschulung zu finanzieren, die mir die Rückkehr auf den ersten Arbeitsmarkt ermöglichte. Da ich ja Hausfrau und Ehefrau war, hatte ich keinerlei Anspruch auf staatliche Förderung und musste diese Umschulung aus eigener Tasche bezahlen. Das kleine Erbe, dass ich mir bei meiner Schwester erstreiten musste, ermöglichte mir dies.
In meinen Ursprungsberuf konnte und wollte ich nicht mehr zurück. Zum einen war ich dort nie wirklich glücklich und zum anderen war ich zu lange raus. Niemand wollte mich dort. Wieder mal. Aber ich kämpfte mich zurück und traf auf den AM. Seine Anerkennung, sein Lob und seine Zuwendung waren wie Wasser, dass mich verdurstende Primel aufrichtete und aufblühen ließ. Dass diese Zuwendung nicht ohne Hintergedanken war, das durchblickte ich in meiner Verliebtheit nicht und so ließ ich mich wieder mal benutzen und gab alles hin, für dieses bisschen Anerkennung und Zuwendung.
Als der AM aber versuchte, mich loszuwerden, weil er endlich seine Beziehung mit B. leben wollte, da wurde ich wütend. So wütend, dass ich ihm das Leben zeitweise zur Hölle machte. Nicht schon wieder sollte mir ein Mann, der mich dermaßen benutzte und mich verletzte ungeschoren davon kommen. Ich wurde zur Stalkerin und wahrscheinlich zu seinem schlimmsten Albtraum. Ich glaube, auch heute noch gruselt er sich ein bisschen vor mir und das mit Recht. Ich habe dafür gesorgt, dass er bei unserer Chefin in Ungnade fiel und es Abmahnungen für ihn hagelte und ich habe B. wissen lassen, dass er sie mit mir betrogen hat. Ihre noch frische Beziehung hielt das nicht aus.
Ich kann nicht mal sagen, dass mir heute leid tut, was er durch mich mitgemacht hat. Vielleicht traf ich den falschen. Vielleicht hätte ich diese Wut schon gegen meinen Vater und gegen meinen Mann ausleben sollen. Wobei mein Mann hat sein Fett ja abgekriegt. Er wurde von mir betrogen und bekam auch die unappetitlichsten Details von mir brühwarm erzählt. Trotzdem wollte er mich zurück und er bekam mich zurück. Diesmal aber zu meinen Bedingungen. Das Büßerhemd trug ich nur vorübergehend und eigentlich halbherzig. Diese eine Affäre in meinem Leben hatte nicht ansatzweise ein Gegengewicht geschaffen zu dem Leid und den Demütigungen, die ich zuvor von den Männern in meinem Leben bekommen hatte. Die Affäre war meine Rache an meinem Mann, stellvertretend für alle Männer dieser Welt. Mein Amoklauf gegen den AM im Anschluss war meine Rache auch an ihm. Endlich einmal wollte ich den Männern in meinem Umfeld zeigen, mit wem sie es zu tun hatten. Meinem Vater konnte ich das ja nicht mehr zeigen, denn er war tot und so traf dieser Feldzug der Affäre die, die gerade zur Verfügung standen.
Und in diesem Forum wütete ich zuerst mal weiter. Diesmal gegen alle Moralapostel, die mir einreden wollten, dass ich gefälligst bereuen und mich am besten trennen sollte. Die Annehmlichkeiten, die mein Mann mir durch seinen Verdienst ermöglichte, hätte ich ja nun nicht mehr verdient. Ich sei feige, falsch und zu bequem, mein Leben alleine fort zu führen. Vielleicht war ich all das. Aber zuallererst war ich zutiefst verletzt und verwundet. Und als es mir wieder besser ging war ich vor allem eines: wütend!
Du stellst die Frage, wer ich eigentlich gewesen wäre, ohne die Männer in meinem Leben und meine Antwort ist, ich weiß es nicht. Vielleicht wäre ich eine Schriftstellerin geworden oder eine Lehrerin. Das wären wohl die Berufe, die meinen Talenten am ehesten entsprochen hätten. Vielleicht wäre ich aber auch eine Krankenschwester geworden oder gar eine Ärztin. Intelligent und schulisch erfolgreich genug war ich ja. Fakt ist aber, so wie ich war, so gedemütigt und klein gehalten war ich für alle diese Berufe zu schwach, zu wenig selbstbewusst und zu eingeschränkt in meinem Denken.
So arbeite ich jetzt in einem pflegenden Beruf, der mich das tun lässt, was ich am besten kann: Dienen und helfen. Und dadurch bekomme ich auf der anderen Seite die Zuwendung und Anerkennung, die ich zum Überleben brauche. Andererseits aber spüre ich inzwischen den dringenden Wunsch zu schauen, was ich denn noch sein könnte. Die Arbeit in diesem maroden Pflegesystem mit all seinen Mängeln erschöpft mich inzwischen zunehmend und ich verliere mehr und mehr die Lust daran. Da ich auch durch meinen Mann finanziell abgesichert bin überlege ich, diesen Beruf, den ich nun seit fast 12 Jahren ausübe, an den Nagel zu hängen. Die durchschnittliche Verweildauer einer Pflegekraft in ihrem Beruf liegt bei 9 Jahren. Da bin ich ja schon deutlich drüber und ich spüre, es wird Zeit für etwas neues. Was das sein könnte , das weiß ich noch nicht so genau. Aber ich habe ja Fantasie und werde mir etwas überlegen.
Ich bin ja auch frei genug inzwischen und nicht mehr auf finanziellen Erfolg angewiesen. Das eröffnet mir ungeahnte Möglichkeiten. Vielleicht bekomme ich heraus, wer ich wirklich bin oder zumindest, wer ich hätte sein können. Man sagt ein Kind braucht nur einen einzigen Menschen in seinem Leben, der an es glaubt und der es vorbehaltlos liebt. Ich hatte diesen Menschen nicht. Und wenn es in meinem Erwachsenenleben einen Menschen gibt, der immer und zu mir stand und mich geliebt hat, dann war und ist das mein Mann. Und das trotz allem, was ich ihm angetan habe. Diese Schuld trage ich und die verbaut mir vielleicht den Zugang zu meinen Gefühlen, die ich in mir für ihn habe. Ich erlaube es mir nicht, ihn wieder uneingeschränkt und unbeschwert zu lieben. Ihn zu lieben passt ja nicht zu den Gefühlen, die ich damals und teilweise auch heute noch für den AM hege. Den AM, so wie ich ihn mir erträumt hätte, wie ich ihn mir in meiner Fantasie zurecht bastele. Ein Bild dass er leider so gar nicht erfüllen konnte und wollte. Dieser Schuft.
Egal! Vielleicht schaue ich tatsächlich mal eine Zeit lang weg von beiden Männern und fokussiere mich auf das ungelebte Leben, was da in mir schlummert. Wer wäre ich ohne die Männer in meinem Leben, die mir Fesseln und Grenzen gegeben haben. Vielleicht mache ich mich irgendwann tatsächlich frei davon. Einen Versuch wäre es wert. Danke E-Claire!
LG Shedia
P.S.: @Löwin45 hier bin ich wieder. Ich habe dir ja versprochen, mich dir zu zeigen, wenn ich wieder da bin. Das tue ich also jetzt. Alles Liebe und Danke auch an dich.