Zitat von Brausestäbchen: Das mit Deiner Körperwahrnehmung wäre es bestimmt wert mal angegangen zu werden.
Ja, das mit meiner Körperwahrnehmung ist so eine Sache für sich. Bis Anfang 20 hatte ich erstaunlicher Weise ein völlig normales Gewicht. Etwas Übergewicht vielleicht aber nichts dramatisches. Trotzdem fühlte ich mich immer zu dick. Schon mit 10 Jahren machte ich die erste längere Diät gemeinsam mit meiner Mutter. Die hatte ein massives Problem. Aus heutiger Sicht war es eine handfeste Essstörung. Sie machte ständig irgendwelche rigorosen Diäten und hatte zwischendurch heftige Rückfälle, bei denen sie massenweise aß. Bei uns war es z.B. normal, jeden Abend Pommes mit Currywurst an der Bude nebenan zu holen. Oder wenn es Eis aus der Eisdiele gab, bekam jeder von uns 10 Kugeln plus Schokosoße. Natürlich nahmen wir dann alle zu. Dem wurde dann wieder z.B. mit einer Atkins-Diät oder Brigitte-Diät entgegen gewirkt. Das bedeutete, wir bekamen am Tag max. 1000 kcal zu essen.
Meine Figur wurde stets kritisch beäugt. War ich schlank, also hatte ein Gewicht von max. 60 kg oder weniger, war ich okay. Wog ich mehr, bekam ich das sofort zu spüren. Dass ich hübsch oder einfach nur gut war, so wie ich bin, wurde mir nie vermittelt. Entsprechend prägte sich bei mir ein sehr ungesundes Körpergefühl aus. Als ich dann mit meinem Mann zusammen zog, genoss ich die Freiheit, jederzeit und überall essen zu dürfen, worauf ich gerade Lust hatte. Das hatte natürlich Folgen und ich begann langsam aber stetig zuzunehmen. Bei meiner Hochzeit hatte ich dann bereits 10 kg Übergewicht, was natürlich entsprechend kommentiert wurde. Ich war nicht die hübsche Braut, die ich sein wollte, und stand somit nicht im Mittelpunkt. Den räumte meine Mutter stattdessen meiner Schwester ein, die gerade stark abgenommen hatte und dafür gefeiert wurde.
Sie bekam einen weißen Hosenanzug von meiner Mutter geschenkt, den sie zu meiner Hochzeit trug und wurde für ihre tolle Figur gelobt. Ich war ja gerade schwanger, trug ein Brautkleid im Empire-Stil, um meinen Bauch zu kaschieren und war einfach nur unglücklich. Der schönste Tag meines Lebens war der mit Abstand schwierigste Tag für mich. Ich fühlte mich dick und hässlich. Zu allem Unglück schenkte meine Schwester uns ein Foto-Shooting, dass im verregneten Garten der Gaststätte gemacht wurde. Ich wollte das eigentlich nicht, wollte lieber bei unseren Gästen bleiben und feiern, doch das durfte ich dann nicht. Mit nassen Füssen und einer aufgelösten Frisur kam ich zurück in den Gastraum. Das Kleid hing klamm an mir herunter und so musste ich den Rest des Abends verbringen. Aufgrund meiner Schwangerschaft durfte ich noch nicht mal etwas Alk. trinken, um den Frust besser ertragen zu können.
Damals erreichte dann auch das Zerwürfnis zwischen mir und meiner Familie seinen Höhepunkt. Als dann unser Sohn geboren wurde, waren meine Eltern nicht da. Sie kamen erst Tage später und blieben nur wenige Minuten. Schon im Kreißsaal war aber klar, dass mein Sohn Fehlbildungen hatte und wir ahnten, das er viele OPs würde durchstehen müssen. Niemand war da, um mich zu trösten außer meinem Mann und zeitweise meiner Schwiegermutter. Damals entwickelte ich zum ersten mal wohl eine Wochenbett-Depression, die leider nicht erkannt wurde und sich chronifizierte.
Den Frust und Stress in den Jahren danach kompensierte ich mit Essen und nahm weiter zu. Schnell erreichte ich ein Gewicht, dass einer Adipositas entsprach und nie wieder gelang es mir abzunehmen. Die weiteren Schwangerschaften machten die Sache nicht leichter und so wurde ich zu dem, was ich heute bin. Eine adipöse unglückliche Frau, die inzwischen erhebliche gesundheitliche Problem durch ihre Fettleibigkeit hat.
Nur während der Affäre nahm ich ohne irgendeine Diät rasant ab und erreichte kurzzeitig die magische BMI-30-Grenze. Als dann der AM mich sitzen ließ und ich Psychopharmaka verordnet bekam, stieg das Gewicht aber sehr rasch wieder auf den heutigen Wert an. Auch das ist zu meinem Lebensthema geworden. Inzwischen habe ich resigniert und denke, wenn mein Mann mich so nicht lieben kann, wie ich bin, dann muss er es eben lassen. Als seine Frau und seine Pflegerin braucht er mich trotzdem ja inzwischen und somit muss ich mich nicht mehr kasteien, um abzunehmen. Glücklich oder zufrieden werde ich so aber wohl niemals werden.