Zitat von ElGatoRojo: Eben das werden die "Selbstverwirklicher" nach gewisser Zeit erkennen. Wenn ich denn 50 bin kann ich zwar wünschen, Sachen zu machen wie mit 20. Ob es das bringt, was erwartet wird, ist dann sehr die Frage.
@firefly122 ich versuche mal so darauf zu antworten, daß Du vielleicht auch gut etwas aus meinem Beitrag mitnehmen kannst.
Der Drang nach Selbstverwirklichung ist uns zunächst allen mitgegeben. Jeder von uns möchte Ergebnisse im Rahmen der Selbstwirksamkeit und eben der Wertschätzung durch andere sehen. Dabei agieren wir alle aber eben auch in einem Konvolut aus Prägung, Glaubenssätzen, dem was uns vorgelebt wurde und Mustern von Mut und Vorsicht.
Ich sage zu meinen Studierenden immer, daß sie nicht allzu viel auf ihre Träume geben sollen, denn diese sind nur Ausdruck dessen, was sie für möglich halten, nicht aber was möglich ist. Selbstverständlich gibt es dabei auch gewisse Begrenzungen, aus einem Bewegungslegastheniker wie mir wird keine Olympionikin und aus jemandem mit sehr begrenztem räumlichem Vorstellungsvermögen im Zweifel kein Architekt, aber all unsere Anlagen, unsere Talente eben, sind deutlich weniger entscheidend als die Frage sich grundsätzlich und langfristig um etwas zu bemühen.
Die Frage nach echter Selbstverwirklichung stellt sich gesunden Menschen natürlich in gewissen Zeitabständen, weil das Leben nun einmal endlich ist und es ist nicht nur keine Schande sondern sehr gesund, sich einmal im Jahrzehnt die Frage zu stellen, ob das eigene Lebenskonzept noch mit den gemachten Erfahrungen und dem was man fühlt in Einklang steht.
Kinder sind dabei im besonderen eine ganz eigene Hausnummer. Vaterschaft udn Mutterschaft verändert, aber das für einige Frauen Mutterschaft eben auch mit einem massiven (manchmal unwiderruflichen) Identitätsverlust einhergeht, wird nach wie vor nicht gut genug thematisiert. Und falls doch dann sind wir schnell bei Mütterbildern, die bei genauer Betrachtung sehr, sehr fragwürdige Wurzeln haben und bei Weitem nicht so alt sind, wie wir uns gerne auch in diesem Forum erzählen.
Gerade mit 50 lassen sich Dinge, die man vielleicht mit 20 gern gemacht hat, aber sich nicht getraut hat oder die eigene Prägung nicht zugelassen hat, durchaus gut verwirklichen. Richtig, ein Motorradl wird nicht machen, daß uns wieder die gleichen Möglichkeiten wie mit 20 offen stehen und jünger werden wir davon auch nicht, aber es kann durchaus die Erfüllung eines Lebenstraums sein.
Ich mag diese Unkenrufe zu den "Selbstverwirklichern", die dann schon sehen werden, was sie alles eh dann nicht bekommen werden, nicht sehr gern, weil sie meist aus einer Ecke kommen, die mir nicht taugt.
Ich bin mit Eltern groß geworden, die Eheschließung als Unveränderbarpakt verstanden haben. Erst haben sich beide in ihren Traumata stabilisiert, aber dann zum Preis der Zementschuhe, keiner durfte sich verändern oder etwas anderes wollen. Statik ist nicht Stabilität. Jeder Versuch der eigenen Entwicklung wurde in einen Angriff gegen den anderen und die Beziehung umgedeutet. Demgegenüber sind meine Großeltern mit Mitte 50 Ende der 70er für zwei Jahre nach Kamerun gegangen, trotz 14jähriger Tochter zuhause. Eine Erfahrung, die die beiden bis zu ihrem Tod als prägend und nicht missen wollend eingestuft haben.
Die Selbstverwirklicher, die dann schon sehen werden, daß das Gras auf der anderen Seite nicht grüner ist, die nur lernen werden, daß Privilegien aufzugeben, sie nicht glücklich macht, die einfach so dumm sind zu glauben, daß man seine 20er nicht nachholen kann. Was aber, wenn das Gras doch grüner ist? Was aber wenn Privilegien einem die Luft zum Atmen nehmen? Und was, uiuiui, wenn es doch eine ganze Menge Sachen gibt, die nur weil man sie mit 20 nicht gemacht hat, sich doch mit 50 noch genauso gut machen ließen?
Für @Firefly112 ist das natürlich jetzt gerade schwer, aber für seine Frau nicht minder. Aber noch mal Statik im Sinne von Starre ist nicht Stabilität. Und ein einmal entworfener Lebensplan mag 20 oder 30 Jahre gut funktionieren, aber das bedeutet nicht, daß dieser danach unumstößlich ist.